[Interview]: Nachgefragt bei… Mareike Fallwickl

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Mareike Fallwickl, Bildrechte/Copyright©Gyöngyi Tasi

Mit „Dunkelgrün fast Schwarz“ hat sie einen der eindrucksvollsten Romane des Frühjahrs hingelegt. Alle, aber wirklich alle Kritiken, die ich zu diesem Buch gesehen habe, waren voll des Lobes über diese vergiftete Dreiecksgeschichte, die in der Vergangenheit und Gegenwart spielt. Mareike Fallwickl hat für dieses Buch eine sehr bildstarke, dichte Sprache verwendet, die einen regelrecht durch das Buch treibt. Man kann es kaum aus der Hand legen und muss unbedingt wissen, wie es weitergeht. In der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, die sowieso für sehr gute, literarische Texte bekannt sind, ist dieses Buch für mich eines der Besten, welches ich in den letzten Jahren lesen durfte und hat sich für 2018 schon jetzt einen Platz auf dem Treppchen gesichert. Meine Rezension zum Buch könnt ihr hier (klick mich) nachlesen.
Ich habe mich via Email mit der Autorin ein wenig darüber ausgetauscht, wie sie an ihre Geschichten herangeht, ob sie mit dem Erfolg gerechnet hat und wie sie das alles schafft (Bücher schreiben, zwei kleine Kinder und vieles anderes mehr) – wie sagt sie so schön: „Es ist ein Tanz am Abgrund“. Viel Spaß mit dem Interview und danke Mareike für deine Zeit, die ja aktuell durch die Lesereise etwas knapper als sonst bemessen ist.

An erster Stelle möchte ich dir Glückwünsche aussprechen. Für ein gelungenes Buch, für einen grandiosen Start und zu unzähligen begeisterten Stimmen, die sich in der Bloggerwelt und auch im Feuilleton finden lassen. Hast du diesen Erfolg erwartet?

Marc, was für eine Fangfrage! Wenn ich jetzt Nein sage, klingt das kokett. Tatsache ist jedoch, ich hatte immer einen sehr konkreten Plan, der sah so aus: Ich schreibe ein Buch, ich finde einen Verlag, der Verlag veröffentlicht das Buch. Danach war der Plan zu Ende. Ich hab mir nie überlegt, was danach folgt. Und auch als freie Lektorin begleite ich alle Bücher ja nur bis zur Drucklegung. Erst kurz vor Erscheinen von „Dunkelgrün fast schwarz“, als das Leseexemplar die Runde machte, wurde mir bewusst, dass die Reise ja gar nicht zu Ende ist, sondern noch eine Etappe kommt. Da ich mich ja in der Literaturwelt sehr gut auskenne, war ich aber davon überzeugt, dass das Buch in den Fluten der Neuerscheinungen einfach untergehen wird. Jetzt bin ich umso glücklicher, dass das nicht geschehen ist.

An für mich nicht mehr bestimmbarer Stelle hatte ich mal gelesen, dass der auslösende Grund für deinen Roman ein AK- Vorfall auf dem Spielplatz war. Wie kam es dazu und wie hat sich „Dunkelgrün fast Schwarz“ aus dieser Situation heraus destilliert?

AK-Vorfall ist ja eine gute Formulierung J Auf jenem Spielplatz hab ich eine Szene beobachtet, die der Ursprung für alles war. Ein vierjähriges Kind, das von der Rutsche herunterkam, trat im Schwung seiner Bewegung mit voller Absicht brutal auf seinen Babybruder. Das Kind schaute mich an und wusste, dass ich alles bemerkt hatte. Ich kannte das Kind. Es war ein sogenanntes Arschlochkind. Ich sagte nichts, ich stand nur da, das Kind sah mich an und grinste. Dieser Moment hat mich nicht mehr losgelassen. Ich hab mich gefragt: Warum sind manche Kinder so, woher kommt das? Liegt das an den Eltern oder ist es angeboren? Und was wird aus ihnen, wenn sie erwachsen sind? Das Buch ist die fiktive Antwort auf diese Fragen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es immer eine Mischung aus vielen Faktoren ist, die ein Kind zum AK machen. Jedoch muss da auch eine gewisse Anlage vorhanden sein. Jedenfalls hast du mit Raffael einen schönen Prototypen von dieser Art Kind geschaffen, der aber trotz seiner Arschlochhaftigkeit im Roman eine vielschichtige Person ist. In manchen Momenten, wenn du über Raffael schreibst, der ja im Roman nie ein eigenes Kapitel hat, sondern nur durch andere beschrieben wird, merkt man deine Fassungslosigkeit und auch Hilflosigkeit gegenüber oben beschriebener Situation an.
Die Stelle an der du die Synästhesie einführst war für mich im Roman eine Art Schlüsselreiz. Es hatte beinahe in mir ein schiefes Bild erzeugt und war trotz des Bewusstseins, welche besondere Auffassungsgabe Moritz da aufweist, ein Brocken, den ich schlucken musste. Es hat funktioniert und ich kam nach ein paar Seiten immer besser damit zurecht. Wie kam es, dass du Moritz diese besondere Art der Wahrnehmung zugetragen hast und nicht etwa Depression oder eine andere spezielle Art seiner Wesenszüge?

