[Rezension]: Susanne Röckel – Der Vogelgott

Ein Vogel, sie zu knechten, ins Irre zu treiben und ewig zu binden

Mit „Der Vogelgott“ ist Susanne Röckel etwas gelungen, was ich so in den letzten Jahren meines Wissens im Rahmen des Deutschen Buchpreises noch nicht oder selten gesehen habe. Sie bekam mit einem Schauerroman einen sehr prominenten Platz und das in meinen Augen zurecht. Sie kam also mit einem Roman, der in ein bestimmtes Genre eingezwängt ist, keine Ambitionen zeigt, etwas zur Gegenwart oder der Vergangenheit beizusteuern. Er ist einfach ein Schauerroman, wie ihn die alten Meister, wie zum Beispiel Edgar Allan Poe, nicht hätten besser schreiben können. Auch wenn ich manchmal mit der Geschichte der drei Geschwister und ihren ganz eigenen Rucksack, der ihnen vom Vater aufgesetzt wurde, nicht zurecht kam, so ist dieses Buch doch eines: ganz starke Literatur, die man gelesen haben sollte.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder in dein Kopf

Der Prolog saugt einen regelrecht in dieses Buch hinein, düstere Stimmung, die den Horrormeistern früherer Jahre zu Ehre reicht (und damit meine ich nicht Stephen King). Wir folgen einem Mann, der in einem Bergdorf ankommt und Vögel beobachten beziehungsweise fangen will. Dabei ist er auf der Suche nach einem speziellen Exemplar. Jedoch wird er von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt und bekommt sogar eine Warnung auf den Weg, sich die Sache mit der Jagd nach diesem einen speziellen Tier aus dem Kopf zu schlagen. Doch der Mann hört nicht auf den Rat und fängt das Tier trotzdem, was nicht ohne Folgen für seine Kinder sein wird, die wir in den drei darauffolgenden Kapiteln des Buches kennenlernen und die alle auf irgendeine Art mit einem Vogelkult in Berührung kommen. Diese Kontakte gehen für alle drei nie zum positiven aus, ganz so, als liege ein Fluch auf der Familie.

Hat nen Zettel im Schnabel von der Autorin nen lieben Gruß

Was Frau Röckel hier zelebriert ist Horror- beziehungsweise Schauerliteratur par excellence. Der Prolog sticht dabei zwar etwas heraus, aber auch bei den drei anderen Geschichten hat sie den Kniff raus, die Realität so weit zu verbiegen, dass man immer noch die Realität vor Augen hat. Jedoch schiebt sich wie ein Flimmern etwas über diese Realität, eine Art grauer Schleier, den man gar nicht so wahrnimmt, vielmehr als lästig erachtet. Er ist aber da und macht sich unterschwellig bemerkbar. Die Autorin flechtet diese übernatürlich wirkenden Dinge gekonnt in die Realität ein, ähnlich beim magischen Realismus, nur dass man hier merkt, dass diese Einschübe nichts Gutes bedeuten. Und das merken auch die drei Protagonisten in den jeweiligen Kapiteln. Sie erfahren am eigenen Leib, was ihnen vom Vater aufgebürdet wurde und was sie mit der Kontrolle über ihr Leben bezahlen werden.

Verlorene Kontrolle

Doch auch als Leser verliert man mitunter die Kontrolle über das Geschehen, geht einem die Orientierung verloren. Manchmal weiß man nicht, wo man ist, warum man dort ist und was überhaupt gerade passiert. Dabei legt die Autorin geschickt Verknüpfungen aus, die man sich als Leser leicht zusammensuchen kann, aber das macht die Zusammenhänge noch komplizierter. Das alles bringt die Autorin aber mit einer frischen Sprache aufs Tablet und hat mich gerade von dieser Seite aus begeistert. Keine große Effekthascherei, dafür eher ungewöhnliche Konstrukte und auch die Kapitel sind eher ungewöhnlich aufgebaut. Irgendwie ergibt nichts einen Sinn und doch hängt alles zusammen. Nur im letzten Kapitel war für mich persönlich ein wenig die Luft raus, da mir der Sinn des Ganzen irgendwie nicht mehr einleuchten wollte. Bei aller Leichtigkeit, mit denen man durch die Seiten kommt, stellt sich doch zum Ende hin eine Art Müdigkeit ein. Alles wird irgendwie erwartbar und dann doch wieder nicht, aber genau das ermüdete mich. Man bekommt dazu auch immer mehr das Gefühl, dass man aus dieser Geschichte ohne vernünftige Schlussfolgerungen entlassen wird.
Fehlende Spannung kann man dem Buch nicht absprechen und auch sprachlich überzeugt es, weshalb es wahrscheinlich vornehmlich auf der Long- und dann auch Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete. Doch es ist zum Ende hin auch entnervend langatmig und wiederholend. In der Summe wird es bei mir kurzfristig bleibenden Eindruck hinterlassen, fragt ihr mich jedoch nächstes Jahr nach diesem Buch und wie ich es fand, dann werde ich wohl mit der Schulter zucken und fragen: Der Vogel… was?

Vielen Dank geht an dieser Stelle an den Jung&Jung Verlag, die mir das elektronische Leseexemplar via Netgalley zur Verfügung gestellt haben.

Weitere Besprechungen findet ihr auf folgenden Blos:

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5 Kommentare zu „[Rezension]: Susanne Röckel – Der Vogelgott

Gib deinen ab

  1. Ich würde nicht sagen, dass der Roman keine Ambitionen zeigt, etwas zur Gegenwart oder der Vergangenheit beizusteuern. Er macht das nur nicht in dieser zeitgenössisch verbreiteten plakativen Weise. Ich kopiere das der Einfachheit halber mal aus
    meiner Besprechung rein:

    „Der Verlust der Transzendenz, die Ahnung, dass ein mechanistisches Weltbild nicht genug sein könnte, nicht nur dem Einzelnen Menschen nicht, sondern auch der Klärung der Weltzusammenhänge nicht, dass ein „Mehr“ sich aber auch nicht erzwingen lässt (es gibt keinen Weg aus Vernunft zurück zum Glauben), das Leid an der Entzauberung der Welt, vielleicht auch die Rückkehr der Magie, vielleicht aber auch ganz profaner Wahnsinn – das sind die Themenkomplexe, um die die Geschichte kreist und auf die das jeweilige Mysterium stoßen soll.
    Der Mythos vom Vogelgott, erzählt als Glauben eines kaum bekannten, einst kolonisierten Volkes, dann als Kult einer lokalen, vom dreißigjährigen Krieg geplagten und womöglich Geier anbetenden deutschen christlichen Abspaltung, zuletzt als zeitgenössische Vision verschreckter Kinder sowie als Variation auf den Prometheus Mythos, steht dabei in sinnigem Spannungsverhältnis zum Christentum: Halb sein Anderes, halb Fleisch von dessen Fleische, die gleichen Bedürfnisse erfüllend aber doch dessen äußerer und innerer Feind. Zugleich ein archaischer, ist der Vogel dabei auch ein hochmoderner Gott: Woran, wenn nicht an diese so klug und edel wirkenden fliegenden Wesen soll der in die mitleidslosen Maschinerie des modernen Alltags geworfene Mensch seine Träume knüpfen? Das scheint nicht nur Röckel zu beschäftigen: Die Sprache der Vögel, Der letzte Huelsenbeck. Die allerjüngste Literaturgeschichte weist eine beachtliche Häufung kaputter Protagonisten auf, die sich intensiv mit Vögeln (großes V!) beschäftigen.“

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sören,

      so, wie du es beschreibst, klingt es auch für mich logisch. Allein aus deinen Aussagen müsste ich das Buch noch ein zweites Mal lesen, um es für mich einordnen zu können. Danke für deine erläuternden Worte, die für mich ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen und mir das Buch völlig neu betrachten lassen.

      Geus
      Marc

      Gefällt 1 Person

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