[Rezension]: Juan Gomez Barcena – Kanada

Wenn Worte nicht ausreichen

Mit „Kanada“ ist mir ein Roman durch Zufall in die Hände gefallen, den man kaum in Worte fassen kann. Es ist ein Buch, welches sich nicht einfach so in einem Stück lesen lässt, obwohl es mit 192 Seiten eher schmal ist. Vielmehr wird hier eine Geschichte aufgeblättert, die einen anfangs umschmeichelt, in Sicherheit wiegt mit seiner Rückkehr eines Mannes in seine Heimat, zu seinem Haus, seiner Wohnung. In der Zwischenzeit vom Nachbarn gehütet und „verwaltet“. Und doch schlummert da etwas unter der Decke, will raus, möchte sich preis geben. Ein schreckliches Geheimnis, eine Erklärung, warum sich der Mann in seiner ehemaligen Wohnung verbarrikadiert, sie nicht mehr verlässt und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich selbst überlässt. Dieser Band, diese Geschichte schmerzen immer mehr. Es ist Geschichte in seiner schrecklichsten Form, vieles muss man sich anhand des Gelesenen zusammenreimen und erarbeiten bis zum Schluss der Magen zusammenkrampft.

Um eine Ahnung zu umschreiben

Wie Stefan von Poesierausch (Verlinkung siehe unten) möchte ich an dieser Stelle auch nicht mehr über die Handlung preis geben, denn es macht dieses Buch zu einem vielschichtigen, wenn man so wenig wie möglich im Vorfeld darüber weiß. Es macht den Reiz aus, dass man nicht weiß, was einen erwartet, wohin das Ganze laufen wird. Barcena hat dafür eine Sprache gefunden, die sich direkt mit uns als Lesende verbindet. Er spricht den Protagonisten des Buches aus der Ferne an, als allwissender Erzähler, der weiß, was vorgefallen ist. So wird die namenlose (?) Hauptfigur durch die Szenerie getrieben. Es ist auf einem hohen Niveau aufgeschrieben und von Steven Uhly richtig gut ins Deutsche übersetzt.

Im Vorfeld zu diesem Buch war mir nur der Titel bekannt. Dieses simple Kanada in schwarzen Lettern auf grauem Band hat mich fasziniert und doch wusste ich in meinem Innersten, dass es wenig mit dem Land zu tun hat, dass es vielmehr als Metapher für etwas anderes gelten muss, was der Hauptfigur widerfahren ist und eines der großen Geheimnisse ist, die sich im Buch nach und nach entblättern und einen immer mehr in eine Art Albtraum ziehen. Zeitweise ist man sich nicht sicher, ob das alles real ist, was da auf dem Papier steht, ob der allwissende Erzähler den Mann nur verspotten will. Doch mit fortschreitender Seitenzahl wird vieles immer klarer, rückt die Vergangenheit immer mehr ins Bild und uns als LeserInnen wird klar, was dieser Mann, der sich in seine Wohnung zurückgezogen hat, alles durchmachen musste.

Bücher, die zu Tränen rühren

Diesen Mann hat man immer klar vor Augen, auch wenn er nie direkt beschrieben wird. Wahrscheinlich wird sich da jeder ein eigenes Bild zusammensetzen, aber im Groben werden diese Schablonen immer übereinstimmen. Das hat der Autor wunderbar hinbekommen, dies zu transportieren. Zu Beginn des noch jungen Jahres habe ich ein bisher für mich wahnsinniges Tempo hingelegt und schon einige Bücher mit ähnlichem Umfang abgeschlossen. Bei diesem war mir das nicht möglich. Obwohl die Kapitel kurz gehalten sind, keines geht über mehr als fünf Seiten, musste ich mich langsam in die Geschichte reintasten, hielt inne, um das Gelesene zu verarbeiten. Und doch bestand eine Anziehungskraft zu dieser Geschichte, die mich jeden Abend aufs Neue dahin zurück trieb, obwohl meine Vorahnung eine düstere war und nichts Gutes versprach. Meine Empfehlung ist: Lest dieses Buch, aber versucht, so wenig wie möglich Informationen zum Inhalt einzuholen. Dann werdet ihr eine sehr intensive Leseerfahrung machen, die man so schnell nicht vergisst. Von Vergnügen will ich an dieser Stelle nicht sprechen, aber das ist auch nicht der Zweck von diesem Buch. Es ist eines, welches wehtut. Und es regt zum Nachdenken an. Über die Geschichte Europas, über das Schicksal Einzelner, über zwischenmenschliche Beziehungen und das sich solche Geschichten bitte nie wiederholen sollen. Egal wo auf diesem Planeten.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr auf folgenden Blogs:

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3 Kommentare zu „[Rezension]: Juan Gomez Barcena – Kanada

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