[Rezension]: Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

Fluchtpunkt Afrika – Europäische Geschichte einmal anders herum gedacht

IMG_20190119_130957_876.jpgEingangs, in den ersten Kapiteln, habe ich diese primitive Sprache verflucht, mit der uns Christian Torkler und sein Hauptcharakter Josua Brenner beehren. Da wollte ich es fast schon wieder beiseitelegen. Ich wusste im Vorfeld so gut wie nichts über das Buch und dessen Inhalt und war erst einmal vor den Kopf gestoßen. Doch so nach und nach mischten sich Fakten in die Geschichte, die mich bei Laune hielten. Denn irgendwas gestaltete sich anders in dieser Geschichte und das ist genau das Stichwort: Geschichte. Ist es nicht so, dass Geschichte nur aus Zufällen passiert? Was wäre zum Beispiel passiert, wenn 1989 die Menschen von der Armee oder der Polizei an der Mauer oder in Leipzig keine ruhigen Finger gehabt hätten, sondern scharf auf die Demonstranten geschossen hätten? Oder hätte es was am Ausgang des Zweiten Weltkrieges etwas geändert beziehungsweise wie wäre es hier in Deutschland weiter gegangen, hätte Stauffenberg mit seinem Attentat Erfolg gehabt? Solche Fragen an wichtigen historischen Weggabelungen kann man immer wieder stellen. Und genau so etwas macht Christian Torkler hier, er nimmt einen wichtigen Punkt in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, ändert ein kleines Detail und schon haben wir eine völlig andere Historie. In dieser ist Afrika der Kontinent, bei dem es richtig rund läuft und das Geld in Strömen fließt und wo Europa selbst in den Neunzigern und Nuller- Jahren immer noch Trümmern liegt, in Korruption und Kleinstaaterei erstickt.

Von einer Vision zum Tritt in den Allerwertesten

Das Buch ist die Lebensgeschichte von Josua Brenner, der im Berlin der 1980er und 1990er Jahre aufwächst und durch dessen Augen wir als LeserInnen seinen Lebensweg verfolgen. Anfangs der Erzählung wirkt alles noch relativ normal, nur einzelne Einsprengsel von anderen Namen und Tatsachen lassen einen stutzen. Doch relativ schnell wird klar, dass hier eine andere Geschichte geschrieben steht. Der europäische Kontinent liegt in Trümmern, Korruption und Kleinstaaterei ist zumindest in Deutschland an der Tagesordnung. Flüchtlingsströme ziehen nicht von Süden nach Norden sondern in die entgegengesetzte Richtung. In dieser Zeit wächst Josua Brenner auf. Auch als Erwachsener hat er den Glauben, dass durch einen Wechsel an der Regierungsspitze sich alles zum Besseren wenden wird. Er hat Visionen, will eine Bar aufmachen, eine Familie gründen. Dies alles gelingt ihm auch, aber nur unter größten Anstrengungen. Als der Laden, den er sich erträumte endlich läuft, fangen die Probleme aber erst richtig an. Ihm wird Schutzgeld abgepresst, immer mehr Knüppel werden ihm von Behördenseite zwischen die Beine geworfen und auch auf Seiten der Familie geht es stetig bergab, da Josua nur noch für den Laden da ist. Dann geht es Schlag auf Schlag. Sein Sohn stirbt, seine Frau lässt sich von ihm scheiden und zu guter Letzt fackelt auch seine Bar ab. Wenn man einem Mann alles nimmt, wird er unberechenbar oder er gibt auf und wählt die Option zur Flucht. Auf genau diesen Punkt setzt er auch und eine beschwerliche Reise über die Alpen steht vor ihm und sie wird ebenfalls von Verlusten und von Enttäuschungen geprägt sein, aber auch mit Hoffnung und Zuversicht durchsetzt werden.

Erschreckende Bilder

IMG_20190119_130907_979.jpgViele haben sicher noch die Bilder im Kopf, als 2015 eine Flüchtlingswelle über Europa und Deutschland schwappte. Was damals passierte kann immer wieder passieren und dagegen kann man eigentlich nichts machen, außer diesen Zustrom an Menschen in geregelte Bahnen lenken. Aber geht das überhaupt? Kann man flüchtlingswillige Menschen in ein Korsett aus Vorschriften und Maßnahmen einzurren? Wenn man Christian Torklers Roman gelesen hat weiß man, dass das nicht geht. Zu viele Menschen verdienen sich dumm und dämlich daran, dass Flüchtlinge von A (Heimat) nach B (Sehnsuchtsort, Ziel) in Bewegung setzen. Nur das es hier eine umgekehrte Sichtweise gibt, denn die Flucht passiert aus Europa heraus in die Richtung der wohlhabenden Staaten in Afrika. Und das ist das interessante an diesem Buch. Diese Verdrehung der Geschichte, einfach so, ohne große Vorerklärung. Diesen Kniff muss man schlucken, wenn dieses Buch einem gefallen will. Stößt diese Grundvoraussetzung sauer auf, kann der Schuss auch nach hinten losgehen und es setzt ein großes Stöhnen ein und der- oder diejenige sagen sich, warum sich noch eine der unzähligen Flüchtlingsgeschichten antun, wenn es davon schon so viele gibt. Ich gebe zu, es fällt schwer, am Anfang dem Geschehen zu folgen, sich davon einsaugen zu lassen. Keine bekannten Namen, die komplette Geschichte Europas umgedeutet in eine einzige katastrophale Gemengelage. Das ist ein einziger Wermutstropfen an diesem Buch. Es fehlen die Ankerpunkte, an denen man die anders verlaufenden Ereignisse verorten könnte, insbesondere fehlen da bekanntere Namen, die man sicher hätte einstreuen können. Aber das ist nur ein kleiner Punkt in einer ansonsten großartigen Geschichte, denn die Geschichte um den kleinen Mann Josua Brenner, dem durch die alternative Geschichte Europas übel mitgespielt wird, der dabei aber alles versucht, um daraus das Beste für sich und seine Familie zu machen, ist großes Kino mit großem Schrecken. Insbesondere die Flucht, die im zweiten Teil des Buches thematisiert wird und das, was Abertausende aus dem Nahen Osten und Afrika heutzutage erleben, aus europäischer Sicht zu deuten, macht Christian Torkler in meinen Augen fast perfekt.

Hoher Preis für die Freiheit

Doch was lernt man aus diesem Buch? Zum einen, dass es nur einen kleinen Anstoß braucht, damit Geschichte entweder anders verläuft oder, dass wir in Europa in 40 oder 60 Jahren auch Verhältnisse haben, die uns dazu veranlassen, aus unserer Heimat zu flüchten. Wobei es auch noch gar nicht so lange her ist, dass auch Menschen mit deutschen Wurzeln aus ihrer Heimat flüchten mussten beziehungsweise vertrieben wurden. Zum anderen sieht man in diesem Buch, dass es im Fall des Hauptcharakters schon sehr vielen kleinen und großen Geschehnissen bedarf, dass er die Flucht ergreift und, wenn man das auf die Allgemeinheit ummünzt, dass niemand einfach so aus freien Stücken beschwerliche Wege auf sich nimmt, nur um einfach mal so von seiner Familie wegzugehen, um ein besseres Leben zu finden – sozusagen den Platz an der Sonne! Ob Josua Brenner diesen finden wird? Das müsst ihr dann selbst heraus finden, es lohnt sich trotz der einfacheren Sprache, die in diesem Buch über die volle Länge absolut passend ist.

P.S.: Dieses Buch hätte ich, im Nachhinein betrachtet, gerne beim Debütpreis auf der Shortlist gesehen, da es sehr viel in sich vereint, einen enormen Sog entwickelt und eine klare, wenn auch pessimistische Botschaft übermittelt. Auf der Liste der eingereichten Bücher war es vorhanden und über diese bin ich, neben der Besprechung vom Kaffeehaussitzer (siehe unten), auf diesen Titel auch aufmerksam geworden. Ich wünsche dem Buch noch viele weitere Leser, vor allem solche, die über Flüchtlinge immer schimpfen und vielleicht ihre vorgefestigte Meinung ein wenig aufweichen. Aber meistens erreicht man diese Menschen nicht, erst nicht mit belletristischen Werken.

Vielen Dank an den Verlag Klett-Cotta, der mir über die Plattform NetGalley ein elektronisches Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr unter anderem auf den folgenden Blogs:

Werbeanzeigen

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

Gib deinen ab

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

Unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

pialalama.

#Buch&Musik

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Schafe - und Felle.

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Stadtbibliothek Erlangen

Wir bloggen für euch

Leckere Kekse & mehr

Kekse backen, Bücher lesen und mehr

%d Bloggern gefällt das: