[Projekt Stephen King]: The Stand Teil 2 – Vom Suchen und Finden

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Was Stephen King im zweiten Teil von The Stand aufs Papier gebracht hat, ist der pure Wahnsinn. Das buchstabiert man M-O-N-D und das heißt Wahnsinn. Meine Fresse ja, würde Tom Cullen jetzt sagen. Viele empfinden den zweiten Teil des Buches als sehr zäh, er zieht sich über lange Strecken des Buches, es passiert viel und doch sehr wenig, wenn man mit King Horror und Suspense verbindet. Doch das ist ein Trugschluss, aber man muss sich darauf einstellen, wie ich damals bei meinem ersten Leseversuch feststellen musste. Mir erging es zuerst ähnlich. Nach dem schnellen Start und der Seuche, die sich rasend schnell ausbreitet und deren kurzfristige Folgen, war mir der Anschluss zu fad, zu langsam, zu unspannend und ich brach irgendwann entnervt ab. Doch das Buch schaute mich monatelang vorwurfsvoll an und ich probierte es erneut, der Knoten platzte und seitdem bin ich Stephen King treu. Nun also der vierte Leseanlauf und ich bin immer mehr davon fasziniert, was King hier versucht und es eigentlich auch schafft. Doch dazu mehr im nun folgenden zweiten Teil zur Besprechung von The Stand.

Die Errichtung einer Gemeinde auf den Trümmern der Zivilisation

In meiner vorangegangenen Besprechung zum ersten Teil zum letzten Gefecht ging es vor allem um die Seuche, die die Menschheit heimsuchte und nahezu vom Antlitz der Erde fegte. Doch ein paar wenige Menschen (zumindest anscheinend) überlebten diesen Albtraum, nur um sich dann anderen Träumen ausgesetzt zu sehen. Den guten, in denen eine alte Frau eine Rolle spielt und den neuen Albträumen, bei denen ein unbekannter Mann die schlimmsten Sorgen eines jeden Einzelnen auf das Schlimmste reduziert und sie sehr real wirken lässt. Doch die Träume sind nicht alles. Es finden Wanderungen statt und es bilden sich zwei große Gemeinschaften, die um Mutter Abigail, der alten Frau aus den Träumen, in Boulder östlich der Rocky Mountains, und die um den Dunklen Mann in Las Vegas.
Der zweite Teil des Buches handelt größtenteils um die „gute“ Gruppe, die sich in der Hälfte des Buches in Boulder einfindet und dort eine neue Gemeinschaft aufbaut will. Doch zuerst heißt es, sich neu zu finden und um die Grundsätze einer menschlichen Zivilisation neu zu begründen. Doch zu welchem Preis? Durch die Träume wissen alle, dass der Dunkle Mann im Westen plant, die Menschen in Boulder anzugreifen, um sie auszulöschen. Während vordergründig über Verfassungen, Komitees und andere weltliche Dinge gestritten und debattiert wird, werkeln die Menschen im Hintergrund daran, den Dunklen Mann im Westen auszuspionieren. Doch dieser hat seine eigenen Methoden, schmerzliche Nadelstiche zu versetzen und ihnen empfindlich wehzutun.

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Es wird komplexer und ausgedehnter

Als ich den ersten Leseversuch vor mehr als 20 Jahren hatte, war dieser Part für mich eine zähe Nummer und Grund genug das Buch nach zirka 500 Seiten (von in meiner Ausgabe etwas über 1200 eng beschriebenen Seiten) beiseite zu legen und ruhen zu lassen. Doch diese Geschichte um den Kampf zwischen Gut und Böse ließ mich nicht los, im Geiste war ich dem Buch immer noch verbunden und ich versuchte es einige Zeit später noch einmal von vorn und dann flutschte es. Alles, was ich mit King verband und irgendwie langweilig fand, begeisterte mich ab dem Tag. Vor allem seine Art, ausführlich in die Geschehnisse einzutauchen. Oftmals wird ihm das als Geschwafel ausgelegt, ich empfinde es so, dass er erst dadurch in einem einzigen Buch eine Atmosphäre schafft, die es mir als Leser ermöglicht, richtig in die Geschichte einzutauchen. Dazu erschafft er sowohl auf der Guten als auch auf der Bösen Seite Figuren, die er so gut charakterisiert, dass man mit ihnen mitleidet, diese hasst oder zumindest Mitleid mit den fehlgeleiteten Seelen hat.

Wie ich bereits im ersten Teil zur Besprechung erzählte, habe ich mir diesmal das Hörbuch als das Medium zugelegt, mit dem ich mich dem Buch nähern wollte und es offenbart wieder einmal völlig neue Facetten, gerade durch die Stimme David Nathans, der allen Figuren eine unverwechselbare Farbgebung durch seine Stimme gibt. Selbst feinste Nuancen hört man da raus. Ich finde das unglaublich, wie er das schafft, so unterschiedlich zu klingen. Gerade diese Stimme ist es, die durch den langen Mittelteil trägt, die einen die Diskussionen in der freien Zone besser begreifen lässt. Es geht um die Errichtung einer neuen Demokratie auf den Werten der alten Zivilisation und auch um neue Ansätze, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. Das wird alles so wunderbar von David Nathan transportiert, dass die Stunden des Hörbuchs nur so dahinflogen. In Seiten übersetzt wären das in meiner Ausgabe des Buches die Seiten 419 bis 959.

Diese ganze mittlere Passage ist für viele auch ein Grund, dieses Buch nicht ganz so hoch in ihrem Ranking anzusetzen, wenn es heißt, die Werke von Stephen King zu platzieren. wie zum Beispiel The Shining, ES, Carrie oder anderen bekannten Klassikern. Es klingt für einige sicher langweilig, laberhaft und redundant, was King da zu Papier brachte, hat es auch mit Horror recht wenig zu tun. Ich empfand es jedoch als sehr lohnenswert, diese Mühe auf sich zu nehmen, damit auch das, was zum Ende des zweiten Abschnitts passiert, besser einordnen kann und die Fallhöhe ist größer. Bei dem jetzigen Lese-/Hörversuch würde ich King nur eine Sache ankreiden – die Entwicklung von Harold Lauder, der zur tragischen Figur wird. Da ich ja wusste was passiert, kam mir diese stetige Wandlung zu plötzlich, glich vielmehr einem Hin und Her und der letzte Wandel hin zu dem, was er dann macht, erschien mir schlussendlich ein wenig zu hastig herbei geführt. Stephen King hatte mal in einem Interview gesagt, dass er sich in dem Mittelteil mit dem ganzen Komitee und dem Aufbau einer neuen Demokratie ein wenig verzettelt hat und Lauder das Mittel zum Zweck, um diese Blockade aufzulösen, um voranzukommen im Plot, sonst hätten wir am Ende einen noch dickeren Brocken in den Händen gehabt. Das merkt man auf diesen knapp 100 bis 200 Seiten. Es wirkt ein wenig unentschlossen, zaghaft, als er diesen Strang in die Geschichte einflechtet und als er es zum Höhepunkt treibt fühlte ich mich diesmal sehr leer und hängen gelassen. Es fühlte sich irgendwie nicht richtig an, was er da gemacht hat, beziehungsweise die Herleitung da hin war irgendwie zu holprig geraten, zu hastig. Ganz so, wie er es in Interviews immer gesagt hat, um einen Knoten zu lösen.

Doch was wirklich grandios geraten ist, sind die ganzen Figurenkonstellationen und wie King diese zusammenführt, ihre Eigenarten in die Waagschale wirft, um damit zu arbeiten und die Charaktere weiter zu formen. Ich finde es bewundernswert, wie man mehr als 20 Hautpcharaktere so beschreiben kann, dass man mit allen ohne Abstriche mitfiebern kann. Und ich glaube, dass ist es, was dieses Buch so besonders macht. Dieses Buch ist sein Viertes Buch und er etabliert hier erstmalig seine Kunst, Bücher weit über oder an die 1000 Seiten zu schreiben, in denen er eine Atmosphäre schafft, in die man regelrecht hineingesaugt wird, diese fühlt und fast jeden Schritt mitgeht.
Ein endgültiges Fazit zum Buch wird es dann in Teil 3 geben. Zum zweiten Teil lässt sich sagen: Ja, es hat seine Hänger und Passagen, in denen wenig passiert, was den Plot voran treibt. Aber King schafft es, diese von ihm etablierte Welt in seinen kleinsten Teilen schlüssig zu beschreiben und wie die Menschen in dieser agieren könnten. Das erscheint sicher manchem als langweilig und der eigentlichen Geschichte nicht förderlich. Für mich trägt es zur Atmosphäre von diesem Buch ganz entscheidend bei. Es ist nicht der Horror der Seuche oder die Angst vor der Konfrontation mit dem Dunklen Mann (auf den ich in Teil 3 der Besprechung noch detailliert eingehen möchte – da dieser im Zusammenhang mit der Geschichte um den Dunklen Turm eine ganz besondere Beziehung hat).

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