[Projekt Stephen King]: Cujo

Ein tollwütiger Hund sorgt für Angst und Schrecken

Der Bernhardiner Cujo, der bei der Familie Cumber lebt, ist ein ganz normaler, lieber Hund, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Er liebt Kinder, ist auch sonst sehr umgänglich und der Liebling von ganz Castle Rock. Doch Stephen King nutzt eine bekannte und gefährliche Krankheit, um aus diesem großen, friedlichem Tier ein Monster zu erschaffen, welches sein tödliches Treiben jedoch nur ausführen kann, weil einige Zufälle dazu beitragen. Und King wäre nicht King, wenn er das bis auf die Spitze treiben würde, mit einem Ende, welches ich selbst von King so nicht erwartet hätte. Dabei schafft er es auch wieder einmal, authentische Figuren zu schreiben, mit denen man mitfiebern kann und schafft in meinen Augen sogar in den Nebenplots Atmosphäre, obwohl diese mit der eigentlichen Handlung kaum etwas zu tun haben. Trotzdem spielen sie in meinen Augen eine entscheidende Rolle, warum es so kommt, wie im Buch beschrieben. Letztendlich sind auch diese Nebenhandlungen nur weitere kleine Steinchen im Getriebe, die zu diesem ganz realen Horror führen. Ein Buch zum Nägel kauen, dessen (An)- Spannung man kaum aushalten kann. Auf Anhieb, es war das erste Mal, dass ich das Buch gelesen habe, konnte mich dieser Roman begeistern. 

Doch die menschlichen Monster sind genauso schlimm

Donna Trenton und Victor führen mit ihrem Sohn Tad ein relativ normales Leben in Castle Rock. Vor ein paar Jahren dem Großstadttrubel aus New York entflohen, versuchen die drei in diesem beschaulichen Städtchen Fuß zu fassen, was nicht ganz so einfach ist. Vics Firma, welche er zusammen mit einem Teilhaber führt, steht vor einer nicht ganz so rosigen Zukunft steht. Aus diesem Grund müssen Vic und sein Geschäftspartner für zwei Wochen durch den Osten der USA reisen, um zu retten, was noch zu retten ist. Kurz vor Antritt dieser Reise erfährt Vic aber von dem Seitensprung seiner Frau mit Steve Kamp, einem Restaurator alter Möbel, und diesen Ballast nimmt er mit auf die Reise.
Zur gleichen Zeit plant die Frau von Joe Camber, dem eine Autowerkstatt abseits von Castle Rock gehört, eine Reise zu ihrer Schwester und will dabei den gemeinsamen Sohn Brett mitnehmen, um ihn für ein paar Tage aus den Fängen ihres tyrannischen Mannes zu entfernen. Sie versucht es mit einem Tauschhandel, der aber nur mit Müh und Not gelingt. So kommt es, dass sie und ihr Sohn die Reise antreten können, während der Familienhund Cujo schon die Tollwut in sich trägt. An ein und demselben Tag brechen Joes Frau und Brett und ebenfalls Vic mit seinem Geschäftspartner zu ihren jeweiligen Unternehmungen auf.  Donna hat ein Problem mit ihrem Auto, welches sie schon tagelang vor sich hergeschoben hat. Sie will es entgegen dem Rat ihres Mannes doch schnell zu Joe in die Werkstatt bringen. Doch während Joe schon Cujo zum Opfer gefallen ist, landen Donna und ihr Sohn Tad auf dem abgelegenen Hof von Joe, welchen er als Werkstatt umfunktioniert hat. Der Wagen bleibt dort endgültig liegen. Sie sehen sich nun zwei Gefahren ausgesetzt – einem tollwütigen Hund, der sie unerbittlich angreift und der unerträglichen Hitze eines der heißesten Sommer der zurückliegenden Jahre.

Castle Rock? War da nicht was?