Das war gar nicht ich, das war Moritz selbst. Er hat diese Farben mitgebracht. Wenn Autoren erzählen, ihre Figuren hätten ein Eigenleben, denkt man ja: Der spinnt. Das ist aber wahr. Wann immer ich Moritz geschrieben habe, war alles voller Farben – und das fand ich am Anfang schrecklich. Beim Überarbeiten hab ich das wieder und wieder gelöscht, alles war blau und silbern und rosa, ich hab mich gefragt, was das bitte soll. Aber es ließ sich nicht ausmerzen, und irgendwann hab ich akzeptiert, dass Moritz eben so ist und die Welt so wahrnimmt. Ich hab meinen Bruder gebeten, der an der Uni arbeitet, für mich Bücher über Farbwahrnehmung und Synästhesie auszuleihen, und hab mich in das Thema eingearbeitet. Später war ich Moritz sehr dankbar, denn ich hab gemerkt: Durch seine Art der Wahrnehmung konnte ich viel freier und origineller schreiben, Figuren zeichnen, die Welt darstellen, einen neuen Blick darauf werfen – wie man ihn noch nicht so oft gelesen hat. Da haben wir uns dann miteinander versöhnt, Moritz und ich.

Jedenfalls hast du mit Moritz einen sehr einfühlsamen Charakter geschaffen, der mir persönlich im Buch am besten gefallen hat beziehungsweise am nächsten war und mit dem ich dadurch auch richtig gut mitleiden konnte. Hand aufs Herz, mit welchem deiner geschaffenen Charaktere fühlst du dich am meisten verbunden und warum?

Mir wird seit Erscheinen des Buchs angedichtet, ich würde mich mit Marie identifizieren bzw. sie sei eine autobiografische Figur. Das kann ich nicht mal annähernd bestätigen, ich gehe mit Marie viel härter ins Gericht als die Leser und gebe ihr sehr viel Schuld an allem. Ich würde mich nie im Leben so verhalten wie sie – ich bin sehr direkt und selbstbewusst. Aus diesem Grund ist mir auch Moritz viel zu passiv und zu fremdbestimmt. Dasselbe gilt für Johanna, die in ihrer Abhängigkeit gefangen ist. Im Endeffekt ist es so, dass ich mit all meinen Figuren sehr viel gelitten und mitgemacht habe, sie waren mir für lange Zeit sehr nah – aber richtig verbunden fühle ich mich keiner von ihnen, und weil sie so kaputt sind, kann ich da nur sagen: Gott sei Dank.

Mit Johanna, Marie und Sabrina hast du drei Frauenfiguren geschaffen, die in manchen Kritiken als zu unterwürfig bezeichnet werden und nicht in das heutige propagierte Frauenbild passen würden. Ich habe das Verhalten als zu den Frauen passend empfunden und würde das gar nicht so sehr auf die heutigen Debatten beziehen. Wie siehst du das?

Mir wurde ja vorgeworfen, wie ich es wagen könne, in Zeiten von #metoo solche Frauenfiguren zu schreiben, es wurde auch behauptet, mein Buch bedeute „schlechte Neuigkeiten für die Emanzipation“. Das ist gelinde gesagt lächerlich. Erstens bin ich nicht dafür zuständig, in einem Roman eine bessere Gesellschaft zu entwerfen als jene, in der wir leben, zweitens spielt Maries Teil in den Achtzigerjahren, drittens gab es die #metoo-Debatte noch nicht, als der Roman entstanden ist, viertens bilde ich eine Wahrheit ab, die genau so existiert – ob uns das gefällt oder nicht. Davon abgesehen sind die Frauenfiguren FIKTIV, sie können sich verhalten, wie sie wollen, wie es ihrem Typ entspricht – und warum sollte es plötzlich keine abhängigen, unterwürfigen Frauen mehr geben, nur weil wir über bestimmte Rollenbilder diskutieren? So einfach ist ja dann doch nicht.

Vor kurzem hattest du mal gepostet, wie du das alles bewältigst. Da ich ebenfalls zwei Kinder habe, einem Broterwerb im technischen Bereich nachgehe und neben dem Lesen noch andere Aktivitäten nachgehe, habe ich immer mal wieder „neidisch“ auch zu dir hinüber geschaut und mich gefragt, wie das alles zeitlich passt. Und nun schreibst du auch noch so gute Romane. Deshalb die Frage, wie schaffst du das alles? Und wie wirkt sich dieser „Druck“ (falls du das überhaupt als Druck empfindest) auf dein Schreiben aus?

Neidisch, ich bitte dich! Ich tanze jeden Tag sehr nah am Abgrund. Ich schlafe wenig. Das alles kostet mich bestimmt einige Lebensjahre wegen der permanenten Überanstrengung. Als Druck empfinde ich es aber nicht und auch nicht als Stress. Ich bin sehr gut organisiert, irrsinnig schnell bei allem, was ich tue, und habe außerdem einen Mann, der sich die Kinderbetreuung gleichwertig mit mir aufteilt. We are in this together. Ich sehe das Schreiben nicht als losgelösten Prozess, für den man eine bestimmte Atmosphäre braucht und Roibostee und Ruhe. Ich bin nie allein, überall um mich herum herrscht ständig Chaos. Deswegen schreibe ich einfach, wenn sich gerade eine Möglichkeit auftut, und auf Knopfdruck. Das hab ich in zehn Jahren Texten gelernt, zum Glück. Und vor allem will ich es, ich will es unbedingt.

Dieser Schreibprozess klingt fast genauso, wie ich meine Blogtexte mache, halt nur ein paar Nummern größer als bei mir. Wie muss man sich dann die Herangehensweise bei deinem Debüt konkret vorstellen? Konzept, frei Schnauze oder eine Mischung aus beidem abhängig von der Phase, wo du gerade mit dem Schreiben gesteckt hast?

Absolut organisiert, mit fertigem Konzept und Storyboard. Ich wusste genau, was alles geschehen sollte – und wie die Geschichte enden würde. Daran habe ich mich entlanggehangelt, auch wenn natürlich zwischendrin immer etwas passiert ist, mit dem ich nicht gerechnet hatte und das sich aus der Dynamik des Romans ergeben hat. Aber generell gehe ich da mit einem ausgefeilten Plan an die Sache heran.

Kleine, nicht ganz ernst gemeinte und vorletzte Frage: Ist es überhaupt ein Debütroman?

Das kannst du interpretieren, wie du möchtest. Platziert ist es als literarisches Debüt, denn „Auf Touren“ war ja Genre (und eine Auftragsarbeit – Anmerkung der Redaktion: Erschienen im Schwarzkopfverlag).

Auf Instagram oder facebook hatte ich gesehen, dass du mittlerweile schon an deinem zweiten Buch schreibst. Deshalb zum Schluss noch die Frage ob du uns da schon einen kleinen Fingerzeig geben kannst, worum es sich in diesem Roman handeln wird und ob es einen ähnlichen Ton wie „Dunkelgrün fast Schwarz“ hat?

Ui. Ja. Die Ausgangsfrage war dieses Mal: Was geschieht, wenn jemand Briefe bekommt, die nicht für ihn bestimmt sind, wenn er sie liest, wenn sie etwas auslösen bei ihm? Es ist streng genommen wieder eine Familiengeschichte, doch der Ton ist ganz anders – nicht so bildreich, farbenprächtig und ausschweifend wie bei „Dunkelgrün fast schwarz“, sondern bissig, sarkastisch, reduziert. Es geht ums Scheitern und um Neuanfang, um die Frage, wie gut Eltern ihre Kinder eigentlich kennen, und vor allem um das vorherrschende Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen.

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6 Kommentare zu „[Interview]: Nachgefragt bei… Mareike Fallwickl

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    1. Hallo Miri,

      danke für deinen Besuch und du wirst es nicht bereuen. Dieses Buch wird seinem Ruf gerecht. Lies es und du wirst mit 95%iger Sicherheit begeistert sein.

      Gefällt mir

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