[Projekt Stephen King]: Eine Straße ins Unglück

Bisher waren die Bücher von Stephen King, die er als Richard Bachman veröffentlichte, eine runde Sache. Sie waren mehr Suspense oder Dystopie statt Horror und blutrünstiges Gekröse. Sie gefielen mit ihrer Art, eine relativ simple Geschichte spannend zu erzählen und man merkte diesen Büchern an, dass der Autor es verstand, seine Figuren authentisch zu beschreiben. Eben das, was den Autor King/Bachmann auch allgemein auszeichnet und was ich an seinen Büchern sehr schätze. Doch mit Sprengstoff beziehungsweise Roadwork im Englischen, welchen ich als besseren Titel erachte, habe ich das erste Mal ein Buch von ihm gelesen, wo sich dieses Gefühl bis zum Schluss nicht richtig einstellen wollte. Woran das lag und ob das nur an mir selber lag, möchte ich in dem folgenden Beitrag klären.

Energiekrise hin oder her, die Straße muss gebaut werden

Dabei ist der Grundgedanke der Geschichte gar nicht schlecht erdacht. Mit George Bart Dawes lernen wir einen durchschnittlicher Bürger einer durchschnittlichen amerikanischen Vorstadt kennen. Kleines Haus, Frau, einen Job, der ihn scheinbar ausfüllt, keine Kinder (wobei das nicht ganz stimmt, denn es gab ein Kind und das spielt die entscheidende Rolle für die Entwicklungen in dieser Geschichte). Doch unter der Oberfläche brodelt es bei ihm und das führt zu unerklärlichen Handlungen, die schlussendlich sein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Doch was ist der Grund, dass es bei ihm brodelt? Dieser ist schnell gefunden. Ein Highway soll trotz der Energiekrise der Siebziger Jahre, die Benzinknappheit und Fahrverbote nach sich zieht, erweitert werden und die neu gebaute Straße führt mitten durch den Ort. Dabei muss die Arbeitsstätte von George weichen und auch der Wohnbezirk, in dem sein Haus steht, wird für diese Straße abgerissen. Doch George hat andere Pläne. So soll er für die Wäscherei einen Vertrag unterschreiben, der einen neuen Standort garantiert. Er unterschreibt einfach nicht, aus Trotz und Widerstand gegen das Straßenbauprojekt. Auch ein neues Zuhause muss gesucht werden und er macht seiner Frau vor, ein Neues zu suchen. Dabei hat er gar nicht vor, sein Haus zu verlassen. Zu viele Erinnerungen stecken darin und wären damit unwiderruflich unter Beton und Asphalt begraben. Insbesondere die Erinnerungen an seinen Sohn Charlie, der noch im Kinderalter an einem inoperablen Gehirntumor starb. Dieser Tod stellt auch den Wendepunkt für den Charakter George dar, denn ab dem Zeitpunkt, an dem sein Sohn stirbt, spaltet sich seine Persönlichkeit, die ihn dann zu den Ereignissen treibt, die in diesem Buch beschrieben werden. Das Straßenbauprojekt ist dann nur noch der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Er denkt nicht mehr an andere, nur noch das Ziel besteht, dieses Projekt mit allen möglichen Mitteln aufzuhalten. Dabei werden seine Methoden immer rücksichtsloser und als er merkt, dass er damit die Straße nicht aufhalten kann, greift er zu sehr drastischen Maßnahmen. 

