[Rezension]: Maxim Biller – Sechs Koffer

Ich packe meine Koffer und nehme einen Biller mit

IMG_20181018_212548_541.jpgMaxim Biller stand mit seinem autobiographischem Roman „Sechs Koffer“ auf der kurzen Liste zum Deutschen Buchpreis 2018. Ob er da zurecht stand? Das will ich euch nun ein wenig aus meiner persönlichen Sicht erörtern. Jedenfalls habe ich ein relativ starkes Buch gelesen, welches in knappen Worten die Geschichte Europas unter einem Brennglas anhand der Lebensgeschichte einer Familie aufzeigt. Das macht Biller mit Bravour und ohne großes Aufhebens. Was aber gegen dieses Buch spricht, ist diese Einbringung des Autors als sich selbst in verschiedenen Lebensphasen. Diesen Part kreiden viele Biller als Autor an, ich persönlich habe bei solch autobiographischen Büchern ein generelles Problem damit. Es kann schnell in Selbstbeweihräucherung und aalen in den eigenen Befindlichkeiten ausarten. Das ist hier nicht ganz so schlimm, aber in Ansätzen doch vorhanden.

Doch worum geht es nun genau?

In der Familie Biller gibt es einen Verräter, einen oder sogar eine, die den Großvater von Maxim an den sowjetischen Geheimdienst verraten hat. Er hat Ware geschmuggelt und damit Geld gemacht, doch durch den Verrat dieser Tätigkeiten wurde der Großvater zum Tode verurteilt. Dieser Punkt in der Geschichte der Familie Biller ist derjenige, der alles, was danach kommen sollte, prägte und damit setzt sich Maxim Biller in diesem Roman auseinander. Er umfasst eine Erzählspanne von den 60er Jahren bis in die Jetztzeit und kann als globale Angelegenheit aufgefasst werden, denn die Figuren agieren in Ost und West. Der eiserne Vorhang spielt ebenso eine Rolle, wie auch die Spaltung innerhalb der Familie, denn der Verrat an dem Großvater hat einen tiefen Riss zwischen Maxims Vater und seinen Brüdern hinterlassen, denn niemand traut mehr dem anderen. Und so erzählt Maxim Biller anhand seiner Familiengeschichte auch eine europäische.

Doch ist es gut, was er da schreibt?

Dafür muss ich meinen eigenen Gedankenstrom zu diesem ganzen an euch weiterleiten. Bis zum letzten Kapitel, als die Schwester des Autors im Mittelpunkt stand, empfand ich diesen Roman als recht angenehm zu lesen, sehr leichtfüßig geschrieben, manchmal etwas süffisant, aber nie überheblich. Mir war bewusst, dass hier keine Auflösung des Falls zu erwarten war. Jedoch interessierten mich vielmehr die Interaktion der Figuren untereinander, die ja Billers Familie darstellen und durch in fiktionalisiert wurden. Da wären wir bei einem weiteren Problem, auf welches ich noch eingehen möchte und was im allgemeinen mit fiktionalisierten Autobiografien zu tun hat. Aber erst einmal das letzte Kapitel, bei welchem uns Maxim Biller so richtig vor den Kopf stößt. Jedenfalls bei mir hat er das getan, denn ich kannte weder die Hintergrundgeschichte noch andere Bücher vom ihm oder seiner Schwester. Und dann bringt er einen doch tatsächlich im letzten Kapitel auf ein anderes Buch, welches seine Schwester geschrieben hat und denselben Stoff behandelt (ob fiktional oder als Biografie habe ich jetzt nicht recherchiert). Und da war bei mir irgendwie die Schranke unten, ich konnte es gar nicht glauben, wie dreist er da indirekt auf das andere Buch verweist. Frei nach dem Motto, wenn du mehr wissen willst, schau in das Buch meiner Schwester und steckt einem dabei noch fröhlich die Zunge raus. Und das hat mir im Endeffekt und nach längerem Nachdenken gar nicht gefallen und das komplette Buch versaut, jedenfalls inhaltlich.

