[Rezension]: Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

Trockene Kehlen, erhitzte Gemüter – Ein nicht ganz unrealistisches Szenario

sketch1514910498286.png In der Zukunft wird es einen Wettlauf geben. Einen Wettlauf darum, welche der Ressourcen Öl und Wasser als erstes knapp wird. Die Konflikte und Kriege, die daraus sicher entstehen werden, könnten eine Belastungsprobe für die komplette Menschheit werden, denn wir haben nur den einen Planeten und können sonst nirgendwo hin und ich bin fest davon überzeugt, dass der Krieg um das Wasser heftiger geführt werden wird. So weit sind wir in Jürgen Bauers Roman noch nicht ganz, aber weit ist der Weg nicht mehr. Er kreiert ein Zukunftsszenario, welches nicht mehr fern scheint. Trinkwasser ist ein knappes Gut geworden in Europa und der Welt. Es wird nur noch rationiert verteilt. Wer kann beziehungsweise es sich finanziell leisten kann, flieht in den Norden, wo das Trinkwasser noch vorhanden ist und keine verordneten Verteilungen notwendig sind.

Marko und Berger, Freund aus Schulzeiten, sind Wasserauslieferer. Marko, aus früherer Zeit LKW- Fahrer, der in ganz Europa unterwegs war, und somit quasi wie geschaffen scheint für die Arbeit. Pflichterfüllend geht er der Verteilung des Wassers in seiner Stadt nach, beobachtet, wie sich die Situation immer mehr verschärft, unternimmt aber persönlich nichts dagegen. Hingegen hadert sein Freund Berger die ganze Zeit mit diesen Wasserverteilungen und dem System, welches dahinter steht. Berger wurde von Marko für den Job angeworben, der anscheinend nicht für ihn gemacht scheint. Berger lässt sich trotzdem darauf ein, da er sonst niemanden außer Marko hat.
Die Lieferungen zermürben sowohl Marko, als auch Berger. Doch sie ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus. Während Marko vor Pflichterfüllung nur so strotzt und das System der Rationierung und wie es funktioniert kaum hinterfragt, wechselt Berger bald die Seiten. Nachdem er kurze Zeit spurlos verschwindet, schließt er sich einer Bewegung namens „Third Wave“ an, die dem Rationierungswahnsinn die Verschwendung von Wasser entgegensetzt. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, um an übermäßig Wasser zu kommen, damit sie es bei Demonstrationen einfach verschütten und so den Leuten zeigen, dass es sinnlos erscheint, sich den Rationierungen hinzugeben. Die Spannungen zwischen der noch immer ausharrenden und ruhigen Bevölkerung und der Third Wave werden größer und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Frust der Bevölkerung entladen wird -über die sinnlose Wasserverschwendung der Bewegung und über die immer schärfer werdenden Wasserrationierungen der Regierung. In dieser angespannten Zeit fragt sich Marko immer wieder, was es ausmacht, ein guter Mensch zu sein. Ist es die Pflichterfüllung? Ist es das Ausharren, das Hinnehmen der Situation? Oder doch das Heft des Handelns in die Hand nehmen und selber Änderungen herbei führen?

Jürgen Bauer hat mit „Ein guter Mensch“ einen Roman geschaffen, der erschreckender nicht sein könnte. Das Szenario, welches er entwickelt, wirkt auf den ersten Blick wie eine Dystopie. Doch genau das ist es eigentlich nicht, denn das Trinkwasser ist auf diesem Planeten ist ein rares Gut und es wird allzu verschwenderisch damit umgegangen. Daher ist es ein mehr als erschreckend realistisch angelegtes Gedankenexperiment, welches sich der Autor da ausgedacht hat. Angesiedelt in einer unbekannten Stadt irgendwo in Mitteleuropa, es kann Wien, aber auch genauso gut München oder Stuttgart oder Zürich sein, wird die Handlung eher im kleinen ausgeführt. Es werden die Schicksale einzelner Personen, allen voran Marko, verhandelt, die mit der anhaltenden Trockenheit und dem immer weniger vorhandenen Trinkwasser klar kommen müssen. Darüber hinaus werden in die Handlung immer wieder Informationen eingestreut, wie es in der restlichen Welt (zumindest Europa) zugeht, wie Flüchtlinge aus noch trockeneren Regionen ankommen, weil sie denken, dass es woanders noch Wasser im Überfluss gibt, wie in Regionen geflüchtet wird, wo das Wasser anscheinend noch zuverlässig vorhanden ist und vieles mehr. Die medizinische Versorgung verdient ihren Namen nicht mehr, der Strom ist nur noch zufällig vorhanden, das gesellschaftliche Leben liegt brach.

Alles in allem ein sehr bedrückender Roman, der keinen positiven Gedanken zulässt. Und ja, es ist nicht einfach, dass alles zu erdulden, aber genau solche Bücher braucht es öfter und sollten mehr ins Rampenlicht gezerrt werden. Damit endlich mal ein Aufwachen erfolgt, dass es nicht nur um erneuerbare Energien geht. Vielmehr sollte man seinen eigenen Wasserkonsum immer wieder hinterfragen, wo kann man mit dem Sparen ansetzen. Braucht es jeden Tag eine zehnmütige Dusche? Muss man das Wasser beim Zähne putzen laufen lassen oder beim Abwasch? Das sind nur zwei Beispiele, wo man ansetzen kann und da habe ich noch nicht mal in Richtung Industrie geschaut, wo das Wasser neben Öl ebenfalls in überdimensionierten Mengen verbraucht wird. Jürgen Bauer hat für diesen Roman keinen großen Pathos auferlegt, er erzählt die Geschichte eher ruhig und geleitet einen sanft in die Geschichte und auch wieder hinaus. Die großen Fragen werden nur angedeutet. Er konzentriert sich lieber auf das etablierte Figurenensemble und wie sie mit der Situation umzugehen vermögen und über allem steht die Frage, was einen guten Menschen ausmacht. Hilfbereitschaft? Selbsterhaltungstrieb? Verschwendertum? Pflichterfüllung? Es wird nicht eindeutig beantwortet und der Autor überlässt es dem Lesenden, sich selbst zu hinterfragen.

In meinen Augen ein starkes Stück Literatur, bei dem ich mir sogar die Frage stelle, warum dieses Buch nicht mehr Aufmerksamkeit in Form von Longlist- und Shortlistnominierungen bei welchem Buchpreis auch immer erhalten hat. Das Buch ist realistisch geschrieben, in einer Sprache, die keine künstlich aufgebauschten Effekte einbaut. Jürgen Bauer hat eine Geschichte geschrieben, die einen kleinen Ausschnitt vom großen Ganzen zeigt.

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