[Rezension]: Arno Frank – So, und jetzt kommst du (Buch/Hörbuch)

Jeden Tag steht ein Dummer auf

Eigentlich war ich dieses Jahr darauf aus, so wenig wie möglich neue Bücher zu kaufen und zu lesen, doch spazierte lässig, fröhlich, frei dieses Buchjuwel um die Ecke, welches ich schon jetzt zu den besten Büchern des Jahres aus dem deutschsprachigen Raum zähle, zumindest für mich persönlich. Sentimental, frech und doch bedrückend und mitleiderregend geschrieben, in genau der Mischung, die es richtig erscheinen lässt, genau das Maß an übertriebenem Realismus treffend, den es benötigt, um nicht in Kitsch zu versacken. Dazu noch in einer wunderbaren Art aus der Sicht des  12 bis 14- Jährigen Arno geschrieben, so wie es sich für einen in seinem Alter gehört. Keine überhöhte Altersweisheit scheint durch, sondern genau die Art, wie ein unbedarftes Kind/unbedarfter Jugendlicher ebenso an der Nase durch die Manege geführt wird, wie alle anderen. Roadtrip, Jugenderlebnis, Zeitzeugnis, Absturz, Horrorerfahrungen, Wiederauferstehung, in diesen Stichpunkten lässt sich dieses Buch kurz umreißen und doch wird man diesen mit diesen Attributen am Ende nicht weit kommen. Es ist viel mehr als das. Es ist ein Dokument über einen Vater, der seine Familie wissentlich immer weiter in eine Abwärtsspirale hinabtreibt, ein Zeugnis davon, dass ein einzelner Mensch ganze Biographien durcheinander bringen und ins Verderben stürzen kann. Witzig beginnend, wird der Trip, den die Familie Frank durchlebt immer mehr zum Albtraum. Wie steckt man so etwas weg? Wie kann man nach solchen turbulenten Erlebnissen, die in etwa 2 Jahre umfassen, noch ein normales Leben führen? Diese Fragen beantwortet Arno Frank natürlich nicht richtig, deutet sie nur ansatzweise aus seiner Perspektive an. Dafür zeigt er uns Lesern zwei Jahre seines Lebens, die sich schrecklicher nicht hätten entwickeln können. Er konnte nichts dafür, seine Schwester auch nicht und ihrer beider Mutter war eigentlich nur Mitläuferin beziehungsweise Mitwisserin. Der wahre Täter ist im Familienoberhaupt zu suchen. Der sich alles schön- oder die anderen so lange kleinredet, bis er bekommen hat, was er braucht. Dieses Buch erscheint als Abrechnung zu einem, zu dem man als Junge eigentlich auf- und sich etwas abschauen möchte. Doch das, was er einem beibringt, entpuppt sich am Ende nur als eine riesengroße Luftnummer und die Enttäuschung ist daher umso größer.

Schreibt das echte Leben doch die besten Geschichten?

Die Geschichte beginnt in Kaiserslautern der 80er Jahre. Das muffige Spießerleben in der Vorstadt, wie man es sich für diese Zeit vorstellt. Haus an Haus, Grün davor, einen Wagen in der Garage, einen Fernseher in der Stube, Holzleisten an der Decke und jede Menge Tant in den Zimmern. In dieser Zeit wittert Jürgen Frank, der Vater von Arno und seiner Schwester Jeanny die großen Geschäfte. Anfänglich mit Baukästen für Wagen aus dem zweiten Weltkrieg zum Nachbauen. Dafür nimmt er Kredite für den Materialaufkauf auf, um diese Kübelwagen dann gewinnbringend zu weiterzuverkaufen. Doch irgendwie läuft das Geschäft schlecht und die ersten Probleme schleichen sich ein, Schulden häufen sich an. Doch der Vater ignoriert diese Warnzeichen (Briefe von der Bank und vom Amt), geht weiterhin seiner Wege und steigt ins Gebrauchtwagengeschäft ein. Dort kann er mit seiner Masche, die Menschen um Sinn und Verstand zu quatschen, in Formvollendung einsetzen und findet sich in dieser Arbeitsstelle schnell zurecht. Auch hier wittert er aber größere Geschäfte. Letztendlich sieht er die Chance, dass große Geld abzugreifen. Wie genau das passiert, bleibt für den Leser ebenso im Dunkeln, wie es das damals für den jungen Arno Frank war. Da das Geld aber aller Wahrscheinlichkeit nicht gerade auf legalem Weg zu den Franks gefunden hat, bricht die Familie überhastet die Zelte in Deutschland ab, um vor der Polizei an die Cote d’Azur zu fliehen, wo sie vor allem zu Beginn mit dem ergaunerten Geld ein Leben in Saus und Braus führen können. Mit großen Spendierhänden wird das Geld aus dem Fenster geworfen, kritische und logische Nachfragen der Kinder werden mittels großer Geschenke im Keim erstickt, so dass Arno und seine Schwester Jeanny keine Fragen mehr stellen (wollen). Auch für Arno ist dieses Leben an der französischen Küste am Mittelmeerküste ein Leben voller Überraschungen, ein Leben im Überschwang. Beide großen Kinder werden in eine Schule gesteckt, in der nur die Kinder der (Super)- Reichen das Rüstzeug fürs Bescheißen lernen. Beide wirken unwirklich fremd in dieser neuen Umgebung. Doch dieses Leben ist nur von kurzer Dauer, denn der Reichtum schwindet so schnell dahin, wie er gekommen war und der Absturz beginnt. Anfangs kaum merklich, dann immer schneller und eine wilde Flucht über Portugal zurück nach Deutschland beginnt und mit ihr die Frage, wie es soweit kommen konnte, wie ein einzelner Mensch alle anderen mit in den Abgrund ziehen konnte.

