[Rezension]: Kathrin Weßling – Super, und dir?

Drogenspuren auf dem Handydisplay

IMG_20180606_150703_101.jpgMarlene, eine Frau, die die Dreißig überschritten, die ihre Ausbildung abgeschlossen hat, die einen Beruf ausübt, den es vor 10 Jahren noch nicht einmal gab. Eigentlich alles super (das Wort kommt noch öfter vor – versprochen), oder? Eigentlich nicht, denn der Job ist prekär zur Ausschreibung angesetzt und sie konkurriert mit einer Kollegin um die einzige freie Stelle, was beide zu Höchstleistungen anspornen soll, in einem Bereich der Firma, die für Werbung im Social Media Bereich zuständig ist, um Kunden oder Influencer zu ködern. Dabei müssen sie ihr Hirn kräftig anstrengen. Und das bringt sie immer näher an einen Burn-Out. Sie steht ständig unter Strom, will für die Arbeit die beste Leistung bringen, wird von ihrem Chef dazu angetrieben und soll sogar ihren lange geplanten Urlaub verschieben, um super (ya know!) wichtige Projekte voran zu treiben. Und über allem kreist ständig die Frage, ob das schon alles war. Freund, Wohnung, Job, Geld, später mal Kinder und dann? Aber eigentlich ist doch alles super, nicht wahr?
Ihren Stress und ihre ständig unter Strom stehenden Gedanken versucht sie in Drogen und Alkohol zu ertränken beziehungsweise zu pudern. Sie nimmt alles querbeet zu sich und redet sich ständig ein, kein Junkie zu sein. Doch sie rutscht immer mehr in die Abhängigkeit, versucht mit den Drogen den Kopf abzuschalten. Desto schneller das Karussell im Kopf, umso höher das Verlangen nach den verschiedensten Drogen, die sie in sich hineinschniefen will. Diese Spirale, die sie immer mehr gefangen hält, lässt sich kaum noch aufhalten. Sie lässt es nicht mal ihren Freund merken, dass etwas nicht stimmt. Keine hilft ihr, weil sie sich nicht helfen lassen will, denn eigentlich ist doch alles super und es besteht keine Not in ihrem Leben.
Die große Frage, die über allem nun kreist: Kommt sie aus diesem Strudel, der sie immer mehr nach unten zieht, heraus und kann sich befreien? Oder bringt sie alles in Gefahr, was sie bis dato erreichte? Wann zieht sie Konsequenzen?

Alles ist super, alles ist wunderbar…

Die heutige Arbeitswelt ist zersplittert bis in die kleinsten Teile. Klassische Handwerksberufe, die es früher noch in Masse gab, sterben immer mehr aus, dafür werden die computerbezogenen Jobs immer mehr. Von vielen dieser Arbeitsbeschreibungen, wie es im Buch zum Beispiel vorkommt, war vor 10 Jahren noch kein einziger vorhanden oder im entferntesten daran zu denken. Das diese Masse an Jobs von vielen erledigt werden kann und diese trotz ihrer Masse prekär sind, liegt fast auf der Hand. So ergeht es der Hauptfigur Marlene, aus deren Sicht diese Geschichte komplett und in atemlosen Worten erzählt wird. Sie feiert ihren 31.Geburtstag und sie fragt sich im Rausch und will von niemanden etwas hören, nimmt keine Anrufe entgegen und will nur für sich sein. Ihr Leben ist eigentlich super und doch zerbröselt gerade alles vor ihren Augen. Sie gibt im Stakkatoton von sich, wie es ihr bis zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben ergangen ist, mit allem Drum und Dran. Zu Beginn des Buches will man Marlene in den Arm nehmen und trösten, ihr gut zureden, ihr sagen, dass alles sich einrenken wird und das Leben noch nicht vorbei ist, nur weil man sich vielleicht auf eine Richtung festlegt. Doch man wird nicht in ihren Kopf eindringen können, weil es gar nicht geht. Da steckt etwas anderes dahinter, bei dem sie sich Hilfe suchen müsste. Dieses Gedankenkarussell, welches in ihrem Kopf tobt, ist kaum von Freunden und Verwandten aufzuhalten, erst recht nicht von den Drogen und dem Alkohol. Doch genau darin ertrinkt sie. Sie unterdrückt es immer wieder, sich irgendjemanden zu öffnen, weil sie Angst hat, das super super Leben damit einzureißen und eine Tür aufzustoßen, hinter der vielleicht etwas wartet, was sie gar nicht sehen will. Doch selbst als sie endlich über ihren Schatten springt und sich ihrem Arzt öffnet, dass sie Probleme hat, wird sie quasi mit Ausflüchten aus der Tür geschoben, da auch dieser Arzt in seinem Kreislauf steckt und Patient zu Patient hetzt, keine Zeit hat, richtig zuzuhören. Und so kommt es, dass niemand ihr helfen wird und sie verliert sich. In sich selbst und an die Drogen.
Kathrin Weßling ist mit diesem Buch ein rasantes Stück zeitgenössische Literatur gelungen, die man in einem Zug durchlesen kann und fassungslos dabei zusieht, wie sich ein Mensch zerstört, eigentlich fast zerstören muss, weil in ihrem Kopf etwas nicht in Ordnung ist. Man kann gerne einwenden, dass die Vergangenheit der Figur etwas dazu beiträgt, dass sie so handelt, wie beschrieben. Doch das ist nicht das Entscheidende, denn gegen die Auswirkungen der Vergangenheit kann man sich in aller Regel nicht wehren, sie rollt einfach über einen hinweg. Vielmehr erschreckt, wie schonungslos Marlene mit sich selber umgeht und als Auswirkung des sich immer mehr Verlierens, auch schonungslos behandelt wird. Sie unterdrückt immer mehr ihre Probleme, zieht irgendwie die Mundwinkel nach oben und geht mit einem gefrorenen Lächeln durch die Welt. Ist doch alles schön, alles super! Eigenes Geld verdienen, sich etwas kreativ ausdenken, für den Chef da sein. Doch innen drin sieht es tiefschwarz aus, jeden Tag aufs Neue fällt das Aufstehen schwer, möchte man in die Welt schreien, wie scheiße es einem geht und niemand hilft einem, muntert einen auf, sagt, dass es auch wieder besser wird. Marlene muss jeden Tag selber durch diesen tiefen Sumpf waten, der sich Alltag nennt. Selbst ihr Freund ist keine Hilfe, da er anscheinend nur sich selbst genügt.

