[Rezension]: Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

Eine Freundschaft

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Oksana und Lena sind Freundinnen, wie sie im Buche stehen. Sie wohnen in demselben Haus, haben ihre Zimmer Wand an Wand. Beide sind gleich alt, haben von klein auf alles zusammen erlebt, auch weil ihre Familien vieles zusammen unternommen haben und sei es nur rauchend im Zimmer zu sitzen und zu quatschen. Doch das ist nur die Ausgangslage, an der die Autorin sich entlang hangelt, um zu definieren, was es heutzutage ausmacht in Russland, speziell hier im St.Petersburger Umland aufzuwachsen, vielleicht nie aus diesem Leben heraus zu kommen, sich damit abfinden zu müssen, ein Leben zu leben, wie es schon die Eltern gemacht haben. Dazu mischt die Autorin noch einiges mehr mit ein. Die Belagerung in Stalingrad ist ein Thema, was sie anhand Oksana definiert, die für sich eine Art „Diät“- Seite im Internet aufsucht, die die Blockade während der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges zum Thema hat. Damit will sie zum einen abnehmen (gruselige Vorstellung), was sie natürlich nicht schafft und zum anderen will sie damit den Verlust von Lena verarbeiten, die es nach Shanghai verschlägt, wo sie für eine Modelagentur angeheuert wurde. So wird anhand des Buches aufgezeigt, wie sich diese enge Freundschaft durch die Teilung weiterentwickelt und wie ganz nebenbei kommen Themen zur Ausnutzung, Abgrenzung, Vergangenheitstrauma, Kriegserfahrungen und einiges mehr zum Vorschein. Das auf knapp über 200 Seiten zu verdichten und dabei den Blick nie von den zwei Mädchen zu lassen ist in meinen Augen stark gemacht, auch wenn man für manche Dinge einen starken Magen braucht (Stichwort: Belagerungsdiät). Es Literatur von einer Autorin, die den Blick in Richtung Osteuropa lenkt und auf die man auch in Zukunft achten sollte. Ein starkes Debüt.

Wie siamesische Zwillinge, plötzlich getrennt

Lena und Oksana verbringen viel Zeit miteinander. Wenn sie sich in ihren Zimmern gegenseitig besuchen und auch da übernachten, kann der Eindruck entstehen, dass sie wie siamesische Zwillinge sind, die nichts und niemand trennen kann. Da entwickeln die Hände ein Eigenleben und erkunden den Körper der anderen. Ein gefährliches Spiel, von dem niemand etwas erfahren darf, gerade in einem Land wie Russland. Doch beiden gefällt es irgendwie und sie wollen auch mehr. Doch diese Entwicklung wird von außen abrupt unterbrochen als Lena überraschend von einer Modelagentur entdeckt wird, da genau ihr Typ in Shanghai gefragt ist. Blass, dünn, groß, osteuropäisch, all diese Attribute werden dort verlangt. Lena nutzt die Chance, um aus dem Kaff zu entkommen, welches im Umland von St. Petersburg liegt.
Durch diese abrupte Trennung ist Oksana völlig desorientiert. Sie, die immer die dickere der beiden war, die zwar gute Noten in der Schule hat, aber sonst nie beachtet wurde. Sie sucht sich ein Ventil im Internet und findet es auf einem Forum, die eine abartige Version einer Diät verbreitet, die mit der Belagerung von Stalingrad im Zusammenhang steht. Oksana tarnt das Ganze als Schulreferat und versucht sich in den Rezepten der Belagerungszeit, als die Menschen Dinge essen mussten, die man unter normalen Umständen nicht mal in Richtung Mund führen würde. Erst ist sie skeptisch, doch mit jedem Like und jedem Herzchen für ihre Beiträge wächst das Selbstvertrauen. Dass sie es bei der Diät nicht so genau nimmt ist dabei geschenkt. Doch als ein Forumsmitglied auf tragische Weise stirbt und Oksana sich die Schuld dafür gibt, setzt ein Umdenken ein und sie kommt wieder an die Realität. Doch erst die Erzählungen von Lenas Oma, von der sich Oksana ebenfalls Informationen über die Belagerung holte, bringen sie erst richtig auf den Boden zurück. Während dieser ganzen Zeit wartet sie vergeblich auf Nachrichten von Lena.
Unterdessen richtet sich Lena in ihrem eher erbärmlichen Leben in Shanghai ein. Sie wird in einer Bruchbude untergebracht, in der noch 5 andere Mädchen und Frauen leben, die von derselben Agentur angeboten werden. Das Leben besteht daraus, zu Castings zu fahren, dort versuchen so gut wie möglich auszusehen, damit man angenommen wird. Denn der Druck ist groß, die Vorschüsse durch die Agentur müssen herein gearbeitet werden und dabei spielt nicht nur das Modeln eine Rolle. Auch andere Dinge aus dem horizontalen Gebiet dienen dazu, Geld an Land zu holen, welches die Mädchen nach Hause zu ihren Familien schicken. Dabei ist die Zeitspanne, in denen ihr Typ gefragt ist, sehr eng gespannt und richtig berühmt wird wohl keine von ihnen. Und doch gefällt Lena dieses relativ trostlose und erbärmliche Leben, da es einen Gegensatz zu ihrem Leben bei St. Petersburg bietet. Sie entkommt der Tristesse und erlebt dabei unzählige Abenteuer. Das sie dabei kaum an Oksana denkt geschieht dabei fast beiläufig und es tut ihr noch nicht einmal weh. Lediglich kurze, stakkatohafte Nachrichten sendet sie ihrer ehemaligen besten Freundin. Wie zerrüttet das Verhältnis der beiden ist, zeigt sich, als Lena über Weihnachten für einige Tage nach Hause zurückkehrt.

Russische Befindlichkeiten? Kriegsgeschichte? Ein Buch über das zunehmende Zerbersten einer Freundschaft?

Es ist alles, aber so gut durchmengt, dass es nicht zu viel wird. Zum einen wird die Freundschaft beziehungsweise das Auseinanderdriften von dieser zelebriert. Oksana lenkt sich mit der genannten Diät ab und so kommt der Zweite Weltkrieg ins Spiel mit der Belagerung Stalingrads, was sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit zu heftigen Szenen führt, die einigen auf den Magen schlagen dürften und auch ich musste bei einigen Szenen mächtig schlucken, da sie sehr realistisch beschrieben waren.
Die zeitgenössischen, russischen Befindlichkeiten stehen da etwas hinten an und werden vielmehr über Lena definiert, die ihre Heimat während ihrer Abwesenheit stärker in den Geist dringen lässt. Wobei sie immer mehr zu dem Schluss kommt, dass, wenn sie schon zwischen zwei negativen Übel wählen muss, sich für das weniger Schlimme entscheidet. Als Außenstehender schwer zu fassen, denn was Lena in Shanghai durchmacht, ist bar jeder Geschmacksgrenze. Da geht es nicht nur ums Modeln, sondern auch um hostessähnliche Dienste, mit denen sich die jungen Frauen Extragagen oder lohnenswerte Jobs angeln.
Beide Hauptfiguren sind also extrem verunsichert. Zum einen Lena, weil sie sich in einer neuen Umgebung und neuen Gesetzmäßigkeiten auseinandersetzen muss. Aus der Tristesse des Dorfes ausgebrochen, erlebt sie die Großstadt wie im Rausch und weiß zu Beginn nicht, wie sich geben soll und ist entsprechend schüchtern. Doch das legt sie mit der Zeit immer mehr ab. Oksana als Daheimgebliebene jedoch nicht. Das alles fängt die Autorin in ihrem Debütroman mit einer unaufgeregten und doch interessanten Sprache ein. Die gewählten Wörter und der ihnen eingepflanzte Ton spiegeln die Unsicherheiten beider Hauptfiguren sehr schön wieder. Wir lernen darüber das Innenleben von Oksana und Lena sehr gut kennen, was sie bewegt und was sie über die jeweils andere denken. Die Autorin konnte mich damit vollauf begeistern und man merkt, dass sie sich tief mit den Gefühlen ihrer Figuren beschäftigt hat.
Die Kehrseite dieser Geschichte ist das Thema der Belagerung Stalingrads und wie die Autorin dies in der Geschichte unterbringt. Wie bereits angedeutet, sucht sich Oksana eine Art Ersatz für Lena, damit sie die Leere während ihrer Abwesenheit füllen kann. Ein Schulreferat über die Zeit der Belagerung und eine rundlichere Figur lassen Oksana in ein Forum eintreten, die sich „Speisepläne“ austauschen, wie sie zur Zeit der Belagerung vorhanden waren, insbesondere im Winter. Das es Oksana mit der Diät nicht ganz ernst ist, wird immer wieder eingestreut und als sie mit Lenas Oma, die nebenan wohnt, über diese Zeit austauschen will, werden ihr die grausamsten Details der Wintermonate nicht erspart und Oksanas Pläne verpuffen zusehends. Ein schlechtes Gewissen bleibt, auch beim Lesen dieser Passagen. Was treibt Mädchen zu solch obskuren Machenschaften? Gibt es solche frei zugänglichen Seiten wirklich? Und warum um alles in der Welt, löffelt man sich so etwas freiwillig hinein? Die schrecklichsten Momente in Oksanas Passagen sind die, wenn sie Lenas Oma nach Erfahrungen befragt und was sie dann erzählt ist kaum auszuhalten.
Zum Glück für uns Leser erzählt Wlada immer in wechselnder Perspektive aus Oksanas und Lenas Sicht, so dass einem beim Lesen Lenas Passagen weniger schlimm vorkommen. Dabei bekommt man im Verlauf der Geschichte immer mehr auseinanderdriftende Erzählstimmen geliefert. Wie bereits angedeutet weicht Lenas Unsicherheit einer gewissen Professionalität, mit der sie ihrer Situation begegnet, während die zurückgebliebene Oksana immer mehr in das Leben rutscht, welches Lena durch ihre Abwesenheit und Erfahrungen, die sie währenddessen macht, immer mehr verabscheut. Kann unter diesen Voraussetzungen die Freundschaft zwischen Lena und Oksana noch bestehen? Dieser Frage sollte man unbedingt nachgehen und bekommt einen eindrücklichen Roman geboten, der zeitgenössische Themen anreißt, aber auch zeitlose Beschreibungen einflechtet. Es ist nicht unbedingt leichte Kost, die man da zu lesen bekommt und man sollte das Buch öfter mal aus der Hand legen. Doch im Endeffekt ist es eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt und welche sich in den Kopf pflanzt, was ich vor und auch während dem Lesen nicht so erwartet hätte.

Vielen Dank an den UllsteinVerlag für die Bereitstellung des elektronischen Leseexemplars über Net Galley

Weitere Besprechungen oder Kurzbesprechungen zum Buch findet ihr bei folgenden Blogs:

 

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

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