Interessante Ansätze, die einfach verpuffen

Im Kern klingen die Voraussetzungen für dieser Geschichte nicht schlecht, wenn sie chronologisch aufgebaut wäre und der Tod des Sohnes voran gestellt und mehr Raum einnehmen würde, um die Situation von Dawes besser zu verdeutlichen. Das ist aber leider nicht der Fall, denn wir lernen den Charakter kennen als er schon am Ende seines Weges steckt, inmitten einer Schizophrenie, die alles verschlingt, was er sich mal aufgebaut hat. Dabei ist die Wirkung so, dass einem Dawes wie ein richtiger Miesepeter dargestellt wird und man sich fragt, was mit diesem Menschen nicht stimmen mag und woher seine ablehnenden, paranoiden Haltungen herrühren. Durch diesen Einstieg ist es nicht leicht, sich mit diesem Charakter zu identifizieren und wenn ein Buch komplett aus dessen Sicht geschrieben ist, dann wird es schwierig, das gerne zu verfolgen. Das wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn es denn wenigstens gut geschrieben wäre. Aber auch hier ist es während des chronologischen Lesemarathons aus meiner Sicht das erste Buch von Stephen King beziehungsweise seinem Pseudonym Richard Bachmann, wo er es nicht bewerkstelligen kann, einen am Kragen zu packen und am Ring in der Nase durch die Geschichte zu ziehen. Es wirkt erzähltechnisch nicht austariert, irgendwie unrund und auch sprachlich nicht so, dass es über die gesamte Länge trägt. Man merkt diesem Buch an, dass es zu einem früheren Zeitpunkt seines Schaffens entstanden sein muss. Es gibt aber auch ein paar kleinere Lichtblicke, die vor allem in den Nebenfiguren zu suchen sind, die zufällig aus anderen Romanen Kings in dieses Buch gestolpert sein könnten. Da sind vor allem Georges Frau Mary zu nennen, die einen für diese Zeit mehr als emanzipatorischen Sprung wagt, indem sie sich von ihrem Mann löst und versucht auf eigenen Füßen zu stehen,,was für die damalige Zeit, in der dieser Roman entstand, keine Selbstverständlichkeit war. Die zweite interessante Nebenfigur, die gut geschrieben ist und mir ab und zu ein Grinsen in dieser ansonsten tristen Geschichte abbringen konnte, war der Mafiosi. Der wirkte so richtig schmierig und hatte gegenüber George genau die richtige Mischung aus Verachtung und Respekt, was George letztendlich zu seiner extremsten Tat veranlasst. Und zu guter letzt ist noch der Straßenpriester Phil Drake zu nennen, was vor allem daran liegen mag, dass die Anspielungen auf Callahan aus „Brennen muss Salem“ so evident sind, dass es kaum ein Zufall sein kann (besonders, wenn man weiß, wie Stephen King seine Werke miteinander verknüpft). Einzig die Jahreszahlen sprechen dagegen. Wer aber seinen Dunklen Turm- Zyklus kennt, der kann auch mit diesem Widerspruch leben, denn Zeit und Raum spielen in den Welten von Stephen King/Richard Bachmann kaum eine Rolle.

Insgesamt opfert King eine interessante Ausgangslage (Energiekrise in den USA, Bauprojekte um jeden Preis, Schizophrenie) indem er einen Menschen so vorstellt, dass er einem erstmal unsympathisch erscheint. So ist es schwierig sich in dieses Buch einzufinden. Dazu noch die in meinen Augen nicht gut ausbalancierte Erzählstruktur, die es einem beim Lesen noch mehr erschwert, in diese Geschichte hinein zu kommen. Erst ab der Hälfte hatte ich eine zarte Ahnung davon, dass es ein Buch von Richard Bachmann/Stephen King sein könnte und wohin die Reise gehen soll. Auch der Punkt der gespaltenen Persönlichkeit ist im Hauptcharakter schon fest angelegt und wird dann im Laufe einfach fallen gelassen. In der Summe wirkte das alles sehr hölzern und nicht dem Niveau entsprechend, was Stephen King bis dahin abgeliefert hat. Zeitgeschichtlich gesehen, gibt uns Stephen King mit diesem Buch einen kleinen Einblick in die Welt Amerikas zu Zeiten der Energiekrise, mit einem Bauprojekt, welches dieser Krise völlig zuwider läuft und viele Menschen vor Entscheidungen stellte, die ihr Leben auf den Kopf dreht. Doch wenn ich am Ende ein Ranking erstellen müsste, dann landet dieses Buch ganz sicher nicht auf den vorderen Rängen.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei

  • Powerschnute (Grit kommt zu einem völlig anderen Fazit und daran erkennt man mal wieder, wie unterschiedlich die Bücher von King aufgefasst werden können)
  • Buchperlenblog

2 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Eine Straße ins Unglück

Gib deinen ab

  1. Eigentlich wirklich schade, dass dieses Buch so an die Wand gefahren wurde. Ich fands nicht mal schlimm, dass Bart schon diese Selbstgespräche führte, wenn sie nur mehr ausgebaut worden wären. Vermutlich einer der Gründe, weshalb Kings Bücher normalerweise in der Seitenzahl eskalieren.

    Na ja, Schwamm drüber – next! 😄

    Gefällt 1 Person

    1. Genau, next one schon in the making. Bin gerade bei der Geschichte, die Pate für Stand by me stand. Neben Die Verurteilten eine der besten Geschichten Kings und von der Stimmung her eine sehr schöne Fingerübung für ES (was den Zusammenhalt einer Gruppe Kinder angeht).

      Gefällt 1 Person

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