[Rezension]: Christoph Reicho – Schlaraffenland

Was ist denn nur mit der „Jugend“ los?

IMG_20180215_145531_345.jpg30, diese Zahl ist die zeitliche Demarkationslinie, die die meisten als Abgrenzung zwischen Jugend und Erwachsensein definieren. Doch was ist mit der Jugend von heute los? Liest man sich so manch aktuelle zeitgenössische Romane durch, könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass denen die Entscheidungsfreude abhandengekommen ist. Vielmehr wird um den heißen Brei herumgetanzt und vieles mitgenommen, was man nur mitnehmen kann. Seien es Bettgeschichten, diverse Drogennächte, Party und vieles mehr. Nur nicht festlegen, keine falsche Entscheidung treffen, nur um diese danach zu bereuen. Meine Zeit als Partygänger und Zeittotschläger sind auch noch nicht so lange her und ich habe das auch gerne mitgenommen. Doch nebenbei habe ich trotzdem ein normales Leben aufgebaut, Entscheidungen gefällt, eine Familie gegründet und stehe nun aufgrund dieser ganzen Abzweigungen, die ich genommen habe, an der Stelle, an der ich mich aktuell befinde und bin glücklich damit. Doch zu den heutigen Zwanzigern, von denen mich gerade mal 10 bis 15 Jahre trennen, scheint eine Ewigkeit zu liegen, sofern man die belletristische Widerspiegelung mancher AutorInnen betrachtet.

30, diese Zahl ist die zeitliche Demarkationslinie, die die meisten als Abgrenzung zwischen Jugend und Erwachsensein definieren. Doch was ist mit der Jugend von heute los? Liest man sich so manch aktuelle zeitgenössische Romane durch, könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass denen die Entscheidungsfreude abhandengekommen ist. Vielmehr wird um den heißen Brei herumgetanzt und vieles mitgenommen, was man nur mitnehmen kann. Seien es Bettgeschichten, diverse Drogennächte, Party und vieles mehr. Nur nicht festlegen, keine falsche Entscheidung treffen, nur um diese danach zu bereuen. Meine Zeit als Partygänger und Zeittotschläger sind auch noch nicht so lange her und ich habe das auch gerne mitgenommen. Doch nebenbei habe ich trotzdem ein normales Leben aufgebaut, Entscheidungen gefällt, eine Familie gegründet und stehe nun aufgrund dieser ganzen Abzweigungen, die ich genommen habe, an der Stelle, an der ich mich aktuell befinde und bin glücklich damit. Doch zu den heutigen Zwanzigern, von denen mich gerade mal 10 bis 15 Jahre trennen, scheint eine Ewigkeit zu liegen, sofern man die belletristische Widerspiegelung mancher AutorInnen betrachtet.

Ebenso wie in Simon Strauß‘ „Sieben Nächte“, welches ich vor einigen Wochen gelesen habe, präsentiert uns Christoph Reicho mit „Schlaraffenland“ ein Buch, in dem drei Menschen nicht wissen wohin mit sich und ihrem Leben. Doch statt sich in die sieben Todsünden zu stürzen, um sich wieder spüren zu können, bevor die Schallmauer der Dreißig durchbrochen ist, betäuben sich die drei Hauptfiguren in diesem Roman immer mehr. Mit sich selbst, mit Drogen und anderen Dingen, nur um sich abzulenken, bis es nicht mehr weiter geht.
Alle drei haben eine Art ménage â trois, die für alle drei kein gutes Ende nehmen wird. Da ist zum einen Kevin, von allen nur Butler genannt, der unrettbar in Lea verliebt ist, die diese Liebe manchmal auch erwidert, aber, so scheint es mir jedenfalls mir, mehr zum Selbstzweck statt wahrhaftig und aus vollem Herzen. Der dritte im Bunde ist Adriano, der sich einen Dreck um das Leben anderer schert. Einer der immer nur Party, Drogen und den nächsten Aufriss für seine Bettgeschichten im Kopf hat. Dieser Adriano ist es auch, der die Dynamik zwischen sich, Lea und Kevin immer wieder verändert und alle drei in einen Strudel reißt, in dessen inneren Auge sie zur Ruhe finden werden, allerdings erzwungenermaßen.

