[Rezension] [Debütpreis 2017] [Literatour]: Mischa Koppmann – Aquariumtrinker

IMG_20171019_201741_159.jpgLeere mit Wut gefüllt

Für den Debütpreis 2017 habe ich mich größtenteils durch die lange Liste der Leseproben gelesen und dabei ist mir auch „Aquariumtrinker“ von Mischa Koppmann durch die Finger gegangen. Anhand der Leseprobe habe ich das Buch für mich als „nicht lesbar“ abgestempelt, abgehakt und beiseite gelegt. Doch dann kam Janine vom Blog „Das Debüt“ mit einem letzten Versuch, eine Literatour zu starten, um die Ecke und ich war unabhängig vom Buch sofort dabei, mich dieser Bücherreise anzuschließen. So gelangte letztendlich diese Geschichte, die ich eigentlich nie mehr anschauen wollte, doch noch in meine Hände und bestätigte zu zwei Dritteln des Gelesenen meine Befürchtungen, die ich aus der Leseprobe erhielt. Im letzten Drittel packt der Autor dann doch noch so etwas wie eine stringente Geschichte aus und lässt mich als Leser trotz dessen teils irritiert, teils gelangweilt zurück. Zum einen gelangweilt, weil mich die meisten Musikanspielungen, die im Buch über Zitate, Songtexte und dem Herumreichen von Namen, nicht ansprachen und zum anderen irritiert, weil für mich der Schluss, obwohl meilenweit im Voraus angedeutet (und eigentlich schon im Songtext ganz zu Beginn gespoilert), irgendwie keinen rechten Sinn ergab, da gewisse Informationen fehlten und der Aufbau der Geschichte nicht unbedingt auf das Finale hindeutete. Somit kann ich nur den Leuten eine Leseempfehlung aussprechen, die mit der Musik der 60er, 70er und vielleicht ein wenig der 80er groß geworden sind und dadurch die eine oder andere Anspielung entdecken, die mir durch Unkenntnis entgangen ist. Insgesamt war das Buch für mich jedoch überhaupt kein Vergnügen.

Leon Spihr ist am Ende. Verlassen von seiner Freundin und ohne Arbeit, zieht er in ein etwas zwielichtigeres Viertel Hamburgs, um in einer Art Kellerverschlag seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Diesen findet er mehr durch Zufall, indem er bei einem Lieferdienst anheuert, der für die feinere Gesellschaft Hamburgs Essen, Getränke und spezielle Kundenwünsche ausfährt. Leon wird vom Geschäftsführer auf die schwierige Kundschaft, die in Blankenese zugegen ist, hingewiesen und die bisher kurze Halbwertszeit seiner Fahrer. Leon nimmt den Job trotz dessen an, um an ein bisschen Geld zu kommen und um die Zeit totzuschlagen. Dabei kommt er in der Villengegend von Blankenese ein bisschen herum, macht mit einigen der dort wohnenden Reichen seine Erfahrung und erfährt auch bei einer Auslieferung durch Zufall, dass seine frühere Jugendliebe „Krimhild“ ebenfalls dort wohnt. Diese zwei verbindet aber etwas aus ihrer Vergangenheit, was nicht so offensichtlich ist und erst nach und nach aufgedeckt wird. Doch was treibt Leon letztendlich an? Was will er erreichen? Neben dem Ausliefern im Reichenviertel scheint er nur so dahinzutreiben und kein wirkliches Leben zu führen. Seine Vergangenheit wird, wenn auch lückenhaft, nach und nach offenbar und so wird mit fortschreitender Geschichte klar, worauf alles hinauslaufen wird. …

Irgendwie unentschlossen

Ein Buch, welches bei mir mit Ausnahme des letzten Drittels keine großen Wellen schlägt. Eher so gemächlich bis langweilig (beziehungsweise für mich unlogisch) plätschert das Werk vor sich hin, plustert sich mit Musikzitaten und Namenswissen auf und der Hauptprotagonist kommt Hank Moody-mäßig daher (wer es nicht kennt, googelt David Duchovny und Californication), was seine generelle Wirkung auf Frauen angeht. Zu Beginn des Buches steckt eine Wut in den Zeilen, die mir nicht gefallen hat, da sie unreflektiert über den Leser ausgegossen wird und mir die Lust auf das Buch genommen hat, weswegen ich es nach der Leseprobe auch beiseite gelegt hatte. Das ich es nun doch las, war nur der Tatsache geschuldet, dass es dieses Buch war, welches auf Reisen geschickt wurde. Auch die folgenden Passagen sagten mir kaum zu, da mir verschlossen blieb, worauf der Autor mit seinem Hauptcharakter hinwollte, worauf alles hinauslaufen sollte. Einzig das letzte Drittel offenbarte, was letztendlich dieses Buch ausmachen sollte. Es hat mich zwar nicht besänftigt, da der Vorlauf nichts in diese Richtung andeutete. So fehlten zum Beispiel jegliche Informationen aus der Vergangenheit Leons, die es mir ermöglichten hinter seine Pläne zu schauen. Vielmehr wurde alles durch Nebensächlichkeiten verwurstet. Zum Beispiel, dass Leon schon ein Kind hat und verheiratet war, was aber alles kaum Einfluss auf die Gegenwart nimmt, außer vielleicht, dass es seine Psyche ausmacht, wie sie heute ist und dass Leon sehr impulsiv handelt. Es ist also alles ziemlich unentschlossen, was da auf dem Papier steht und das übertrug sich während des Lesens auch auf mich. Zum Anfang diese Wut, dann dieses in den Tag leben und zum Schluss diese zielgerichteten Handlungen.

Wenn die Notizen wichtiger sind

IMG_20170928_183340_434.jpgInsgesamt empfand ich die Diskussionen, Anmerkungen und zusätzlichen Recherchen von denen, die das Buch schon gelesen hatten (ich war der Dritte, dem es in die Hände gelegt wurde), und die im Buch angestrichen waren, weitaus interessanter und informativer als das Buch selbst. Einige Passagen hatten meine Vorleserinnen schon angestrichen, bei denen es mir genauso erging und ich nichts mehr zu ergänzen hatte. Diese Art, ein Buch zu lesen, war für mich neu und sehr interessant. Eine Art Kettenlesebrieflesekreis, ein Buch, welches durch viele Hände geht und viele unterschiedliche oder auch gemeinsame Meinungen widerspiegelt, Passagen angestrichen sind, die mir sonst nie aufgefallen wären. Doch es war auch nicht ganz einfach, dieses Buch für sich allein zu lesen und eine eigene Meinung zu bilden. Ich musste mich oftmals zusammenreißen, nicht an den Rand des eigentlichen Textes zu schielen, um zu sehen, was meine zwei Vorleserinnen an dieser oder jener Passage dachten. Dieses Problem lag wohl eher daran, dass mir das Buch an sich nicht gefallen hat und wenn es für mich persönlich interessanter gewesen wäre, wenn mich die Geschichte mehr gefesselt hätte, dann wäre es mich leichter gefallen, nicht darauf zu achten.

Wiederholung einer Literatour erwünscht

IMG_20170928_183408_956.jpgDie Idee einer Literatour, also ein Buch zu verschiedenen Leuten zu schicken, empfinde ich als sehr charmant und bin weiterhin daran interessiert. Ich würde dafür auch gerne ein Buch stellen, um es herumzusenden. Wenn sich ein paar LeserInnen dafür finden, werde ich im neuen Jahr, eine neue Literatour starten, das Buch suche ich dann bei Gelegenheit dafür aus. Es wird natürlich kein dicker Wälzer werden. Es würde mich freuen, wenn sich ein paar finden, die bei einer Wiederholung dabei wären.

3 Kommentare zu „[Rezension] [Debütpreis 2017] [Literatour]: Mischa Koppmann – Aquariumtrinker

Gib deinen ab

  1. Klingt nach einem wirklich frustrierenden Leseerlebnis (zumindest, was das Buch selbst betrifft). Querverweise auf die Popkultur finde ich an sich ja immer ganz interessant, aber sie sind es eben – wie du schon schreibst – nur für diejenigen, die auch einen Zugang dazu haben, weil sie diese Zeit miterlebt haben. Und wenn sie dann auch noch einen großen Teil des Buches ausmachen und die Geschichte sonst wenig hergibt, ist Enttäuschung vorprogrammiert. Ich selbst kannte das Buch bisher gar nicht, werde es sicherlich auch nicht lesen. Dennoch hast du mich nun neugierig darauf gemacht, was andere über „Aquariumtrinker“ denken.

    Gefällt 1 Person

    1. Frustrierend trifft es recht gut, aber diese Frustration hielt sich in Grenzen, war es ja selbstgewähltes Elend.

      Das Buch muss man auch nicht unbedingt gelesen haben. Die Idee der Literatour dagegen ist wiederholenswert.

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