[Interview]: Nachgefragt bei … Christian Bangel – Debütpreis 17 Spezial

Oder Florida Cover
Cover © Piper Verlag

Mit „Oder Florida“ von Christian Bangel haben uns die Mädels vom Blog „Das Debüt“ eine gehörige Überraschung in die Shortlist zum Debütpreis 2017 hinein gepackt. Oberflächlich gesehen scheint es eine spaßige Geschichte zu sein, die ein paar Linke bei ihrem Vorhaben zeigt, die SPD in Frankfurt/Oder zu übernehmen und einen eigenen Kandidaten für das Bürgermeisteramt in das Amt zu heben. Doch tiefer gebohrt, liest man ein politisch sehr aktuelles Buch, obwohl es im Jahr 1998 spielt. Ein positiver Ausreißer auf der Shortlist, welche sich mir persönlich bisher sehr schwer gab (auch in „Oder Florida“ gibt es solche Passagen) und auch sprachlich harte Kost geboten hat, was bei Christian Bangels Roman nicht der Fall ist, was aber nichts schlechtes zu bedeuten hat, denn das Buch liest sich dadurch sehr gut und man erfasst sein Anliegen dadurch um einiges besser.
Ich habe mit dem Autor ein Emailinterview geführt, welches nun für euch verfügbar ist. Viel Spaß damit.

Lesen macht glücklich:
Was war überhaupt der auslösende Moment dieses Buch zu schreiben?

Christian Bangel © Maurice Weiss

Christian Bangel:
Ich bin im Osten der Neunziger groß geworden. Wer diese Zeit erlebt hat, der vergisst sie nicht mehr. Leere Häuser, ratlose Eltern, Freunde, die zu Nazis werden – und wir paar langhaarige Hanseln, die auf die Beginner, Beastie Boys oder The Verve standen und dafür fürchten mussten, windelweich geprügelt zu werden. Stark beschrieben auch im Song „Grauer Beton“ von Trettmann.
Ich dachte, man könnte darüber gut ein Sachbuch schreiben. Aber dann sagte mein Agent: Das geht mit einem Roman viel besser. Also hab ich es versucht. Ein Kapitel, dann zwei. Ich dachte die ganze Zeit, irgendwann kommt jemand und sagt: Lass gut sein. Aber es kam niemand.

LMG:
Interessanter Fakt mit dem Sachbuch. Wie hätte es deiner Vorstellung nach aussehen sollen?

CB:
Weiß ich nicht genau. Ich kam ja nicht dazu, es richtig zu vertiefen. Es hätte aber auch davon erzählt, wie viel von dem, was wir heute bei Pegida sehen, von den Nazis damals schon angelegt und genauso so geplant war. Aber auch, wie hart und laut und wild diese Zeit war. Wirklich gut eigentlich, dass es ein Roman geworden ist.

LMG:
Das klingt alles nach einem einfachen Schreibprozess, bei dem der Stoff wie Honig in die Milch geflossen ist. Wie schwer war, es die alten Erinnerungen wieder hervorzuholen beziehungsweise wie präsent waren sie noch im Kopf?

CB:
Ich musste schon weit zurückgehen. Ich hab damals ganze Tage in alten Lokalzeitungen herumgewühlt. Das war wichtig. Ich fand viel Düsteres, Berichte über Neonazi-Exzesse, die heute bundesweit für Aufsehen sorgen würden. Aber manchmal wurde es auch toll absurd. Da gibt es diese großartige Geschichte, dass eine Lok irgendwann nachts vom Güterbahnhof gestohlen wurde. Sie musste mit einem Kran auf einen Tieflader gehoben worden sein. Und die Polizei? Hatte keine heiße Spur, vermutete aber den Täter im Milieu der Eisenbahnliebhaber.

LMG:
In meiner Besprechung gehe ich auch auf darauf ein, dass sich Passagen deines Buches als direkte Fortsetzung zu Peter Richters „89/90“ lesen lassen. Andere Stadt, acht Jahre später, aber dieselben Probleme mit den Rechtsradikalen. Würdest du das auch so sehen (falls du das Buch kennst)? Die Parallelen und fortgesetzten Auswüchse waren für mich jedenfalls offensichtlich.

CB:
Ich hab 89/90 sehr gern gelesen, es ist eins der stärksten Bücher über die Wendezeit. Ich hab meines aber nie in Beziehung dazu gesetzt. Ich glaube auch nicht, dass 1998 die Lage bei den Nazis dieselbe war. Es war keine entgrenzte, spontane Gewalt mehr. Sie waren viel weiter. Sie hatten Ende des Jahrtausends feste Strukturen geschaffen. Ihnen gehörten ganze Städte und sie arbeiteten einem langfristigen Plan.
In meiner Recherche bin ich auf eine grandiose Reportage aus der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 1998 gestoßen. Ich kann diesen Text nur jedem empfehlen, der sich fragt, warum im Osten das rechte Denken so stark ist. Er ist von Birk Meinhardt und erzählt aus Frankfurt (Oder) (Anmerkung Lesen macht glücklich: Leider ist der Text online nicht verfügbar). Es kommt ein ziemlich geschickter, ganz menschlich wirklich wirkender rechtsextremer Anführer darin vor. Der hat damals ziemlich offen beschrieben, dass seine Ziele zehn, zwanzig Jahre in der Zukunft liegen. Es ging ihm darum, dass die Menschen irgendwann seinen Begriff von Kultur, Volk und Nation teilen. Dafür hat er in Altersheimen Musik gemacht, dafür hat er mit seinen Kameraden deutsche Eichen gepflanzt im Neubaugebiet. Wenn man sich heute in Ostdeutschland umschaut, dann muss man sagen: Erfolglos ist er nicht gewesen.

LMG:
Und warum gerade das Jahr 1998, an dem die Handlung spielt?

CB:
Ich hab an diese Zeit starke Erinnerungen. Aber ich finde, es passt auch so ganz gut. Mit Helmut Kohl und Berti Vogts verabschiedet sich das alte Westdeutschland und wird ersetzt durch: Ein neueres Westdeutschland. Ansonsten herrscht im Westen große Wohlstandslangeweile, während im Osten schon längst Apathie, Wut und Subversion dominieren. Man konnte damals vielleicht glauben, alles würde so bleiben, wie es ist. Dabei ist das die letzte ruhigere Phase Deutschlands: Bald werden die großen Streits um Hartz IV kommen, und im Hintergrund laufen schon Beate Zschäpe und Mohammed Atta durchs Bild.

LMG:
Diese Wut ist ja auch heute noch zu spüren, was sich zum Beispiel in Sachsen in den letzten Jahren gezeigt hat und nun auch in der AfD im Allgemeinen mündete. Diese Wut im Osten hatte ja viele Ursachen, vor allem, das die Menschen aus diesen Regionen nicht ernst genommen wurden, was du im zweiten Abschnitt gut einarbeitest mit dieser herablassenden Art den Menschen gegenüber.
Hat sich die Situation mittlerweile gebessert oder ist die Mauer in den Köpfen immer noch vorhanden und werden weiterhin im übertragenen Sinn Udo- Namenschilder vergeben?

CB:
Es ist ja offensichtlich, dass die alten Klischees wieder da sind, wenn sie je wirklich weg waren. Ich bin mir aber noch nicht endgültig sicher, was ich davon halte. Klar ist das dumm, aber es gab auch mal eine Zeit vor Pegida, da sagte jeder Politiker: Den Osten gibt es gar nicht mehr. Die junge Generation hat doch die DDR gar nicht mehr erlebt. Das hat mich damals fast noch wütender gemacht als die Ossiklischees von heute. Denn dahinter steckte der Versuch, die ganze Sache einfach als beendet und erledigt zu stempeln. Dabei haben wir noch längst nicht genug vom Osten nach der Wende erzählt. Im Gegenteil, wir fangen hoffentlich gerade erst an.

LMG:
Das hoffe ich auch, dass noch viel darüber erzählt wird, aus unserer und auch der nachfolgenden Generation, dass die Mauer in den Köpfen oder die Klischees vom Ossi immer noch existieren. (durfte ich selbst noch in den letzten Jahren erleben, sobald ich meine sächsiche Klappe aufmachte).
Das Ende von Matthias Freier ist ja im Buch relativ offen gehalten. Wie würde eine Fortsetzung des Stoffes in die heutige Zeit aus seiner Perspektive aussehen? Was hat er aus seinen Fehlern und Erfahrungen gelernt beziehungsweise mitgenommen?

CB:
Darüber denke ich auch immer wieder nach. Wir verlassen Freier im Herbst 1998, wissend, was politisch und gesellschaftlich danach noch alles geschehen wird: Hartz IV, 9/11, der NSU. Ich habe dazu ein paar Gedanken, aber die ich will keinem Leser vorgeben.

LMG:
Hast du nun allgemein „Blut geleckt“ und wirst auch weiterhin Romane schreiben? Und wenn ja, in welche Richtung werden/können diese gehen?

CB:
Natürlich würde ich gern wieder einen Roman schreiben. Aber dazu muss sich erstmal wieder ein Stoff so klar vor mir aufbauen. Ich bin ja auch Journalist, also Chef vom Dienst bei ZEIT ONLINE und mitzuständig für unser Pop-Up-Ressort #D17. Mal sehen, was mir so vor die Linse kommt in der nächsten Zeit. Die Gegenwart ist ja leider gerade nervenaufreibender und absurder als fast jeder Roman.

LMG:
Noch eine Frage in eine andere Richtung zum Schluss: Als du gehört hast, dass dein Buch für dem Debütpreis nominiert ist, wie war da deine erste Reaktion? Und rechnest du dir Chancen auf wen Gewinn aus?

CB:
Das hat mich natürlich stolz gemacht. Wenn Menschen, die sich auskennen, durch Deinen ersten Roman laufen und ihn für preiswürdig halten, ist das nicht zu fassen. Die Nominierung hat mir geholfen, zu fassen, was ich da eigentlich zwei Jahre lang gemacht habe. Insofern: Vielen Dank!

LMG:
Ich beziehungsweise wir als Jury haben für deinen wunderbaren Roman zu danken. Ich sage dazu noch danke an dieser Stelle für deine Zeit meine Fragen so ausführlich zu beantworten.

3 Kommentare zu „[Interview]: Nachgefragt bei … Christian Bangel – Debütpreis 17 Spezial

Gib deinen ab

    1. Hallo Silvia,

      Vielen Dank. Mit Christian hätte ich noch viel mehr „quatschen“ können, aber das hätte dann fast nichts mehr mit dem Buch zu tun gehabt.
      Aber ich glaube, dass Christian keine Fortsetzung des Stoffes plant. Schön wäre es aber.

      Liebe Grüße

      Liken

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