[Rezension]: Hannes Köhler – Ein mögliches Leben

Ein Buch über Kriegsgefangene in den USA

IMG_20180322_205249_869.jpgSpeziell an einem Mann und dessen Lebensgeschichte verankert, erzählt Hannes Köhler über ein Thema, welches mir so noch nicht begegnet ist. Was auf dem europäischen Kontinent so passierte, wurde über die letzten Jahrzehnte ausgearbeitet und erforscht oder war in der Schule im Lehrplan vorhanden. Doch das es auch deutsche Kriegsgefangene in den USA gab und das sie dort bei der Landwirtschaft und anderen einfachen Aufgaben helfen mussten, war mir nicht bekannt. Ein Buch, welches bei mir persönlich nachklingen wird, allein wegen seiner Thematik. Zum Ende hin verliert sich der Fokus ein wenig, aber geschrieben ist es von vorne bis hinten richtig gut.

Speziell an einem Mann und dessen Lebensgeschichte verankert, erzählt Hannes Köhler über ein Thema, welches mir so noch nicht begegnet ist. Was auf dem europäischen Kontinent so passierte, wurde über die letzten Jahrzehnte ausgearbeitet und erforscht oder war in der Schule im Lehrplan vorhanden. Doch das es auch deutsche Kriegsgefangene in den USA gab und das sie dort bei der Landwirtschaft und anderen einfachen Aufgaben helfen mussten, war mir nicht bekannt. Ein Buch, welches bei mir persönlich nachklingen wird, allein wegen seiner Thematik. Zum Ende hin verliert sich der Fokus ein wenig, aber geschrieben ist es von vorne bis hinten richtig gut.

Viele Möglichkeiten, aber nur eine Entscheidung

Dieser Roman behandelt das Leben von Franz Schneider, der einer dieser Kriegsgefangenen war. Wie es ihm in dieser Zeit erging und zu was für einen Menschen es ihn gemacht hat, wird anhand von zwei Zeitebenen verhandelt. Die erste spielt in der Zeit, während Franz in Kriegsgefangenschaft gerät und in die USA gebracht wird. Vor allem die Begebenheiten in zwei Lagern werden konkreter thematisiert. Im ersten Lager und während der Reise macht er Bekanntschaft mit Paul, der sich als Amerikadeutscher dem deutschen Heer anschloss und die Ideologien innerhalb der USA vertrat. Durch die grausamen Taten der Deutschen in Russland, und speziell in Stalingrad, geläutert, hat sich dieser Idealismus zu 100% gedreht, was ihm in der Gefangenschaft zum Verhängnis wird. In den Lagern gibt es zwei Parteien. Zum einen die, die wie Paul die Seite gewechselt haben und dem Hitlerregime abgeschworen haben. Und auf der anderen Seite diejenigen, die immer noch mit Hitlerdeutschland und den damit verbundenen menschenverachtenden Thesen sympathisieren. Paul macht gnadenlos Jagd auf diese zweite Gruppe und diese schlagen ebenso gnadenlos zurück, um ein Exempel zu statuieren. Durch die enge Verbundenheit von Franz und Paul stellt Franz infrage, ob es richtig ist, die Hitlersympathisanten so zu jagen und bei den Amerikanern anzuschwärzen. Die Angst lähmt ihn von Tag zu Tag immer mehr, dass es ihn auch bald wie seinem Freund ergehen könnte. Dann wird er in ein anderes Lager verlegt. Die Angst zieht aber mit.
Die Erinnerungen an die Vergangenheit werden durch eine Reise ausgelöst, die Franz mit seinem Enkel Martin an die alten Stätten unternimmt. Die Beziehung zwischen Martin und Franz ist als gestört zu bezeichnen, da sich Barbara, die Tochter von Franz und Mutter von Martin vor langer Zeit überworfen haben, auch weil Franz über seine Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht reden konnte oder wollte. Bei dieser Reise betritt Franz das erste Mal seit seit seiner Gefangenschaft amerikanischen Boden und wird in die alte Zeit zurückgeworfen. Erinnerungen werden herausgeschält und Martin ist Zeuge davon. Keineswegs verächtlich oder mit Groll denkt Franz an diese Vergangenheit. Vielmehr denkt er gern daran zurück, denn im zweiten Lager war die Angst unbegründet und er konnte seine „Jagd“ nach Nazisympathisanten unter den Lagergefangenen weiterführen, denn sie waren in der Minderheit.
Nach der Reise schickt Franz ein ganzes Paket Briefe an seine Tochter. Er ist gewillt, das Eis zwischen ihnen zu brechen und endlich die Wahrheit an sie heranzutragen. Diese Briefe bergen ein Geheimnis, welches Franz seit jener Zeit mit sich herumgeschleppt und niemanden außer seinen eigenen Frau anvertraut hat. Sie zeigen auf, welches Leben für Franz möglich gewesen wäre.

