[Debütpreis 2017 – Shortlist] [Rezension]: Christian Bangel – Oder Florida

Über das Ausbluten des Ostens…

Oder Florida Cover
Cover © Piper Verlag

Deutschland im Jahr 1998. Ein Land, immer noch im Umbruch. Schwarz-Gelb steht kurz vor der Ablöse, Schröder lächelt mit Kanzler Kohl von den Plakaten um die Wette und es scheint Gewissheit, dass zumindest die SPD die Regierungsverantwortung übertragen bekommt. Von den Grünen ist da noch nix zu hören, aber wir wissen es ja mittlerweile besser. Die Stimmung in Ost und West ist in dieser Zeit nicht gerade von Gegenseitigkeit geprägt. Die Mauer in den Köpfen, selbst heute, fast 30 Jahre nach der Wende, noch präsent, war es in diesem Jahr erst recht. Die Rede ist vom faulenzenden Ossi, vom Besserwessi und vom Ausverkauf der neuen Bundesländer. Frankfurt an der Oder ist die Stadt, in der ungefähr die Hälfte der Geschichte spielt. Es wird ein Blick in die linke Szene dieser Stadt geworfen, die Stasi ist ebenfalls ein Thema, Nazis kommen vor und der laxe Umgang mit ihnen (siehe Umgang mit dem NSU oder den Verbotsantrag der NPD). Im Prinzip kann man dieses Buch als direkte Fortsetzung zu „89/90“ von Peter Richter lesen, denn in diesem Buch wird angedeutet, dass das Problem von rechts auch in der DDR existierte, totgeschwiegen wurde, erst durch die Wende so richtig Futter bekam und das es einen nicht wundern muss, warum gerade im Osten die AfD so einen Zulauf bekommt. Alle diese Themen vermischt Christian Bangel zu einem bunten und nicht immer lustigen Mix, der sich sehr launig liest, manchmal erschreckend daher kommt und keine wirkliche Lösung anbietet, wie man sich aus all diesen angedeuteten Dilemmata befreien könnte.

Matthias Freier, zeitlebens ein Frankfurter (Ost), ist in der linken Szene verhaftet. Mit Fliege hat er eine Agentur gegründet und eine Art linkes Stadtmagazin. Beides läuft nicht so recht, gibt den beiden aber die Möglichkeit sich dahinter zu verschanzen und weiterhin ihrem Lebensstil Vortrieb zu geben. Dann kommt Fliege mit einer Idee, den Wahlkampf um das Bürgermeisteramt aufzumischen. Der größte Unternehmer der Region, Franziskus, den alle wegen seines Reichtums und der Protzerei verachten, soll ausgerechnet für die SPD in das Rennen um das Amt des Bürgermeisters geschickt werden. Dafür organisieren Fliege und Freier Demos, auf denen sie mit dem Slogan „Zur Sonne, Zur Freiheit“ für besseres Wetter demonstrieren. Mit dieser Quatschaktion wollen sie die SPD „übernehmen“ und ihren Kandidaten gegen den amtierenden Bürgermeister antreten lassen. Das dieser bei der Stasi gearbeitet hat und alle ausgespitzelt hat, macht es ihnen natürlich leicht. Doch Franziskus spielt ihr Spiel nicht mit. Während Freier, der gleichzeitig zum Pressesprecher von Franziskus ernannt wird, und Fliege den Moment nutzen und in die Geschichte der Stadt eingehen wollen, faselt Franziskus etwas von mehr Leistung bringen und vom faulen Ossi, der sich auf seiner Vergangenheit ausruht und nun die Sozialkassen belastet.
Während der Wahlkampf in vollen Zügen tobt, müssen sich Freier, Fliege und all ihrer Punkerkumpels noch an einer anderen Front bewähren, da die Nazis in der Stadt einen neuen Anführer haben, der ihnen eine geänderte Strategie an die Hand gibt. So erfährt Freier über seinen Pressesprecherposten vom örtlichen für Pressedinge zuständigen Polizeibeamten, dass eine Liste mit allen Punks existiert, die zum „aufklatschen“ und einschüchtern freigegeben sind. Die Angst geht mit Freier durch und als die Wahl zum Bürgermeister für Franziskus zum totalen Desaster wird, ergreift Freier die Chance, die ihm Franziskus bietet, und geht in den Westen nach Hamburg, um dort für ein Projekt anzulernen. Doch dort wartet eigentlich nur der Spitzname Udo („unser dummer Ossi“) auf ihn, eine Verunglimpfung von Ostdeutschen im Allgemeinen, und eine Arbeit, die nicht das ist, was ihm von Franziskus versprochen wurde. Kann er wenigstens seine ewige Jugendliebe Nadja zurückerobern?

