[Rezension]: Lennardt Loß – Und andere Formen menschlichen Versagens

Prägendes Ereignis

Wenn man sich das Cover anschaut und den Oktopus sieht, denkt man an Tiefseetauchen, an Meeresungeheuer, an Seemannsgarn mit Riesenkraken. Doch in diesem Buch steckt einiges anderes, was mit diesem Tierchen im eigentlichen Sinne nichts zu tun hat. Denn in diesem Buch werden vielmehr Menschen vorgestellt, die an ein Schicksal verknüpft sind und mit diesem entweder nicht umgehen können oder ganz spezielle, seltsame Wege suchen, um dieses zu verarbeiten.

Ein Flugzeugabsturz, der Leben verändern wird…

Alles beginnt mit einem fiktiven Flugzeugabsturz über Südamerika, bei dem Marina Palm und Hannes Sohr, ein ehemaliger RAF- Terrorist, als vermeintlich einzige Überlebende durch den Pazifik treiben, obwohl sie vorher noch den Atlantik überquerten. Denkt man noch auf den ersten Seiten, dass es sich hier um eine Art Überlebensgeschichte drehen wird, bekommt man im nächsten Abschnitt eine völlig andere Person, Gegend und Zeit vorgestellt. Und so wird das in der kompletten Geschichte gehen. Man springt in den Zeiten und Lokalitäten hin und her. Es geht zu einem aufstrebenden Boxer, zu einer Regisseurin, die ihr Glück im Splatterfilm versucht, Kanada kommt vor und ein Kreuzfahrtschiff. Man lernt allerlei illustre Figuren kennen, eine komischer und kauziger als die andere. Doch alle miteinander verbindet ein Ereignis – dieser eine Flugzeugabsturz, den Marina Palm und Hannes Sohr überlebt haben und auf Rettung hoffend durch den Pazifik treiben.

…und Weichen für die Zukunft stellt

Dieses Buch muss man eigentlich zweimal hintereinander lesen, um alles aufsaugen zu können, was darin vorkommt und miteinander in Verbindung steht. Viel möchte man nicht dazu verraten, was da kommt, denn das würde den ganzen Spaß am Lesen nehmen. Dieses vortasten und vorwagen in die unbekannten Gefilde dieses verrückten Buchs. Jedes Wort, was man zum Inhalt schreibt, ist zu viel der Information. Erst ist man verwirrt, weil es dauernd hin und her geht, mal nach Kanada, im Jahr 2012, dann wieder ins Jahr 1992, als das Flugzeug abgestürzt ist, dann wieder voran in der Zeit. Jedes Mal muss man sich mit anderen Figuren, anderen Hintergründen auseinandersetzen. Dabei gelingt es dem Autor spielend, diese illustre Riege an verschiedenen Charakteren in seinem kurzen Buch so einzufangen, dass sie einem sofort ans Herz wachsen. Es ist keine einzige Figur dabei, die einem irgendwie zu negativ auffällt. Sie mögen zwar alle ihre Marotten haben, doch diese werden vom Autor so charmant und abstrus witzig präsentiert, dass man jedes Mal schmunzeln muss über diesen Einfallsreichtum.

Lennardt Loß – Und andere Formen menschlichen Versagens (Weissbooks Verlag)

Dazu hat der Autor eine sehr frische Sprache gefunden, die diese kleine Geschichte um den Flugzeugabsturz sehr variantenreich aufbaut und diese ganzen Schicksale zu dem Ereignis geschickt verknüpft. Man springt vergnügt in diesem Büchlein durch die einzelnen Abschnitte und erfreut sich an den abstrusen Geschichten. Dabei sind entweder gleich die Zusammenhänge erkennbar oder aber an anderen Stellen treten sie erst im Verlauf des Abschnitts zutage. Für jede dieser Personen und Schicksale findet Loß einen jeweils eigenen Sound, dem man mit Freude zuhört. Ganz besonders hat mich der Abschnitt mit der Mutter von Marina Palm erfreut, die ihre ganz eigene Art gefunden hat, mit dem vermeintlichen Verlust umzugehen. Dabei spielen die FSK, Beschlagnahme von besonders brutalen Filmen und überhaupt das Genre Splatter eine ganz eigene, besondere Rolle. Da ich selber in dieser Materie auch schon öfter zu tun hatte, indem ich Filme konsumier(t)e, die von Beschlagnahmungen betroffen waren/sind, hatte ich ein ganz besonderen Bezug dazu (und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, wie diese ganzen Prozesse des Verbietens und wieder Freigebens so funktionieren).

Alles in allem ist das ein Buch, welches sehr erfrischend eine ganz einfache Geschichte sehr variantenreich präsentiert. Und obwohl Marina Palm nur am Rande direkt erwähnt wird, ist diese Frau immer im Text präsent. Sehr empfehlens- und lohnenswerte Lektüre, von der ich mir auch eine Fortsetzung vorstellen könnte, was auch mit dem einzigen Punkt verknüpft ist, der mir nicht ganz gefällt. Die Geschichte endet zu abrupt. Da hätte ich mir persönlich noch einige Seiten mehr vorstellen können. Doch das ist an dieser Stelle Jammern auf hohem Niveau oder vielmehr eine Wunschhaltung, denn ich hätte gerne noch länger in dieser Geschichte verweilt. Aber trotz diesem kleinen Negativpunkt ein sehr rundes Buch, welches sich definitiv in die Highlights in diesem Jahr einreihen wird und ich gern weiter empfehle.

Lennardt Loß
Und andere Formen menschlichen Versagens

Weissbooks Verlag
159 Seiten
20,- Euro

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