[Rezension]: Sasha Maria Salzmann – Außer sich

Identitätssuche

IMG_20180303_142600_267.jpgWie will ich ein Buch beschreiben, welches sich mir nicht erschlossen hat? In das ich einfach keinen Fuß bekommen konnte? Sprachlich großes Kino, aber durch ständig wechselnde Sichtweisen, Identitätswechsel und dergleichen wurde es mir persönlich schwer gemacht, in die verschiedenen Geschichten und Figuren hineinzufinden. Als ich das Buch beendet habe, habe ich mir gedacht, dass ich das lieber alles wieder schnell vergessen will, mir schwirrte nur noch der Kopf. Doch irgendwie geht es mir von dort auch nicht mehr heraus und ich kann es nicht ruhen lassen. Ich sehe, dass es ein starkes Buch ist über Identitäten, über das Angenommen werden, über das Ankommen, das Ablehnen und vieles mehr. Doch ich muss es für mich noch ergründen, notfalls über einen zweiten, zeitnahen Lesedurchgang. Es gibt sie also, diese Bücher, die einen so beschäftigen, obwohl man sich eigentlich nur durchgewurschtelt hat und sie gerade wegen dem Nachdenken darüber gleich nochmal lesen will, wenn nicht sogar muss.

Es geht um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg und in verschiedenen Situationen in ihrem Leben. Es reicht sogar bis einige Zeit vor den Zweiten Weltkrieg und man verliert bei dem weitverzweigten Familiengeflecht schon Mal den Überblick, um wen es gerade geht, wer da zu mir als Leser spricht. Auch die gegenwärtigen Figuren sind zwar namenstechnisch eindeutig zuordenbar, machen es aber durch ihre Wanderung zwischen den Geschlechtern ebenfalls nicht einfach, sich ihnen zu nähern. Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, dass mir die Figuren, wenn ich denke, ich habe sie begriffen, wieder entgleiten und ich sie nicht mehr zu fassen bekam. Sobald ich eine längere Pause von dem Buch machte, um Luft holen zu können, waren sie mir zu weit entflohen und ich konnte sie nicht mehr einfangen. Es geht um eine jüdisch-russische Familie, die weder in der einen oder noch in der anderen Gesellschaft irgendwie angenommen werden, geschweige denn, dass sie überhaupt sagen könnten, dass sie irgendwo angekommen wären. Es geht um die Urgroßeltern und ihre Entwicklung im Russland zwischen den zwei Weltkriegen bis hin zu den Urenkeln und Zwillingen Ali und Anton, die in der heutigen, aktuellen Zeit zurecht kommen und sich finden müssen.  Der Hauptfokus liegt dabei auf Anton und Ali und die Vorgeschichte der Familie wird in weiten Verzweigungen immer wieder thematisiert. Immer wieder kommen etwaige Familienmitglieder ins Spiel. Entweder als kurzer Wimpernschlag oder indem sie sich ebenfalls in diese Geschichte festbeißen. Doch vor allem Ali und Anton sind es, auf die es sich zu konzentrieren gilt. Sie sind durch die Auswanderung der Eltern aus Russland nach Deutschland nirgendwo so richtig verwurzelt. Der Vater der beiden war immer unzufrieden mit der Entscheidung nach Deutschland zu gehen, so dass er immer mehr abdriftete, während die Mutter versuchte sich anzupassen. Dieses zwiegespaltene Verhältnis der Eltern wirkt sich auch auf die Kinder aus, so dass sie orientierungslos durch das Europa der Jetztzeit taumeln, auf der Suche nach sich Ihrem eigenen Ich und dem Weg, den sie zukünftig beschreiten wollen.

Wie ich oben schon angedeutet habe, bin ich völlig zweigeteilt bei diesem Buch. Ich sehe, dass es sprachliche Hochakrobatik vollzieht und mich damit herausfordert. Das kann ich anerkennen, jedoch erwischte mich das Buch immer, wenn ich es aufgeschlagen habe, auf dem falschen Fuß. Ich konnte nicht eintauchen, die Vielzahl der Figuren blieben mir fremd, auch wenn sie allesamt starke Szenen aufweisen, und irgendwie war es nur eine Qual, das Buch zur Hand zu nehmen. Da ich aber nie das Gefühl hatte, ich muss das Buch abbrechen, werde ich ihm noch einen zweiten Durchlauf spendieren, vielleicht springt dann der Funke über. Wenn ich es ein zweites Mal gelesen habe, werde ich auch diese Besprechung ergänzen. Bis dahin verbleibe ich erst einmal mit gemischten Eindrücken.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag, welcher mir das Buch als eBook bei NetGalley zur Verfügung gestellt haben.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei:

6 Kommentare zu „[Rezension]: Sasha Maria Salzmann – Außer sich

Gib deinen ab

  1. Danke für deine ambivalente „Rezension“! Bisher habe ich ja praktisch nur begeisterte Stimmen gelesen. Immer ganz schwierig, dieses Unbehagen in Worte zu fassen. Deshalb findet man Bücher, bei denen es mir so ging, kaum auf dem Blog. Ich überlege aber dauernd, dafür eine eigene Kategorie anzulegen, so dass die Bücher doch irgendwie auf den Blog finden. Deine Beschreibung finde ich jedenfalls ganz toll und nachvollziehbar! Liebe Grüsse, Eliane

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  2. Ich fand es wunderbar, es hat mich sehr erstaunt, weil es so dicht war, an geografischen Orten, an Schicksalen und Lebensläufen, und weil eben auch der Leser sich mit eigenen Fragen konfrontiert sah. Ein ganz großer Roman. Viele Grüße und vielen Dank fürs Verlinken.

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  3. Ja, diese Bücher, die einen so ein wenig ratlos – oder sehr ratlos – zurücklassen, haben es in sich, beschäftigt man sich gedanklich doch sehr damit und damit alleine haben sie eine Berechtigung. Allerdings ist die Frage des zuviel schon auch wichtig … bin gespannt, ob Du es noch mal lesen wirst und dann andere Einsichten bekommst. Solche Bücher kann man immer gut in Lesekreisen lesen, finde ich, da bekommt man doch noch die eine oder andere Sichtweise, die komplettiert oder die eigene wird bestätigt. LG und einen schönen Sonntag, den ich vor allem mit dem Versuch eines Dinkelbrots verbringen werde., Bri

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    1. Zu viel trifft es ganz gut. Generationenroman auf der einen und tagesaktuelles auf der anderen Seite. Zu 90% gut geschrieben, aber es driftet zu sehr auseinander und man kann sich nicht richtig auf eine Figur festlegen.

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