[Interview]: Nachgefragt bei … Julia Weber – Debütpreis 17 Spezial

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Autorin Julia Weber, Bildrechte © Ayşe Yavaş

Julia Weber hat mit ihrem Debütroman „Immer ist alles schön“, der im Schweizer Limmat- Verlag erschienen ist, einen durchschlagenden Erfolg. Zum einen hat sie diesen Sommer den prestigeträchtigen Franz-Tumler-Literaturpreis erhalten, der aller zwei Jahre das beste Debüt des jeweiligen Jahres prämiert, und tritt damit die Nachfolge von Kristin Bilkaus „Die Glücklichen“ an. Ebenso stand sie auf der Shortlist des Schweizer Literaturpreises, erhielt einige Stipendien beziehungsweise weitere Nominierungen, die im Zusammenhang mit dem Debütwerk stehen.
Ebenso wie alles oben genannte, ist sie für den Debütpreis 2017 nominiert, für den ich und einige andere Literaturblogger in einer Jury entscheiden, welches Buch das Beste des Jahres 2017 sein soll. Das Buch selber habe ich auf dem Blog schon vorgestellt und nun möchte ich euch die Autorin in einer Spezialausgabe meiner Interviewreihe „Nachgefragt bei…“ ein wenig näher bringen. Viel Spaß mit dem Interview.

Lesen macht glücklich:
„Immer ist alles schön“ behandelt ein Thema, welches beileibe nicht so schön ist. Was war der Ursprungsgedanke beziehungsweise der Auslöser, diese Geschichte zu schreiben?

Julia Weber:
Ursprung des Buches ist seine Sprache. Und die Sprache entstand aus einer Art zu schauen. Ein Blick auf und in die Welt, der versucht in den scheinbar normalen Dingen besonderes zu sehen. Der nicht Urteilt, nicht denkt zu verstehen, der die Welt anfassen kann.

LMG:
Diese lyrische oder poetische Sprache hatte mich anfangs etwas irritiert und ich brauchte ein bisschen, um in die Geschichte zu finden. Dann aber offenbarte sich der Text in seiner vollen Größe. Braucht es eher einen leichten, unbeschwerten Zugang (wenn man jedenfalls die Stellen von Anais betrachtet), um mit der Wirklichkeit besser zurande zu kommen? Ich empfand es jedenfalls so, dass durch den Kontrast zwischen Sprache und Erzähltem der Effekt des der Situation ausgeliefert sein verstärkt auf den Leser übertragen wird.

JW:
Für Anais ist die Sprache eine Überlebensstrategie. Es ist der Blick der Lebendigkeit. Sie haben Angst Maschinen zu werden. Also die Mutter hat das und wiederholt das im Buch.
Ich denke mit dem Leben zurande kommen würde man eigentlich besser, wenn man nicht nach dem Besonderen im scheinbar normalen sucht, wenn man rational betrachtet und nach Sinn, nach Zweck, nach Logik und Vereinfachung handelt. Anais aber will verstehen, will anfassen, will Sinnlichkeit und eben lebendig bleiben, nicht funktionieren, keine Maschine werden. (nicht in erster Linie zurande kommen mit der Wirklichkeit).

LMG:
Also eine Überlebensstrategie für Anais, um nicht wie alle anderen zu werden, womit sie sie innerhalb der Gesellschaft auch bewusst aneckt, was die Andeutung von Mobbing in der Schule verdeutlichen. Sind deswegen auch Passagen zwischen Mutter und Anais aus diesem Grund bewusst verschieden gesetzt? Um die Angst der Mutter zu verdeutlichen? Oder kann man diesen nüchternen, ernsten Ton, welcher die Passagen der Mutter durchweht, auch anders lesen?

JW:
Es geht Anais nicht darum möglichst anders zu sein, als alle anderen. Sie ist so wie sie ist, weil sie so schaut wie sie schaut.
Die Mutterpassagen sind erzählend. Ja auch erklärend. Sie redet auch zu Anais.
Während Anais viel freier ist. Anais will die Welt begreifen mit ihrem Erzählen und auch mit ihren Händen.
Und ihre Sprache schafft das, an was die Mutter scheitert.

LMG:
Wie darf man sich deinen Schreibprozess im Allgemeinen und speziell für „Immer ist alles schön“ vorstellen? Ich frage vor allem deshalb, weil es sonst immer umgekehrt läuft, die Figuren leben, ein Plot entsteht und dann die Sprache gewählt wird. Ich persönlich stelle mir deinen Weg komplizierter vor (sofern er bei dir der allgemeine ist).

