[Debütpreis 2018]: Gelesenes, Angelesenes, Empfehlungen

Diesmal keine persönliche, inoffizielle Shortlist

Kann man es schon Tradition nennen, wenn man sich bisher zweimal die gesamten Einreichungen zum Debütpreis vornimmt, die Leseproben allesamt versucht durchzuackern, um letztendlich daraus eine Art persönliche, nicht offizielle Shortlist zu erstellen? So war es zumindest im letzten und vorletzten Jahr, als ich genau dieses Vorgehen für den Debütpreis durchgeführt habe. In diesem Jahr ist es leider anders, denn die Zeit war wegen der intensiveren Auseinandersetzung mit der Shortlist zum Deutschen Buchpreis zu knapp und die Anzahl der Einreichungen beim Debütpreis mit 69 zu hoch, als das ich mich da durch alles hätte durchwühlen können. Bis Ende Juli hatte ich mir eigentlich die bis dato zugänglichen Leseproben herunter geladen, um diese dann im Urlaub in Ruhe zu sichten. Doch das habe ich dann irgendwie verdrängt und habe keine einzige Zeile aus diesen Leseproben gelesen. Dafür aber in wunderbaren Büchern geschmökert, die es dann in der Zwischenzeit auch auf die Einreichungsliste zu diesem Preis geschafft haben. Doch so ganz ohne Vorbericht beziehungsweise ein paar Buchempfehlungen wollte ich in diesem Jahr dann doch nicht in die Debütpreiswochen gehen. Das wäre ja dann wie ein Kaltstart für mich und den will ich unbedingt vermeiden.
Was habe ich mir also vorgenommen? Da ich in diesem Jahr im Vorfeld schon ungewöhnlich viele Bücher gelesen habe, die in der langen Liste zum Debütpreis stehen (in der Zahl waren es bisher 4, in den Jahren zuvor jeweils nur 1), dachte ich mir, ich stelle diese Bücher einfach kurz vor. Dazu habe ich mir noch ein paar heraus gepickt, die mich wirklich interessieren beziehungsweise zu denen ich schon Besprechungen gesehen habe, die Begeisterung versprachen, und die versuche ich noch ein wenig anzulesen bis die offizielle Shortlist erscheint. Wenn ich das bis zu meinem selbstgewählten Stichtag nicht schaffen sollte, bleiben sie einfach mit dem Titel in dieser Liste stehen. Es soll keine von mir erstellte Shortlist sein, sondern vielmehr die Bandbreite aufzeigen, die Debütromane mitbringen und das man diese Form der Belletristik nicht unterschätzen sollte, denn auch jeder gestandene Autor hat mal mit einem Debüt angefangen. Viel Spaß also mit meinem kleinen Empfehlungs- und Vorstellungsdurchlauf zum Debütpreis 2018.

Eine Vergewaltigung steht im Raum! Was macht dieser Vorwurf, wenn er einmal in die Welt gesetzt wird, mit Täter, Opfer und deren Umfeld? Denn eine Vergewaltigung muss nicht zwangsläufig unter Fremden passieren. Sie kann im Freundeskreis stattfinden und so ein Szenario bringt Bettina Wilpert aufs Papier. In nüchterner Sprache leuchtet sie alle Seiten eines fiktiven Vorfalls aus und lässt es eher wie eine journalistische Aufarbeitung aussehen. Dabei kommen alle zu Wort und keine Seite erfährt eine Wertung. Stark geschrieben und in Zeiten von #metoo ein ganz besonders wichtiges Buch, welchem ich noch viele Leserinnen und vor allem Leser wünsche.

Diese Buchaufmachung ist Liebe auf den ersten Blick. In den letzten Jahren ist mir kein Buch unter die Augen gekommen, welches den Inhalt so präzise, aber auch schnörkellos auf das Buchcover überträgt. Allein schon dafür lohnt sich ein Blick. Doch auch der Inhalt ist gerade für bibliophile Menschen ein wahrer Genuss. Jedoch sollte man einen starken Magen mitbringen, denn ein paar deftige Szenen und Andeutungen muss man dafür über sich ergehen lassen, denn dieses Buch beleuchtet einen Kriminalfall. Um was es genau geht? Das sollte man sich im Vorfeld so weit wie möglich nicht anlesen, denn das nimmt einem die Spannung und versaut auch die Stimmung. Deswegen verrate ich hier nur so viel: Es ist saugut und intelligent geschrieben, ein Pageturner, der einen aber auch geistig anregt. Hier wird kein Rätsel nach dem anderen gelöst, sondern vielmehr baut sich diese ganze Geschichte Schicht für Schicht auf. Und am Ende? Ist man trotzdem nicht schlauer.

Eine frische Erzählstimme am Autorenhimmel. Genauso wie Gunnar Kaiser bei der ersten Staffel der Blogbuster entdeckt. Es ist witzig, spannend und führt uns als Leser in die Szene der Roofer ein. Für ein Debüt sehr vielschichtig angelegt und differenziert aufgeschrieben. Manche Redundanz ist zwar im Buch enthalten (Stichwort: Wecken), aber in der Summe ein sehr gutes und kurzweiliges Buch, welches in Erinnerung bleiben wird.

Starker Tobak ist diese Geschichte, die sich um zwei russische Freundinnen dreht. Eine dünn und für ein Modeljob in Shanghai unterwegs, die andere dick und bleibt in St.Petersburg zurück. Die eine findet sich nach und nach in dem Modeljob zurecht und will diesen so lange wie möglich machen, trotz der ganzen Ekelhaftigkeit, die dieser Branche anhaftet. Währenddessen die andere sich zu Hause in eine Art Diät verkriecht, die dem Essen während der Belagerungen Stalingrads nachempfunden ist. Wie sich diese zwei Geschichten umkreisen und die Freundschaft der zwei Mädchen immer mehr auf der Strecke bleibt, ist traurig anzusehen und so gut geschrieben, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

  • Hilmar Klute – Was dann nachher so schön fliegt

Nur angelesen, aber sofort in dieser Geschichte drin. Da brauchte es keine drei Seiten und mir gefiel der Ton, diese Stimme, der Einstieg. Will ich unbedingt weiterlesen. Leider habe ich vor Verkündung der Shortlist erst ein paar Seiten geschafft, so dass nur dieser erste Eindruck zu vermitteln ist.

  • Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

Auf den ersten Seiten dachte ich noch, was is’n das für’n Müll. Irgendwie wollte ich da so schnell wie möglich wieder raus. Es fing seltsam an, mit platten, oft gehörten Worten und das stößt mich ja eigentlich ab. Doch dann sprang der Funke doch recht schnell über und ich bin bei diesem Buch über die reine Anlesephase hinaus, kann es kaum beiseitelegen. Die Sprache ist zwar recht einfach gehalten, dafür präsentiert uns der Autor hier ein alternatives Europa und Deutschland. Der Zweite Weltkrieg oder etwas, was sich daran angeschlossen hat, dauerte bis in die sechziger Jahre hinein. Einen Aufbau Deutschlands hat es nicht gegeben, alles liegt in Trümmern und Deutschland trägt die Last einer neuen Regierungsform, wo sich die an der Macht befindlichen nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Die einfache Bevölkerung wird unterdrückt und die Reichen stecken sich immer mehr in die Tasche. Einen Wirtschaftsaufschwung hat es nicht gegeben und alles ist komplett anders, als die Geschichte, die wir kennen. Dadurch, dass ein alternatives Szenario aufgebaut wird, bleibt man automatisch am Ball, will wissen, wie es weiter geht, die Geschichtshäppchen, die die Vergangenheit beleuchten, in sich aufsaugen, um dieses Deutschland besser verstehen zu können. Ich bin gespannt, wie es hier weitergeht.

  • Lukas Ritzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Bisher bei knapp 6 Kapiteln. Die Trostlosigkeit, die den Osten Anfang der Neunziger Jahre gefangen hielt, ist in den Zeilen deutlich zu spüren. Zwar etwas klischeebehaftet, aber wie will man das anders rüber bringen? Es sind einfache Worte, die gewählt werden, aber gerade dadurch tritt das deutlich vor Augen. Ich bin gespannt, wie sich daraus die Geschichte entspinnt, die alle als die zur aktuellen Situation passende beschreiben (zumindest das Feuilleton). Aktuell finde ich es noch ein wenig lahm. Man liest altbekanntes auf aufgewärmten Tellern.

  • Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin

Dieses Buch hatte ich schon im Sommer angelesen und war sofort drin, in diesen ersten Zeilen. Sprachlich hat es mir diese Geschichte ebenfalls angetan. Da es aber schon eine Weile zurück liegt, kann ich aktuell nicht mehr dazu sagen. Es würde mich aber freuen, wenn es dieses Buch auf die Shortlist schaffen würde. Wenn nicht, dann lese ich es einfach so – schlecht wird es sicher nicht sein, wie man manchen Besprechungen in der Blogwelt glauben darf.

  • Karolin Menge – Warten auf Schnee und Kai Wieland – Amerika

Liegen beide bei mir bereit, aber ich habe es noch nicht geschafft reinzuschnuppern. Sollten beide nicht auf der offiziellen Shortlist landen, so stelle ich sie euch unbedingt 2019 auf dem Blog vor.

  • Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

Zum Deutschen Buchpreis habe ich dieses Buch angelesen, aber irgendwie kam ich mit dem Stil nicht klar. Doch es setzte sich im Kopf fest und blieb präsent – bis heute. Ein Buch mit einer einfachen Sprache und wahrscheinlich damit umso klareren Botschaft. Ich gebe ihm auf jeden Fall noch einmal eine Chance.

  • Philipp Weiss – Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen

5 verschiedene Bücher, 5 verschiedene Formate und über 1000 Seiten Geschichte, 6 Jahre Arbeit, verpackt in einem Schuber. Was wahnsinnig aussieht, da steckt wohl ein bisschen Wahnsinn drin. Es klingt sehr ambitioniert, was Philipp Weiss da zu Papier gebracht hat und erste positive bis euphorische Stimmen sind auch schon zu vernehmen. Mit 48,-€ nicht ganz billig, aber Weihnachten steht ja vor der Tür und da kann man sich das getrost schenken lassen. Habe ich leider noch nicht angelesen beziehungsweise will ich mir das wirklich schenken lassen. Aber allein von der Art, wie dieses Buchprojekt als Debüt aufgezogen ist, gehört das eigentlich schon auf die Shortlist.

Wünsche für die offizielle Shortlist

Nun habe ich doch noch einiges angelesen von dieser laaaangen Liste (69 Bücher sind es in diesem Jahr, die nominiert wurden), die eine enorme Vielfalt an Debütromanen präsentiert. Schnuppert mal rein, ich glaube, da wird jeder fündig. Dieses Jahr will ich euch, wie schon angedeutet, keine Shortlist präsentieren, aber von den Büchern, die ich gelesen habe beziehungsweise etwas intensiver angelesen habe eine Destillation filtern, welche Bücher ich mir für die offizielle Shortlist wünsche. Ich bin gespannt, ob es zu Überschneidungen kommen wird. Und diese Bücher wünsche ich mir unbedingt auf die Shortlist, da sie mich entweder begeistert haben oder weil sie schon allein von ihrer Idee her sehr größenwahnsinnig daher kommen.

  • Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert
  • Philipp Weiss – Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen
  • Gunnar Kaiser – Unter der Haut/span>
  • Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde
  • Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin
Werbeanzeigen

11 Kommentare zu „[Debütpreis 2018]: Gelesenes, Angelesenes, Empfehlungen

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    auch ich habe schon ein paar der Bücher von der Longlist gelesen. Überschneidungen haben wir auch: Wilpert, Hochhausspringerin, Molinari, Klute. Ausserdem habe ich noch Elly und das Buch von Yara Lee gelesen. Einen Favoriten habe ich noch nicht.
    Ich bin super gespannt auf die Shortlist und hoffe, von meinen gelesenen ist etwas dabei.
    Viele Grüße
    Silvia

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hab sechzehn Bücher gelesen oder lese ich gerade und zwar:
    Mareike Schneider „Alte Engel“https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/04/16/alte-engel/
    Ljuba Arnautovic „Im Verborgenen“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/06/im-verborgenen/
    Hilmar Klute „Was nachher so schön fliegt“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/09/01/was-dann-nachher-so-schoen-fliegt/
    Verena Staufer „Orchis“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/04/08/orchis/
    Barbara Rieger „Bis ans Ende, Marie“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/07/29/bis-ans-ende-marie/
    David Fuchs „Bevor wir verschwinden“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/07/bevor-wir-verschwinden/
    Wlada Kolosowa „Fliegende Hunde“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/10/fliegende-hunde/
    Michel Decar „Tausend deutsche Diskotheken“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/07/06/tausend-deutsche-diskotheken/
    Donat Blum „Opoe“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/13/opoe/
    Claudia Tieschky „Engele“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/20/engele/
    Kai Wieland „Amerika“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/09/25/amerika/
    Lukas Rietzschel „Mit der Faust in die Welt schlagen“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/09/25/mit-der-faust-in-die-welt-schlagen/
    Gianna Molinari „Noch ist alles möglich“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/31/hier-ist-noch-alles-moeglich/
    Florian Wacker „Stromland“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/04/02/stromland/
    Gunnar Kaiser „Unter der Haut“https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/03/22/unter-der-haut/
    Dennis Pfabe „Der Tag endet mit dem Licht“, habe ich noch nicht ausgelesen und hätte mir daraus die Shorlist:
    „Unter der Haut“
    „Fliegende Hunde“
    „Noch ist alles möglich“
    „Bevor wir verschwinden“ und
    „Was nachher so schön fliegt“ wünschen und jetzt bin ich gespannt!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

Unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

pialalama.

#Buch&Musik

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Schafe - und Felle.

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Stadtbibliothek Erlangen

Wir bloggen für euch

Leckere Kekse & mehr

Kekse backen, Bücher lesen und mehr

%d Bloggern gefällt das: