[Rezension]: Jan Böttcher – Das Kaff

IMG_20180914_153948_614.jpgEine unbedeutende Ortschaft, irgendwo im Land

Ist es ein gutes Zeichen wenn man nach einigen Tagen des Auslesens von einem Buch nicht mehr viel zusammen bekommt, geschweige denn die Namen schon wieder vergessen hat, die in der Geschichte die Hauptrolle spielen? Anscheinend nicht, dabei begann die Beziehung zwischen mir und dem Kaff durchaus reizvoll, denn sie begann mit einem Sprung ins kalte Wasser an alter Wirkungsstätte. Doch dann verlor sich der Reiz zwischen Flüchtlingslager, neugebauter Immobilie und Fußballplatz. Ein bisschen Familiendrama hier, ein wenig Sinnsuche da und fertig war das Potpourri an gemischten Eindrücken.

Zurück an den Ort der Kindheit

Doch ich greife etwas vor. Worum geht es denn in diesem Buch überhaupt? Da wäre unser Hauptakteur, den ich mangels Namenskenntnis jetzt einfach als Architekt betitele. Ich belasse es einfach dabei, den Namen nicht mehr herauszusuchen, einfach um auch den Punkt zu unterstreichen, wie schnell ich dieses Buch wieder vergessen habe und in meinen Augen das auch darf. Nun, der Architekt kommt in seinen Heimatort zurück, um dort ein Bauprojekt vor Ort zu betreuen und zu managen. Zu dem Zeitpunkt, als der Leser in die Geschichte einsteigt, scheint der Bau relativ gut vorangeschritten zu sein und unser Architekt ist mitten drin in kleinen Scharmützeln mit den Handwerksbetrieben, die entweder falsch liefern oder nicht richtig gebaut haben. Ebenfalls die Wünsche der zukünftigen Besitzer der einzelnen Wohneinheiten muss er sich herumschlagen. Da er in seine alte Heimat zurückkehrt, bietet es sich an, statt bei seiner Familie zu fragen, ob er dort unterkommen kann, auf Betteltour zu gehen. Mit seinem Bruder und seiner Schwester verbindet ihn wenig und seine Mutter ist einer der Hauptgründe, warum der Architekt aus dem Kaff weggezogen ist. Also fragt er einfach bei einem seiner ehemaligen Mitschüler an, ob er bei ihm im Haus nächtigen kann. Da dieser in der Zeit sogar verreist ist, macht die Sache noch besser. Viel hat sich im Kaff nicht geändert, weder auf dem Fußballplatz noch im menschlichen Umgang. Die Zeit scheint irgendwie festgefroren und nur zäh weiterzulaufen.
Das Bauprojekt ist fast eine Art Selbstläufer und so kommt der Architekt dazu sich ein wieder in den Ort einzuleben. Er übernimmt eine Jugendmannschaft bei seinem ehemaligen Fußballverein, bandelt mit einer Frau an, die in dem Neubauprojekt ein Haus beziehen wird und so nach und nach, obwohl er das nicht wollte, fühlt er sich in seiner ehemaligen Heimat wieder richtig wohl. Berlin scheint fern zu sein und auch nicht mehr wichtig, dahin zurückzufahren, obwohl zu Beginn des Romans eine Sehnsucht zu dieser Stadt aufgebaut wurde, was aber mehr mit der Abneigung gegenüber dem Kaff zu tun hatte.

Rückkehr ins Nirvarna der Vergangenheit

Wenn man in seine eigene Vergangenheit zurückgeht, liegen da sicher ebenfalls unzählige Leichen im Keller. Missratene Beziehungen, offene Familienkonflikte, versandete Freundschaften und einiges mehr. Dazu die verklärten oder vielleicht auch miesen Erinnerungen an den Ort der Kindheit, dort wo man aufgewachsen ist und seine ersten unsicheren Schritte in die Welt hinaus gemacht hat. So erging es auch dem Architekten, der durch einen familiären Zwischenfall motiviert sein Kaff verlassen hat und in die weite Welt hinaus gezogen ist. Doch nicht nur der Auftrag veranlasst ihn, nach Hause zurück zu kehren. Den hätte man auch ablehnen können. Nein, es gab noch offene Wunden, die zu heilen waren, damit diese für immer verschwinden konnten.
Der Anfang des Buches war in meinen Augen gewitzt. Der Architekt, aus dessen Ich-Perspektive das Buch geschrieben ist, beschreibt genau das, was mir im Vorfeld durch den Kopf ging, wenn ich in die eigene Heimat zurück müsste. Zwar nicht ganz so überspitzt, aber in manchen Punkten sah ich meine Gedankengänge bestätigt. Doch mit fortlaufendem Lesen entfremdete sich der Stoff von mir. Es ging dann irgendwie zu viel um Fußball und eine Beziehung, die sich ab der der Hälfte des Buches etablierte. Auch der Witz des ganzen nahm mit der Dauer ab oder war einfach nicht mehr prägend. Es passierte irgendwie nichts bedeutendes mehr, dass ich gern am Ball geblieben wäre. Ab der Hälfte versandete in meinen Augen der ganze Stoff.
Als Fazit würde ich für mich ziehen, dass dieses Buch für Zwischendurch sicher ganz nett ist, aber bleibenden Eindruck hat es nicht hinterlassen. Es war gut geschrieben, witzig, teilweise sarkastisch, aber der Stoff gab irgendwann nichts mehr her, um mich weiterhin bei Laune zu halten. Dieses Buch würde ich allen Heimkehrern ans Herz legen, die nach Jahren des sich „nicht blicken lassen“ wieder in die Orte zurück kehren, wo sie aufgewachsen sind. Kein einfacher Schritt und mit viel Arbeit verbunden, denn alle kennen einen noch von früher, aber nicht mehr das Selbst, welches man aktuell verkörpert. Alte Konflikte müssen aufgearbeitet werden und neue brechen auf.

 

Vielen Dank an den Aufbau Verlag, die mir über NetGalley das Rezensionsexemplar bereitgestellt haben.

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Jan Böttcher – Das Kaff

Gib deinen ab

  1. Bei dem Titel musste ich direkt an meine Kindheit denken. Wie war ich froh, als ich mit 17 Jahren das „Kaff“ verlassen durfte und in die weite Welt hinaus zog. Das Buch hört sich im Prinzip ganz interessant an, als Einstimmung auf mein 20 jähriges Klassentreffen.
    LG Kerstin

    Gefällt 1 Person

    1. Die erste Hälfte passt als Einstimmung, doch dann dreht sich die Geschichte irgendwie in ein wohlbekanntes Schema und das war dann einfach langweilig zu lesen und passte auch nicht zum Rest…

      20Jähriges habe ich auch bald. Die Zeit rennt, einfach der Wahnsinn!

      Gefällt 1 Person

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