[Debütpreis 2017] [Rezension]: Jovana Reisinger – Still halten

Sprachlich komplex und anspruchsvoll

Still Halten
Still Halten, Cover © Verbrecher Verlag

Sprachlich komplex schildert uns Jovana Reisinger in ihrem Debüt “Still halten” das Leben einer von Depression/Burn Out Geplagten kurz nach ihrer Diagnose und dem Rat des behandelnden Arztes, sich mal für ein Jahr komplett zurückzuziehen. Das Buch selber ist (fast) komplett aus der Sicht der Frau geschrieben, mal in Ich-Form mal in beobachtender Perspektive, und fordert den Leser ganz schön heraus. Es ist nicht einfach zu lesen und für zwischendurch schon Mal gar nicht. Lässt man sich aber auf diesen Text mit Haut und Haar ein, bekommt man ein Bild einer emotional angeschlagenen Frau geschildert, die mit sich und ihrer Umwelt (auch im wörtlichen Sinn auf die Natur bezogen) einen ständigen Kampf ausficht und es nicht immer sicher ist, wer dabei gewinnen wird.

Diagnose Depression/Burn Out. Anfangs nicht richtig eindeutig zugeordnet, da die Gedanken der Frau, die diese Diagnose bekommt, recht wirr sind und erst einmal auch durch den Leser geordnet werden müssen. Jedenfalls hat der Arzt sie dazu verdonnert, ein Jahr die Finger von jedweder Belastung durch Arbeit oder Stress zu lassen und sich einfach Mal auf sich besinnen. Das in dieser Zeit niemand in der Nähe ist, um sie bei diesem Vorhaben zu unterstützen, ist nicht gerade der Heilung förderlich. So ist ihr Mann auf einer Konferenz, die sich anfänglich ewig zu ziehen scheint und auch so tritt der Ehemann ziemlich wenig in Erscheinung und ist meist nur über die Gedanken der Frau präsent. Die Mutter dieser Frau, die im gesamten Roman namenlos bleibt, stirbt unerwartet und plötzlich. Anfangs nur wegen einer Lungenentzündung in der Klinik, verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch und der Tod tritt einfach so und ohne großes Aufhebens ein. Doch irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass sich die Frau mehr darüber freut als trauert. So erbt sie jedenfalls den Familienwohnsitz irgendwo in Oberösterreich, den sie nach dem Tod der Mutter auch bezieht und dort wird langsam offenbar, wo es im Leben dieser Frau seit Kindesbeinen an nicht gestimmt hat. Wird sie sich davon loslösen können? Kommt über die Konfrontation mit der Vergangenheit der Heilungsprozess in Gang?

Still halten ist nun das dritte Buch, welches ich aus der Shortlist für den Debütpreis 2017 gelesen habe und es war das bisher anspruchsvollste. Auch „Immer ist alles schön“ war sehr anspruchsvoll in seiner bildhaften Sprache, doch im vorliegenden Buch wurde die Symbiose aus Inhalt und Form noch ein wenig weiter getrieben. Den Anfang macht die oben schon angedeutete Diagnose für die Frau und der Rat des Arztes auf die Bremse zu treten. Wir bekommen größtenteils im gesamten Roman die Gedanken der Frau eins zu eins übermittelt und so mäandert vor allem zu Beginn des Buches die Handlung eher vor sich hin und als Leser ist man mehr überfragt, was diese Frau eigentlich ausmacht. Zum einen wirkt sie als eigenständige Person und weiß, wie sie ihr Leben zu führen hat. In anderen Momenten scheint sie abhängig von ihrem Mann zu sein, der aber nur immer wieder abwesend ist, was sie zu irritieren scheint.Ihre Rolle als Frau, die sie in vielen Momenten eher konservativ interpretiert, sieht sie immer wieder untergraben.
Ich kenne mich mit Depression beziehungsweise Burn Out nicht aus und kann nicht beurteilen, wie diese Menschen handeln, aber es erschien mir mehr als realistisch, wie die Frau und ihre Krankheit dargestellt wird. Doch irgendwie wurde es mir als Leser schwer gemacht, an der Geschichte dran zu bleiben. Durch dieses ziellose Herumeiern wurde mir persönlich nicht klar, wohin die Geschichte gehen wollte. Dadurch wurde es mir als Leser schwer gemacht, an dieser Geschichte dran zu bleiben und diese zu mögen. Erst als die Mutter stirbt und ihre Tochter sie im Krankenhaus am Totenbett aufgebahrt liegen sieht, wird das Bild in der Geschichte klarer. Man bekommt mehr Einblicke in die Vergangenheit der Frau und warum sie so ist, wie sie heute ist. Sprachlich wird alles sehr anspruchsvoll an die Leserschaft heran getragen. Was mir persönlich aber gar nicht gefallen hat (und auch anderen Bloggern schien das so zu gehen), war die gehäufte Form sprachlich eingefärbter Begriffe, die im österreichischem Deutsch verankert sind und mich ständig aus dem Lesefluss warfen. Man kann sagen, dass es das gute Recht der Autorin ist, so zu schreiben, aber es hat mich persönlich genervt und es wäre auch nicht anders, wenn die Autorin die Begriffe Sächsisch, Norddeutsch oder irgendwie anders eingefärbt hätte.

Insgesamt weiß ich selbst zwei Wochen nach der Lektüre immer noch nicht, wie ich das Buch bewerten oder auffassen soll. Das Ende ist stark geschrieben und eigentlich ganz nach meinem Geschmack, jedoch waren manche Passagen im Buch sehr zäh zu lesen und ich brauchte vor allem zu Beginn des Buch einige Zeit, um hinein zu finden. Schwere Kost, die nicht jedem gefallen dürfte. Die Darstellung der psychischen Krankheit empfand ich als passend beschrieben, insbesondere dieses Hin und Her in ihrem Denken (Mutter im Krankenhaus besuchen, Haus herrichten, Natur bekämpfen). Alles in allem ein sehr eigenwilliger Roman, der sprachlich zurecht auf der Shortlist zum Debütpreis 2017 steht.

Im Rahmen des Debütpreises sind bisher bei den folgenden Bloggern/Jurymitgliedern Rezensionen zu diesem Buch erschienen:

Weitere Rezensionen unabhängig vom Debütpreis findet ihr bei:

Außerdem findet ihr beim Blog Das Debüt noch ein Interview mit der Autorin.

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5 Kommentare zu „[Debütpreis 2017] [Rezension]: Jovana Reisinger – Still halten

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    mich lies das Buch auch ganz unentschlossen zurück.
    Sprachlich toll, das Ende war auch klasse, aber reicht das aus? Die Unterschiedlichkeit der Romane der Shortlist macht mir eine Entscheidung so unheimlich schwer.
    Grüße
    Silvia

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Silvia,

      das Buch ist sprachlich wirklich toll, trotzdem wird es bei mir wohl nicht auf Platz 1 schaffen, da die Symbiose zum Inhalt nicht stimmig ist. Wie man anspruchsvolle Inhalte ohne große sprachliche Schlenker (trotzdem aber sehr gehaltvoll) hat mir Jürgen Bauer mit „Ein guter Mensch“ gezeigt.
      Schwierig bleibt die Entscheidung trotzdem.

      Liebe Grüße

      Gefällt mir

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