Dieses Buch schlummerte seit dem Debütpreis 2016 in meinem Bücherschrank, als ich es für meine persönliche Shortlist ausgewählt habe. Da es nicht auf der offiziellen Auswahl landete und ich zwischendurch andere, interessante Bücher in die Finger bekam, musste sich das das Buch immer mehr hinten anstellen. Nun habe ich es endlich geschafft und konnte mich davon überzeugen, dass es ein schwieriges Buch ist und eines, welches mich ebenso wie Strauß‘ „Sieben Nächte“ mit einem derartigen Kopfschütteln zurück lässt, dass ich langsam Angst um ihn bekomme. Nicht das er vor lauter Dynamik noch vom Rumpf abfällt. Jedenfalls ist die vorliegende Geschichte eine, die sich um drei Menschen dreht, die nicht wissen, wohin im Leben und das auf unterschiedliche Weise ausleben beziehungsweise verarbeiten, alles, was passiert, könnte man in wenigen Sätzen zusammenfassen und abhaken. Doch damit ist es in diesem Buch nicht getan, denn es wird breit gewalzt, wie ein ausgelutschter Kaugummi, der achtlos auf die Straße gespuckt wurde. Doch auf der anderen Seite ist der Stoff faszinierend genug, dass ich das Buch zu Ende lesen musste. Irgendeine dunkle Seite war den Figuren zu eigen, was mich bei aller abstoßenden Beschreibungen magisch in das Buch zog. Ich wollte wissen, wie es den unsympathischen Figuren ergeht und auf welchen verschlungenen Pfaden sie sich ins Unglück stürzen.
Doch insgesamt ist alles recht banal aufgebaut und auch nicht wirklich spannend umgesetzt, eher mit offenem Visier sexuell aufgeladen. Manchmal hat man das Gefühl, dass vom Autor da irgendwas auf dem Papier verarbeitet werden musste. So wird im Endeffekt auch manch gute Idee in diesem Buch verpulvert, die an sich das ganze Konstrukt angenehm unterbrochen hat. So waren auf manchen Seiten Anamnesebögen abgebildet, die die drei Figuren des Buches betreffen und unterschiedliche Symptome und Krankheitsbilder aufzeigen. Außerdem sind Adrianos Blog- oder Facebookbeiträge abgebildet, in denen er von seinen „Abenteuern“ schreibt und die manchmal erheiternd und manchmal einfach nur ekelhaft sind. Dazu werden noch Kommentare abgedruckt, die diese Beiträge abschätzig oder wohlwollend kommentieren. Eine dritte Unterbrechung sind Beiträge von Lea, die ihre Vergangenheit auf journalistische Art verarbeitet, in einem Tagebuch oder als Abschiedsbrief niederschreibt. So richtig deutlich wird das nicht. Ansonsten wird im Wechsel aus Sicht der drei Hauptfiguren erzählt, wobei Kevins und Leas Geschichten noch angenehm zu lesen sind, wohingegen Adrianos Eskapaden einen vor lauter Unglaube den Mund offen stehen lassen. Diese Episoden sind es auch, die das Buch in meinen Augen um einige Level nach unten ziehen. Sie wirken wie Fremdkörper in diesem Buch und machen mir auch nicht deutlich, was sie da drin zu suchen haben. Irgendwie sollen sie die Beziehung zwischen Kevin und Lea stören, doch ich empfand sie nur als ekelhaft und abstoßend. Zumindest haben sie das Ziel erreicht, Adriano als unsympathischen Typen an die Leser zu bringen.

Letztendlich bleiben mir alle drei Figuren zu schemenhaft, ihre Motive und Handlungen zu konstruiert, die Dreierbeziehung irgendwie zu gewollt chaotisch. Das Buch hat mir nichts mitgegeben, was im Gedächtnis bleibt, außer einer Figur, die mit Frauen sehr abwertend umspringt und davon gibt es leider viel zu viele auf dieser Welt, als das ich es noch einmal so auf Papier lesen will. Ansonsten in meinen Augen ein sehr belangloses Buch, welches sehr schnell wieder im Schlund des Vergessens verschwinden wird. Es hatte wohl seine Gründe, warum es so lange herum lag, bis ich es endlich nach mehreren Anläufen endgültig in die Hand nehmen konnte. Keine Empfehlung.

Vielen Dank an den Septime Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars.

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Christoph Reicho – Schlaraffenland

Gib deinen ab

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

mscaulfield

gib mir kaffee und bücher und ich bin friedlich.

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

%d Bloggern gefällt das: