[Rezension]: Stephan Thome – Gott der Barbaren

Doch kein Favorit! Interessante Fakten, ausufernde Erzählung am Ende

img_20180906_205526_346.jpgMit „Gott der Barbaren“ schließe ich die diesjährige Betrachtung der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Vier Bücher aus Sechs Nominierungen habe ich gelesen und bei keinem habe ich mich zum Schluss so schwer getan, wie bei diesem. Dabei ist es noch nicht einmal schlecht geschrieben oder langweilig, aber es ist auch sehr trocken vom Stoff her, sehr historisch durchsetzt und fächert zum Ende hin zu sehr auseinander, so dass man nicht mehr richtig am Ball bleibt. Der rote Faden dröselte zum Ende hin zu sehr auf und die vorher gesetzten Pfade wurden nicht konsequent verfolgt. Sehr sehr schade, denn bis zur Hälfte des Buches war ich sehr begeistert und aufgrund der bis dahin gemachten Leseeindrücke wäre das hier sogar mein Favorit zum Deutschen Buchpreis gewesen. Das muss ich nun im Nachhinein revidieren und würde in meinem internen Ranking Nino Haratischwili mit „Die Katze und der General“ trotz seiner Schwächen auf Platz 1 sehen. Selbstverständlich in Unkenntnis der noch verbliebenen Bücher „Archipel“ und „Nachtleuchten“.

Chinesische Geschichte mit Wirkung auf das Heute

Ignoranz! Das ist das eigentliche Stichwort, mit dem diese Geschichte und die Handlungsweisen der einzelnen Parteien umschrieben werden kann. Jeder bezichtigt den anderen ein Barbar, ein Teufel oder sonstwelches niederes Volk zu sein, welches sehr rückständig ist in seiner gesellschaftlichen Entwicklung und dem anderen damit auf die Füße tritt. Das Buch selber behandelt einen Zeitraum vom Ende der 1850er bis hin in die Mitte der Sechziger Jahre desselben Jahrhunderts. Es spielt sich mit Ausnahmen fast alles in China ab und dort diverse Orte, insbesondere Peking, Nanking, Shanghai, Honkong und noch einige andere. Drei Personen tragen die Hauptkapitel und diese werden von Einwürfen verschiedener Seite unterbrochen. Seien es Sitzungsprotokolle aus dem britischen Parlament, Widerstandsschriften von chinesischer Seite, die sich gegen das bestehende System auflehnen und einiges mehr. Von den drei Hauptpersonen, deren Sichtweisen uns größtenteils aus der Ich- Perspektive näher gebracht werden, sind zwei historisch belegbare Figuren. Einmal von der britischen Seite Lord Elgin und auf der chinesischen General Zen Guofan, der einen Teil der kaiserlichen Armee anführte. Als dritte Person führt der Autor den fiktiven Philipp Neukamp ein, der von den Chinesen als Fei Lipu bezeichnet wird und der romantechnisch das Bindeglied zwischen der europäischen und der chinesischen Seite darstellen soll.
Historisch wird dabei das Kapitel des Taiping-Aufstandes beleuchtet. Chinesische Rebellen, die durch kirchliche Missionare auf die Bibel aufmerksam gemacht wurden und diese für ihre Zwecke umdeuteten und sogar ins chinesische übertrugen. Der Zeitraum im Buch behandelt den Höhepunkt und den langsamen Niedergang Rebellen, wie sie im Buch genannt wurden. Dabei stoßen mehrere Parteien aneinander. Die kaiserliche Seite Chinas, die Rebellen und das alte Europa in Form der Franzosen und Engländer, die in China ein riesiges Potential sehen, um dort Handelsposten zu installieren. In dieser Gemengelage lernen wir Philipp Neukamp kennen, der müde geworden von seiner Heimat, einen Missionarsauftrag für China annimmt und dort auch bleibt. Durch die Tätigkeit für die Kirche gerät er immer stärker in den Taipingkonflikt, will verstehen, was die Seite der Rebellen eigentlich vorhat und warum sie das tun. Die beiden historischen Figuren Lord Elgin und General Zen Guofan tragen zu diesem Konflikt maßgeblich bei, weil sie die Interessen ihrer jeweiligen Seite durchsetzen wollen.

Starker Anfang, mäandernder Mittel- und Endteil

IMG_20180920_172735_651.jpgHistorisch ist alles belegbar, was in diesem Buch geschrieben steht. Nimmt man die Figur Philipp Neukamp heraus, so ist alles wirklich so geschehen, wie es Stephan Thome niedergeschrieben hat. Eine wahnsinnig intensive Recherchearbeit muss hinter diesem Buch stecken und dafür gibt es meine vollste Anerkennung. Wenn man sich in das Thema vor der Lektüre nicht direkt einließt, sondern nur ein paar grobe Stichpunkte heranlässt, bekommt man einen starken Beginn, sprachlich und auch inhaltlich. Thome hält hier die Zügel voll in der Hand und lässt die drei Hauptprotagonisten jeweils abwechselnd zu Wort kommen und treibt so die Geschichte linear voran. Doch irgendwann ab der Hälfte ist da eine Art Bruch drin. Man kann es noch nicht einmal detailliert an einem Punkt festmachen. Es sind eher viele kleine Punkte, die das ganze langatmig und ausufernd werden lassen. Sprachlich ist es immer noch sehr gut, aber es ist nicht mehr die Spannung vorhanden, wie sie noch zu Beginn des Buches da war. Man liest sich immer tiefer in die Gedankenwelt der drei Hauptcharaktere und ist sich auch bewusst, dass es ganz große Kunst ist, dass alles so präzise zu Papier zu bringen. Doch es berührte mich nicht mehr, es ließ mich kalt, was mit Philipp passiert und auch, was die historischen Figuren vielleicht in dieser oder jener Situation gedacht haben könnten. Dazu kommt noch ein Ensemble an Nebenfiguren, auch einige auf der chinesischen Seite, so dass man bald den Überblick verliert. Und während dieser ganzen, sich wie Kaugummi ziehenden Zeit, will man dann noch versuchen zu verstehen, was das geschriebene für Auswirkungen auf unsere Gegenwart hat.
Generell lässt sich der Bogen zu der eingangs erwähnten Ignoranz schlagen, die alle Parteien gegenüber dem Rest an den Tag legen. Keiner will sich so richtig mit dem Gegenüber beschäftigen. Alle denken abschätzig über den Rest. Die Chinesen über das barbarische Verhalten der Briten, umgekehrt die Briten über die für sie rückständige Kultur der Chinesen und so einiges mehr. Das trägt jedoch kein Buch über 700 Seiten. Da hätten an einigen Stellen die Zügel etwas gestrafft gehört, denn so schön es auch alles da geschrieben steht und viel Arbeit in diesem Buch steckt. Irgendwann wurde es einfach nur noch anstrengend und ermüdend, dieses Buch zu lesen. Ich jedenfalls habe mich zum Schluss nur noch durchgeschleppt. An Abbruch habe ich aber auch nicht gedacht, da es auf einem gewissen Level doch wieder interessant war. Also sehr widerstreitende Gefühle, die sich in mir nach der Lektüre ausbreiten.

Vielen Dank geht an dieser Stelle an den Suhrkamp Verlag, die mir das Leseexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Weitere Besprechungen findet ihr auf folgenden Blos:

 

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5 Kommentare zu „[Rezension]: Stephan Thome – Gott der Barbaren

Gib deinen ab

  1. Ich fand das gar nicht so zäh, aber Du hast Recht, dass die Empathie für die Figuren nicht so recht in Schwung kam. Für mich war Zen Guofan noch am interessantesten.
    Aber ich habe eine ganze Menge gelernt und insofern sehe ich die Lektüre auch als gewinnbringend an, nicht so wie das Dinges von Biller.
    »Archipel« werde ich noch lesen und dann ist mit vier der Shortlistwerken mein Buchpreisprojekt abgeschlossen.

    Gefällt 1 Person

    1. Es wurde erst zum Ende hin zäh, jedoch waren die Innenansichten der historischen Figuren interessant zu lesen und allgemein steckte da viel Wissen drin.

      Mit dem Buchpreis bin ich durch für dieses Jahr, immerhin 4 Bücher habe ich geschafft, da jetzt der Debütpreis wartet. 5 Bücher gilt es bis Januar zu lesen und zu bewerten.

      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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