[Debütpreis 2017] [Rezension]: Maren Wurster – Das Fell

Gescheiterte Beziehung verwächst sich auf dem Rücken

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Cover © Hanser Verlag

Eine interessante Ausgangslage wird mit abstrakt verkürzter, manchmal märchenhafter Sprache, etwas verhackstückt. Im Vorfeld habe ich gelesen, dass diese Geschichte den Geist von Kafkas Verwandlung atmet. Doch irgendwie war es nur halbgare Kost und kafkaeskes Gebaren konnte ich, bis auf das Wachsen des Fells, auch nicht erkennen. Es ist einfach nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben einer Frau, die eine Verwandlung im doppelten Sinne durchmacht – psychisch und körperlich beziehungsweise innerlich unsicht- und äußerlich sichtbar. Stellenweise interessant zu lesen, aber leider zu kurz, zu abgehackt, um sich richtig darin zu vertiefen. Das Buch flutscht schnell durch und man leidet auch ein wenig mit der Person mit, aber dass es sich einbrennt kann ich nicht behaupten.

Eine Frau namens Vic ist in ihrer Wohnung, schreibt Nachrichten an ihren Freund Karl, fragt, wo er stecke. Sie erfährt, dass er sich an dem Wochenende, welches die beiden eigentlich miteinander verbringen wollten, mit seiner Exfrau und der gemeinsamen Tochter Lotta an der Ostsee ist. Die Statusmeldungen der Ex von Karl und Karls karges Mitteilungsbedürfnis machen Vic fast wahnsinnig und sie kommt um vor lauter Eifersucht. Sie beschließt, mit dem Rad von Berlin an die Ostsee zu fahren. Während dieser Fahrt lernt sie die unterschiedlichsten Leute kennen und wird auf sich selbst zurückgeworfen. Während dieser Reise durch die Natur macht Vic eine Verwandlung in mehreren Ebenen durch. Äußerlich wächst ihr am Rücken ein Fell, widerborstig, stark und schnell wachsend. Innerlich muss sie sich auf sich selbst konzentrieren und sich ihrer Selbst bewusst werden. Als sie letztendlich ankommt und kaum wiederzuerkennen ist (?), wird ihr bewusst, wie sinnlos ihr Gebaren eigentlich ist und dass sie einfach zu sich selbst stehen soll, anstatt anderen immer nur hinterherzurennen.

Dieses Buch kommt in seinem sprachlichen Stil sehr reduziert daher, was sich auch schon im Cover des Buches manifestiert. Mit feinen, fast verschwindenden Strichen gezeichnet, zeigt es die Protagonistin im Wasser, wo sie ihr Fell versteckt und zweifelnd beziehungsweise fragend in Richtung des Betrachters blickt (wer das Buch liest, wird feststellen, dass das Cover eine Schlüsselszene des Buches zeigt). Der Erzählzeitraum der Geschichte erstreckt sich über die Tage, die Vic auf dem Rad und ihrer Fahrt an die Ostsee verbringt, wo sie hofft auf Karl zu treffen, von dem sie meint, mit ihm eine Beziehung führen zu können. Allerdings ist Karl nicht mit ihr übers Wochenende verreist, sondern mit seiner Familie. Ihre Entscheidung, mit dem Fahrrad einfach loszufahren, ist durch Eifersucht getrieben. Sie will Karl für sich haben und nicht mit einer anderen teilen müssen. Die Art, wie Karl sie ignoriert, lässt sie immer verzweifelter werden, bis ihr aus heiterem Himmel auf dem Rücken die Haare sprießen, die wohl sinnbildlich dafür stehen sollen, nicht alles gleich persönlich zu nehmen und das sie gelassener werden sollte (also das sprichwörtliche dicke Fell zulegen). Es wird nicht erklärt, woher das Fell auf einmal kommt und welchen Zweck es hat. Es wird auch nicht richtig deutlich, ob es sich nur auf den Rücken beschränkt oder auf dem gesamten Körper wächst (eine Szene zum Schluss lässt wahrscheinlich zweitere Vermutung erahnen).
Diese Reduktion und Zurückhaltung an Informationen machen das Buch im Kern aus. Alles wird aus der Sicht von Vic erzählt, keine andere Sichtweise wird zugelassen, womit wir als Leser sehr nah an diese Figur herantreten und in ihr Innerstes schauen können. Das muss man aushalten können und wenn man das macht, dann bekommt man eine Figur geboten, die verzweifelt zur Tat schreitet und währenddessen mit einer nicht erklärbaren Situation konfrontiert wird. Was mich allerdings persönlich gestört hat ist der arg sexuell aufgeladene Kontext, der mir im Verlauf des Buches zu viel wurde. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich prüde wäre oder so etwas gar nicht möchte, aber es verkam für mich an manchen Stellen zum puren Selbstzweck und passte nicht so recht in das gesamte Konstrukt. Ein weiterer Negativpunkt, den ich beim Lesen wirklich als störend empfand, war die gehetzte Sprache, die wie mit flirrendem Blick allem folgt und von Objekt zu Objekt springt, so dass kaum Zeit bleibt, um an einem Fleck zu verweilen. Vielleicht sollte das die Hektik und Panik von Vic deutlich machen, dass sie so schnell wie möglich ihr Ziel erreichen möchte, aber lesbar war es dadurch für kaum. Der Text ließ dadurch kaum Bilder vor dem inneren Auge entstehen. Eine einfache Geschichte, die aufgrund des Fells mit etwas Subtext aufgeladen wirkt, und letztendlich die Reise nach dem eigenen Ich darstellt.

Für mich persönlich kein schlechtes Buch und auch eines, welches sich nicht sofort in den Reigen derer einordnet, die man bald wieder vergessen hat. Jedoch hat es auch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich es unbedingt noch einmal in die Hand nehmen würde.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr bei:

 

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