Sprachlich habe ich es vollauf verstanden, dass dieses Buch zumindest für den Deutschen Buchpreis in die Nominierungsrunde aufgenommen wurde. Es kommt leichtfüßig daher, er erzählt in lockerem Ton und eigentlich niemals belehrend über seine eigene Familiengeschichte. Im Gegenteil, er macht sich eher nackig und vollzieht eine Art Seelenbeichte. Doch da sind wir genau an der Stelle, was ich mit fiktionalisierten Romane für Probleme habe. Wieviel von dem, was in diesem Roman steckt, entspricht nun der Wirklichkeit? Was kann ich glauben, was wirklich passierte und was ist einfach nur der Fantasie des Autors entsprungen, um bei bestimmten Passagen den richtigen Dreh hinein zu bekommen? Das beschäftigt mich während dem Lesen und auch darüber hinaus.

Kein großer Roman, nix bleibendes

Für mich bleibt nur zu sagen, dass dieser Roman bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Es war gut zu lesen, ich bin da innerhalb von ein paar Tagen durchmarschiert, sprachlich sehr hübsch, aber der Rest stößt mir mit längerem Nachdenken etwas sauer auf. Ich weiß, dass ich den Roman in einem früheren Post (siehe hier) zum Deutsche n Buchpreis mit zu meinen Favoriten gezählt habe. Diesen Tenor würde ich an dieser Stelle gerne zurück nehmen. Es ist ein schön zu lesendes Buch, bei dem ich ohne großes Hintergrundwissen heran gegangen bin. Außerdem war es mein erstes Buch von Maxim Biller, somit habe ich noch keine Vorprägungen, was diesen Autor angeht. Ein paar Details habe ich aufgeschnappt, als er beim Literarischen Quartett mitwirkte, aber mehr auch nicht. Es hat sich vielleicht mit Ach und Krach seine Nominierung für die lange Liste verdient. Das Weiterreichen auf die kurze Liste verstehe ich dagegen nicht, dafür waren manch andere Bücher besser aufgestellt (Die Gewitterschwimmerin, Unter der Drachenwand).

Vielen Dank an den Kiepenheuer&Witsch Verlag, die mir das elektronische Leseexemplar via Netgalley zur Verfügung gestellt haben.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei:

 

 

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5 Kommentare zu „[Rezension]: Maxim Biller – Sechs Koffer

Gib deinen ab

  1. Eine spannende Novelle eines begnadeten Selbstdarstellers, der sich selbst vor allem mit dem Schluß hervorragend in Szene setzt und soweit ich das verstanden habe, wurde das Buch tatsächlich schon von der Schwester geschrieben.
    Ich dachte bis zum Schluß, daß er den Buchpreis gewinnen wird und habe diesbezüglich einmal zum Literaturhausleiter gesagt, daß das wohl nicht anders ginge, weil er sonst sicher Amok laufen würde, als ich dann die Haratischwili gelesen habe, habe ich mir gedacht, daß sie es gewinnen sollte, weil ihr Buch besser und länger ist, liebe Grüße, mit dem Thome bin ich nun fast durch!
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/09/08/sechs-koffer/

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Eva, ich empfand es als gut geschrieben und sehr kurzweilig. Deswegen war es lange Zeit unter meinen Favoriten, trotz des Schluss. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso mehr zieht dieser Schluss die Bewertung herab, da kann es noch so gut geschrieben sein.

      Bin gespannt, was du zum Thome sagst.

      Liebe Grüße

      P.S. Beim nächsten Mal muss ich deinen Blog zum verlinken direkt suchen. Bei der allgemeinen Suche bist du mir wieder durch die Lappen gegangen.

