[Rezension]: Tina Ger – Das Angeln von Piranhas

Zu fortgeschrittener Seite im Roman träumt Luca, aus dessen Sicht das Buch erzählt ist, von einem Leben auf dem Land, fern jeder großen Stadt, und vom Angeln (von Piranhas). Am liebsten zu zweit. Keine störenden Einflüsse von außen, keine Ablenkung. Einfach nur die Natur genießen, in Liebe schwelgen und die Zukunft auf sich zukommen lassen. Doch das Leben ist nicht so einfach, wie sich das Luca vorstellt. Doch ich greife vor.
Das Angeln von Piranhas ist das nun mittlerweile fünfte (oder das sechste?) Buch, welches ich aus der Ahnenreihe des Blogbusterpreises gelesen habe und sogar schon das zweite, welches auf Uwe Kalkowski aka der Kaffeehaussitzer zurückgeht (das andere ist „Unter der Haut“ von Gunnar Kaiser und die Besprechung dazu findet ihr hier: klick) . Auf sein Gespür für gute und spannende Geschichten ist wie immer Verlass, dabei hatte ich mit dem vorliegenden Buch auf den ersten Seiten so meine Probleme.

Eine verhängnisvolle Affäre

Luca ist mit seinen bald 38 Jahren mitten im Leben. Zwei Kinder, mit Johanna eine liebe Ehefrau an seiner Seite, einen Job, der ihm anscheinend Spaß bereitet und ihn ausfüllt und da Johanna viel Geld hat, sind auch Geldsorgen kein Thema. Alles scheint perfekt. Und doch treibt Luca etwas um, dass er sich in Yara eine Affäre sucht, die sein Leben von Grund auf verändern wird. Nach Monaten des erfolglosen Flirtens mit ihr, gelingt es Luca doch noch mit Yara im Bett zu landen. Doch nach dieser Nacht, die ihn in bis in seine Träume begleiten wird, verschwindet Yara. Wie Luca herausfindet, zurück in ihre Heimat Brasilien. Ist sie auf der Flucht vor der Polizei, die nach ihr wegen einem doppelten Kindermord fahndet, der in der Nachbarschaft von Luca in der Nacht der Affäre geschah? Oder war die Rückkehr von vornherein geplant? Doch anstatt sich von ihr zu lösen, wird Yara zu seinem Schicksal, bis er ihr einfach hinterher fliegt, um sie zu suchen.

Drei Abschnitte – Drei Schreibstile

Die Geschichte ist in drei große Abschnitte eingeteilt, die unterschiedlicher in ihrer Art nicht sein könnten. Ist es im ersten Teil vor allem die Sehnsucht Lucas nach seiner Affäre und wie diese Sehnsucht ihn aufzehrt, wie er sich dadurch immer mehr von seiner Familie entfernt und auch kein großes Interesse hat, diesen Spalt zu verkleinern. Liegt da schon im Vorfeld etwas im Argen?
Der zweite Abschnitt ist dann der Absturz von Luca in das völlige Nichts und wird auf eine besondere Weise erzählt – rückwärts. Warum mich das fasziniert hat? Darauf gehe ich gleich noch ein.
Im dritten Teil der Geschichte liegt dann die Hoffnung, denn Luca scheint sich erholt zu haben von seinen Exzessen, von seinem Alkoholkonsum und von seiner Sehnsucht nach Yara. Er hat ganz neu angefangen und sieht sich einer zwar eintönigen, dafür aber auch gesicherten Zukunft entgegen, die ihm vor allem eines schenkt: Sicherheit. Doch ist diese Sicherheit wirklich echt? Erfüllt sie ihn mit Zufriedenheit?

