[Rezension]: Hanno Millesi – Die vier Weltteile

IMG_20180908_111029_337.jpgMuseumstour der etwas anderen Art

Die Grundaussage dieses Romans klang für mich spannend, weshalb ich bei der Edition Atelier explizit nach einem Rezensionsexemplar fragte, da ich das Buch pünktlich zum Erscheinungstermin gelesen und besprochen haben wollte. Nun ist doch einige Zeit vergangen und das Buch seit einiger Zeit draußen und ich konnte es mir erst jetzt zu Gemüte führen. Doch Papier ist geduldig und mit einer verspäteten Besprechung wird die Geschichte an sich auch nicht schlechter. Die Besprechung selber habe ich vor knapp 2 Monaten schon geschrieben, wollte sie eigentlich auch während meiner Pause veröffentlichen. Nun jedoch ist die Gelegenheit günstig, denn der Roman steht auf der Longlist zum Österreichischen Buchpreis 2018. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an den Verlag und an den Autor.

Kultur, um die Angst zu besiegen

Wir begleiten eine Familie bei einem Familienausflug im Museum. Die Erwachsenen zwar interessiert, aber auch darum bemüht, den Kindern größtmöglichen Spaß an der Sache zu vermitteln, denn welches Kind von dieser Welt schaut sich gerne Bilder an, die schon Jahrzehnte da hängen und auch weiterhin da hängen werden, wenn sie längst groß sind und sich vielleicht etwas begeisterter zeigen als jetzt. Dementsprechend motiviert rollen die fünf durch die Gänge. Doch dann kommt eine Art „Terroranschlag“ dazwischen, der im Foyer des Museums zur selben Zeit stattfindet, von dem der Leser  so gut wie gar nichts erfährt, außer ein paar Schnipsel, die der Erzähler immer wieder einstreut. Ein Mann hat dort Museumspersonal bedroht und sogar einen niedergestochen, weil dieser seine Tasche durchsuchen wollte. Aufgrund dieser Sachlage werden alle Personen, die sich noch im Museum befinden, zu ihrem eigenen Schutz im Gebäude unter der Begründung von technischen Defekten festgehalten. Doch schnell macht diese Nachricht die Runde. Was macht man in dieser Zeit? In einem Museum? Man schaut sich Bilder an und versucht sie in Kontext zu dem zu setzen, was gerade im Museum passiert ist. Schräg? Ja, aber trotzdem unterhaltsam, weil der Umgang mit dem Szenario ein etwas anderer ist, als man es erwarten würde. Panik? Gibt es nicht! Irgendwelche Situationen, in denen die festgehaltenen ob der Situation ungehalten werden? Nein! Das mag zwar unrealistisch klingen, aber irgendwie passte es auch.

Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenem

Hanno Millesi hat mit diesem Buch zwei Themen auf ungewöhnliche Art miteinander vereinigt – Terroranschlag und Kunsthistorie in Form von Bildinterpretationen, womit ich, zumindest aus der kunsthistorischer Sicht wenig anfangen konnte. Wenn ich mich selber in einem Museum aufhalte, ist das meiste, was dort hängt, mit dem Begriff Böhmische Dörfer noch gut umschrieben. Kunsterziehung war für mich in der Schule das Fach, wo ich entweder zwei linke Daumen nachweisen konnte oder bei Beschreibungen von Bildern mir einen Knoten ins Hirn formte. Ob das heute anders wäre kann ich nicht genau sagen, da mein letzter Museumsbesuch bei den Alten Meistern in Dresden auch schon ein paar Jährchen her ist. Wenigstens hatte ich da ein klein wenig mehr Interesse an dem gezeigten als noch zu Schulzeiten, denn ich war ja freiwillig da.
Millesi verbindet nun also eine Art Terroranschlag und den Museumsbesuch einer Familie auf sehr geschickte Art und Weise, indem er so wenig wie möglich über den Anschlag preis gibt und die Familie fast im Unklaren gelassen wird, was wirklich im Foyer des Museums passiert. Er formt damit ein Szenario, welches die Anspannung des Erzählers etwas deutlicher heraus schält und ganz nebenbei eine Art ungewöhnliche Museumstour einbindet. Dabei gibt es in diesem Buch keine Kapitel, die alles voneinander abgrenzen, vielmehr ist es ein langer, einziger Gedankenmonolog, den der Erzähler wahrscheinlich im Nachhinein aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hat. Denn so lassen sich manche Einschübe erklären, die einen Wissensstand bedingen, den der Erzähler während des Besuches noch nicht haben konnte. Doch diese kleinen Einschübe halten sich sehr stark zurück. Vielmehr gehen wir mit der Familie gemeinsam die Bilder im ersten Stock des Kunsthistorischen Museums in Wien ab und bekommen allerhand Bilder zu sehen, die wir über das geschriebene Wort beschrieben bekommen. Das titelgebende Bild, welches die vier Weltteile darstellen soll, wird ebenso behandelt wie einige andere Bilder, zu denen ich leider keinen Bezug hatte. Jedoch schreibt Millesi so plastisch und detailgetreu, dass mir teilweise die Bilder direkt vor Augen stehen. Es ist jedoch nicht das Essentielle, was diesen Roman ausmacht. Vielmehr geht es um die Verbindung des Alten, Bestehenden mit den Herausforderungen unserer Zeit, was in dieser Geschichte mit dem vermeintlichen Terroranschlag einher geht.
Anhand einzelner Bilder wird dieser Zusammenhang hergestellt und die Familie diskutiert darüber, was darauf zu sehen ist und wie man das Gemalte auf das Hier und Heute übertragen kann. Daraus entspannen sich innerhalb der Familie interessante Gespräche und Diskussionen, die mal mehr und mal weniger etwas mit den aktuellen Ereignissen im Museum etwas zu tun hatten.
Doch auch schlechtes muss angesprochen werden, denn dieses interessante Ausgangslage entwickelt sich ab der Hälfte zu einer etwas zäheren Angelegenheit. Zum einen wirken alle trotz der unklaren Situation so entspannt, als würde dieser Ausflug auch unter normalen Umständen genauso stattfinden. Es muss nicht unbedingt Panik ausbrechen, aber war dieses durchs Museum gehen und über Bilder philosophieren irgendwann zu viel und die Handlung tritt auf der Stelle. Irgendwann im Verlauf des Buches hat sich das ungewöhnliche Szenario abgenutzt und wirkt nur noch fad, nahezu ermüdend. Ich konnte den Bildbeschreibungen nichts mehr abgewinnen und dem kompletten Ablauf der Geschichte nur noch stur folgen bis zu seinem etwas kuriosen, aber leisen Ende.
Sprachlich ist am Buch nichts auszusetzen, es liest sich gut und gerade wegen den Bildbeschreibungen sehr lebhaft und nah dran an den Gemälden. Da merkt man, dass der Autor oft in diesem Museum war und die betreffenden Bilder eingehend studiert hat. Doch als weitaus problematischer erweist sich der Aufbau des gesamten Buches, welcher in einem einzigen Gedankenmonolog aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben ist. Keine Kapitel oder irgendwelche Einteilungen, die eine Orientierung erleichtern. Nein, 144 Seiten komplett durch! Ohne Unterbrechung! Auch wenn es ein dünnes Buch ist, strengt es mit der Zeit an, was auch ein Grund sein mag, warum mir ab der Hälfte des Buches die Nerven und die Geduld für das Schicksal der Familie abhandenkam.

Interessantes Ausgangsszenario, irgendwann viel Bildtheorie

Insgesamt lässt sich sagen, dass Millesi ein interessantes Ausgansszenario geschaffen hat und mir, der in Kunst zwei linke Hände hat, ein paar Gemälde sehr plastisch beschrieben hat. Auch ist die Kombination aus Museumsbesuch und Terroranschlag im Anfang eine gelungene. Die Anspannung merkt man dem Erzähler an und das er versucht, auf irgendeine Art, Normalität walten zu lassen. Doch irgendwann nutzt sich diese Ausgangslage ab und ermüdet nur noch. Da kann der Erzähler mit seiner Familie noch so viele Bilder analysieren (was natürlich weiterhin interessant geschrieben ist), aber es geht irgendwie nicht voran. Die Geschichte tritt irgendwann auf der Stelle und ist nur noch das übliche Herumgehen im Museum mit dem Hintergedanken, dass im Foyer eventuell etwas schreckliches passiert sein könnte.

Vielen Dank an die edition atelier für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

 

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Hanno Millesi – Die vier Weltteile

Gib deinen ab

    1. Ich habe mich zum Schluss dann auch nur noch durchgequält. Es, hatte einen guten Ansatz und diese ganzen Bildinterpretationen haben mir diese plastisch vor Augen geführt. Doch es hatte keinen echten Mehrwert, da die Verwicklung mit dem Anschlag nicht richtig zur Geltung kam.
      Donna Darts Distelfink habe ich mir auch noch für irgendwann vorgenommen…

      Gefällt 1 Person

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