JW:
Da es mein erster Roman ist, also der erste Text in so einer Länge, kann ich noch nicht vom allgemeinen meinem Schreiben sprechen.
Bei diesem Roman ist die Geschichte mit der Sprache speziell verbunden, weil sie eine klare Aufgabe im Text erfüllt, weil die Sprache eigentlich auch das Thema ist. Es geht ja darum wie man leben kann, wann das Leben, das man lebt noch normal ist und wann nicht mehr gesellschaftlich tragbar. Und es geht darum lebendig zu bleiben und keine Maschine zu werden, die Sprache ist Anais Versuch lebendig zu bleiben, auch Autonom.
Ich denke, dass ich das nicht immer so handhaben werde. Bei meinem Text, der gerade entsteht und von dem ich auch das Gefühl habe, dass er länger werden könnte, erschreibe ich gerade eine Welt, in der sich die Protagonistin bewegen kann. Wieder gibt es eine Ich Erzählerin, wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob das aus Gewohnheit so ist oder ob es so sein muss. Alles entsteht parallel, die Figur, die Sprache, die Geschichte, die Erzählperspektive.

LMG:
Da hast du mit deinem neuen Werk, welches im Entstehen ist, die Abschlussfrage vorweggenommen (hier ein Grinsen hinzudenken). Da bin ich und sicher viele andere auch gespannt auf das neue Buch. Aber dawird sicher noch ein bisschen Zeit vergehen, bis wir Leser etwas in den Händen halten dürfen. Wie lange war denn die Entstehungszeit deines Debütromans von Erstentwurf bis Abgabe beim Verlag?

JW:
Ich habe ungefähr vier Jahre an dem Roman gearbeitet und vielleicht geht es nicht mehr so lange beim zweiten, vielleicht aber auch noch länger. Ich freue mich sehr darauf.

LMG:
Dein Debüt hat nun, nachdem er jahrelang in deinem Kopf und auf Papier gewachsen ist, nun eine große Aufmerksamkeit gewonnen. Den Franz-Tumler-Literaturpreis hast du gewonnen, standest auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und nun auch bei für den Debütpreis. Sind diese Ehrungen eher Ansporn oder mehr Last und merkst du in deiner täglichen Schreibarbeit ob sie dich in irgendeiner Art beeinflussen?

JW:
Es ist natürlich eine große Freude für mich, wie das Buch aufgenommen wurde, wie es besprochen wurde und zu den Menschen gekommen ist.
Beim Schreiben sind sie nicht da, die Rezensionen und Nominierungen, aber beim Schauen auf neue Texte kommt manchmal ein Gedanke dazwischen, der dort nichts zu suchen hat. Zum Beispiel, wie der Titel zu einer Rezension zu diesem neuen Text sein könnte oder ob dieser Text nominiert werden würde. Das ist furchtbar und auch schnell wieder weg.
Es gibt also beides. Es ist wunderbar für das Buch, für Anais und Bruno, die Figuren, die von mehr Menschen gelesen werden. Es gibt auch eine Motivation natürlich, dass da was ist, das ich da was geschrieben habe, das die Menschen berühren kann. Das ist wunderbar. Und dann gibt es eben den Druck wieder zu schreiben, dass es die Menschen berührt und das kann bremsend sein.
Aber solange ich beim Schreiben immer mal wieder alles vergessen kann, auch vergessen wer ich bin und wo und warum und was um mich herum, dann ist es gut.

LMG:
Dann wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg bei deiner Arbeit und viel Spaß beim Erdenken des neuen Werks. Bis dieses erscheint, erfreuen wir uns an deinem Debüt und auch an der Arbeit für den Literaturdienst, den du 2012 gegründet hast. Kannst du als Abschluss noch ein paar Worte zu diesem Dienst sagen?

JW:
Der Literaturdienst ist 2012 entstanden. Ich habe an einer Ausstellung den Aufbau auf meiner Schreibmaschine dokumentiert und danach hat eine Freundin mich gefragt, ob ich an den Geburtstag eines Freundes mitkomme, um dort das Fest zu beschreiben. Jetzt mache ich das ein bis zweimal pro Monat (ungefähr) und fahre an Hochzeiten, Taufen, Ausstellungen, Geburtstage. Ich werde oft als Geschenk mitgebracht, dann setzte ich mich hin und schreibe 5 bis 7 Stunden alles auf, was ich sehe. Wie es riecht, wie das Licht fällt. Wie die Menschen aussehen und wie sie lachen. Zum Beispiel gab es einmal eine Dame, die sah aus, als würde sie sich gerne selber Küssen oder eine Frau hatte ein Licht in sich, das anging, wenn sie lachte oder das Lachen eines Mannes klang nach Höhlenlachen.
Am Ende des Abends wird der Text den Gastgebern, dem Geburtstagskind oder dem Brautpaar überreicht und manchmal lese ich noch ein paar Seiten des Textes vor.

 

3 Kommentare zu „[Interview]: Nachgefragt bei … Julia Weber – Debütpreis 17 Spezial

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