Richtig, dieses Städtchen im Herzen von Maine werden wir noch öfter aufsuchen. Und auch in Cujo sind wir nicht zum ersten Mal dort zu Gast, denn John Smith hat mit seinen hellseherischen Fähigkeiten den Serienkiller Frank Dodd im Buch Dead Zone überführt. An diesem Fall knabbert die Stadt immer noch, die wir innerhalb des Castle Rock – Zyklus noch öfter zu Gesicht bekommen. Doch der nächste Horror ist schon bereit, über diese ruhige Stadt herzufallen. Stephen King nimmt die Stimmung am Anfang gekonnt auf, indem er noch einmal kurz zurückblickt, dies aber nicht in einer Art was bisher geschah macht, sondern das sehr harmonisch einfügt. Die eigentliche Geschichte ist dann sehr geradlinig erzählt, obwohl insgesamt drei im weiteren Verlauf sogar vier Stränge parallel laufen. Dabei lässt King viele Zufälle zusammenkommen, um am Ende der Kausalitätskette das Unvermeidliche zuzulassen. Doch ist es im Leben meist nicht so, dass vieles Zufall ist? So auch hier. Manche werden bemängeln, dass die ganzen Nebenplots die Geschichte um den Überlebenskampf zwischen Donna und ihrem Sohn gegen Cujo verzögert oder gar verwässert. Doch ich sehe das anders. Gerade diese Nebengeschichten, die Gedanken der Figuren und ihre Handlungen im Zuge dessen, was sie gerade antreibt, ergeben erst diese ganze Kausalitätskette ohne die das Buch nichts wert wäre und die Spannung nicht so stark auf einen wirken würde.
Cujo war ein Buch, welches ich bisher noch nicht gelesen hatte und war erstaunt, wie schnell diese Geschichte um den tollwütigen Hund einen einsaugt und nicht mehr loslässt. Zum einen deshalb erstaunt, weil ich durch Kings Biographie weiß, dass er zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches auf dem Höhepunkt seiner Drogen- und Alkoholsucht war und eigentlich gar nicht mehr weiß, wie dieses Buch entstanden ist. Zum anderen erstaunt, dass hier bis auf die traumähnlichen Komponenten mit dem Monster in Tads Schrank als eine Art Weissagung keine übernatürlichen Komponenten eine Rolle spielen. Es geht einfach um einen tollwütigen Bernhardiner, der von seinen Opfern nicht mehr ablässt und es so auf einen Kampf um Leben und Tod geht.  Das wirkt so authentisch und bedrohlich, dass einen beim Lesen regelmäßig eine Art eiserne Beklemmung befällt.

Stephen King – Cujo

Was Kings Bücher neben dem ganzen Horror auch noch auszeichnet ist der Punkt, wie er die Gesellschaft der jeweiligen Zeit beschreibt und das meist auf wenige Charaktere kondensiert und gleichzeitig auch seine eigenen Probleme geschickt mit einbaut (Alkoholismus). Da sind die Trentons, die von der großen Stadt aufs ländliche gezogen sind, damit Victor die Firma in Ruhe weiter entwickeln kann und sie aber auf dem Abstellgleis landen. Oder die Cambers, als von der Gesellschaft vergessene, was auch durch ihren Wohnort abseits von Castle Rock beschrieben wird. Doch ganz besonders die Trentons stehen sinnbildlich für die normale Mittelschicht, die sich zwar ein schickes Haus leisten konnten, aber trotzdem auf den Hypotheken sitzen und die Angst im Nacken spüren, sich das bald nicht mehr leisten zu können.

Dieses Buch ist für mich auf Anhieb zu einem Lieblingsbuch von King geworden und alle, die meinen, King schreibe zu ausschweifend und überbordend, sollten zu diesem Roman greifen und werden erstaunt sein, wie kraftvoll und kondensiert Stephen King doch schreiben kann. Unbedingter Lesetipp.

P.S.: Spoiler!!!!

Auf das Ende muss ich natürlich eingehen, denn das wirkt sicher bei einigen nach und hat damals bei Erscheinen für Diskussionen gesorgt, ob man das so schreiben müsse. Deshalb auch die Spoilerwarnung. Noch eine letzte Warnung: Ich gehe jetzt auf das Ende ein.

Das Ende ist an Dramatik nicht zu überbieten. Wie bei vielen Büchern von Stephen King überschlagen sich auch hier die Ereignisse. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, den Überblick zu verlieren oder innerlich den Kopf zu schütteln, weil es der Autor übertrieben hat und alles davor geschriebene ad absurdum führt. Das ist hier alles nicht der Fall. Genauso geradlinig wie der ganze  Roman, wird auch das Ende herbeigeführt und konsequent ausgearbeitet. Konsequent deshalb, weil ein Charakter stirbt, von dem man es nicht erwartet, dass es passieren wird. Und doch, bei aller traurigen Schaurigkeit, die einen da überfällt, fühlt sich das genau richtig an, denn so wie King das vorher erzählt, blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als es genauso zu schreiben. Eine Frage an die, die dieses Buch gelesen haben: Wie habt ihr über das Ende gedacht?  

Weitere Besprechungen findet ihr bei:

13 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Cujo

Gib deinen ab

  1. Hallo nochmal! :)
    Ich habe Cujo vor Jahren gelesen und war total begeistert von dem Buch. Für mein King Projekt werde ich es bald noch rereaden und ich bin gespannt ob mich die Geschichte wieder so packen kann.
    Ich finde du hast das mit dem Ende genau richtig beschrieben, es passt einfach für mich auch sehr gut. Und nicht immer muss alles mit Friede, Freude, Eierkuchen ausgehen. Und bei King schon mal gar nicht. ;)
    Liebe Grüße
    Diana

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  2. Huhu Marc!
    Ich sehe, unser kleines (ähäm) Leseprojekt schreitet wacker voran. :DVon Cujo war ich am Ende auch beeindruckter, als ich ursprünglich dachte, einfach weil der Horror hier so unglaublich real ist. Ich mein, wir alle sollten Respekt vor einem (großen) Hund haben, die sind auch ohne Tollwut schon mitunter gefährlich genug.
    Auch wenn ich am Ende doch fand, dass das mit dem Monster im Schrank besser hätte eingebaut oder weggelassen werden können, einfach weil es nicht ganz konsequent bis zum Ende ausgeführt wurde. Aber was soll’s, vielleicht müssen wir uns diesem Wesen ja auch einfach später noch einmal stellen. =)

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Stefan,

      selbstverständlich habe ich deinen Beitrag auch mit verlinkt. Hatte gar nicht mehr auf dem Schirm, dass du das Buch besprochen hattest. Du machst jetzt aber keinen King-Lesemarathon oder doch?

