[Rezension]: Karan Mahajan – In Gesellschaft kleiner Bomben

Bomben, die im Kleinen explodieren, verschieben Biographien

IMG_20171121_200406_566.jpgKaran Mahajans Roman „In Gesellschaft kleiner Bomben“ als aktuell zu bezeichnen, ist fast schon untertrieben, denn Terror gab es schon immer und wird es immer geben. Doch beleuchtet dieses Buch eine Region, für die das westliche Auge meist blind ist, sofern nicht mehr als 100 Menschen dabei sterben. Explodieren Bomben in Paris, LA, Berlin oder selbst Buxtehude ist die mediale Aufmerksamkeit gewiss, sogar dann, wenn es „nur“ Verletzte gibt oder der Täter einfach nur ein paar Worte sagt, die in Richtung Islam deuten. Passiert so etwas auf einem belebten Markt in Delhi, Mumbai oder Kambodscha, dann erfährt die Weltöffentlichkeit davon nichts. Doch ist es meist so mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings, dass auch solche kleinen Ereignisse große Verwerfungen mit sich bringen können. So weit wird es in diesem Buch zwar nicht getrieben, da die Spirale der Gewalt in einem geschlossenen Umfeld grassiert, aber trotz dessen sind die Andeutungen und Verläufe der Geschichte erschreckend und sollten einem eine Lehre für die Zukunft sein, auch denen ein Ohr zu leihen, die ebenso wie die westliche Welt unter Terror zu leiden haben. Dabei hat mir das Buch nicht vollends gefallen, da es mir sprachlich zu abweisend war, ihre Figuren zu sehr von mir als Leser weggehalten hat. Die Distanz des Textes, das ganze Geschehen als neutraler Beobachter zu beschreiben, aber nicht zu bewerten, ließen die Lektüre stellenweise zäh werden. Aktuelles Thema, keine Frage, aber bei weitem nicht leicht zu lesen.

Bomben führen zu Bomben

Auf einem Marktplatz irgendwo in Delhi geht eine Bombe hoch. Sei reißt mehrere Menschen in den Tod, darunter auch die zwei Söhne von Vika und Deepa. Ihr Freund Mansoor dagegen bleibt wie durch ein Wunder am Leben und irrt nach dem Anschlag wie von Sinnen durch die Stadt. Seine Eltern sind in Sorge um ihn und wissen nicht, ob er bei dem Anschlag auch sein Leben verloren hat oder in irgendeinem Krankenhaus „verloren“ gegangen ist. Nach diesem Anschlag, der von der Allgemeinheit schon am nächsten Tag wieder dem Vergessen übergeben wird, ändert das Leben der direkt Beteiligten Menschen nachhaltig. Sei es gesundheitlich, wie bei Mansoor, der an den Folgeschäden der Explosion noch im Erwachsenenalter leiden muss oder die Bombenbauer, die jahrelang im Gefängnis versauern, weil die Beweislage gegen sie dürftig ist. Alle Seiten tragen ihren schweren Rucksack durch dieses eine Attentat, die die Zeitrechnung in vor und nach der Bombe einteilt.

Aktuelles Thema – distanzierte Sprache

IMG_20171121_200601_149.jpgKaran ist ein starkes Buch gelungen, welches den Terror unserer Zeit wunderbar einfängt und in ein kleines Figurenensemble einpasst. Dabei verzichtet er auf großen Buhei, indem er es im Westen krachen lässt, sondern nimmt sich einem Land an, dass schon seit Jahrzehnten unter Terror zu leiden hat – Indien – und das bei uns kaum mediale Aufmerksamkeit erregt. Selbst lokal sind diese Bomben, die eigentlich Unsicherheit und Veränderungen bringen sollen, bald wieder vergessen. Sie gehören fast zum normalen Stadtbild (in diesem Fall in Neu Delhi) und werden kaum noch wahrgenommen. Darunter leiden nur diejenigen, die direkt von den Attentaten betroffen sind und das wird in diesem Roman wunderbar durchgespielt und lässt mich als Leser erschauern. Denn es wird nicht nur die direkte Wirkung der Bombe aufgezeigt und somit auch die direkten Folgen. Es werden vielmehr zwei Zyklen des Terrors durchgespielt, indem eine Bombe aus dem Jahr 1996 indirekt zu einer zweiten Bombe im Jahr 2003 führt. Diese zwei hängen miteinander zusammen und bringen allen Beteiligten nur Leid ein und den eigentlichen Ertrag, gesellschaftlich etwas zu verändern, verfehlen diese Terrormaßnahmen bei weitem. Sozusagen geht das alltägliche Leben aller genauso weiter, wie zuvor. Die Detonation ist nur ein Wimpernschlag im Getriebe der Normalität und doch zeigt dieser eine Wimpernschlag auf, was sich alles verändern kann in diesem kurzen Zeitraum.
Jedoch war nicht alles Gold in diesem Buch, welches fürwahr eine aktuelle Thematik anspricht und dafür zurecht mit Aufmerksamkeit bedacht wird (natürlich auch durch mich, was ich ja mit diesem Beitrag beweise). Diese Angelegenheit betrifft die Sprache, die der Autor gewählt hat, um sein Anliegen auf die Leser zu übertragen. Sie wirkt im gesamten Buch seltsam distanziert und unnahbar, ganz so, als hätte der Autor jeden Berührungspunkt mit seiner Geschichte vermieden. Er spielt nur Beobachter dieses grausigen Stücks, welchem er über einige Zeit beiwohnt. Zugutehalten muss man dieser distanzierten Stimme, dass sie keine der Seiten mit irgendeiner Wertung bedenkt. Im Gegenteil, es wird alles sehr nüchtern beschrieben, egal ob Opfer oder Terrorist, was die Lektüre an manchen Stellen etwas beschwerlich hat werden lassen.

Insgesamt ist es aber ein hochaktuelles Buch, welches man gelesen haben muss. Es zeigt auf dramatische Weise, welches Leid Bomben im Kleinen anrichten und wie sich die Gewalt in endlosen Spiralen weiterdreht, ohne Sinn, ohne Wirkungskraft und ohne die gesteckten Ziele wirklich zu erreichen.

Vielen Dank an culture books für die Bereitstellung des Leseexemplars.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch, welches in diesen Herbst gefühlt die Blogwelt bestimmte, findet ihr bei:

6 Kommentare zu „[Rezension]: Karan Mahajan – In Gesellschaft kleiner Bomben

Gib deinen ab

  1. Moin Marc! Zwei Dumme ein Gedanke. ;-) Seit gestern abend ist meine Rezension zu dem Buch ebenfalls online. Falls du möchtest, kannst du Deinen Beitrag also dementsprechend ergänzen.

    Ansonsten mal wieder eine schöne Besprechung. Wir scheinen das Buch recht ähnlich empfunden zu haben.

    SG, Stefan

    Gefällt 1 Person

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