[Rezension] [Debütpreis 2016]: Marie Malcovati – Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte

IMG_20170903_130249_989 Einsam auf dem Bahnhof

Diesen Roman beziehungsweise diese Novelle habe ich für den Debütpreises 2016 lesen wollen, da ich diesen schmalen Band auf meine persönliche Shortlist gesetzt hatte. Dann kam aber die offiziellen Nominierungen heraus und dieses Buch geriet ein wenig in Vergessenheit. Nun habe ich es noch einmal heraus gekramt, um es zu Ende zu lesen beziehungsweise noch einmal von vorn zu beginnen, denn ich hatte mich schon ein wenig eingelesen, bevor die wichtigeren Entscheidungen anstanden.
Eine Frau und ein junger Mann begegnen sich völlig zufällig und ohne sich zu kennen auf einem Bahnsteig in Zürich. Von einem Bahnbeamten namens Marotti, der eigentlich dafür abgestellt wurde, die Bahnhofshalle nach möglichen Randalierern abzusuchen, werden die beiden bei ihrem Zusammentreffen beobachtet. Aus dieser relativ simplen Grundkonstellation entspinnt sich die in meinen Augen kurioseste und von leiser Komik durchsetzte Kennenlerngeschichte, die ich in letzter Zeit lesen durfte. Es ist kein großartiges Werk, welches unbedingt im Kopf hängen bleibt, aber es liest sich kurzweilig und man geht mit einem Lächeln in den Tag, wenn man die letzte Seite umblättert und das letzte Wort vor seinen Augen hat passieren lassen.

Geschäftsfrau und Imperator – Wird das was?

Die schon erwähnte Frau sitzt auf einer Bank im Bahnhof, hängt ihren trägen und im Kreis drehenden Gedanken nach. Sie hat ihre beruflichen Termine für den Tag sausen lassen und sich einfach auf diese Bank gesetzt, auf der sie den Rest des langen Tages verweilen wird. Sie ist sprichwörtlich aus dem Hamsterrad ausgestiegen, hat für diesen einen Tag die Bremse gezogen. Aus welchem Grund, wird auch im Verlauf der Geschichte nicht so richtig deutlich, sie hat es einfach getan und das ist wichtig. Sie wird von einem Marotti beobachtet, wie sie da so auf der Bank sitzt, keine Anstalten zeigt, einen Zug erreichen zu müssen und ihre Umgebung beobachtet. Aus diesem Grund wird der Marotti misstrauisch. Da er eine schwerere Beinverletzung auskurieren muss, ist er dafür abgestellt, die Bahnhofshalle auf unübliche Aktivitäten hin zu überwachen, denn eine Gruppe Aktivisten hat einen Anschlag auf den Bahnhof angekündigt und es sollen Anzeichen jeder Art gemeldet, die in eine Richtung deuten, dass ein Anschlag verübt werden soll. Da aber nichts dergleichen passiert, widmet er seine Aufmerksamkeit eben dieser Frau, die alsbald Gesellschaft von einem jungen Mann bekommt, der ein Kostüm eines römischen Feldherren vorchristlicher Zeit an seinem Leib trägt. Und schon stecken der Bahnbeamte, die Frau und der Mann im Kostüm in einer Menage e trois, in der vor allem der Beamte eher die beobachtende und später auch eine eingreifende Rolle spielt.
Dieses Büchlein ist, wenn man sich ein wenig die Zeit dazu nimmt, innerhalb kürzester Zeit ausgelesen. Die Geschichte ist leicht und luftig präsentiert und konzentriert sich, vom Ende einmal abgesehen, auf einen Schauplatz und behält seine Perspektiven konsequent bei. Anfangs wirkt das Szenario etwas sperrig und ein Zugang will nicht recht gelingen, auch weil mir die Figuren nicht gerade sympathisch erschienen. Im Gegenteil, denn vor allem der junge Mann war mir in seinen Handlungen zutiefst zuwider. Auch wenn es ihm im Leben nicht immer leicht gemacht wurde, waren manche Dinge, die er tat, einfach unverschämt. Auch konnte ich nichts damit anfangen, da die Frau es sich auch stellenweise gefallen ließ. Bis zur Hälfte war es nicht recht klar, wohin dieses ganze Szenario driften wird, bis sich der Beobachtende entscheidet in die Geschehnisse eingreifen zu wollen, da er es am liebsten sehen würde, dass die beiden Unbekannten von der Bank zusammen kommen, erzwungenes Happy End sozusagen. Ab da nimmt diese simpel gestrickte Geschichte Fahrt auf, in Form der Tochter des Bahnbeamten tritt noch eine weitere Person auf den Plan und ist es spannend zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Und so wird aus einem anfänglich etwas deprimierenden eine spannende Geschichte und man fiebert richtiggehend mit, ob die zwei von der Bank doch noch zusammen kommen.

Insgesamt ist das Buch gut geschrieben, hat einen angenehmen Fluss und bietet ab der zweiten Hälfte eine spannende Geschichte. Ich habe das Buch gern gelesen, kann aber verstehen, dass dieses Buch keinen Platz auf der kurzen Liste für den Debütpreis 2016 gefunden hat. Dazu war es letztendlich doch zu mager aufgebaut und bot keinen echten Mehrwert, der lange im Kopf hängen bleibt. Eine schöne Geschichte für zwischendurch sozusagen.

Weitere Besprechungen findet ihr bei den folgenden Blogs:

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