[Rezension] [Nino Leseherbst]: Nino Haratischwili – Die Katze und der General

Ist es wirklich so schlecht?

IMG_20181002_145345_887.jpgWenn man sich durch das Feuilleton und die Besprechungen auf den Blogs durcharbeitet findet man einen Querschnitt an Meinungen zu diesem Buch, der nicht gerade vor Begeisterung überquillt. Im Gegenteil, meist findet man schlechte und relativ wenig gute Bewertungen. Wenn man denn eine gute oder sehr gut Meinung von diesem Buch findet, wird man gleich noch als Hardcorefan tituliert, was auch nicht gerade hilfreich ist, wenn man versucht, zu verstehen, warum man das Buch eigentlich gut fand und Gründe dafür sucht. Man wägt ab, was den anderen nicht gepasst haben könnte und legt es auf seine eigene Schablone und versucht das in den Einklang zu bringen. In manchen Punkten kann ich die Kritik nachvollziehen und bin sogar auf der Seite der Kritiker, aber dann gleich das ganze Buch in die Tonne zu treten finde ich dem Buch und der Autorin gegenüber unfair. Verschwendete Lebens- und Lesezeit? Bei mir auf jeden Fall nicht. Warum das so war und ist, möchte ich in den nächsten Zeilen etwas näher eingehen.

Sünde, Vergebung, Rache

IMG_20180926_110433_205.jpgIn ihrem aktuellen Buch beschäftigt sich Nino Haratischwili, die gebürtig aus Georgien stammt, vordergründig mit dem Tschetschenienkrieg (dem Ersten, Anfang der Neunziger Jahre und was dieser auf einzelne Personen für Auswirkungen hat. Dabei nimmt sie sich ein reales Ereignis heraus und verarbeitet dieses literarisch. Es geht um eine Vergewaltigung und Ermordung eines tschetschenischen Mädchens in einem Bergdorf. Dieser Fall wird sogar als Präzedenzfall vor Gericht gebracht. Dabei werde die Täter jedoch frei gesprochen und somit nicht ihrer gerechten Strafe zugeführt. Bis hierhin decken sich der reale und der fiktive Fall. Doch Haratischwili wäre nicht sie selbst, wenn sie den Blick woanders hinlenken würde. In das Innere ihrer Figuren und wie sie mit der Situation umgehen. Da wäre zum einen der General, der 1995 bei der Vergewaltigung an dem Mädchen Nura aktiv beteiligt war beziehungsweise dazu gezwungen wurde. Eigentlich war der General einer, der vielmehr gezwungenermaßen in den Krieg gegangen ist oder sollte man eher sagen wurde. Denn seine Mutter wollte, dass er in die übergroßen Fußstapfen seines Vaters tritt, der in seiner Armeezeit für die Sowjetunion in Afghanistan Orden über Orden sammelte. Er war eher ein ängstlicher Junge, ehe die Vergewaltigung und der Mord an Nura ihn zum General und damit zu einem zynischen und rücksichtlosen Menschen hat werden lassen. Einzig seine Tochter Ada ist noch ein Anker in seinem Leben und erhält ein kleines bisschen Menschlichkeit in seinem Herzen.
Die andere titelgebende Figur ist Katze, deren bürgerlicher Name fast nicht von Belang ist, da sie von allen Katze genannt wird. Sie sieht Nura zum Verwechseln ähnlich und soll in dem teuflischen Plan des Generals oder Alexander Orlow, wie der General wirklich heißt, eine zentrale Rolle spielen. Doch auch sie trägt ihre eigenen Probleme mit sich herum, die sie versucht durch die Rolle der Nura, die sie sich letztendlich verpflichtet zu spielen, zu kaschieren beziehungsweise zu überwinden versucht.
Ein dritter im Bunde ist der Journalist Onno Bender. Er ist das eigentliche Bindeglied zwischen Katze und dem General, da er sich mit dem General ausgiebig beschäftigt hat, weil er ein Buch über ihn schreiben wollte. Er überredet Katze zu dem Schritt, für den General Nura in einem Video zu spielen. Bei den Recherchen zu dem Buch hat er furchtbare Fehler begangen, die ihm Alexander immer noch nachträgt. Doch die Sucht nach dem Buch ist größer und als der General ihm das Angebot unterbreitet, dass er nun endlich das Buch über ihn unter bestimmten Bedingungen schreiben darf, wirft er alle Bedenken über Bord. Doch was sind die wahren Absichten des Generals und welche Rolle soll Katze in diesem Theater wirklich einnehmen als nur den Lockvogel?

Eigentlich simpler Plot, überbordende Sprache

IMG_20181002_145345_888.jpgDieser Plot wirkt auf den ersten Blick recht simpel gestrickt, doch allein beim Schreiben der Zusammenfassung merkte ich, dass es doch nicht so simpel ist, wie es den Anschein hat. Dabei habe ich an dieser Stelle schon Informationen weggelassen, damit man beim Lesen noch überrascht werden kann und sich so ein Lesefluss einstellt. Zum Beispiel habe ich alle interessanten Nebenfiguren beiseitegelassen, über die die Hauptfiguren noch besser einzuordnen sind, oder die ganzen Nebenstränge, die immer wieder in die Geschichte eingeflochten werden und nicht immer den Hauptplot groß voran treiben.
Dieses Buch ist ganz im Gegensatz zu der einfachen Geschichte, die man glaubt darin zu finden, überbordend und voll mit Randgeschichten, die den Hauptplot unterfüttern. Dies wird an vielen Stellen der Autorin und dem Buch zum Vorwurf gemacht (insbesondere die Sendung Lesenswert beim SWR2 mit Denis Scheck ist mir da in Erinnerung oder auch Tobias Nazemi vom Buchrevier – siehe Verlinkung am Ende des Beitrags – hat in dieses Horn gestoßen). Vor allem, dass sie Figuren einführt, ausführlich beschreibt, nur um sie dann wieder ins Nirvarna zu entlassen, als sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Doch macht es einen Roman nicht aus, dass man auch mal mit Nebenlots arbeitet, die dann auch nur kurz einen Sinn ergeben, die die Motivationen der Hauptfiguren erklären? Kann man damit nicht auch einen Roman anreichern, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen? Ich verstehe, wenn Leute sagen, meine Lesezeit ist zu knapp, ich will das gar nicht in Abrede stellen, doch bei Nino Haratischwili und ihrer Schreibweise passt es hervorragend hinein.
Ein anderer Vorwurf ist, dass das Buch sprachlich einfach nur schlecht geschrieben ist. Da werden einzelne Sätze heraus gefischt, um das zu untermauern, um damit das ganze Buch zu diskreditieren. Ich empfinde das wie die Suche nach dem Haar in der Suppe, um beim Kellner mal so richtig seinen Frust rauszulassen, über das Leben und wie ungerecht es ist. Auch hier will ich nicht beschönigen, dass Nino Haratischwili einige Metaphern eingebaut hat, die arg übertrieben daher kommen oder Bilder erzeugt, die sie entweder zwei Seiten weiter wieder ins Gegenteil verkehrt oder die von vornherein schief geraten. Ja, da kommt einiges zusammen, aber ich empfinde es als Haarspalterei, auf genau diesen Punkten herumzutrampeln und das Buch als generell schlecht einzustufen, denn das ist es definitiv nicht (nur mal als Beispiel, bei der Sendung „Lesenswert“ auf dem SWR2 mit Denis Scheck erwähnt dieser einen Satz mit das er die Sonne in seiner eigenen Galaxis ist und er fängt doch tatsächlich an, über Astrophysik zu schwadronieren. Bei einem Roman! Wo es zur künstlerischen Freiheit gehört, so etwas schreiben zu dürfen! – das sollte die Haarspalterei mal verdeutlichen).

