[Rezension] [Debütpreis 2018]: David Fuchs – Bevor wir verschwinden

 

Nicht zimperlich

Dieses Buch war das Zweite, welches ich für den Bloggerpreis zum besten Debüt 2018 gelesen hatte. Und was für ein Text, was für ein Thema. Man sollte nicht gerade zimperlich sein, wenn es darum geht, dem Protagonisten Benjamin oder kurz Ben bei seinem Praktikum auf einer Onkologie über die Schultern zu schauen. Was er dort erlebt, fasst David Fuchs, seines Zeichens selber Arzt in diesem Bereich, in einer klaren, einfachen Sprache zusammen und lässt dadurch manche Bilder besonders deutlich und drastisch vor Augen treten. Zusammen mit „Nichts, was uns passiert“ schon zu diesem frühen Zeitpunkt war dieses Buch für mich ein Mitfavorit auf den Preis und hat dann tatsächlich auch den zweiten Platz belegt. In meiner persönlichen Rangfolge lag dieses Buch direkt nach der Lektüre knapp hinter Wilperts Buch, da es sprachlich in meinen Augen doch ein klein wenig abfällt. Diesen Abstand konnte das vorliegende Buch nach längererem Überlegen dann doch nicht aufholen.

Das alltägliche Grauen auf der onkologischen Station

Benjamin ist angehender Arzt und muss bis zum Abschluss noch ein paar Praktika vorweisen. Eines davon absolviert er auf einer onkologischen Station eines Krankenhauses, in dem er auch medizinische Versuche an Schweinen durchführt, um sein Taschengeld aufzubessern. Das Buch behandelt die Dauer dieses Praktikums. Doch was ist so besonders daran, diesem Benjamin während diesem Praktikum über die Schulter zu schauen? Muss man sich dieses Leid antun, was da beschrieben wird? Sollte man sich die Menschen, die mit Krebs auf diese Station kommen und vielleicht keine Heilungschancen haben? Ja, man MUSS das tun. Es ist schrecklich, es ist grausam, aber es gehört auch zum Leben dazu, gerade in heutigen Zeiten, wo Krebs gefühlt zur Volkskrankheit Nummer 1 mutiert. Denn wer hat ihn nicht, den Verwandten oder Bekannten, der an einer der vielen verschiedenen Formen dieser tückischen Krankheit gestorben ist? Und ja, dieses Buch mutet einem viel zu, auch an ekelhaften Szenen, die man irgendwie aushalten muss, um zum Kern der Geschichte vorzudringen.
Und genau dieser Kern ist es, was dieses Buch über einen bloßen Praktikumsbeschreibungsablauf hinaus hebt. Denn Benjamin trifft auf dieser Station auf seinen Exfreund Ambros, mit dem er zu Schulzeiten ein Verhältnis hatte, was, soweit das herauslesbar ist, sogar relativ offen an die Umwelt kommunizierte. Das diese zwei ein schwules Pärchen waren, steht auch nicht so sehr im Vordergrund. Vielmehr geht es um die allgemeine Beziehung der Zwei unter dem neu geschaffenen Verhältnis Arzt und Patient und das Ambros eigentlich viel zu jung ist, um mit Metastasen und kaum einer Chance auf Heilung dem Tod entgegenzublicken. Auch das muss Ben als angehender Arzt und wir als Leser ertragen. Gelingt das Ben? Oder uns als Leser?

Harter Tobak

Was uns David Fuchs hier auftischt ist, in klaren Worten ausgesprochen, harter Tobak. Er, der selbst auf so einer Station arbeitet, nimmt kein Blatt vor den Mund und zeigt auf grausame Art und Weise, wie es auf so einer Station aussehen kann. Es geht hier nicht mal mehr um Leben und Tod, sondern nur noch darum, dass Sterben so angenehm und ruhig wie möglich zu gestalten. In den Mittelpunkt rücken der Erzähler Benjamin, aus dessen Sicht alles erzählt wird, und Ambros, der als Patient auf der Station eingewiesen wird und der Ex-Freund des Erzählers ist. Diese ehemalige Beziehung wird in Rückblenden beleuchtet, die immer wieder die Hauptgeschichte unterbrechen. Dabei wird das Thema Homosexualität als wohltuend normal hingenommen und vielmehr der Kontext betrachtet, wie die Beziehung der zwei aussah und woran sie scheiterte. In der Gegenwart zeigt uns der Autor dann das Gegenbild, wie die zwei miteinander im Angesicht des bald möglichen Todes von einem der Zwei umgehen (müssen). Sagen wir mal so, es ist nicht einfach.
Dieser Beziehung stellt der Autor den Alltag auf der onkologischen Station gegenüber, bringt noch einige andere Patienten in den Mittelpunkt und beschreibt deren Krankheitsbild beziehungsweise Tod. Und das macht er mit einem etwas distanzierten, unterkühlten Blick. Und ich glaube, dass das nur so möglich ist, um das besser zu ertragen – als Autor und als Leser. Doch durch genau diese Sprache nehme ich ihm ab, dass der Autor weiß wovon er schreibt.

Krebs und Sterben ist Scheiße. Doch muss man das Lesen?

Dieses Buch habe ich für den Bloggerpreis für das beste Debüt 2018 gelesen. Leider musste ich aus privaten Gründen für dieses Jahr aus der Jury aussteigen. Doch in unserer internen Diskussionsrunde auf Facebook, kam auch ein Punkt auf, der mich bei solchen Büchern ebenfalls beschäftigt. Wer will so etwas lesen? Wer will etwas über Tod, Verderben, Dahinsiechen lesen? Und dann auch noch so distanziert? Die Frage ist definitiv berechtigt, denn die meisten wollen beim Lesen abschalten, die Geschichte genießen und den Alltag außen vor lassen. Da verstehe ich es, wenn man diesen Text verabscheut und mit einer schlechten Note in die Ecke wirft. Ich persönlich mag es aber, wenn es ein wenig düster zugeht und wenn dann noch ein Thema gewählt wird, welches uns alle angeht, werde ich hellhörig. Gerade in den heutigen Zeiten muss man sich intensiver mit dem Thema Krebs und deren Folgen für die Gesellschaft auseinandersetzen. Auch im privaten Umfeld häufen sich die Nachrichten, dass Person x oder y entweder an Krebs erkrankt oder sogar gestorben ist. Wenn man es salopp sagt: Die Einschläge kommen immer näher. Und so wird es vielen gehen. Da können Bücher, seien es Romane oder auch Sachbücher, helfen, mit dem Thema umzugehen. Insbesondere, wenn man an dieser Krankheit Menschen verliert, die man entweder mal geliebt hat oder immer noch in seinem Herzen trägt. Auch mir hat dieses Buch ein wenig geholfen, meinen eigen Trauerfall in der Familie besser verarbeiten zu können.

Auch wenn David Fuchs eine etwas distanzierte, nüchterne Sprache gewählt hat, ist es ihm gelungen, mir das Treiben auf der onkologischen Station näher zu bringen und ein wenig in dieses Gebiet einzutauchen. Es ist insgesamt kein Jahreshighlight geworden, aber eine Empfehlung für dieses Buch möchte ich trotzdem aussprechen. Lest es und setzt euch mit dem Thema Krebs und Tod auseinander. Früher oder später muss sich jeder mit einem der beiden beschäftigen. Das Letztere sogar definitiv jeder. Dieses Buch hat beim Bloggerpreis für das beste Debüt dem Zweiten Platz belegt.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr unter anderem bei den folgenden Blogs:

 

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3 Kommentare zu „[Rezension] [Debütpreis 2018]: David Fuchs – Bevor wir verschwinden

Gib deinen ab

  1. Lieber Marc,
    ich habe gestern Abend mit dem Roman begonnen und stehe mit meiner Lektüre noch ganz am Anfang. Mir ist aber schon aufgefallen, dass es neben dem recht sachlich-distanzierten Beschreiben (ja, deine Bewertung teile ich völlig) der Tätigkeiten auf der Onkologie und auch den ersten Gesprächen mit Ambros immer wieder so einen ganz besonderen Humor gibt, den die Mitarbeiter auf der Station nutzen, um das Bedrückende der Situation aufzulösen.
    Und die Eisproduktion in den Urinprobenröhrchen fand ich auch ganz großartig: da frieren die Pflegerinnen und Pfleger so alles ein, was geht – von der Cola über Bier bis zu Sekt und Milch – damit die Patienten sich bei der Hitze des Augusts ein bisschen abkühlen können. Das ist doch großartig.
    Und ich stimme dir auch zu, dass solche bedrückenden Themen, nämlich eine schwere Krankheit und das Sterben, die aber nun einmal zu unserem Leben dazugehören, natürlich auch literarisch verarbeitet werden sollen, ja: müssen. So gelangen sie – zumindest bei den Lesern – ins Bewusstsein, werden diskutiert (z.B. in meinem Literaturkries) und so auch in der gesellschaftlichen Diskussion aus der Ecke herausgeholt. Das muss nicht jeder lesen, aber für diejenigen, die sich auch mit diesen Themen auseinandersetzen wollen, ist diese Literatur genau richtig.
    Ich bin guter Dinge, dass die Lektüre, so traurig sie ist, mich auch weiterhin beeindrucken wird.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

      1. Hallo Marc,
        im Moment komme ich nur abends zur Lektüre, leider immer nur ein paar Seiten. Und bisher bin ich immer noch sehr interessiert am Krankenhaus-Leben (auf der Station und im Keller) und neigierig auf das gerade entdeckte Polaroid-Projekt. Und es rührt mich schon sehr an, wie gefasst Ambross seine Erkrankung nimmt. Puh, da habe ich ganz viel Respekt.
        Liebe Grüße, Claudia

        Gefällt 1 Person

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