[Rezension]: Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

IMG_20180816_120102_714.jpgWenn die Worte fehlen

Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Welche Maßstäbe legt man da an? Wie bewertet man das? Wie geht das Umfeld damit um, sobald diese Vorwürfe in der Welt sind und was richten diese an? Diesen und vielen Fragen mehr spürt Bettina Wilpert in diesem Roman nach, der mehr eine Art Interviewprotokoll darstellt und so die Geschichte von Anna und Jonas widerspiegelt, die sich im Sommer 2014 während der Fußballweltmeisterschaft kennen lernen und sich eigentlich sympathisch sind. Sie kommen eigentlich nicht richtig zusammen und irgendwann steht der Vorwurf Vergewaltigung im Raum, der Anna privat belastet und Jonas auch im beruflichen beziehungsweise studentischen Umfeld. Hat Anna ihre Anzeige unüberlegt gestellt? Ist Jonas der große, böse Mann als der er sich fortan auf dem Campus einer Treibjagd ausgesetzt sieht?

Auf welcher Seite stehst du?

Bettina Wilpert hat mit diesem Roman vor allem für uns Leser eine knifflige Fallstudie vorgelegt, die sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist. Zum Ende des Romans wird Jonas im rechtlichen Sinne freigesprochen. Doch hat er moralisch richtig gehandelt? Und wie muss man Annas Handeln einordnen? Sie ist von großen Zweifeln, aber auch Ängsten geplagt. Ängste, weil diese eine Nacht sie körperlich und seelisch auffrisst und zweifelnd, weil sie im Nachhinein sieht, was sie angerichtet hat. Ihre Anzeige verselbstständigt sich und wird zu einem Fegefeuer für Jonas und beeinflusst sogar seine berufliche Zukunft. Das klingt alles zu drastisch? In meinen Augen nicht. Es wird sicher tausendfache Realität in Deutschland sein, wenn es um das Thema Vergewaltigung geht und genau diesen wunden Punkt berührt dieses Buch und macht es zu etwas Besonderem. Allein schon deswegen finde ich es schade, dass dieses Buch nicht für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert wurde.
Doch es ist nicht nur das. Bettina Wilpert findet für ihr Anliegen eine unaufgeregte Sprache, eine klare, schnörkellose Linie. Da wird nichts aufgebauscht, beschönigt oder übertrieben. Die das Buch bestimmende Szene bleibt im Nebel des alkoholgeschwängerten Abends und damit auch für den Leser unsichtbar. Wir müssen uns genauso wie Anna in die Vergangenheit hineintasten, versuchen herauszufinden, was genau passiert ist. Aber auch der Beginn, dem eigentlich ein Zauber innewohnt und einen fragend zurück lässt, wie es überhaupt so kommen konnte, ist unaufgeregt und ohne jede romantische Verkitschung aufgeschrieben. Der Stil des Romans ist eher ungewohnt. Alle beteiligten Personen können ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Es scheint, dass im Hintergrund jemand dem Leser Unbekanntes versucht, die Geschehnisse aufzuarbeiten und führt mit allen Interviews oder lässt diese ihre Meinungen aufschreiben. So entsteht ein Panoptikum an verschiedenen Sichtweisen, Ausgrenzungen, Meinungsverschiedenheiten.
Das alles fügt sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Jedes Rädchen der einzelnen, persönlichen Erlebnisse greift ineinander und ergänzt sich perfekt. Jedoch stellt sich beim Lesen ein ungutes Gefühl von Anfang ein, es krampft sich der Magen zusammen, ob der Unfähigkeit aller Beteiligten, diese Situation eleganter aufzulösen oder es besser zu machen. Doch es ist eine Zwickmühle, da man immer wieder vor die Frage gestellt wird, ob das denn überhaupt geht. Wie soll es besser gelöst werden? Oft habe ich gedacht, dass alle einfach versuchen sollten, mehr miteinander zu reden, sich an einen Tisch setzen und das Problem aus der Welt schaffen. Doch genau da liegt das Problem, denn so einfach ist das nicht. Anna wurde etwas angetan und wie will man darüber reden, wenn man selber nicht einmal weiß, wie es passiert ist, sondern nur, dass es passiert ist. Wie will man dann noch miteinander reden, wenn man vom Gegenüber angewidert ist und eigentlich nicht mehr in seiner Nähe sein will. Bettina Wilpert spielt diese Gefühlsklaviatur geschickt aus und überlässt uns als Leser größtenteils die Meinungsbildung, gibt nichts vor. Trotzdem bringt sie die Gefühle und Gedanken von allen Seiten klar und deutlich zum Vorschein.

Und über allem kreist die alles entscheidende Frage, auf welcher Seite man steht. Man sieht, wie Jonas immer übler mitgespielt wird, wie Anna immer mehr mit dieser Situation zu knabbern hat und wie das alles wie in einer Spirale immer schlimmer ausartet, größere Kreise schlägt. Als Bindeglied wird Hannes in diese Geschichte gebracht, der quasi auf beiden Seiten als guter Freund und Kumpel beschrieben wird, auf dessen Geburtstagsfeier die Vergewaltigung stattgefunden hat und er sich zwischen den Fronten entscheiden soll und sich für Jonas entscheidet. Als neutraler Beobachter war dann Hannes bei mir unten durch, denn ich fühlte mit Anna mit und kann ihre Entscheidungen absolut nachvollziehen, auch wenn die Anzeige, die sie gegen Jonas stellt, impulsiv erfolgte und sie diese später bereut. Denn diese Anzeige bringt etwas in Gang, an dessen Ende man sogar etwas mit Mitleid mit Jonas hat, da seine Zukunft vollkommen verbaut scheint.

Es gibt kein Böse und Gut, nur Schattierungen in Grau

Der Vorwurf Vergewaltigung klingt im ersten Moment klar und eindeutig. Auf der einen Seite der Täter und auf der anderen das Opfer. Doch so einfach ist es meistens im Leben nicht. Keine klare Grenze zwischen Gut und Böse und das versucht Bettina Wilpert in diesem Buch zu zeigen. Jedoch wird im Umfeld ohne sich über Hintergründe zu informieren genau das gemacht. In Schwarz und Weiß gedacht. Da wird Anna hofiert, um dem Feminismus auf dem Campus etwas Vortrieb zu geben und da wird Jonas ohne weiteres vom Hof gejagt, ohne seine Sicht der Dinge in Erfahrung zu bringen. Er wird einfach zum Täter gestempelt und ist zumindest in seiner aktuellen Arbeitsumgebung gebrandmarkt. Eine sehr bedrückende Lektüre, die einen nicht kalt lassen kann und darf, sprachlich sehr gut umgesetzt und schade, dass dieses Werk beim Deutschen Buchpreis nicht auf der Longlist erschienen ist. Dafür würde ich es beim Debütpreis 2018 gerne auf der Shortlist sehen. Bei mir persönlich steht es hoch im Kurs, in meine Topauswahl des Jahres zu gelangen.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch, welches im Verbrecherverlag erschienen ist, findet ihr bei:

 

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