Wenn der eigene Vater einem die Kindheit versaut

Eigentlich könnte Arno Frank einem leidtun, denn das was er erlebt hat, erscheint so traumatisch, dass man sich nicht vorstellen kann, danach wieder in ein normales Leben schlüpfen zu können. Und doch hat er es irgendwie geschafft, aus dieser Chaoszeit die richtigen Schlüsse zu ziehen (siehe seinen Text aus dem Dummy-Magazin, der die Grundlage zum Buch bildete – bitte erst nach dem Buch lesen, nimmt es doch einiges vorweg). Man merkt diesem Buch an, dass Arno Frank diese Geschichte zwar all die Jahre mit sich herumgetragen hat und immer wieder im Kopf die Fragen rotierten, ob er nicht hätte etwas unternehmen können, er hätte etwas erkennen müssen. In dem Interview, welches ich mit ihm geführt habe (siehe hier – wird noch veröffentlicht) hat er gesagt, dass er all die Jahre auf der Suche nach dem richtigen Sound für diese Geschichte war. Diesen Sound hat er nun gefunden und er könnte nicht schöner klingen. Mehr belustigt als tieftraurig bringt er seine Lebensgeschichte in Romanform an die Leserschaft. Wie ich eingangs schon erwähnte muss man während des Lesens/Hörens öfter schmunzeln, als betrübt in der Ecke sitzen. Zumindest in der ersten Hälfte des Buches. In der zweiten gefriert einem das Grinsen im Gesicht und weicht einer Schockstarre. Die Verwahrlosung der Familie wird immer offensichtlicher und es reiht sich ein Tiefpunkt an den nächsten. Man stellt sich öfter die Frage, was alles noch passieren muss, bis es endet und vor allem wie es endet.  Das es halbwegs gut endet, weiß man schon von Anfang an, da der Autor das Buch schreiben konnte, doch der Weg dahin ist mit einigen Hindernissen gepflastert und mit spannenden Momenten aufgeladen.
Wenn man dieses Buch beginnt, welches vom Verlag als Roman, der auf wahren Ereignissen basiert, beworben wird, sollte man versuchen, sich von dem Fakt zu lösen, dass man etwas autobiographisches liest. Denn Arno Frank ist diese Geschichte so angegangen, als würde er sich selbst als fiktive literarische Figur neu entdecken. Und ich glaube, deswegen ist der Text so realistisch geraten und so ehrlich. Er erfindet nicht irgendeine Sichtweise, um mit erhabenem Blick von 30 Jahren mehr Lebenserfahrung auf die damaligen Dinge zurückzublicken. Diesen Fehler begeht er nicht. Er versetzt sich vielmehr in sein literarisches jüngeres Ich und bekommt so einen realistischen Blick auf die damalige Zeit mit all seinen Fehlern und Versuchungen, die ihm damals vor den Füßen lagen.
Da ich mich als erstes dem Hörbuch zugewandt habe, muss ich natürlich auch kurz ein Wort zu diesem verlieren. Es wurde von Devid Striesow eingesprochen, den ich schon bei den Hörbüchern zu Melanie Raabes Büchern erleben durfte. Seine Stimme überträgt dieses Spaßige und Traurige des Textes wunderbar auf das Medium Hörbuch. Er gibt jedem der Charaktere eine eigene Klangfarbe, dass sie einem richtig vor Augen stehen. Es hat riesigen Spaß gemacht, ihm fast zehn Stunden zuhören zu dürfen, wie er in dieser Zeit Arno Franks Text eine besondere Note verleiht.
Alles in allem ist dieses sehr persönliche Buch vollumfänglich zu empfehlen. Trotz der traurigen Thematik muss man sich nicht das  Lachen verkneifen. Arno Frank präsentiert uns die Erlebnisse von damals in fiktionaler Form, mit echten Personen, mit echten Ereignissen. Das muss kein Widerspruch sein. Wie es Arno im verlinkten Interview gesagt hat, müssen auch autobiographische Texte zuvorderst als Geschichte funktionieren, bevor man sie auf Authentizität testet. Das macht dieses Buch wunderbar und ich lehne mich an dieser Stelle zum zweiten Mal, seit ich den Blog betreibe, aus dem Fenster und sage, dass „So, und jetzt kommst du“ ein glasklarer Favorit für die Longlist des Deutschen Buchpreises ist. Ein Abgleich erfolgt in zwei Monaten.

