[Debütpreis 2017] [Rezension]: Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

Die beste Idee bringt nichts…

das-genie
Cover © Diogenes Verlag

Was macht ein Genie aus? Ist es der Intellekt? Die reine Nennung seines Intelligenzquotienten? Der soziale Umgang mit seinen Mitmenschen? Oder ist es die Summe aus allem zusammen? Klaus Cäsar Zehrer hat mit „Das Genie“ anhand einer historisch belegbaren Figur genaustens aufgezeigt, was passiert, wenn man zwar hyperintelligent ist, aber für das normale Leben im augenscheinlich Banalen nicht vorbereitet wurde. William James Sidis wird, wenn man nach diesem Namen sucht, als einer der intelligenteste Mensch bezeichnet, der je auf diesem Planeten gelebt hat. In seinen Aufzeichnungen fand man Hinweise, dass er sich mit wissenschaftlichen Problemen auseinander gesetzt hat, von denen die meisten Wissenschaftler zu der damaligen Zeit noch nicht einmal zu träumen wagten. Doch vieles läuft gehörig schief in Williams Leben, so dass er zwar sehr intelligent ist, sich mit vielen Problemen mühelos beschäftigen kann, ansonsten aber keine Ahnung vom normalen Leben hat und so keinen Eingang in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gefunden hat, sondern sich vielmehr mit banalen Bürojobs herumplagt. In „Das Genie“ wird das komplette Leben von William durchexerziert, manche Lebensstation wird ein wenig näher beleuchtet, vieles nur angerissen. Ein monumentales Werk, welches gleichzeitig auch den Wandel der amerikanischen Gesellschaft zur führenden Weltmacht beschreibt. Es lässt sich wie ein Krimi lesen, aber auch wie eine Studie an einer Einzelperson. Wenn man genug Zeit hat, dann hat man das Buch schnell durch gelesen. Doch mir persönlich fehlte etwas, um eine Nähe zu den Figuren herstellen zu können. Mir war das alles zu unpräzise und zu ungenau. Warum genau, möchte ich gern näher ausführen.

… wenn die Liebe fehlt

Alles beginnt mit Boris Sidis, der völlig mittellos im New York Ende des 19.Jahrhunderts ankommt. Er macht sich sogleich auf die Suche nach Arbeit, verabscheut jedoch jede noch so niedere Tätigkeit, die ihm angeboten wird. Durch mehrere Zufälle landet dieser Mann, der keinen einzigen Schulabschluss in der Tasche hat, in Boston und dann an die Harvard- Universität, wo er sich nach und nach zu einem Spezialisten gewisser Spielarten der Psychotherapie mausert, innerhalb weniger Jahre mehrere Abschlüsse ablegt und sich so einen gewissen Ruf erarbeitet. Doch sein größtes Projekt ist sein eigener Sohn William James Sidis. Zusammen mit Sarah, die ebenfalls als eine der wenigen Frauen in dieser Zeit eine studentische Ausbildung genießt und ein Medizinstudium abschließt, entwickelt Boris eine Erziehungsmethode, die er als Sidis-Methode anpreist. Er erzieht sein Kind von Anfang an wie einen Erwachsenen, so lesen sie ihm zum Beispiel griechische Sagen im Original vor, erziehen ihn mehrsprachig. William bringt wahrscheinlich von Anfang an eine gewisse Anlage mit, saugt er das Wissen auf, wie ein Schwamm. Schon mit einem Alter von 11 Jahren hält er an der Harvard- Uni einen Vortrag vor gestandenen Professoren, die das Problem, welches er beschreibt, gerade so verstehen konnten und wird mit diesem Alter zum Studium an der Universität zugelassen, wo er mit anderen Wunderkindern eine spezielle Gruppe bildet. Doch schon in dieser Zeit deuten sich erste Probleme an. William kann sich nicht unterordnen, bringt immer nur seine Meinung als die richtige ein, korrigiert, wo er nur kann und Manieren sind ihm fremd. Durch immer intensiveres Bedrängen durch Reporter, die über ihn als Wunderkind berichten wollen, legt er sich einen Schutzpanzer zu und zieht sich mit der Zeit immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurück. Auch mit seiner Familie bricht er nach und nach, da sie ihn nie vor der Umwelt und seinen Einflüssen gewarnt beziehungsweise geschützt haben. Im Gegenteil, sie haben ihren Sohn sogar offensiv diesem Sturm ausgesetzt, denn es war ihnen nicht der Sohn wichtig, sondern die Lernmethode, die sie unbedingt bekannter machen wollten und dazu war ihnen jedes Mittel recht. Und so wabert das Leben von William James Sidis zwischen Genie, Wahnsinn und vorgeblicher Normalität hin und her. Doch jedes Mal, wenn er entweder entdeckt wurde oder eine seiner Leistungen herabgewürdigt wird, zieht er sich immer mehr zurück, bis er mittellos und abgeschnitten von der kompletten Gesellschaft ein Dasein fristet, welches als menschenunwürdig zu bezeichnen ist. Doch ändern will er daran nichts, denn dazu ist sein Stolz und sein Ego zu groß.

Die Geschichte eines gescheiterten Genies

Dieses Buch kann man sich auf zweierlei Art zu Gemüte führen. Wenn man die Geschichte des Genies noch nicht richtig kennt und nicht weiß, wie es ausgehen wird, dann liest sich das Ganze wie ein Krimi, bei dem man fiebrig jede Seite umwälzt, um zu wissen, was mit der Hauptfigur passieren wird. Weiß man jedoch was passieren wird oder hat eine Ahnung, wohin dies alles führt, dann kann man sich richtiggehend an den verschiedenen Wissensthemen berauschen und die rasante Entwicklung der damaligen Jahre vor Augen führen, die vor allem am Beispiel von New York und Houston aufgeführt werden. Der technische Fortschritt, der damals Einzug hielt, wird auf vielen der Seiten im Buch regelrecht zelebriert, um daran gleichzeitig das rückständige beziehungsweise starrsinnige Denken von William Sidis zu demonstrieren, was ihm immer wieder zum Verhängnis wird, obwohl er es durch seine Intelligenz spielend beherrschen könnte, aber nicht will – aus Prinzip, wie er immer wieder selber betont.

Und da sind wir schon bei einem der Probleme, die ich persönlich mit dem Buch hatte. Denn bei allem Aufwand, die Biographie von William James Sidis zu Papier zu bringen, blieb mir die Figur seltsam fern. Durch sein stures Verhalten und seine Unmöglichkeit, wie er sich in vielen Situationen gibt, wirkt er auf mich wie ein Fremdkörper. Das war er sicher auch im echten Leben, aber beim Lesen hat mich das enorm gestört und wenn ich beim Lesen mit der tragenden Hauptfigur nichts anfangen kann, ist viel verloren und ich schleppe mich durch die Seiten. Ein weiteres Problem, welches ich mit dem Buch hatte, war die Art, wie das Buch im Allgemeinen aufgebaut ist. Wie schon erwähnt, wird die Biographie des Wunderkindes von vorne bis hinten aufgearbeitet. Dadurch ist kaum Platz für eine detaillierte Auseinandersetzung gewisser Situationen, in denen ich gerne länger verweilt wäre, bei denen ich gerne noch mehr vom Innenleben Sidis‘ erfahren wollte. Doch kaum dachte man, da kommt noch was, ging es auch schon zur nächsten Station und die alte wurde abgehakt. So erging es mir zum Beispiel mit der Situation, als er in Houston eine Lehr- und Forschungsstelle angeboten bekommt und bei dieser krachend scheitert, wovon ich gern noch ein bisschen mehr hätte lesen wollen. Diese Problematik zieht sich insgesamt wie ein roter Faden durch das Buch, um sich Schritt für Schritt der Abwärtsspirale widmen zu können.

Insgesamt ist das aber auch alles richtig gut geschrieben und es liest sich dementsprechend flüssig. Es wirkt sehr ambitioniert, sich einer Biographie eines Menschen komplett zu verschreiben. Doch was den Menschen Sidis ausgemacht hat, dem können 600 Seiten nicht gerecht werden. Zwei Wege wären da besser gewesen, entweder sich auf gewisse Teilaspekte der Figur konzentrieren und die richtig ausarbeiten oder gewissen Passagen mehr Raum geben, denn das Herr Zehrer schreiben kann, steht außer Frage und da hätten auch 800 Seiten oder sogar noch mehr nicht gestört. Das ich nicht allein bin mit der Meinung, wenn auch die Begründung eine andere ist, zeigt mir die Besprechung von Literaturreich, die mit diesem Werk ebenso wenig anfangen konnte. Die anderen Jurykollegen, mit denen wir zusammen das Buch für den Debütpreis gelesen haben, waren dagegen euphorischer in ihrem Urteil, weswegen dieses Buch dann auch mit Abstand den Preis gewonnen hat – an dieser Stelle noch einmal herzlichen Grlückwunsch an den Autor und den Verlag. Ich verstehe die Begründungen derer, die das Buch positiver bewerten als ich es für den Preis und im Allgemeinen tue, aber mir waren es ein paar der Kritikpunkte zu viel, als das dieses Buch in meinen persönlichen Kanon Einzug hält. Ich persönlich würde es nicht weiterempfehlen, da die Hauptfigur nicht sympathisch erscheint und vieles in meinen Augen gehetzt wirkte. Dem entgegen steht die wunderbare Sprache Zehrers und ein detailgetreues Panorama Amerikas zum Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts. Insbesondere in Technikdingen ist es sehr interessant zu lesen. Ich bin und bleibe zwiegespalten.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei (wie man sieht, ein Roman, der von vielen gelesen und besprochen wurde, also muss an dem Stoff etwas faszinierendes bestehen):

Außerdem findet ihr beim Blog Das Debüt noch ein Interview mit dem Autor.

Werbeanzeigen

7 Kommentare zu „[Debütpreis 2017] [Rezension]: Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

Gib deinen ab

  1. Ja das war ein spannendes Buch, weil es ja nicht nur literarisch sehr beeindruckend war, sondern was den Genie- und Wunderkindkult betrifft viele Fragen aufwirft.
    Meiner Meinung nach war ja schon der Vater ein Genie, hochbegabt und sozial einsam auch ohne seine Wunderkindmethode, die er ja nur sich selber beibringen hätte können und daß man vereinsamt, wenn man schon mit zehn oder zwölf an der Harvard Universität studiert ist eigentlich auch ganz klar, denn was soll man mit den normalen Gleichaltrigen reden, denn die interessieren sich wahrscheinlich nicht für die mathematischen Formeln, verstehen sie auch nicht und die alten Mathematikprofessoren, die wahrscheinlich auch ein wenig wunderlich sind, sind wohl auch nicht der richtige Umgang und dann gibt es auch noch die Frauen und da kann man den Sex wohl auch wissenschaftlich erklären, kommt bei den jungen Mädchen aber höchstwahrscheinlich nicht gut damit an, heute wie vor hundert Jahren. Vor hundert Jahren war das wohl auch noch viel ärger und so hatte ich auch viel psychologischen Spaß beim Lesen und die kleine „Revolte“, die die Blogger da praktizierten, als sie sagten, wir entscheiden uns für das verständlichste und nicht für das sprachlich anspruchvollste Buch war auch sehr spannend.
    Ich lese übrigens gerade auch was sprachlich anspruchsvolles von einem heutigen amerikanischen Wunderkind, die Zahlen und die Mathematik kommen auch darin vor und tue mir beim Lesen und das noch dazu elektronisch entsprechend schwer und habe keine Ahnung, wie ich das in ein paar Tagen besprechen soll, liebe Grüße aus Harland bei St. Pölten wo es momentar sehr schneit!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Eva,

      ich fand viele der angerissenen Fragen auch sehr spannend und sie laden zum weiterüberlegen ein.

      Lass mich raten: Cohen mit seinem Buch der Zahlen? Das habe ich schon auf dem Schirm. Da bin ich gespannt, wie das ist.

      Liebe Grüße.

      Gefällt mir

  2. Hallo Marc,
    die Ambivalenz merkt man schon beim Lesen der Rezension. Es ist etwas faszinierendes an dieser Biographie, aber gleichzeitig auch verstörend. Grad, wenn der Protagonist so distanziert bleibt, das mag ich nicht so.
    Danke für die Vorstellung
    Daniela
    (#litnetzwerk)

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Daniela,

      ja, diese Ambivalenz ist der ausschlaggebende Grund, warum mir das Buch nicht ganz so gut gefallen hat. Das Identifikationspotential fehlte. Faszinierend auf einer gewissen Ebene, aber es fehlte etwas, im es zum Hit werden zu lassen.

      Liebe Grüße

      Gefällt mir

  3. Hatte ähnliche Probleme: Konservative Struktur unterminiert die besseren Momente, Roman schwankt zwischen lächerlich Machen der Figuren & Nutzen der beiden Sidis als politisches Sprachrohr, Konflikte werden berichtet, nicht entwickelt. Dennoch gut zu lesen, ein Autor der hoffentlich weiter schreiben wird.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

Unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Schafe - und Felle.

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Leckere Kekse & mehr

Kekse backen, Bücher lesen und mehr

%d Bloggern gefällt das: