[Rezension]: Rebecca Makkai – Die Optimisten

Zwei Zeitebenen – unterschiedliche Aspekte – verbindende Figuren

Der Roman „Die Optimisten“ ist ein Gesellschaftsroman, der mir vor allem durch die Thematik der AIDS-Krise Mitte der Achtziger sehr bemerkenswert erscheint und die durch eine Figur sehr präsent dargestellt wird. Dem entgegen steht der Gegenwartspart, der in Paris spielt und eine Suche präsentiert. Eine Suche nach einer verlorenen Tochter und damit nach einem verlorenen Selbst. Beide Geschichten sind gut geschrieben und bringen in einem etwas zum Klingen. Allerdings war mir der Part in der Vergangenheit schon allein durch die gewählte Thematik eindringlicher und da konnte ich sogar das Thema Kunst verschmerzen, welches dort sehr großen Raum einnimmt und mich von Grund auf nicht so sehr interessierte.
Als ganz großen Roman oder Highlight für das aktuelle Literaturjahr sehe ich das Buch für mich persönlich nicht. Dafür waren doch ein paar Längen zu ertragen, ein paar Ereignisse waren zu vorhersehbar und der Gegenwartspart im Vergleich zu dem, der in den Achtzigern spielt, etwas zu lasch geschrieben,  um dagegen zu bestehen. Und doch ist es ein sehr gutes Buch, da es vor allem zum Ende hin beide Zeitebenen gekonnt miteinander verbindet und den Schulterschluss übt. Dabei sind die letzten zwei Kapitel so geschrieben, dass man entweder ein paar Tränen verdrücken muss oder zumindest einen Kloß im Hals spürt.

Die Achtziger in Chicago – Leben in Angst

Durch diesen Zeitraum des Romans werden wir mittels der Figur Yale geführt. Dieser junge Mann lebt mit seinem Freund Charlie und seinem Freundeskreis im Chicago der 80er Jahre als das AIDS- Virus die Welt in seinem Griff hatte. Vornehmlich Männer sterben mit oder durch dieses Virus weg wie die Fliegen. Der Wissensstand ändert sich täglich und ein Gegenmittel, eine Impfung oder Therapie gibt es nicht. Verschwörungstheorien gegenüber der Regierung verbreiten sich rasend schnell, da diese keinen Finger rührt, um den Menschen im Kampf gegen das Virus zu helfen.
So müssen diese Männer es aushalten, müssen mit diesem Virus leben.
Die Geschichte beginnt mit einem Trauerfall, denn einer aus ihrer Mitte, Nico, ist an Aids gestorben. Was sich am Anfang wie ein Startpunkt anfühlt, ist vielmehr nur einer von vielen. Fiona, die Schwester von Nico, wird im weiteren Verlauf des Romans jeweils in der Vergangenheit und auch im Gegenwartspart noch einen sehr wichtigen Part einnehmen. Doch am Anfang steht sie in der Vergangenheit mehr am Rande und ist eine Frau, die sich innerhalb der Schwulenszene bewegt. Zum Beispiel hat sie ihrem Bruder immer geholfen, als der Rest der Familie diesen aufgrund seiner Homosexualität längst verurteilt und abgeschrieben hat.
Das Aids-Virus bestimmt das Leben von all diesen Menschen, die wir im Laufe der Geschichte kennenlernen. Eigentlich wollen sie nur ein stinknormales Leben führen, sich verlieben, leben, arbeiten und so vieles mehr. Doch durch diese Krankheit und durch ihre Homosexualität werden sie extrem ausgegrenzt und bewegen sich nur unter ihresgleichen. In dieser Hinsicht waren die Achtziger eine sehr schwierige Zeit.
Yale und Charlie scheinen dabei in dieser Community die perfekte Beziehung zu führen. Seit einigen Jahren zusammen, beide mit negativen Testergebnissen, steht ihnen die Zukunft offen. Doch es drohen dunkle Wolken am Horizont aufzutauchen, denn Charlie scheint Yale etwas zu verschweigen und ist dabei selbst gegenüber Yale sehr eifersüchtig. Als dann herauskommt, dass Charlie positiv auf Aids getestet wurde, bricht für Yale eine Welt zusammen. Dabei lief es in seiner Arbeit in einer Galerie gerade richtig gut, da er durch Fiona Kontakt zu einer betagten Dame bekommen hat, die ihm verschollene Gemälde längst verstorbener Künstler übergeben möchte. In ersten Sichtungen stellt sich heraus, dass diese Werke als echt eingestuft werden können, was für die Galerie ein echter Glücksfall ist. Geldgeber könnten damit an Land gezogen werden, eine Ausstellung geplant werden und vieles mehr. Doch als das Testergebnis von Charlie und andere Wahrheiten ans Licht kommen, ist es vorbei mit dem optimistischen Blick in eine glorreiche Zukunft. Yale macht Fehler, privat und bei der Arbeit, was sich auf sein komplettes Leben auswirken.

2015 in Paris –Suche nach einer besseren Zukunft

Fiona ist in Paris. Ein Video hat sie dahin geführt. Ein Video, auf dem ihre Tochter zu sehen ist, wie sie mit einem Kind (ihre Enkelin?) über eine Brücke spaziert. Also macht sich Fiona auf den Weg nach Paris, kommt dort bei einem alten Freund unter, der mittlerweile ein berühmter Fotograf ist und in Paris eine Ausstellung plant, die die Achtziger und die Schwulenszene Chicagos beleuchten soll, in der er sich ebenfalls bewegt hat und einer der wenigen Überlebenden dieser Zeit ist.  Die Suche nach ihrer Tochter gestaltet sich recht schwierig und als sie Claire endlich gefunden hat, ist längst nicht alles in Ordnung. Die Vergangenheit hat bei Fiona ihre Spuren hinterlassen, hat sie depressiv werden lassen und so stand auch der Start in das eigene Familienleben unter keinem guten Stern. Claire musste zeitlebens darunter leiden, unter welchen Umständen sie auf die Welt gekommen ist und das lässt sich nicht einfach so aus der Welt schaffen. Deshalb geht Claire auf Distanz zu Fiona, was ihr aber zu schaffen macht. Erst die Ausstellung von Richard, dem berühmten Fotografen, bringt eine leise Hoffnung auf Besserung in dieser Beziehung und stellt auch ein abschließendes Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar.

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Aids – Kunst – Familie – Optimismus

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde, die der Eisele-Verlag Mitte April veranstaltet hat, gelesen, sonst wäre es mir wohl nicht aufgefallen. Jedenfalls hat mich das Thema Aids angesprochen und wie es sich auf die damalige Generation auswirkte. Alle anderen Aspekte der Geschichte waren mir im Vorfeld unbekannt und ich wollte mich überraschen lassen, wie diese auf mich wirken werden. Insbesondere der Kunstapart war für mich als Kunstphobiker eine echte Herausforderung. Gerade mit dem Enthusiasmus und Feuereifer, der viele aus der Kunstszene befällt, kann ich wenig bis gar nichts anfangen. Geht es dann noch um Bildbeschreibungen und Kunsthistorik bin ich komplett raus. Da haben mir der Schulunterricht und meine zwei linken Hände zu viel verhagelt. Trotz dessen hat mir gerade der Abschnitt, der in den Achtzigern spielt, sehr viel gegeben und interessante Einblicke in eine mir fremde Welt geliefert. Vor allem der Blick- und Standpunkt der Erzählerfigur Yale hat mir die damalige Aids-Krise näher gebracht und manche Gespräche erinnerten frappierend an aktuelle Ereignisse in Bezug auf Covid-19. Auch der Kunstabschnitt war trotz meiner ablehnenden Haltung gegenüber diesem Thema sehr unterhaltsam und spannend dargestellt.
Wie man an der unterschiedlichen Länge meiner Beschreibungen der zeitlichen Abschnitte erkennen kann, habe ich mit dem Gegenwartsteil so meine Probleme gehabt. Die Suche Fionas nach ihrer Tochter hat mir lange Zeit nichts gegeben. Auch der Bezug zur Vergangenheit war zwar durch einige kleine Schnittstellen gegeben, aber der große Zusammenhang wurde mir selber nicht so richtig offen dargelegt (oder ich habe es einfach nicht richtig gelesen). Jedenfalls habe ich mich durch diese Abschnitte etwas hindurchbeißen müssen, um das Buch ganz zu schaffen. Doch ich wurde belohnt, denn desto länger man in der Geschichte und den beiden Zeitebenen voranschreitet, die beide linear verlaufen, umso mehr ergibt sich ein faszinierendes Bild von Fiona. Eine Frau, die im Eingang des Buches etwas abseits stand, aber in beiden Zeiten immer mehr in den Fokus rückt. Vor allem die unterschiedliche Charakterisierung in beiden Zeitebenen ist sehr gut umgesetzt und man fragt sich die ganze Zeit, was Fiona in den Achtzigern zugestoßen ist, dass sie so wurde, wie im Parisabschnitt dargestellt.

Das ist dann auch das große Ziel in diesem Buch. Der Schulterschluss zwischen Vergangenheit und Gegenwart, was die Autorin in den letzten Kapiteln phänomenal umsetzt und mir das etwas schleppende Lesen vollauf durch einen Effekt ersetzt hat, den ich beim Lesen sonst selten habe. Das einen Wehmut befällt, wenn man das Buch zuklappt. Das einen die Figuren noch nach dem Lesen ein wenig im Kopf begleiten. Auch wenn ich zwischenzeitlich meine Probleme mit dem Verlauf, mit manchen Entscheidungen der Figuren (mehr verrate ich nicht, sonst spoiler ich gewaltig) hatte war mit dem Ende geschenkt, denn perfekter kann man einen Schluss nicht umsetzen.

 

Rebecca Makkai 
Die Optimisten
Original: The Great Beliefers
Aus dem Amerikanischen übersetzt: Bettina Abarbanell
624 Seiten
Eisele Verlag
24 Euro

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