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Es ist eine Geschichte über Schuld und Sühne, über Vergebung und Rache. Dabei ist der Tschetschenienkonflikt nur ein Aufhänger, um das private Innenleben der drei Hauptfiguren auf das Schlachtfeld der Moralrechtfertigungen zu führen. Da werden die großen Fragen gestellt, ob die Toten wieder lebendig werden, wenn Rachepläne vollzogen werden, wen das überhaupt zufrieden stellen soll, wie sich Menschen durch extreme Gewalttaten verändern oder ob sie im Kern trotzdem ihre Menschlichkeit bewahren. Es wird an manchen Stellen als große Oper bezeichnet, was die Autorin da zu Papier bringt, Kritiker kehren diese gleiche Überschrift in die negativ angehauchte Seifenoper. Ob das eine große Oper oder mit Seife verschmiert ist, kann ich aus meiner persönlichen Sicht nicht beurteilen, da ich mit dem Begriff Oper nichts anfangen kann und keine Definition davon auf das Buch übertragen könnte. Was ich aber dagegen sagen kann, ist, dass dieses Buch eine faszinierende Dreierkonstellation in der Jetztzeit definiert und ausleuchtet, dass sie die Fragen nach Schuld, Vergebung und Rache durcharbeitet und das in einer wuchtigen, metaphernreichen Sprache. Wie schon gesagt, da sitzt nicht jedes Wort am rechten Fleck und bei manchen Sätzen bin auch ich mehr als einmal gestolpert. In der Summe jedoch ist es in meinen Augen eine großartige Geschichte, die abseits all der Kritiken ihre Leser finden wird. Aus den vier Büchern, die ich von der Shortlist gelesen habe, ist dieses in meinen Augen das durchdachteste, am logischsten aufgebaute und mit einem würdigen Ende versehen und somit ist es gegenüber Thome, Biller und Röckel besser gelungen.

 

Weitere Besprechungen, die natürlich eine gute Balance zwischen Negativ und Positiv aufzeigen und dabei aber nie die kritischen Punkte außer Acht lassen, findet ihr bei:

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6 Kommentare zu „[Rezension] [Nino Leseherbst]: Nino Haratischwili – Die Katze und der General

Gib deinen ab

    1. Eva, dass mit dem Hardcorefan durfte ich mir anhören, als ich auf Facebook unter einem kritischen Beitrag (Verfasser brach das Buch nach 300 Seiten ab) versuchte, meine Meinung zum Buch dagegen zu halten.

      Es ist in der Tat ein tolles Buch.

      Gefällt 1 Person

  1. Hallo Marc!

    Danke für einen wieder einmal leidenschaftlichen und facettenreichen Beitrag!

    Ich tu mich immer mit der Kritik a auftauchenden und wieder verschwindenen Figuren schwer. Warum sollten keine Figuren vorkommen, die keine oder nur eine geringfügige Rolle spielen? Auch wenn sie für die Handlung vielleicht nicht wesentlich sind, bereichern sie doch immer das Bild, das sich ein Leser von Protagonisten oder der geschilderten (Um-)Welt macht. Jedes Gespräch spiegelt Charaktere, Werte, Erwartungshaltungen, gesellschaftliche Prägungen etc. Die großen Werke von Tolstoi, Hugo, Dumas oder Melville sind voll von Handlungen und Figuren, die für die eigentliche Geschichte nicht/kaum von Bedeutung sind, aber dazu beitragen, dass diese Romane solch gelungene Spiegel der jeweiligen Zeit sind. Abgesehen davon hat Zach Braff es einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: Im realen Leben machen wir ständig Begegnungen, die für uns nicht weiter von Bedeutung sind, führen Gespräche über Nebensächliches – wenn Literatur oder Film die Realität abbilden sollen, warum muss dann jede Figur, jede Szene zwingende Konsequenzen für die zentrale Handlung haben?

    Viele Grüße
    Kathrin

    PS und Offtopic: Ich befinde mich gerade auf den letzten 50 Seiten von „The Waste Lands“. Nachdem mir der Band in der ersten Hälfte noch ziemliche Längen hatte, hat mich das letzte Drittel extrem „angefixt“ und ich muss mich derzeit immer dazu zwingen, das Buch aus der Hand zu legen, um Schlaf finden zu können. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Kathrin,

      das mit den Begegnungen im Leben ist ein d halber, treffender Vergleich und warum soll das Literatur nicht abbilden dürfen. Wenn es für einen nichts ist, gerne, aber deswegen ist nicht das Buch per se schlecht.

      P.S.: Da sagst mir was mit dem Dunklen Turm. Völlig aus dem Fokus geraten. Bin gespannt, was du dazu meinst. Ja, der dritte Band ist für Neuankömmlinge zweigeteilt. Aber glaub mir, das würde sich bei einem zweiten Durchgang ändern. Da ist eigentlich nur die Passage mit Skardik nicht mehr passend, aber der Rest Suspense und Horror pur. Bin gespannt, was du dazu schreiben wirst.

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