Weltkriegsroman ohne Krieg

Hannes Köhler hat mit diesem Roman ein Thema angeschnitten, welches mir gänzlich unbekannt war – Kriegsgefangene in den USA. Kriegsgefangenschaft innerhalb Europas ist gang und gäbe und schaut man auf die russische Seite gab es sicher viele, die als gebrochene Männer zurückkehrten, sofern sie zurückkehrten. Doch was mit den Kriegsgefangenen auf amerikanischer Seite passierte, habe ich mich nie gefragt. Doch nun hat Hannes Köhler mit diesem Buch ein kleines Tor in diese Richtung aufgestoßen und ich finde interessant, was sich dahinter verbirgt. Die Recherchen, die er dafür hat aufbringen müssen, erscheinen mir enorm, so realistisch beschreibt er die Lager und die Situation innerhalb der deutschen Gruppe. Insbesondere der Zwist zwischen Sympathisanten und erbitterte Gegner des Hitlerregimes wird in meinen Augen sehr gut herausgearbeitet. Gerade hier zeigt sich, dass schon während Kriegszeiten ein Reinigungsprozess im Gange war, der aber nie richtig durchgeführt werden konnte, da sich die Leute nach dem Krieg hinter der Demokratie verstecken konnten. Und an bestimmten Situationen wird auch aufgezeigt, sofern man nicht zu drastischen Maßnahmen bereit war, dass den Leuten, die Jagd auf Nazis machen wollten, oft die Hände gebunden waren.
Doch im Vordergrund steht das in diesem Roman nicht. Vielmehr behandelt der Roman den Titel des Buches und was dieser an Interpretationen zulässt. Die Eindeutigkeit wird erst im letzten Drittel des Romans deutlich. Es schält sich zwar so nach und nach heraus, auf welches Leben es es für Franz hinaus gelaufen ist und was hätte sein können. Doch wie Hannes Köhler das herbei führt und beschreibt ist für mich emotional großes Kino und lässt einen das Buch schnell lesen. Ohne großes Aufhebens beschreibt er einen Mann, der Angst um seine Familie in der Heimat hat, der Angst vor den Situation in den Lagern hat, der versucht die lückenhaften Informationen aus der Heimat zu verarbeiten und der trotzdem Courage zeigt. Und er zeigt den gegenwärtigen, alten Mann, der noch einmal die Chance hat, die Vergangenheit zu besuchen und alles aufzuarbeiten, wozu er früher nie in der Lage war, weil immer die Angst und Zurückhaltung in seinem Leben eine große Rolle spielte.
Dieses Buch ist ein Kriegsroman, in dem der Krieg nur in Erzählungen eine Rolle spielt. Bis auf gewisse Begebenheiten geht es sogar recht friedlich zu. Der Umgang zwischen Amerikanern und Deutschen ist von Respekt geprägt. Kein Hass oder ähnliches dringt durch. Vielmehr ist es eine Art Verbundenheit, die da stellenweise durchscheint, denn irgendwie sitzen alle im selben Boot und versuchen, die zu finden, die die Ruderarbeit mit ihren ideologischen Ansichten sabotieren. Nur wenige Schüsse werden abgefeuert in diesem Buch und diese noch nicht einmal in kriegerischer Absicht, mehr aus der Not heraus. Ansonsten ist es ein ruhiges Buch, welches einen gerade deswegen so emotional packen kann.
Die zwei Zeitstränge sitzen für mich perfekt und haben mich auf eine historische Tatsache gestoßen, die mir bislang gänzlich unbekannt war. Hannes Köhler versteht es, diese historischen Tatsachen packend zu erzählen, so dass man unbedingt wissen will, wie zum Beispiel Franz in einem der Lager seine Finger verliert. Aber auch die erzählerischen Nebenstränge wie Martins bevorstehende Vaterschaft mit einer für ihn noch relativ unbekannten Frau und auch das Verhältnis zwischen Barbara und ihrem Vater werden fließend in die Geschichte eingebunden. Zweiteres entwickelt sich sogar zu einem der essentiellen Stellen in diesem Buch. Alles in allem hat mich an diesem Buch vor allem die Grundthematik interessiert und ich bekam dafür einiges mehr geboten, als ich anfänglich dachte. Volle Empfehlung für dieses Buch. Eine nicht unbedingt lockere Lektüre, aber lohnenswert.