Gib dem Affen Zucker

sketch1528290924745.pngDas, was uns Kathrin Weßling in diesem Buch beschreibt, könnte glatt aus ihrem eigenen Leben stammen (abzüglich der intensiven Drogenerfahrung – nehme ich mal an), denn sie war selber aufgrund ihrer ADHS- Erkrankung (kann man dazu Erkrankung sagen???) ebenfalls dauernd unter Strom (siehe zum Beispiel das aktuelle Interview für die Zeit). Laut eigener Aussage war sie immer unzufrieden, gestresst, weil alles perfekt, eben super laufen sollte. Doch meist macht es das nicht und es braucht nur einen nichtigen Anlass, zum Beispiel den scheiße schmeckenden, superteuren Latte Macchiato vom hippen Laden ums Eck, der einen aus der Bahn wirft. Wenn man das berücksichtigt, kann man das Buch richtig einschätzen. Erst dachte ich, warum Marlene einfach nicht mit der Sache rausrückt und entweder ihren Freund, oder jemanden aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis ins Vertrauen zieht. Doch so einfach liegt die Sache nicht, was mir erst nach der Situation klar wurde, als Marlene beim Arzt endlich den Mut und die Courage hatte, den Mund aufzumachen. Und was bekommt sie? Nur Standardsätze, um sie wie Fabrikware abzufertigen und zum nächsten Patienten überzugehen. Anfangs wollte ich Marlene schütteln, sie aufwecken. Doch etwas in mir sagte, dass so etwas kontraproduktiv wäre. Wenn von außen alles super ist und keine Anzeichen von Problemen auftauchen, wird man auch nicht eingreifen (können).
Das alles hat die Autorin in einen atemlosen Stil verfasst, der einen das Buch kaum zur Seite legen lässt. Das Wörtchen „super“ kommt mir zwar gefühlt superoft vor, aber das gehört ja mit zum Titel und es verstärkt, wie unter einem Brennglas, die Beschreibungen der Unmöglichkeit aus dem Leben auszubrechen. Ein ganz starkes Stück zeitgenössischer Literatur, welches einen schockiert und verwirrt zurücklässt, auch ein wenig ratlos. Mit Marlene und ihrem ewigen Kampf mit sich selbst konnte ich eingangs wenig anfangen, dachte die ganze Zeit selbst schuld, mach doch was. Doch den betreffenden Knackpunkt nannte ich ja schon, der mich zum Umdenken bewegte. Ist es von der Autorin gewollt, dass man so denkt? Ich nehme an, dass man hier unterscheiden sollte. Zwischen Menschen, die ähnliche Erfahrungen schon durch haben, inklusive Drogen, und solchen, wie mich, denen es nicht so geht. Nimmt man doch diverse Erkrankungen wie ADHS, Depression oder Burn-Out hinzu, ist die Gemengelage fertig, unter denen Menschen komische Dinge tun, die Außenstehende nicht nachvollziehen können, selbst wenn man sich so richtig anstrengt und versucht, sich in diese Leute hineinzuversetzen. Aus dieser letztgenannten Sicht kann ich nur für mich sprechen und finde, dass Kathrin Weßling das ganz stark geschrieben und mir diese Person Marlene näher gebracht hat, so dass ich sie in Ansätzen verstehen konnte. Mir geht es zwar auch manchmal so, dass ich absolut keine Lust habe auf irgendwas, einfach nur daliegen und nichts machen, mit niemanden reden will. Doch sind es Phasen, die mal stundenweise auftreten und nicht über Wochen, Monate, Jahre gar. Dieses Buch würde ich gerade denjenigen ans Herz legen, die sich als normal ansehen, die kein Problem damit haben, auf Arbeit zu gehen und ihren ninetofive- Job zu erledigen. Damit genau diese Leute verstehen, dass es auch Menschen gibt und davon wahrscheinlich nicht wenige, die das nicht schaffen, die wie Marlene Probleme damit haben, aus dem Bett zu kommen und sich nicht aufraffen können, irgendwas zu tun. Die aus einem Punkt der ständigen Bereitschaft und des Motiviertseins genau das Gegenteil davon entwickeln. Für genau diese Menschen, die das nicht kennen, ist dieses Buch genau richtig. Lest es und versteht eure Umwelt beziehungsweise Mitmenschen ein klein wenig besser.

Vielen Dank an den UllsteinVerlag für die Bereitstellung des elektronischen Leseexemplars über NetGalley

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei:

 

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6 Kommentare zu „[Rezension]: Kathrin Weßling – Super, und dir?

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