Weitere, fast einhellig gute Meinungen findet ihr bei folgenden Blogs:

Literaturen

Buchrevier

Literaturreich

Mokita

Petras Bücherapotheke

Monerls bunte Welt

Frank Rudkoffsky

7 Kommentare zu „[Rezension]: Arno Frank – So, und jetzt kommst du (Buch/Hörbuch)

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,

    deine Rezension ist auch sehr gut gelungen! Die von Petra (Literaturreich) hatte mich angefixt und ich musste mir sogleich das Hörbuch besorgen. Aus meiner Sicht empfehle ich sogar für Hörbuchliebhaber das Höbruch in erster Linie, da ich mit dem Sprecher auch wundervoll zurechtkam und er die Geschichte noch lebendiger gemacht hat.
    Am Ende meiner Rezi ist noch ein Videointerview von Heiner Wittmann anlässlich der Leipziger Buchmesse 2017 für blog.klet.cotta.de zu finden, das ich auch total spannend fand. Den Text aus dem DUMMY-Magazin werde ich jetzt noch lesen. Danke dafür! Und auf dein Interview bin ich total gespannt!

    GlG vom monerl

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Monerl,
      das Hörbuch würde ich auch jedem als erstes empfehlen, da Devid Striesows Stimme noch eine weitere Ebene hinzufügt und die Emotionen sehr gut transportiert.
      Das Buch habe ich mir noch zugelegt, da ich es für einen weiteren Leseabend verwenden möchte und bin gespannt, wie es wirken wird.

      Gruß
      Marc

      Gefällt mir

  2. Hallo Marc,
    das Buch ist mir schon auf anderen Blogs aufgefallen, hört sich wirklich sehr interessant an. Dass das Buch ein autobiographische Werk ist , macht es nochmals interessanter. Ich setze es mal auf meine Wunschliste und da ich dieses Jahr bestimmt wieder einige Titel der Longlist lesen werde, dauert es ja vielleicht nicht mehr lange, bis ich mir eine eigene Meinung bilden kann. Besten Dank jedenfalls für die Vorstellung hier 😉
    Beste Grüße
    Thomas

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Thomas,
      entgegen meinem Entschleunigungsprojekt musste ich dieses Buch einfach lesen/hören, da mich der Stoff fasziniert hat und es immer noch macht. Ich bin mir sicher, dass es zu deinen Jahreshighlights zählen wird ;-)
      Ich bin gespannt, ob es auf der Longlist landen wird.

      Gruß
      Marc

      Gefällt mir

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Fiktion fetzt.

Ein Blog über (gute) Geschichten.

Im Buchwinkel

fiction · fantasy · feminismus

The Female Reader – Blogazine für Literatur, Feminismus und Netzkultur

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Lector in fabula

Blog für Literatur

Carolin M. Hafen

*it's the write thing to do

Linda liest

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Birgit Böllinger

Büro für Text und Literatur

Kulturbowle

KulturGenuss, Bücherlust und Lebensfreude

David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist - Romancier - bipolarer Bedenkenträger

books and phobia

- Mit Büchern gegen Depressionen & Phobien

Bücher

Bücherblog mit Leidenschaft

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

%d Bloggern gefällt das: