[Rezension] [Debütpreis 2018]: Verena Stauffer – Orchis

Sprachliches Feuerwerk, unfertiges Ende, Unsympath als Hauptfigur

IMG_20190125_115627_139.jpgVerena Stauffers Buch „Orchis“ wäre komplett an mir vorbei gegangen, wäre es nicht auf der Shortlist für den Bloggerpreis zum besten Debüt 2018 nominiert gewesen (Beitrag zur Shortlist: Hier entlang). Doch dann wäre mir ein sprachliches Feuerwerk entgangen, welches am Ende hin leider ein wenig zu sehr auf das Gaspedal drückt und für mich persönlich ein wenig unrund abschließt. Hier hätte ich mir noch ein wenig mehr Entschleunigung gewünscht. Nicht nur, um noch ein wenig in der Sprache und der Geschichte verweilen zu können, sondern auch, um der Geschichte einen runderen Abschluss zu verleihen. So wirkte es ein wenig, dass der Autorin zum Schluss der Weg abhandenkam, wohin sie ihre Figur noch entwickeln wollte. Für mich persönlich war die Hauptfigur und ihr Weg nicht richtig auserzählt und irgendwie war mir Anselm keine richtige Identifikationsfigur. Positives kann man das Ende aber auch abgewinnen, denn so kann man das eigene Kopfkino einschalten und Anselms weiteren Lebensweg selber weiterspinnen.

Ein Orchideennarr im 19. Jahrhundert

IMG_20190125_115655_849.jpgAnselm ist die Hauptperson, um die sich dieser Roman dreht. Und dieser Anselm hat sich einer Leidenschaft verschrieben: Den Orchideen. Daher auch der etwas niedliche Titel des Buches. Das ist dann auch die einzige Leidenschaft, die Anselm in seinem Leben zulässt, dieser ordnet er alles andere unter. Sein Leben, die Liebe und überhaupt alles muss sich den Orchideen beugen. Der Anfang ist eine Reise Anselms nach Madagaskar, wo er als junger Mann noch nicht entdeckte oder seltene Exemplare von Orchirdeen studieren beziehungsweise mit nach Hause nehmen möchte. Das gelingt ihm nur halb, denn nach der erfolgreichen Suche und der Probenentnahme einiger Pflanzen, gehen diese auf der Rückreise bei einem Sturm verloren und Anselm verliert darüber den Verstand. Als Ausgleich für den Verlust, lässt er gedanklich auf seiner Schulter eine Orchidee wachsen und gibt ihr alles, was sie zum Leben braucht. Doch für alle anderen sieht es nach einer Geistesverwirrung aus und das Anselm eher nach innen kehrt und für die normale Außenwelt nicht mehr erreichbar ist. Nach Hause zurückgekehrt, sehen seine Eltern keine andere Möglichkeit als ihn in eine Anstalt zu überweisen, damit sie sich dort um die Nervenkrankheit ihres Sohnes kümmern können.
Diese Anstaltsszenen sind der zweite Teil von insgesamt vier, die Anselms Leben ausmachen. Er wird dort erfolgreich behandelt, wobei der behandelnde Arzt einige Tricks auffahren muss, um Anselm zu heilen. Doch wirkt der Botaniker ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz bei sich und nur noch besessener von seinen Orchideen. Als er zu einer Professur an der Universität berufen wird, an der auch schon sein berühmter Vater lehrte, kennt er fast nur ein Thema – Orchideen. Er macht sich zwar auch einen Namen auf anderen botanischen Gebieten, aber die Orchideen bleiben seine Leidenschaft. Als er bei einem Kongress vom chinesischen Frauenschuh erfährt, Anselms Meinung nach eine sehr seltene und noch nicht erforschte Orchideengattung, ist er sofort Feuer und Flamme und merkt dabei nicht, wie er von einem Kollegen in eine Falle gelockt wurde. Doch Anselm ist angefixt und macht sich auf eine beschwerliche und mühsame Reise nach China, um diese Orchidee zu finden. Ob er diese findet, lässt die Autorin in Andeutungen offen.

Es hätte so gut sein können – Sprachlich top

Ich gebe zu, dieses Buch hat etwas. Alleine die äußere Aufmachung ist eine Augenweide, wobei ich gestehe, dass mich genau dieses Cover vor diesem Buch abgeschreckt hatte, als ich es erblickte. Wäre es nicht beim Bloggerpreis für das beste Debüt 2018 auf der Shortlist gelandet, so hätte ich es links liegen gelassen. Doch dann hätte ich sprachliches Feuerwerk verpasst, welches in dieser Form im letzten Jahr selten vor mein Auge trat. Und das als Debüt wohlgemerkt Da zimmerte die Autorin einen poetischen Satz an den anderen und man käme mit den Klebezetteln oder mit dem Anstreichen nicht mehr hinterher. Zum Glück mache ich das nicht mehr. Aber selbst ohne diese Hilfsmittel braucht man nur eine beliebige Seite im Buch aufschlagen und findet garantiert einen zitierwürdigen Satz… Zufällig im Buch geblättert und diesen gefunden:

„Er war verstört. Wie sollte er nur in den Schlaf finden? Er bemühte sich doch, sein Wissen in größtmöglichem Umfang an sie weiterzugeben. […] Er stellte sich viele Fragen, auf die er keine Antworten fand. Die Stimme desjenigen, der so hinter seinem Rücken über ihn gesprochen hatte, hatte er nicht erkannt. Anselm fühlte eine Bitterkeit, die er die restlichen Stunden der Nacht kaum unterdrücken konnte.“

 

Es hätte so gut sein können – Jedoch unsympathische Hauptfigur

IMG_20190125_115619_259.jpgDoch Sprache ist leider nicht alles bei einem Buch. Dazu muss auch die Geschichte rund sein und das ist sie in diesem Fall leider nicht ganz, was noch nicht einmal an dem Plot selbst liegt, sondern vielmehr an der Hauptfigur und ihrem etwas unsympathischen Auftreten festzumachen ist. Anselm weist einen großen Hang zum Arroganten und Selbstgefälligen auf. Dadurch, dass er so charakterisiert wird, insbesondere nachdem er von seinem Wahn befreit wurde, machte es für mich problematisch, in diesem Buch mehr zu sehen, als nur diese schöne Sprache. Das soll nicht bedeuten, dass dieses Buch schlecht ist, sonst hätte ich diesem keinen dritten Platz beim Debütpreis gegeben (siehe hier: klick), aber ein stimmigeres Bild wollte sich mir nicht ergeben. Auch das Ende kam erst zu schnell heran gerauscht und dann hörte es abrupt auf, aber mit einem passenden Bild, was Anselm betrifft. Jedoch hätte ich gerne noch mehr erfahren, was er mit diesen überbordenden Bildern, die er gesehen hat, anfangen sollte oder ob diese überhaupt echt sind. Doch hier wird man als LeserIn leider alleine gelassen. Ich mag zwar offene Enden und gerne auch pessimistisch, aber hier wirkte es gehetzt und unrund zugleich.

Insgesamt, auch wenn es vielleicht nicht den Anschein machen sollte, habe ich das Buch zu großen Teilen gern gelesen und es ist sprachlich und seitens der Aufmachung eine Augenweide. Jedoch konnte ich mich mit der Hauptfigur überhaupt nicht identifizieren, wobei ich zugeben muss, dass diese eigenbrötlerischen Züge auch bei mir manchmal zu Tage treten, ich das also verstehen müsste, wie es in Anselm aussieht. Doch so richtig setzte sich das bei mir nicht durch, da zu diesem Eigenbrötlertum auch die Arroganz dazu kam und damit wurde das Lesevergnügen eingetrübt. Insbesondere auch deshalb, weil Anselm der einzige große Charakter ist und alle anderen in seinem Schatten stehen. Wer also ein sprachliches Feuerwerk lesen möchte, kann hier getrost zugreifen, ist aber zugleich gewarnt, dass hinter dem schönen Schein eine eigentümliche Figur lauert.

Gewinnspiel

Bei wem ich jetzt das Interesse an dieser wunderbaren Sprache wecken konnte, den lade ich ein, unter diesem Beitrag zu kommentieren. Alle Kommentatoren wandern in einen Lostopf, wo ich mein Leseexemplar zu diesem Buch verlosen möchte. Teilnahmeschluss ist der 31.01.2019 und der Rechtsweg ist dabei ausgeschlossen. Viel Glück.

An dieser Stelle danke ich dem Verlag Kremayr&Scheriau für die Bereitstellung des Leseexemplars zur Bewertung im Zuge des Debütpreises. Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr unter anderem auf den folgenden Blogs (unter anderem auch die Jurykollegen zum Debütpreis):

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8 Kommentare zu „[Rezension] [Debütpreis 2018]: Verena Stauffer – Orchis

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