[Rezension]: Philip Kerr – Friedrich der große Detektiv

IMG_20180527_123505_000.jpgHommage an Erich Kästner und seinen berühmten Detektivroman

Dieses Buch hatte ich mir gekauft, weil ich ein großer Fan von Erich Kästner und seinen Kindergeschichten bin (ein paar Rezensionen zu seinen Büchern habe ich ja schon geschrieben – siehe hier und hier). Insbesondere die Geschichte um Emil und die Detektive sind ein Dauerrenner bei uns im Haus. Die Kinder fordern es immer mal wieder ein, diese Geschichte vorgelesen zu bekommen und auch selbst will man diese Geschichte immer wieder in die Hand nehmen. Da ist es fast logisch, dass man um Philip Kerrs Hommage an diese Geschichte fast gar nicht herum kommt. Sie muss eigentlich zwingend in den heimischen Bücherschrank wandern.
Dieses Buch hat eigentlich alles, was auch ein Buch von Erich Kästner ausmachte. Das nötige Augenzwinkern, um dem Ernst der Lage ein wenig zu trotzen. Doch etwas ist anders in diesem Buch. Hat sich Erich Kästner in seinen Kindergeschichten meist nur in Andeutungen ergeben, so ist Kerr in dieser Geschichte direkter. Somit kann man das Buch eigentlich mehr in die Ecke Jugendbuch stellen, denn es zeigt für einen kleinen Zeitraum ganz deutlich auf, inwieweit die unbeschwerte Kindheit durch den Nationalsozialismus schaden tragen konnte. Das Buch konnte mich nicht vollends überzeugen und doch würde ich es jedem Jugendlichen und auch Erwachsenen mit Freude in die Hand drücken. Es ist ein gutes, aber nicht immer fröhliches Lesevergnügen.

Eine Herrschaft beginnt, eine Kindheit endet

Friedrich Kissel ist ein Junge von etwa 10 Jahren, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen. In etwa diesem Zeitraum spielt auch dieses Buch. Vom Januar an bis weit in die zweite Hälfte von diesem speziellen Jahr und einem kleinen Epilog im Jahr 1945. Dieses Buch behandelt vordergründig das Leben vom titelgebenden Friedrich, seiner Liebe zum Buch „Emil und die Detektive“ und seine Freundschaft zum Autor Erich Kästner.
Friedich ist ein aufgewecktes Kind, dessen Wunsch, Detektiv zu werden, durch Erich Kästners Buch immer mehr bestärkt wird. Aufgrund der Freundschaft seiner Eltern mit dem Autor, kommt er auch direkt mit ihm in Kontakt und zwischen beiden entsteht ebenfalls ein freundschaftliches Verhältnis. Wenn Friedrich nicht mehr weiterweiß und seine Eltern nicht unbedingt um Rat fragen möchte, wendet er sich an Erich Kästner, der ihm mit Rat beiseite seht.
Doch die dunklen Wolken am Horizont trüben das Gesamtbild ein und spätestens als jemand bei der Polizei Friedrich und seine Freunde bittet, Erich Kästner auszuspionieren, weil er ein russischer Spion ist, wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Erich Kästner als Romanfigur

Dieses Buch atmet förmlich den Geist von „Emil und die Detektive“. Es fängt schon beim Cover an, welches mit seiner Farbgebung und seinem Aufbau direkt an das berühmte Kinderbuch anknüpft. Auch spielt Erich Kästner als Romanfigur einige entscheidende Rollen und ist neben Friedrich sogar eine der Hauptpersonen und auch der Ton ist mit einem kräftigen Augenzwinkern versehen, zumindest am Anfang des Buches.
Doch etwas entscheidendes ist anders. Während Kästner in seinen Büchern die Probleme der Erwachsenenwelt meist nur in Andeutungen unterbrachte, mischt Kerr die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die direkten Folgen direkt in die Geschichte ein und lässt sie somit erwachsener wirken und erschreckender. Bei Erich Kästner ist meist ein Augenzwinkern vorhanden und die Kindheit bleibt die Kindheit. Doch Philip Kerr treibt seine Hommage ein wenig weiter. Meint man jetzt, dass das nicht funktionieren kann, dem rufe ich entgegen, dass er falsch liegt. Dieses Buch funktioniert ganz hervorragend. Es erzählt eine Geschichte um Friedrich, seine Liebe zu Büchern und seine idolhaftes Aufsehen zum Autor Erich Kästner. Es ist alles so glaubhaft geschrieben, dass man meinen könnte, man hätte im Nachlass von Erich Kästner eine autobiografisch angehauchte Geschichte gefunden. Der Ton stimmt, die Geschichte ist stimmig und auch die Tonalität der Erzählung passt zu den Zeitläuften, die in diese Geschichte mit einfließen.
Man könnte dem Buch nur ein einzige Sache ankreiden. Das es so abrupt endet. Der Abschluss wirkt ein wenig uninspiriert, ganz so als hätte der Autor nicht mehr gewusst, was er noch erzählen sollte. Anders herum kann man es aber auch deuten, wie es Erich Kästner in „Als ich ein kleiner Junge war“ getan hat. In dem Moment als die Kindheit endet, und das ist bei Friedrich ganz eindeutig bestimmbar, dann ist auch die Geschichte vorbei und ein Abschnitt beginnt, der nicht mehr so einfach zu erzählen ist. Der mehr Wendungen aufweist und schlimme Dinge auf die Personen zukommen lässt, dass es kein Buch der Welt als Jugendbuch nacherzählen könnte. In diesem Sinne ist das Ende logisch durchdacht.

Vielen Dank Herr Kerr für diese Geschichte. Schade, dass ihre Stimme so plötzlich verstummen musste!

 

Dieses Buch stolperte mir zufällig über den Weg und die Anlehnungen an Erich Kästner haben mich keinen Moment zögern lassen. Doch dann musste dieses Buch doch eine Weile liegen bleiben, bis ich es lesen konnte. In der Zwischenzeit ist der Autor viel zu jung und tragischerweise ums Leben gekommen und die Literatur um eine Stimme ärmer geworden. Ich habe zwar bisher nur das vorliegende Buch von Herrn Kerr gelesen, aber es ist traurig, dass diese Stimme von uns gegangen ist. Post mortem vielen Dank für dieses spannende Buch, welches ich jedem Fan von Erich Kästner und/oder spannend geschriebenen Kinder- und Jugendbüchern nur ans Herz legen kann. Dieses Buch ist jede Seite, jedes Wort wert es zu lesen.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei:

2 Kommentare zu „[Rezension]: Philip Kerr – Friedrich der große Detektiv

Gib deinen ab

  1. Oh wei, das Buch habe ich mir gleich bei Erscheinen gekauft und immer noch nicht gelesen. Ich hole es gleich mal ganz oben auf den Stapel. 😀
    Darauf aufmerksam wurde ich zuerst durch den Autor, da ich kurz zuvor „Winterpferde“ von ihm gelesen habe, das mich sehr begeistern konnte. Dass das Buch nun auch noch eine Hommage an Erich Kästner abbildet, machte es nur umso attraktiver.
    Viele Grüße,
    Mona

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Mona,

      bei mir lag es auch lange Zeit nur herum. Hatte zwar die ersten zwei Kapitel geheißen, aber es kam immer noch ein anderes Buch dazwischen. Dann habe ich es mir aber explizit vorgenommen und war begeistert. Viel Spaß beim Lesen.

      Liken

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