Zu Beginn ist das Buch eine einzige große Affäre und Luca in meinen Augen ein riesengroßes Arschloch. Er findet sich in seinen Strukturen nicht mehr zurecht, verzehrt sich nach einer Frau, die ihn sehr oft an sich abprallen ließ und dann für eine einzige Nacht an sich herangelassen hat. Diese eine Nacht verändert Luca, den wir direkt mit dieser Affäre kennenlernen und wie es scheint nicht zum Guten. Aus diesem Grund bin ich mit diesem Anfang nicht klargekommen, weil sich Luca wie der Elefant im Porzellanladen benimmt, seine Frau schlecht behandelt, sich in immer wildere Affären stürzt und schlussendlich eine Entscheidung zu Ungunsten des alten Lebens trifft. Geschrieben ist das in einem flotten, atemlosen Stil, so dass man sich irgendwie in Luca einfühlen könnte. Mir persönlich ist das aber nicht gelungen. Das Problem was ich mit dieser Einleitung hatte war, dass man keine Vorgeschichte hatte, sondern direkt in die Affäre und ihre Folgen geworfen wird. Das muss erst einmal verdaut werden.
Doch der zweite Abschnitt holt das alles wieder auf, denn wir begegnen Luca, wie er sprichwörtlich am Boden liegt und von zwei Einheimischen ausgeraubt wird und man denkt sich in dem Moment, wie er dahin kommen konnte. Und hier beginnt die Autorin, die Geschichte rückwärts zu erzählen und ich hatte einen „Memento“- Effekt. Wer den Film kennt (das Debüt von Christopher Nolan aus dem Jahr 2000), weiß was ich meine. Es spielt noch nicht einmal eine Rolle, dass man das auch anders herum hätte erzählen können (wäre möglich gewesen), aber es wirkt an dieser Stelle gut eingesetzt. Erst wundert man sich, dann kommt der Aha- Effekt und dann ließt man weiter und schaut fasziniert zu. So werden wir Zeuge einer rückwärtigen Metamorphose von Luca vom Gestürzten, zum Verzweifelten, zum Getriebenen.  Dieses Getriebene wird auch im Schreiben gut an den Leser heran getragen.
Im dritten und letzten Abschnitt bekommt man als Leser einen Geläuterten Luca vorgesetzt, einen der sich anscheinend gefestigt hat, seinen Platz gefunden hat. Auch hier wieder eine ganz andere Art des Schreibens, welche den Gemütszustand des Protagonisten widerspiegelt und uns so als Leser einhüllt in eine warme Decke der Glückseligkeit. Doch ist wirklich alles so rosig, wie es aussieht, oder brodelt es im Innern von Luca immer noch?

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Achterbahnfahrt der Gefühle

Und wieder ist ein Buch aus dem Blogbuster durch meine Hände gegangen und erneut gab es  ein eigenständiges, unverbrauchtes Werk zu lesen. Bisher hat mir jede Geschichte etwas gegeben, auch diese hier und das trotz der anfänglichen Probleme, die ich mit dem Text und dem Hauptprotagonisten hatte. Ich musste mich erst einmal in die Sprache hineintasten, die Lucas Innenleben widerspiegelte und mit der ich mich zu Beginn nicht identifizieren konnte. Doch spätestens im zweiten Abschnitt kam für mich die „Memento“- Offenbarung und die Geschichte hatte mich an der titelgebenden Angel und es gab kein Halten mehr. Atemlos aufgeschrieben konnte ich mich nicht mehr von dieser Geschichte lösen. Sie konnte mich dann auch sprachlich und vor allem inhaltlich überzeugen und wartet am Ende mit einem Knalleffekt auf, dass man sich wünscht, das Buch möge noch weiter gehen und man möchte wissen, wie Luca damit umgehen wird. Ich möchte nicht konkret darauf eingehen, aber dieses Ende ist so, dass man sofort nochmal von vorne beginnen möchte, den einzelnen Facetten Lucas aufspüren, die dieses Ende erklären können und warum es so kommen musste. In meinen Augen ganz stark gemacht, auch wenn ich mir da noch ein paar Seiten mehr gewünscht hätte, um ein Ventil zu haben für das zum Schluss Geschehene. Wobei dann dieser ganze Wow- Effekt verpuffen würde.
Ob es euch nun gefällt oder nicht, eines bewirkt das Buch auf jeden Fall. Es beschäftigt einen noch über Tage hinaus. Bitte mehr davon.

Tina Ger
Das Angeln von Piranhas
finebooks
248 Seiten
14,99 Euro (Taschenbuchausgabe)

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