[Debütpreis 2017] [Rezension]: Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Eine skurrile Hausgemeinschaft

Chronik
Cover © Wagenbach Verlag

Die Hausgemeinschaft in der Nummer 29 ist ein bunt gemischter Haufen. Viele kommen, bleiben nur kurz und verschwinden wieder spurlos, andere sind schon immer da und es passiert allerlei Seltsames in dieser Wohngemeinschaft, diesem Haus, in der jeder für sich und doch alle zusammen sind. Ein buntes Potpourri aus unterschiedlichen Erzählstimmen serviert uns Juliana Kálnay in ihrem Debütroman. Leider waren es für mich persönlich ein paar zu viel, denn dadurch erkenne ich keinen roten Faden und war zu oft abgehängt, um wirklich mit den Bewohnern in dem Haus mitfiebern zu können. Es war nicht ersichtlich worauf das alles hinauslaufen wird und dementsprechend war auch meine Motivation, das Buch unbedingt weiter lesen zu wollen. So ergab sich eine zähe Angelegenheit, die ich wohl abgebrochen hätte, wäre dieses Buch nicht im Rahmen des Debütpreises auf meinem Tisch gelandet.

Das Haus mit der Nummer 29 ist ein seltsames Haus. Da stellt sich eine Frau namens Rita einen Spiegel auf den Balkon, um die Menschen auf der Straße besser beobachten zu können. Bei einer anderen Frau im Haus verschwindet ihr Mann spurlos und sie meint, dass er sich in einen Baum verwandelt hat. Maia buddelt sich immer wieder in Erdlöcher oder versteckt sich an den unmöglichsten Orten, bis sie gar nicht mehr gefunden wird und irgendwann, als man Hinweise auf dem Friedhof findet, sie für tot erklärt. Bei einer Frau, die in einem fensterlosen Kabuff wohnt, springen die Fische todessehnsüchtig aus dem Aquarium und plötzlich ist überall Katzenminze. Geheimnisvolle Türen, die auftauchen und wieder verschwinden, das oberste Stockwerk, welches keiner beachtet und Tom, der im Fahrstuhl wohnt und viele absurde Gegebenheiten mehr.

Nichts ist gewöhnlich in diesem Haus, vielmehr durchscheint ein übernatürlicher Realismus von ihm Besitz ergriffen zu haben. Die seltsamen Dinge die passieren, nun ja, passieren einfach. Nichts wird erklärt, niemand nimmt einen an die Hand, um durch diese Hausgemeinschaft zu führen. Es gibt keinen allgemeingültigen Erzähler, der von oben auf alle herab schaut und mit einem Augenzwinkern von diesem Haus und ihren Bewohnern erzählt. Nichts dergleichen. Da plappern in kurzen Kapiteln immer wieder unterschiedliche Erzählstimmen durcheinander und ich fühle mich wie in einem gut besuchten Restaurant, in dem alle zusammen einen Klangteppich weben, der in den Ohren dröhnt. Hier dröhnt es mir einfach nur im Kopf und ich kann mich gar nicht mehr auf die eigentlich wunderbar geschriebenen Sätze konzentrieren, denn das kann die Autorin – gut schreiben. Insgesamt ist mir das alles trotz guter Sprache und, durch die vielen Erzähler, auch vielfältiger Sprache zu aufgesetzt, zu durcheinander, zu anstrengend.
Dieses Buch habe ich im Rahmen der Verleihung des Debütpreises gelesen und war doch erstaunt, dass es einige Anhänger finden konnte. Habe ich da selber was nicht sehen können, was den anderen nicht entging? War es einfach nicht mein Buch? So ein Buch, wie eigentlich die komplette Shortlist, zeigte mal wieder, wie unterschiedlich Literatur auf- und wahrgenommen werden kann. Die einen lesen einen wunderbar verträumten und verspielten Text, während andere sich dabei nur langweilen oder vollkommen unsicher sind, ob sie das gut finden sollen. Wie gesagt, einige Elemente sind schön zu lesen, mir wäre aber ein roter Faden lieb gewesen, dem ich hätte folgen können. Anfangs dachte ich, das wäre Maia, die verschwindet und alle nach ihr suchen. Dann erschien mir Rita, als die Seele des Hause prädestiniert, diese Rolle einzunehmen. Doch auch da sollte man sich nicht festlegen. Das war mein Problem. Diese ständigen Wechsel, dieses Hin und Her zwischen den verschiedensten Erzählstimmen. Als Kurzgeschichtenband, der sich komplett im Haus mit der Nummer 29 abspielt, wäre das Ganze besser eingeordnet. Als Roman sehe ich das Buch leider nicht. Der sperrige Titel bleibt aber auf jeden Fall im Gedächtnis.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei:

Außerdem findet ihr beim Blog Das Debüt noch ein Interview mit der Autorin.

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6 Kommentare zu „[Debütpreis 2017] [Rezension]: Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Gib deinen ab

    1. Hallo Eva,

      ich mag den phantastischen Realismus auch sehr gerne (z.B. Richard Lorenz), aber hier erreichte es mich nicht, weil mir der rote Faden gefehlt hat und ein oder zwei Personen, mit denen ich mich identifizieren kann. Schön geschrieben, keine Frage, aber für mich persönlich eher quälendes Lesen.

      Gruß

      Gefällt mir

  1. Ach ja, die Geschmäcker sind halt unterschiedlich. Deine Einwände kann ich durchaus verstehen. Mich hat die Autorin aber erreicht mit diesen kleinen Geschichten, die alle zufällig in einem Haus spielen…
    Viele Grüße
    Silvia

    Gefällt 1 Person

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