Vielen Dank an den Ullstein Verlag, die mir die eBook- Variante über das NetGalley-Portal zur Verfügung stellten.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr auf den folgenden Blogs:

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9 Kommentare zu „[Rezension]: Hannes Köhler – Ein mögliches Leben

Gib deinen ab

  1. Hannes Köhler konnte mich mit „Ein mögliches Leben“ auch ziemlich überraschen. Da lese ich so viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg, muss aber zugeben, über die Kriegsgefangenen in den USA habe ich bis jetzt auch noch nie was gehört.
    Und auch die Umsetzung. Ein Buch der Erinnerungen, so szenenhaft erzählt, dass man beim Lesen gar nicht merkt, dass es eigentlich Erinnerungen sind, die da erzählt werden.

    Auch bei mir: Es hat meine Erwartungen übertroffen.

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Marc,

    danke für deine eindrucksvolle und detailreiche Besprechung, bei der ich mir die Geschichte und Atmosphäre gut vorstellen konnte. Das Buch taucht seit einigen Wochen regelmäßig in den diversen Kanälen auf, aber die Besprechungen von dir und Iris waren bisher die einzigen, bei denen ich mich wirklich „in das Buch mitgenommen“ fühlte – und damit das Buch auch im Hinterkopf behalten werde.

    Viele Grüße und dir und deinen Lieben ein frohes Osterfest!
    Kathrin

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Kathrin,

      danke für die lieben Worte zu diesem Beitrag. Das Buch ist wirklich eine Empfehlung, angenehme Lektüre und ein Thema, über welches man wenig weiß. Sehr schön integriert in eine persönliche Geschichte.

      Liebe Grüße und schöne Ostern.

      Gefällt mir

  3. Lieber Marc,
    das Thema war mir neu. Klar die deutschen waren in Europa und in Russland in Gefangenschaft, aber in der USA hätte ich nicht gedacht. Das Buch wandert mal direkt auf meine Wunschliste. Ich finde die Zeit spannend. Meine Großväter waren beide in italienischer Gefangenschaft, wenn ich es richtig aus Erzählungen behalten habe.
    Bei meiner Großmutter auf dem Hof war ein Französischer Soldat als Gefangener. Von den Erzählungen hat er wirklich Glück gehabt.
    Danke, dass du mir das Thema ein wenig näher mit dem Buch wieder gebracht hast.
    LG Kerstin

    Gefällt 1 Person

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