[Interview]: Nachgefragt bei …. Arno Frank

Vor einiger Zeit hatte ich auf dem Blog eine Interviewreihe initialisiert, bei der ich  deutsche AutorInnen, die aktuell ein Buch veröffentlicht haben, interviewen wollte.  Leider hatte es zeit- und motivationsmäßig in den letzten zwei Jahren nicht mehr hingehauen, ein neues Interview für die Reihe „Nachgefragt bei…“ zu erarbeiten. Mit Arno Frank und seinem Debütroman mit autobigraphischem Anstrich kam ein Autor um die Ecke, bei dem ich mir dachte, ich hole diese Interviewreihe mal wieder aus den Tiefen der Vergangenheit und somit stelle ich euch nach Richard Lorenz und David Wonschewski mit Arno Frank den dritten Autor in dieser Reihe vor, die ich nun aus dem Dornrösschenschlaf holen möchte. Viel Spaß mit dem Interview.

Lesen macht glücklich: Du hast sicher schon sehr viel postive Rückmeldungen für Deinen Roman bekommen, der auch als autobiographisches Zeitzeugnis durchgehen würde. Auch ich schließe mich dieser Reihe an. Doch der erste Gedanke, der mir während des Hörens (Anm.: Hörbuch mit Devid Striesow als Sprecher) kam, war: Was war der Auslöser, dass Du die Ereignisse von damals jetzt in Buchform gebracht haben?

Arno Frank: In den vergangenen 30 Jahren habe ich mich immer wieder an dem Stoff versucht. Der Plot war ja schon fix und fertig. Aber es fehlte mir an den sprachlichen Mitteln, ihn richtig rollen zu lassen. Ich stand mir selbst im Weg mit meinem Kunstwillen, vermutlich. Dann fragte mich Oliver Gehrs vom Magazin „Dummy“, die immer monothematische Hefte machen, ob ich denn nicht einmal ein „Abenteuer“ erlebt hätte. Ich schilderte ihm kurz, was damals passiert war. Und er sagte: „Wunderbar. Du hast so viel Platz, wie du brauchst. Aber morgen muss es fertig sein!“ Also tippte ich an einem Nachmittag ein paar Seiten runter … und das war’s. Das war das Exposé, und es war genau der Sound, von dem ich dachte: „Okay, wenn ich das auf Langstrecke bringe, dann könnte es funktionieren“. Vermutlich musste das Trauma auch erst zum Thema gerinnen, bevor ich es in Angriff nehmen konnte.

Lmg: Also kein auslösendes Ereignis, um die Erlebnisse von damals in Buchform zu verarbeiten, sondern mehr eine Suche nach der Sprache für diesen irrsinnigen Trip durch halb Europa. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch, hättest Du es schon vor 20 Jahren schreiben können, wütender oder anklagender geklungen hätte, als das nun Vorliegende, welches teilweise sogar lustig daher kommt, was ich persönlich als sehr passend empfand. Wie hat in der ganzen Zeit, während Du auf der Suche nach dem passenden Sound für deine Geschichte warst, dieses Buch in deinem Kopf gearbeitet?

AF: Wie ein eingesperrtes Tier, das endlich aus dem Käfig will. Es hat an den Stäben gerüttelt nd geknurrt und gefaucht. Manchmal, bei der Lektüre zeitgenössischer Literatur mit „biografischen“ Bezügen, hat mich dieses Tier auch verspottet: „Schau, womit diese Leute durchkommen! Wann willst du denn MICH endlich mal erzählen, hm? Traust dich wohl nicht, was?“ Eigentlich war ich die ganze Zeit über auf der Suche nach einer sozusagen sprachlichen Landschaft, in die ich diese Geschichte endlich würde auswildern können. Einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen und alleine zurechtkommen würde.

Lmg: Das Bild mit dem eingesperrten Tier gefällt mir ausgesprochen gut. Hattest du beim Schreiben Schwierigkeiten, die Emotionen und Ereignisse von damals wieder abzurufen? Oder hat sich das alles so fest eingebrannt, dass du nur noch den Rahmen für Deine Geschichte abstecken musstest und der Rest lief von alleine? Was hat es während des Schreibens mit Dir angestellt, alles noch einmal zu durchleben?

