[Projekt Stephen King]: Nachrichten aus der toten Zone oder Die 70er mit Stephen King

Nachrichten aus der toten Zone

Als ich mich Mitte letzten Jahres entschlossen habe, das Projekt Stephen King anzugehen, war es für mich mehr so ein kleiner Spaß, um mich Gabriela vom Buchperlenblog anzuschließen. Denn zusammen macht so eine Lesereise doch um einiges mehr Laune. Ich wollte zum einen schauen, wie lange ich das durchhalte, und zum anderen, hatte ich noch einige Lücken offen, was die Bücher von Stephen King angeht – auch bekanntere Bücher habe ich noch nicht gelesen (zum Beispiel Misery, Green Mile, Dead Zone). Ich habe zwar viele der neueren Bücher gelesen. Vor allem die, die in den 90ern und ab 2000 heraus gekommen sind, aber selbst da einige Lücken. Doch gerade vieles, was er in seinen jungen Jahren und den 80ern geschrieben hat und auch einiges aus den 90ern fehlen mir eindeutig in der Lesebiographie. Und es gibt noch einen dritten Grund. Ich wollte schauen, wie sich sein Schreiben verändert hat, seine politischen Einstellungen und seine Art, Figuren zu charakterisieren. Natürlich brauche ich nicht zu erwähnen, dass Stephen King zu einem meiner absoluten Lieblingsschriftstellern gehört und sich damit dieses Projekt, alle Werke von ihm in chronologischer Reihenfolge zu lesen, so verrückt es sich auch anhört, zu einem kleinen Selbstläufer werden kann. Nun bin ich auf die Zielgerade der 70er Jahre angelangt, denn mit „Todesmarsch“, welches damals noch unter dem Pseudonym Richard Bachmann erschien, ist das letzte Buch aus diesem Jahrzehnt in meiner chronologischen Lesereise durch die Finger gegangen. Zeit für eine kleine Bilanz und Rückschau auf dieses Jahrzehnt, in dem sich das Profil Kings schon erheblich geschärft hat, was ich so überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

Telekinese, Vampire, Seuchen und vieles mehr

Sobald der Name Stephen King fällt, haben die meisten Menschen entweder riesige Blutfontänen vor Augen oder die schlimmsten Monster, die man sich vorstellen kann. Auch ich habe manchmal Probleme, mich von diesen Vorstellungen zu lösen. Dabei hat dieser Autor einiges mehr auf der Pfanne, als nur billigen Horror zu liefern. Doch dazu im folgenden Beitrag mehr. Der Einstieg mit Carrie ist im kingschen Maßstab gerechnet noch ein recht dünnes Buch, welches sogleich eine ikonische Figur einführt, die, welche Überraschung, auf den Namen Carrie hört. Wobei ich vermute, dass auch der damalige Film von Bryan de Palma gehörig dazu beigetragen hat, dass diese Figur so groß geworden ist. Doch stellen die Filme noch eine eigene Kategorie dar, die an dieser Stelle immer mal kurz angerissen werden soll, für sich gesehen jedoch genug Material für ein eigenes Spezial bereithalten. Wer weiß, ob sich daraus auch noch etwas entwickelt.
Zurück zu den Büchern. Nach Carrie folgten Bücher über Vampire, über das Shining, über globale Seuchen (Corona ick hör dir trapsen), Todesmärsche, Amokläufe und vieles mehr. Stephen King entwickelt nicht den einen Horrorroman und variiert den immer wieder neu. Vielmehr hat er in meinen Augen immer den aktuellen Stand der Gesellschaft abgebildet und drum herum seine schlimmsten Horrorszenarien gebastelt. Dabei zeigt er eine sehr blühende Fantasy, wie man an den unterschiedlichen Varianten des Horrors erkennen kann. Dadurch wird es inhaltlich schon in seinen frühesten Werken nie langweilig.

Doch nur Horror allein macht keine guten Bücher aus und das ist eines der Punkte, den viele an Stephen King nicht sehen können oder wollen. Denn der beste ausgedachte Horror nützt dir nichts, wenn du keine guten Figuren hast. Und hier schöpft Stephen King aus einem schier unerschöpflichen Fundus an Menschenkenntnis, dass mir bei jedem Buch erneut die Spucke wegbleibt. Er beschreibt die meisten Figuren so lebensnah, als wären es seine besten Freunde, mit denen er jeden Tag Bier trinken geht. Das wirkt alles so echt, so unkompliziert, so unverkrampft aufgeschrieben, dass man richtig mit den Charakteren mitleidet oder sie hasst, je nachdem, auf welcher Seite diese stehen. Da wäre zum Beispiel Johnny Smith aus Dead Zone zu nennen. Ein sympathischer Kumpeltyp von nebenan, ein jedermann, was der Name schon andeutet, dem nur das Schicksal übel mitspielt und der durch eine besondere Gabe versucht, einen Präsidenten zu verhindern, der seiner Vorhersehung nach den dritten Weltkrieg auslösen wird. Oder da wäre der Schriftsteller Ben Mears, von Angst und Zweifeln angeschlagen, der in seine alte Heimat Jerusalems Lot zurückkommt und dort mit dem Albtraum Vampire konfrontiert wird. Oder Jack Torrance, der Alkoholiker, der als Hausmeister des Overlook Hotel eine letzte Chance in seinem verkorksten Leben bekommt. Oder Danny Torrance, der Sohn von Jack, der mit der Gabe des Shining geprägt ist und dadurch von dem Hotel, in dem ein mächtiger Geist wohnt, gejagt wird. Hier könnte ich endlos weiter aufzählen. Allein in dem Buch „The Stand“ führt King mehr als eine handvoll Figuren ein, die man vom ersten Moment an in sein Herz schließen möchte.

Sprachlich gefunden, inhaltliche Vielfalt, verarbeiten von jugendlichen Albträumen

So erschafft Stephen King schon in seiner frühen Phase des Schreibens eine große Menge ikonischer Figuren und Geschichten, die auch durch die entsprechenden Filme gestützt, in den Literaturkanon eingegangen sind. Dabei ist er so vielfältig in der Wahl des Horrors, der in den Alltag einbricht, dass man sich schon Sorgen um seinen Geisteszustand machen muss. Man merkt aber auch, dass sich der Autor noch finden musste, vor allem sprachlich. Da wirkt manches doch noch etwas hölzern und ungelenk, was sich in meinen Augen erst so richtig mit dem Buch Shining änderte. Dort hat er sich dann richtig gefunden und damit das sprachlich beste Buch seines Schaffens in den siebziger Jahren geschrieben. Dem gegenüber war Dead Zone inhaltlich für mich eine Offenbarung, da King in diesem Buch viel Politik hat einfließen lassen, die aktueller nicht interpretierbar sein könnte. Vor allem der Präsidentschaftskandidat, der dort beschrieben wird, hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem aktuellen Präsidenten, dass einem Angst und Bange wird – mit dem Unterschied, dass es in der echten Welt keinen Johnny Smith gibt, der das hätte verhindern können. Ich habe das Buch zum ersten Mal gelesen und es avancierte auf Anhieb zu einem Favoriten der Bücher von Stephen King. Wenn ich ein Ranking aufstellen müsste, dann ist mindestens unter den besten Zehn.

Liest man sich Interviews von Stephen King durch, so betont er immer, dass er seine eigenen Ängste in die Bücher einfließen lässt und so eine Möglichkeit gefunden diese überbordenden Albträume loszuwerden. Das ist ein anderer Aspekt, welcher seine Bücher so authentisch wirken lassen. Diese Ängste, die man durch die Zeilen spürt, hat doch jeder irgendwie mal durchlebt. Zumindest im Kinder-/Jugendalter, was wohl auch ein Grund ist, warum Stephen King so oft Kinder und Jugendliche in Haupt- oder wichtigen Nebenrollen einführt und gleichzeitig seine besten Geschichten darstellen (siehe ES, Stand by me bzw Die Leiche oder auch Shining). Dieser Quell der Albträume und Ängste scheint jedenfalls niemals zu versiegen, schreibt King immer noch beständig weiter, bringt Ideen zu Papier, die ihm manchmal seit 30 Jahren im Kopf herumschwirren.

Was mich ebenfalls fasziniert hat, sind die vielen Querverweise, die King schon in diesen frühen Werken eingebaut hat, die er entweder in späteren Büchern aufgreift oder die schon innerhalb dieser Werke enthalten sind. Das treibt er ja bei seinem zentralen Werk um den dunklen Turm auf die Spitze aber auch in den wenigen Büchern sind schon einige Referenzen enthalten. So musste ich zum Beispiel grinsen, als im Buch „Amok“ die Namen Ted Beaumont und George Stark fallen, die Stephen King im Zusammenhang mit seinem Pseudonym Richard Bachmann zu einem Roman inspirierten. Oder das bei „Dead Zone“ der Name Maasten fällt, da der Roman in derselben Gegend spielt, in der auch Jerusalems Lot spielt. Und vieles weitere mehr kommt. Da verweise ich einfach mal auf die Seite KingWiki. Wer da Recherchearbeit betreiben will, ist da sehr gut aufgehoben. Aber Vorsicht, diese Seite ist selbstverständlich voller Spoiler.

Wohin soll das noch führen? Ein Blick auf Kommendes

Als ich mit dem chronologischen Lesemarathon begann, wollte ich mich erstmal treiben lassen, schauen, wohin die Reise geht. Ich habe mir kein konkretes Ziel gesetzt, zum Beispiel in fünf Jahren alles schaffen zu wollen. Nun habe ich innerhalb von knapp einem dreiviertel Jahr schon einen Kurzgeschichtenband („Nachtschicht“) und insgesamt 7 Romane gelesen beziehungsweise als Hörbuch gehört (da gibt es sicher auch noch ein Spezial – denn die Hörbücher sind noch einmal eine Welt für sich). Damit bin ich schon weiter vorangeschritten als ich im Sommer 2019 dachte und bin gespannt, wie sich die Reise durch die Welten des Stephen King weiter entwickeln wird. Aktuell lese ich zum Beispiel „Feuerkind“, was ich für mich persönlich eher zu seinen weniger guten Werken zählen würde. Auch merke ich, dass ich vielleicht mal eine kurze Stephen King- Pause benötige, um dann in ein paar Wochen wieder mit einem Stapel seiner Bücher weitermache. Meist setzt sich dann aber doch die Neugier durch, denn die nächsten vier Bände seines Schaffens warten schon auf mich. Wenn das so weiter geht, bin ich vielleicht wirklich in 5 Jahren durch.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Was Stephen King allein schon in den Siebzigern geschaffen hat ist der schiere Wahnsinn. So vielfältig, sprachlich schon weit gereift und den Horror in feine Nuancen gepackt. Das hätte ich so gar nicht erwartet, dass er seinen Stil schon nach wenigen Büchern gefunden hat. Ich bin gespannt, wie sich die Bücher entwickeln, die er in den Achtzigern geschrieben hat. Ich erwarte da auch ein paar nicht so gute Bücher, da dieser Autor gerade in dieser Zeit seine heftigsten Alkohol- und Drogenexzesse hatte, wie in seiner halben Autobiographie „Das Leben und das Schreiben“ sehr ausführlich berichtet. Jedoch hat er im diesem Jahrzehnt auch ein paar der ikonischsten Horrorfiguren überhaupt geschaffen: Pennywise, Annie Wilkes und Lelant Gaunt. Dazu noch einen Horrorfriedhof, ein lebendiges Auto und vieles verrücktes mehr. Ihr dürft also gespannt sein, was noch alles auf mich und euch zukommen wird.

2 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Nachrichten aus der toten Zone oder Die 70er mit Stephen King

Gib deinen ab

  1. In letzter Zeit habe ich so meine Probleme mit Stephen King und den wiederkehrenden Mustern und mancher Langatmigkeit. Als Teenager habe ich ihn inflationär viel gelesen. Quasi nix anderes. Vielleicht musste diese Übersättigung also kommen. Wenn ich aber deinen Beitrag so lesen, dann ist es ja wirklich so wie du sagst: er hat echt Unmengen Ikonen geschaffen. Vielleicht bin ich jetzt wieder etwas begeisterter vom Meister 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Das kenne ich auch mit der Überaättigung. Vor allem vor ca 10 Jahrem hatte ich das Gefühl, wenn man ein Buch liest, kennt man den Rest. Mittlerweile lese ich King ein wenig anders, mehr mit Fokus auf die Charakterisierung der Figuren und welche Veränderungen sie durchmachen. Und da ist er unverwechselbar, nie langweilig und gehört für mich zu einer der besten Schriftsteller. Auch seine Abbildungen der aktuellen Gesellschaftsbilder sind immer sehr treffend. Da rückt für mich der Plot an sich, bei King jedenfalls, mittlerweile an zweite Stelle.

      Welche seiner 70er Jahre-Werke kennst du?

      Liebe Grüße
      Marc

      Liken

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