…und die Missachtung des Westens

Man kann dieses Buch unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen. Oberflächlich gesehen steckt in diesem Buch das orientierungslose Herumstochern eines jungen Mannes, der nicht weiß, wohin es für ihn gehen soll. Einer, der andere Dinge tun möchte, als seine Eltern, die es, durch die Wende und ihre Nachwirkungen geschuldet, erst arbeitslos und dann Gelegenheitsarbeiter wurden. Einer der, so glaubt er es jedenfalls, zu Besserem berufen ist, als Gurken zu ernten oder beim Arbeitsamt antanzen zu müssen. Dies ist für ihn gleichzeitig Ansporn und Hürde. Das kann man lustig finden und manche Passagen lesen sich auch so. Gerade wenn sich Matthias Freier innerhalb seines Freundeskreises bewegt, dann kommt man aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Da geben sich die witzigen Passagen und die gereichten Joints die Klinke in die Hand. Gerade die Aktion um den Slogan „Zur Sonne, zur Freiheit“ birgt so viel Potential, seine Lachmuskeln ein wenig zu schärfen.
Doch sollten die Sinne geschärft bleiben, denn schaut man tiefer hinein in diese Geschichte, so wird einem Angst und Bange. Hatte Peter Richter mit seinem Buch „89/90“ schon aufgezeigt, wie die Post nach der Wende in Dresden abging und die neuen Rechten die Straßen für Andersdenkende und Ausländer zu relativ lebensfeindlichen Umgebung machten, so liefert Christian Bangel die direkte Fortsetzung dazu, nur in einer anderen Stadt im Osten, die ein wenig abseits und im Schatten von Berlin liegt und nie so richtig Beachtung findet – Frankfurt/Oder. Dieses Buch ist somit mehr als nur eine politische Satire auf Wahlkämpfe, Kandidaten und Pressesprecher, die dieses Wort eigentlich nur auf dem Namensschild tragen.
Mitte bis Ende der Neunziger ist durch die Wende viel verloren gegangen im Osten. Die Treuhand hat Besitzgüter und Firmen für einen Apfel und ein Ei verschachert. Meist an geldgierige Geier aus dem Westen, die dort nichts geworden sind und nun den großen Reibach im Osten machen konnten. Es gab ja genug gutgläubige Esel, die man vor den Karren spannen konnte, wofür im Buch sinnbildlich Matthias Freiers Vater stehen soll, dem es genau so erging. Ebenso wurden die Probleme mit den Rechten und ihrem Gebaren unter den Teppich gekehrt und daraus eine umgekehrte Beweislage herbei geredet, so dass zumeist die Linken in Sicherheitsgewahrsam genommen wurden, damit nicht schlimmeres passiert. Geredet wurde meist so, dass doch beide Seiten sich nichts nehmen würden, weder die autonomen Linken noch die Ultrarechten (selbst heute noch). Gewalt ist Gewalt und da werden doch eher die Zecken weggesperrt, als der Wahrheit ins Gesicht blicken zu müssen, dass man nämlich längst die Kontrolle verloren hat. Der letzte Schritt zum NSU und der AfD heute ist da nicht mehr groß. All diese Punkte vermengt der Autor in diesem Buch und lässt sie im Jahr 1998 kulminieren, als beide Seiten Deutschlands längst müde geworden sind vom Einheitskanzler und nach neuen Gesichtern lechzten. Schröder steht in der Tür, der Deutschland noch mit seiner Agenda 2010 gehörig umkrempeln wird, was aber auf einem anderen Blatt steht. Die Rechten sind auf dem Vormarsch und werden gerissener, woran ich mich sogar selbst noch erinnern kann, wenn es in Schulhofgesprächen darum ging. Sie traten nun zivilisierter auf. War es Anfang der Neunziger noch der Glatzköpfige, der einfach draufhaut, wurden immer mehr „Anzugträger“ gesichtet, die ihre nationale Gesinnung in Politikersprech packten und so in die Köpfe der Leute dringen konnten. Das Ergebnis ernten wir gerade. Und zu guter Letzt schafft es Christian Bangel diese Unsicherheit zu beschreiben, die die Menschen damals im Osten befallen hat und auch heute, siehe Görlitz, noch befällt. Das reiche kapitalistische Ausland raubt den Menschen die Grundlagen und diese müssen genau da hin pendeln, um überleben zu können. Biographien werden verschoben und ganze Familien zerrissen, was auch bei der Familie von der Hauptfigur Matthias Freier verdeutlicht wird. Der Vater pendelt die ganze Zeit und die Mutter nimmt Arbeit an, die sie um Welten unterfordert, aber es gibt nichts anderes. Frankfurt kann auch durch etliche Städtenamen, die nicht gerade Dresden oder Berlin heißen, ersetzt werden. Letzten Endes regiert im Osten die Angst vor Verlust der eigenen Identität, vor Verlust der planbaren Zukunft und weder die Flucht vor diesem Berg von Problemen in den Westen noch der Verbleib in der Heimat scheint diese Angst auflösen zu können.
Sprachlich lässt Christian Bangel diese ganze Geschichte recht heiter erscheinen, insbesondere wenn wir in die linke Szene Frankurts eintauchen. Doch dieses Lachen gefriert einem im Gesicht und verbleibt da nicht lange, wenn Nazis die Linken durch die Gegend jagen und von der Polizei geschützt werden oder wenn Matthias Freier mit goldenen Versprechen in den Westen geschickt wird und dort eigentlich an fast jeder Stelle nur verarscht wird. Es liest sich wirklich gut, dieses „Oder Florida“. Das Gelb des Covers lässt auch die Hoffnung aufkeimen einen lockeren Roman lesen zu dürfen. Im Gegensatz bekommt man aber ein politisch hochaktuelles Buch geliefert, welches zwar im Jahr 1998 spielt, aber abseits der Randbedingungen (Arbeitsmarkt, Abstand zur Wende) immer noch dieselben Dinge beschreibt, die man auch heute noch erleben kann (ich spreche aus eigener Erfahrung). Absolute Kaufempfehlung für dieses Buch.

P.S.: Vielen Dank auch an den Piper Verlag, der uns Jurymitgliedern das Buch für die Juryarbeit in elektronischer Form zur Verfügung stellte.

P.P.S.: Wie auch bei Julia Weber stehe ich mit Christian Bangel wegen einem Interview in Kontakt. Haltet eure Augen offen.

Im Rahmen des Debütpreises sind bisher bei den folgenden Bloggern/Jurymitgliedern Rezensionen zu diesem Buch erschienen:

Weitere Rezensionen unabhängig vom Debütpreis findet ihr bei:

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7 Kommentare zu „[Debütpreis 2017 – Shortlist] [Rezension]: Christian Bangel – Oder Florida

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