      Unsere Meinungen gehen wirklich kaum auseinander. Es ist wirklich ein Buch, welches geradlinigcund ohne Schnörkel daher kommt, quasi eine Fibgerübung für den King. Das er auch sehr zäh schreiben kann merke ich aktuell bei dem Roman Sprengstoff, den unter dem Bachmannpseudonym geschrieben hat.

      Viele Grüße in die kriminelle Gasse.

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      1. Vielen Dank für die Verlinkung!

        Doch, seit 2016 lese ich mich im gemächlichen Tempo chronologisch durch Kings Werke (die als Bachmann kommen dann nochmal separat dran) und bespreche sie dann auch entsprechend in der Crimealley. Ein Mammutvorhaben, mit dem ich wohl nie fertig werde. Aber der Weg ist bekanntlich das Ziel. ;-)

        King kann einfach Atmosphäre. Und gerade „Cujo“ blutet die ja besonders auf den letzten Seiten. Dieser Zweikampf ohne Berührung durch die Scheiben des Autors – das holt mich heute immer noch ab. Und ich mag es außerdem, wie er seine Bücher immer wieder miteinander verzahnt. Wie hier durch den Cop, der bereits im ersten Castle-Rock-Roman „Dead Zone“ seinen Auftritt hatte.

        Ich werde mir in naher Zukunft Christine vornehmen.

        Viele Grüße zurück!
        Stefan

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      2. Dann kannst du ja immer mal wieder bei mir vorbei schauen, ich glaub, ich komm da schneller voran 😉 Ein zeitliche Ziel habe ich mit aber auch nicht gesetzt, vielmehr die Vorgabe, immer zirka 5 Bücher von ihm am Stück zu lesen. Danach brauche ich erstmal wieder ne Pause ✌️

        Ja, King kann Atmosphäre wie kein Zweiter und auch diese Verzahnungen finde ich richtig gut. Das treibt er ja mit seinem Epos Der dunkle Turm so richtig auf die Spitze. Wenn man will, könnte man alle seine Bücher auf den Turm beziehen, wäre ohne weiteres möglich.

        Auf Christine freu ich mich schon, das wird ein Wiedersehen. Aber vorher kommen noch Frühling, Sommer, Herbst und Tod und danach Menschenjagd dran. Die will ich bis zum Sommerurlaub noch schaffen. Vielleicht lesen wir Christine dann parallel?

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      3. Ja, du wirst definitiv schneller vorankommen, weil ich nur hin und wieder mal zu einem King greife und mir da selbst keine Auflagen machen will. Wenn es mich juckt, lese ich vllt. auch mal einen zweiten hinterher, aber bei dem Raum voller Bücher den ich hier habe, wäre das ein Sakrileg gegenüber den anderen Autoren/Autorinnen. :-)

        Ich werde jedoch Deinen Marathon in jedem Fall weiterverfolgen und bin gespannt, wie Deine nächsten Beurteilungen ausfallen. Und mit viel Glück lesen wir dann tatsächlich parallel. :-)

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      4. Apropos jede Menge anderer Autoren. Hast du schon die Muße gehabt, den neuen Richard Lorenz zu lesen? Da bin ich gespannt, was du zu dem sagen wirst.

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      5. Nein, leider nicht. Steht noch im Regal und wartet auf mich. Leider mit inzwischen ein paar tausend anderen Büchern. ;-) Und irgendwie finde ich den letzten Jahren wirklich selten Zeit, um mein Lesepensum nach oben zu treiben. Der Sammler in mir kauft leider trotzdem weiter. :-)

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  3. Lieber Marc, witzig, dass du heute das Buch besprichst und ich am Samstag die Verfilmung geschaut habe. Das Ende ist dort allerdings anders als im Buch. Das Buch werde ich definitiv bald nochmal lesen. Die letzte Lesung ist über 20 Jahre her…
    Liebe Grüße, Susanne

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    1. Hi Susanne,

      die Filme muss ich mir wohl auch mal irgendwann vornehmen. Ich finde es ja unglaublich, was allein schon von seinen frühen Werken alles verfilmt wurde.

      Vielleicht könnte ich dich motivieren, das Buch nochmal zu lesen. Das Ende ist anders, das stimmt – hatte es bei KingWiki gelesen. Finde ich schade, dass es nicht vom Buch übernommen wurde.

      Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

      1. Das Buch lese ich demnächst, liegt schon auf dem Kindle bereit. Früher habe ich es auf Deutsch gelesen. Jetzt ist mein Ziel, auch seine alten Bücher alle nochmal im Original zu lesen. Cujo steht also als nächstes an.

        Gefällt 1 Person

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