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  2. Ja, das wundert mich auch, das das offenbar nicht zu funktionieren, scheint!
    Thome ist fertig gelesen, werde ihn gleich besprechen, die Besprechung erscheint dann morgenl
    Vergleichen kann man die Bücher natürlich nicht und ich bin auch ein wenig ratlos zusammenzufassen, um was es da eigentlich geht? Mal sehen, wie es mir gelingt!
    Und was den Biller betrifft, ein brillant geschriebenen Buch, keine Frage, geschrieben von einem Selbstdarsteller, der sich und das glaube ich immer noch, auch wenn mir da widersprochen wurde, ein wenig über den Literaturbetrieb und wie er funktioniert, lustig macht, auch wenn ihm das vielleicht gar nicht berwußt ist.
    Aber da ist einer und schreibt über, ich glaube, sechs Protagonisten, aber er zieht die Fäden. Er sagt etwa „Meine Mutter runzelte die Stirn, dachte… und ging ins Bett!“
    Wie soll das funktionieren, außer die Übermacht des Erzählers zu demonstrieren und dann stellt sich am Ende heraus, die Schwester hat das Buch geschrieben und, wie das mit seiner Familie war, erfährt man natürlich nicht. Denn das geht uns, ebenfalls natürlich, auch gar nichts an und wir stehen da, wie die hypnotisierten Kaninchen….
    Ich habe das Buch ziemlich am Anfang, nach Arno Geigers „Drachenwand“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/25/unter-der-drachenwand/ und, ich glaube, nach „Archpel“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/28/archipel/ mit dem ich zu Unrecht oder nicht, noch immer nichts anfangen kann, gelesen und dachte da, beide Bücher der Biller, sowie der Geiger sind gut geschrieben und interessant, beim Geiger dachte ich zuerst, das war noch bei Lesungen, das ist das beste Buch, das ich von ihm gelesen habe, später dachte ich das nicht mehr und war lange Zeit nicht sicher, ob ich den Geiger vor oder nach dem Biller reihen sollte?
    Ist auch egal und ich bleibe der Haratischwili https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/13/die-katze-und-der-general/, als meine Favoritin.
    Aber „Bungalow“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/07/bungalow/,das kann ich noch erwähnen, hat mir auch sehr gut gefallen, obwohl es natürlich ein ganz anderer Stil ist und es da, um etwas ganz anderes geht.
    Bin schon auf die Bloggerdebutshortlist gespannt, habe da meine Favorten, nämlich „Fliegende Hunde“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/10/fliegende-hunde/ „Unter der Haut“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/22/unter-der-haut/ und vielleicht auch „Was nachher so schön fliegt“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/22/unter-der-haut/ und bin auf den David Fuchs https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/24/zweimal-krankheit-und-sterben-bei-den-o-toenen/ gespannt, den ich noch nicht gelesen habe, der aber auf der österreichischen Debutshortlist https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/18/dritte-oesterreichische-debutpreislesung/ steht.
    Was wäre übrigens der Tip für den östBp und den öst Debutpreis? Ich würde da auf den Winkler tippen, mir den Heinrich Steinfest https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/09/deutscher-buchpreis-und-oesterreichische-shortliste/ wünschen und für die Debutschiene wäre bis jetzt der Fuchs mein Tip, habe das Buch, aber bisher nur, wie das der Marie Gamilscheg auf zwei Lesungen gehört.
    Ich wünsche einen lesereichen Sonntag!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Eva, danke für deinen ausführlichen Kommentar.

      Auf den Debütpreis bin ich dieses Jahr auch wieder gesoannt. Mein Favorit ist Bettina Wilpert mit „Nichts, was uns passiert“. Falls das auf der Shortlist landet, so lege ich mich jetzt mal fest, wird das zu 90% mein Favorit sein. Ein aktueller, zeitgenössischer Roman, der sich mal einem Problem annimmt, was so selten angesprochen wird. Hast du es schon gelesen? Große Empfehlung, hatte es schon bei mir besprochen.

      Mit dem Österreichischen Buchpreis habe ich mich leider noch nicht beschäftigen können, dafür hat mich der dbp über Gebühr beansprucht. Es ist aber auch ein Rekord für mich, 4 Bücher der Shortlist gelesen zu haben. Sonst hatte ich die Jahre zuvor vielleicht mal 1 aus 20.

      Liebe Grüße
      Marc

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  3. Noch nicht gelesen, habe aber das blaue Sofa Video von der Frankfurter Buchmesse gehört, bin also gespannt, vielleicht kommt es auf die Shortlist, dann werde ich es lesen, sonst wird es wahrscheinlich an mir vorbei gehen, da ich mich heuer mit den Neuerscheinungen und den Buchpreislisten etwas übernommen habe und daher ein ganzer Stapel Bücher auf mich warten, die ich noch lesen sollte.

    Gefällt 1 Person

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