[Nino Leseherbst]: Wie war das mit dem Parallel lesen?

Wie war das mit dem parallel lesen?

Hatte ich nicht großspurig angekündigt, dass ich, wenn der Deutsche Buchpreis verliehen ist, mit “Das achte Leben” beginnen will, um mich zum neuen Roman auch mit dem anscheinend bedeutenderen von Nino Haratischwili beschäftigen kann? Und nun? Bin ich so stark bei „Die Katze und der General“ hängen geblieben, habe es fast ausgelesen und bin immer mehr gefesselt von dieser Geschichte, bei der es um Schuld und Vergebung geht, um Rache und was sonst noch so kommen mag. Als ich die ersten 200 Seiten des Romans gelesen habe, konnte ich noch mit so mancher Kritik mitgehen, da doch einige Metaphern arg dick aufgetragen waren beziehungsweise manche Bilder schief geraten sind. Doch ab dem ersten Drittel legte sich das und es wurde daraus eine spannende Geschichte, bei die Autorin so manchen Nebenpfad einflechtet. Wer jetzt meine Affinität zu Stephen King kennt, der weiß auch, dass ich seinen ausschweifenden Stil mag. Einen ähnlichen legt auch Nino Haratischwili bei diesem Buch mit ihren Abzweigungen an den Tag, die nicht immer zielführend erscheinen, aber trotz allem einen gewissen Sinn ergeben. Die Geschichte springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück, wechselt die Perspektiven und man kann schnell die Orientierung verlieren. Mich begeistert das und macht in meinen Augen das Gelesene erst so richtig rund, man versteht so manche Motivation der einzelnen Figuren, die sich durch die beschrieben Vergangenheit definieren.

Ist das Buch wirklich so schlecht, wie alle sagen?

Doch es haben so viele nur negatives über dieses Buch geschrieben, es größtenteils sogar abgebrochen und sagen, es sei schlecht geschrieben. Bei aller Wertschätzung all dieser Blogger (Zeitungsartikel mal ausgenommen) kann ich zwar viele Argumente verstehen, die gegen dieses Buch ins Feld geführt werden, aber so richtig nachvollziehen kann ich nicht, warum das Buch in Gänze bei so vielen versagt. Zum einen, wer das Buch nach 200 oder 300 Seiten abbricht, versteht auch nur ansatzweise, wo das alles noch hinführt beziehungsweise sieht nur die halbe Wahrheit. Ja, gerade im ersten Drittel trägt die Autorin wirklich arg dick auf, dort muss man irgendwie durch. Doch wird man mit einem in meinen Augen starken Rest belohnt. Ich verstehe aber auch, dass viele nicht die Zeit aufbringen wollen, noch weiter zu gehen, wenn schon die ersten 200 Seiten einen ermüden. Aus meiner persönlichen Sicht war es so, dass ich an manchen Stellen doch etwas die Stirn runzeln musste, weil einige der Beschreibungen nicht so richtig zum Rest passen wollten. Doch ich kam über diese Passagen hinweg, da mich die Geschichte und ihr Fortgang im Allgemeinen interessiert hat.

Doch was ist mit denen, die das Buch komplett gelesen haben und es trotzdem schlecht fanden, was ja immer noch die meisten sind? Da spielen auch viele subjektive Eindrücke eine Rolle, aber da allgemein von einem schlecht geschriebenen Buch zu sprechen finde ich doch schon sehr irritierend. Auch von Seifenoper ist mancherorts die Rede. Irgendwie habe ich da was verpasst oder mein Verständnis von gut geschriebenen Büchern ist ein anderes. Zum einen war es, abgesehen vom Metaphernhagel zu Beginn, ein stark geschriebenes Buch, welches mir das Innenleben der Figuren nahe gebracht hat und zwar von allen Beteiligten, selbst die, die nur für zwanzig Seiten eine Rolle spielen. Da mag mancher einwenden, ob man das nicht kürzer gestalten kann, um die Motivationen der Hauptfigur zu erklären? Ja kann man, aber warum, wenn das gut beschrieben ist. Auch das Argument einer Seifenoper würde ich so nicht stehen lassen. Ja, der Tschetschenienkonflikt und das, was der Krieg mit einem macht, kommt vielleicht zu kurz und dafür die Beziehungen von Katze an eher vorderer Stelle. Da muss man aber auch den Klappentext etwas anders gestalten, denn der suggeriert eine Geschichte, die sich um Tschetschenien dreht. Doch dieser große Kontext wird eigentlich nur angerissen. Es geht vielmehr ins Private hinein, um das, was eine Tat, die während des Krieges passiert und in deren Folge einige niederschmetternde Erkenntnisse sich in den Kopf gefräst werden, mit einem bestimmten Menschen anrichtet und wie es in Folge dessen sein gesamtes Umfeld beeinflusst.

Hatte ich wirklich nicht buchpreiswürdig gesagt? Vergesst es!

Ich bin bald fertig mit dem Buch. Eine gesonderte Besprechung folgt, sobald ich meine Gedanken dazu sortiert habe. Insgesamt hat mir das Buch, wie man hier heraus lesen kann, sehr gut gefallen und ist von den Vieren, die ich von der Shortlist gelesen habe (Biller, Röckel, Thome) in meinen Augen das Beste. Wobei die vier Genannten sehr schwer miteinander zu vergleichen sind.

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Ein Kommentar zu „[Nino Leseherbst]: Wie war das mit dem Parallel lesen?

Gib deinen ab

  1. Ich hatte dieses Buch jetzt für mein Buchpreisprojekt gecancelt. Nach Biller, Röckel, Thome werd ich noch Archipel lesen, so mein Plan. Aber was Du da schreibst klingt wiederum interessant und wenn es nur darum geht, ob man gegen die Strom der Kritik zu schwimmen beginnt, oder nicht.

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