AF: Seltsamerweise hat es mich euphorisiert. Vielleicht, weil ich es beim Schreiben eben nicht noch einmal „durchlebt“ habe. Eher war es, als würde ich mein jüngeres Ich auf einer abenteuerlichen Reise begleiten, deren entsetzliches Ende ich – anders als mein jüngeres Ich – schon kenne. Ein literarisches Re-Enactment sozusagen, das hat auch etwas Vergnügliches. Innerhalb des Rahmens der tatsächlichen Ereignisse habe ich meine Helden nicht anders behandelt, als ich auch mit fiktiven Charakteren umgegangen wäre. Was fühlen sie? Wie reden sie? Was treibt sie an? Ich vermute, mit diesem Imaginieren, Nachspüren und Ausmalen erst beginnt die Kunst. Alles andere wäre Therapie, also uninteressant.

Lmg: Dieses Vergnügliche merkt man Deinem Text an, da er größtenteils sehr lustig daher kommt und man diese Reise eher auf die leichte Schulter nimmt und denkt: „Was hat er denn?“, bevor es zum Absturz kommt. Ich finde, dass es genau diese Mischung aus gekonntem Augenzwinkern und tragischem Erzählen ist, die dieses Buch in meinen Augen so besonders macht.
Hast Du das Buch wegen dem Imaginieren, Nachspüren und Ausmalen in die Kategorie Roman eingeordnet? Oder hatte das auch andere Gründe? Die Frage stellt sich mir deshalb, da es im positiven Sinne eine bewusste Irreführung des Lesers ist, bis er irgendwann feststellt oder erfährt, dass diese Geschichte wahre Erlebnisse von Dir widerspiegelt.

AF: Leider steht hinten auf dem Umschlag: „Nach einer wahren Geschichte“. Meinetwegen hätte es das nicht gebraucht. Bis auf die Eintscheidung, meine Erinnerungen an diese Odyssee literarisch zu fixieren, war eigentlich nichts an diesem Schreiben „bewusst“. Es sollte ein Roman sein, vielleicht eher eine Novelle, weil es deren Definition als „ereignete unerhörte Begebenheit“ genau entspricht. Es hat sich ereignet. Und es ist unerhört. Bücher aber, die „Achtung! Wahre Geschichte!“ vor sich hertragen, interessieren mich deshalb noch nicht mehr als andere, erklärtermaßen fiktive. Besser ist es deshalb, denke ich, zunächst vom Unerhörten zu erzählen … und dann erst die Katze aus dem Sack zu lassen, dass es sich auch wirklich so zugetragen hat. Eine Geschichte muss sich in erster Linie als Geschichte bewähren.

Lmg: Dann hatte ich ja Glück, dass ich es mir als Hörbuch gekauft habe (als Download, nicht als CD) und mir somit diese Info anfangs fehlte und ich genau diesen Aha- Effekt hatte, wie von dir beschrieben, als ich erfahren habe, dass diese Geschichte sich wirklich so zugetragen hat. Für mich hat sie sich somit als beides gleichermaßen bewährt, als biografisches Erlebnis von Dir und als romanhafte, unerhörte Geschichte. Das Buch wurde seit Erscheinen mit viel positivem Echo versehen, bei den Bloggern (ich schließe mich den Lobeshymnen in der zum Interview erscheinenden Besprechung mit an) als auch in vielen Feuilletonabschnitten regionaler und überregionaler Zeitungen. Hast du mit so einer Rückkopplung auf Deine sehr persönliche Geschichte gerechnet?

AF: Ja, „keep it like a secret“! Und nein, wer rechnet denn mit sowas? Man tut ohnehin gut daran, mit rein gar nichts zu rechnen. Kann man nur positiv überrascht werden.

Lmg: Apropos überraschen! Kann man von dir weiterhin Literarisches erwarten oder soll dieses Buch ein einmaliger Ausflug in die Welt der Belletristik bleiben?

AF: Es hat mir schon eine sehr große Freude gemacht, dieses Schreiben. Ich lasse ich mich daher gerne selbst mal überraschen …

Lmg: Falls da etwas nachkommt, freue ich mich jetzt schon darauf.
Zum Schluss noch ein weiterer Blick in die nahe Zukunft: Es kommt auch bald wieder die lange Liste des deutschen Buchpreises heraus. Nachdem Thomas Melle letztes Jahr mit einem autobiographischen Werk vertreten war, rechnest du dir Chancen aus, auf dieser Liste zu landen?

AF: Darüber habe ich noch keine Sekunde nachgedacht. Aber nein, da rechne ich mir überhaupt gar keine Chancen aus. Und weil du Thomas Melle ansprichst, der hat es in „Die Welt im Rücken“ mit ganz anderen, wesentlich bedrohlicheren Dämonen aufgenommen als ich.

Lmg: Ich bin gespannt wer Recht hat. Mich würde es freuen, wenn Du mit deiner Geschichte dort landen wirst. Vielen Dank für Deine Zeit und für das Interview.

In Zusammenarbeit mit dem Verlag (vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag, der ein Exemplar von „So, und jetzt kommst du“ bereitstellt) verlose ich mit diesem Interview ein Exemplar von diesem Buch. Teilnehmen kann jeder und sollte nur diese Frage beantworten, in welchen drei Ländern dieses Buch spielt. Einsendeschluss für die Beantwortung der Frage ist der 09.07.2017 und der Gewinner wird im Anschluss ausgelost. Viel Glück.

13 Kommentare zu „[Interview]: Nachgefragt bei …. Arno Frank

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,

    ich habe schon auf dieses Interview gewartet, da du es in deiner Rezension bereits angekündigt hattest. Schöne Fragen und interessante Antworten. Ich gehöre auch zu denjenigen, die dieses (Hör)Buch wundervoll fanden. Der leichte Erzählstil mit viel Witz und Schmunzeleffekt machte diese wahre Begebenheit verdaulich. Ich persönlich finde es nun nicht schlimm, dass auf dem Buch „nach einer wahren Geschichte“ steht. Ist es doch so, dass nur die ersten paar Leser ohne diesen Zusatz den AHA-Effekt hätten und nach den ersten Rezensionen wäre dieses kleine Geheimnis sowieso in aller Munde und der AHA-Effekt verpufft. Ich habe z.B. genau WEGEN dieses Zusatzes das Buch gekauft, da es mich sehr neugierig gemacht hatte. Von daher, es gibt nichts zu bedauern. Alles gut, wie es ist. ;-)

    Wer sich nun auch noch für meine Hörbuch-Meinung interessiert, ist HIER willkommen.

    LG vom monerl

    Gefällt 1 Person

    1. Das stimmt sicher, dass nach den ersten Wochen der Effekt sicher verpufft ist und viele mit der Prämisse an das Buch heran gehen, dass es eine wahre Geschichte ist, die der Autor wirklich erlebt hat.
      Es ist und bleibt aber eine toll geschriebene Geschichte, die Arno Frank ohne jeglichen Groll, sondern mit genau der richtigen Portion Augenzwinkern geschrieben hat.

      Gruß
      Marc

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  2. Danke für das gelungene und aufschlussreiche Interview, das viele Fragen, die mich seit dem Lesen dieses großartigen Romans beschäftigt haben, beantwortet. Und das mit der Longlist sehe ich ganz ähnlich – wie schon in meiner Rezension geschrieben, hielte ich es definitiv für verdient! Beste Grüße, Frank

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für das Lob! Es freut mich, wenn ich dir dadurch noch etwas Licht in die dunklen Stellen werfen konnte. Mal sehen, ob es auf der Longlist landet. Da ich mich in diesem Jahr nicht so viel mit den Neuerscheinungen beschäftigt habe, ist es sicher vermessen, das Buch MUSS nominiert werden, aber rein vom Thema her und wie Arno das angegangen ist, sollte es vom Gefühl auf alle Fälle da landen.

      Viele Grüße
      Marc
      P.S.: Danke für das Verlinken!

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