[Notiz]: Warum ich Vorlese

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Im letzten Jahr hat Sandro Abbate, der den Blog „Novelero“ betreibt, einen Text geschrieben und ins Netz gestellt, in dem er sagt warum er ließt. Dieser sehr emotionale und persönliche Text hat eine Riesenreaktion hervorgerufen und mehrere Dutzend Blogger dazu animiert auch ihren persönlichen Werdegang der Welt anzuvertrauen. In Sandro wuchs ob der Resonanz die Idee, dieses Projekt in Buchform zu gießen. Bei den jungen Machern des homunculus Verlags hat er Mitstreiter für dieses ambitionierte Vorhaben gefunden. So kam es, dass im Frühjahr diesen Jahres die persönlichen Lesebiographien von 40 ausgewählten Buchbloggern in Buchform in den Läden standen und immer noch stehen (Link zum Buch, ihr könnt es auch direkt beim Verlag bestellen: klick mich) und auch ich bin mit meinem Text darin vertreten .
Doch wie bekomme ich nun den Kreis zum Vorlesetag geschlossen, der heute stattfindet? Ganz einfach: Sebastian Frenzel, einer der Inhaber des homunculus Verlags, fragte in die Bloggerrunde, ob wir einen Beitrag zum Vorlesetag unter dem Motto „Warum ich vorlese“ schreiben wollen. Also sozusagen eine Fortsetzung oder neudeutsch ein Sequel zum letztjährigen Motto, was Sandro durch seinen Beitrag initiiert hat. Auch ich lasse es mir nicht nehmen, meine ganz persönliche Sicht darauf zu präsentieren, warum ich vorlese. Viel Spaß mit diesem Text.

 

Bucharme Kindheit, (Vor)lesereiches Leben

Sich in Bücher vertiefen, selber durch die Seiten ackern ist ein zutiefst einsamer Job. Man ist für sich, kann es mit niemanden teilen, jedenfalls nicht während des Lesevorgangs. Die Emotionen bleiben verschlossen und stehen unter Druck, doch sie können erst hinterher frei gelassen werden, wenn man über das Gelesene spricht und sich darüber mit anderen unterhalten kann. Doch irgendwie gibt es nicht das gleiche Gefühl wieder, was man beim Lesen direkt empfunden hat. Es ist nur eine Kopie dessen und es ist auch nicht gesagt, ob diejenigen, denen man sich mitteilt, dieses Gefühl auch genauso teilen.

Ganz anders verhält es sich beim Vorlesen! Beim Vorlesen kann man direkt mit seinem Publikum interagieren, kann das Gelesene direkt über die eigene Sprache, Gestik und Tonlage übertragen und so seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Hat die Hauptfigur gerade Panik vor irgendetwas? Bringt man ein Zittern in die Stimme. Will man boshaft herüberkommen? Dann ein wenig mehr Timbre in das Gesagte und mit mehr Druck vermitteln. So ungefähr stelle ich mir das Vorlesen (zumindest für Erwachsene und größere Kinder) vor, natürlich um einiges differenzierter und definierter, als ich das gerade an den zwei Beispielen verdeutlicht habe.
Doch was macht Vorlesen für mich persönlich aus? Wie ist es in mein Leben gekommen und warum ist es so wichtig? Vielen wurde während ihrer Kindheit vorgelesen und auch ich würde gerne an dieser Stelle davon schreiben, wie mich die Geschichten zur Gute Nacht in den Schlaf gewiegt haben und wie sie meine Fantasie anregten. Doch ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Wie ich schon in meinem Beitrag zu „Warum ich lese“ geschrieben habe, fand das Objekt Buch bei uns im elterlichen Haushalt selten bis gar nicht statt und ich musste mir das Lesen selbst aneignen, anstatt, dass es mir gezeigt wurde. Motiviert wurde ich dennoch, meist von den Großeltern, daneben gab es aber kaum Vorbilder zum Lesen. Dementsprechend war das Vorlesen auch bei mir persönlich nicht existent und weckte auch kein Interesse in mir, es mal selbst zu versuchen. Außer bei einigen Buchvorstellungen in der Schule, bei denen ich aber bei weitem kein Gespür für das Vorlesen bestimmter Passagen aus Büchern entwickeln konnte. Im Gegenteil ist es bei mir zum Beispiel selbst heute noch so, dass es mir seltsam anmutet, wenn im Fernsehen über Bücher gesprochen und daraus vorgelesen wird, weswegen ich solchen Sendungen, wie dem Literarischen Quartett nichts abgewinnen kann.

Doch etwas änderte sich in den letzten Jahren als Erwachsener, als die eigenen Kinder in mein Leben traten und mit den ersten Bilderbüchern auch das Vorlesen immer wichtiger wurde und zum Glück auch immer wieder eingefordert wird. So konnte ich diesen schwarzen Fleck in meinem Leben tilgen und war nun Feuer und Flamme, was das Vorlesen von Büchern anbelangt. Früher eher ein Verfechter des Lesens, waren auch die Kinder ein Grund dafür, dass ich nun zu Hörbüchern greife, da ich meist den Weg zu Arbeit nutze, um neben Technogewummer mir auch mal eine warme Vorlesestimme in die Gehörgänge schrauben zu lassen. So schafft man auch ein Pensum an Geschichten, welches ich aus Zeitgründen mit normalen Lesen von bedrucktem Papier gar nicht hinbekommen würde. Insbesondere dicke Schinken eignen sich als Hörbuchergänzung wunderbar (so bin ich letztens auch mit Stephen Kings „ES“ verfahren, welches ich in elektronisch gedruckter Form und als Hörbuch konsumierte), um solche Wälzer zu bewältigen. Das eben in Klammern genannte Beispiel zeigte mir auch auf, was man mit dem unterschiedlichen Einsatz der Stimme alles erreichen kann und wie beängstigend der (Stimm)- Wandel eines einzelnen Menschen dazu führt, dass die Figuren im Kopf (in dem konkreten Fall war es Pennywise, der tanzende Clown) lebendig werden.
Das Vorlesen bei den anderen die Fantasie anregt, wird einem oft genug erzählt. Doch wenn man beide Seiten kennt (selber vorlesen und vorgelesen bekommen, bei mir eben durch Hörbücher), dann stimmt das wirklich. Während beim Lesen die Bilder im Kopf entstehen, kann sich durch das Gehörte noch die Stimmung dazu so richtig entfalten. Nebenbei wecke ich bei den Kindern durch das Vorlesen auch das Interesse an dem Thema Buch im Allgemeinen und der jeweiligen Geschichte im Speziellen. Sie stellen Fragen, wollen wissen, warum dieses so ist und jenes anders. Sie erforschen die Welten in den Büchern durch ihre Augen (Bilderbücher) und Ohren (vorgelesener Text). Mir geht dann zusätzlich das Herz auf, wenn sie dann von sich aus ankommen, damit ich ihnen aus den Büchern vorlesen kann.

Warum ich Vorlese?

Vorlesen macht Spaß, trainiert die Stimme, regt die Fantasie an, wirft Fragen auf, beantwortet diese, kann Schauspieltalent wecken, kann die Sicht erweitern, macht ein bekanntes Buch zu einem neuen Erlebnis, lässt neue Welten entstehen und alte einstürzen, birgt ungeahnte Möglichkeiten, und und und.
Es hat lange gedauert bis ich das Vorlesen für mich entdeckt habe, doch nun entfaltet sich diese andere Möglichkeit des Lesens immer mehr. Einmal bei den Kindern, von denen ich immer wieder zum Vorlesen aufgefordert werde und denen ich auch heute zum Vorlesetag eine Geschichte vorlesen werde. Auch für den Kindergarten, in den meine Kinder gehen, werde ich ein bis zwei Stunden zum Vorlesen in der örtlichen Bibliothek zugegen sein, worauf ich mich schon riesig freue.  Zum vertiefe ich das Vorlesen bei einer Vorlesereihe, die ich in unregelmäßigen Abständen in der Nähe meines Wohnortes in einem Café veranstalte (wer in der Nähe von Fürth wohnt, darf gerne mal vorbei schauen). Es ist ein Riesenspaß diese andere Methode des Lesens nun so richtig auszutesten und andere damit begeistern zu können. Probiert es doch auch mal aus. Sei es heute, zum Tag des Vorlesens, oder an jedem der anderen 364 Tage im Jahr. Es lohnt sich.

4 Kommentare zu „[Notiz]: Warum ich Vorlese

Gib deinen ab

  1. Ja, da kann ich Dir in allen Belangen nur zustimmen. Unserer großen Tochter (sieben Jahre – lernt gerade sehr schnell selbst das lesen) lese ich jetzt seit drei Jahren vor. Anfänglich nur, um sie mit demselben Lesevirus der auch ihre Eltern in Beschlag genommen hat zu infizieren, aber später dann mehr und mehr mit richtig viel Spaß. Wie du schon sagst: Es ist zwar anfänglich komisch, die eigene Stimme zu hören, welche vor allem in den ersten Jahren noch recht schnell zwischendrin versagt hat (Wir Männer labern einfach nicht so viel ;-)) – mit der Zeit trainiert man diese jedoch. Und man hat riesig Spaß, Szenen mit Betonungen und Gestens schauspielerisch auszuschmücken – außer der eigenen Tochter sieht einen ja gottseidank keiner. 🙂 Die Belohnung ist dann mal eine offene Kinnlade oder ein breites Grinsen oberhalb einer ganz weit hoch gezogenen Bettdecke. Und das obligatorische: „Was? Nur so wenig? Kannst du mir nicht noch ein bisschen mehr vorlesen?“

    Und auch unsere kleine Tochter (wird nächstes Jahr zwei) liebt das gemeinsame Bilderbuchgucken schon über alles und fordert dies regelmäßig ein. Gerade weil es die Fantasie beflügelt – aber halt auch weil es die Familie viel näher zusammenrücken lässt, als eine Stunde oder ein Abend vor dem Fernseher, erachte ich das Vorlesen als unheimlich wichtig. Es macht mich als Vater ziemlich glücklich, wenn ich sehe, wie sehr die beiden Bücher lieben. Und ich habe natürlich die Hoffnung, dass sie diese Leidenschaft auch in späteren Jahren pflegen werden.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine zusätzlichen Einblicke. Bei uns ist auch so, dass sich beide selbstständig Bücher nehmen und die Kleine sogar ihre eigenen Geschichten auf die Bilder erfindet und sozusagen uns „vorliest“. Da geht einem das Herz auf.

      Buchige Grüße
      Marc

      Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr schöner lebendiger Bericht, der Deine Freude am Vorlesen wunderbar beschreibt. Ich glaube, Kinder sind auch die besten Kritiker, wenn es dann um eine Bewertung des Vorlesens geht. Sie wissen, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken wollen. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

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