[Projekt Stephen King]: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Vier Jahreszeiten, Vier Geschichten

Stephen King schreibt nur dicke Wälzer! Stephen King schreibt viel zu ausschweifend! Stephen King kann nur Horror und blutrünstig! Das sind so ungefähr die Aussagen oder Punkte, die einem begegnen, wenn man den Namen Stephen King liest, hört oder jemandem erzählt, dass man die Bücher von diesem Autor sehr gerne konsumiert und sie auch gut findet. Das Stephen King aber auch anders kann, dass wusste ich schon vorher, denn einige seiner besten Geschichten sind nicht die ewig langen und ausgiebigen, sondern auch ein paar der Kurzgeschichten und Novellen zähle ich dazu. Die erste Novellensammlung stelle ich euch heute mit „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ vor, die mich mit Ausnahme der letzten Geschichte richtig begeistert hat (wobei die auch nicht schlecht war), so dass ich mich sogar dazu hinreißen lassen würde, es mit zu seinen besten Büchern zu zählen, die mir innerhalb der Chronologie des Projekts bisher vor die Augen kam und auch generell mit eines seiner besten Bücher ist, welches ich bisher gelesen habe. Nicht umsonst sind zu drei der vier Novellen sogar Filme entstanden und zwei davon sogar sehr erfolgreich und einer steht auf der Liste der besten Filme aller Zeiten der IMDB (International Movie Data Base) seit Ewigkeiten wie festzementiert auf Platz 1 und auch für mich persönlich zählt er mit zu einen der besten Filme aller Zeiten. Die Rede ist bei letzterem von „Die Verurteilten“ und „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“ sollte auch bekannt sein. Wer kennt diese Film noch? Wer zählt diese ebenfalls zu seinen besonderen Filme der Filmgeschichte?

Über Gefängnisse, perfekte psychopatische Schüler, ein Blick in die Jugend und eine erstaunliche Geburt

Vier Novellen versammelt Stephen King in dieser ersten Novellensammlung seiner Laufbahn. Wenn man den Kurzgeschichtenband „Nachtschicht“ mal außen vor lässt, sind diese vier Geschichten die kürzesten Geschichten, die man von Stephen King bis dato kannte. Zwei dieser vier Geschichten sollten eine größere Bekanntheit haben, denn ihre Verfilmungen sind Meisterwerke, die es geschafft haben, mehrere Generationen zu begeistern und es sicher weiterhin tun werden. Alle vier Geschichten bekommen eine Jahreszeit zugeordnet, wobei der Jahreszeitenbezug eher metaphorisch als wörtlich zu nennen ist.

Den Frühling leitet die Geschichte um das Gefängnis Shawshank ein, welches bei Stephen King immer mal wieder Erwähnung findet und bei „Die Verurteilten“  im Zentrum steht. Diese Geschichte wird aus der Sicht des Häftlings Red erzählt, ein Ire, der in jungen Jahren eine dumme Tat vollbrachte, bei der er „nur“ seine Frau beseitigen wollte und durch unglückliche Umstände eine weitere Frau und ihre Kinder in den Tod gerissen hat. Er sitzt in Shawshank lebenslänglich ab und lernt dabei den jungen Mann Andy Dufresne kennen, der seinen Worten nach unschuldig verurteilt wurde. Seine Tat soll aus einem zweifachen Eifersuchtsmord bestanden haben, was er immer vehement abstreitet. Und doch versucht Dufresne das Beste aus seiner Situation zu machen. Red, der im Gefängnis der ist, der alles besorgen kann, wird von Andy ab und zu für diverse Dinge angefragt. Nach und nach schließen diese zwei Männer eine Art Schicksalsfreundschaft. Doch was im Laufe dieser Geschichte passiert hat mir genauso wie beim Film ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Es ist, man kann es wohl nicht anders sagen, die  bis hierhin sanfteste und rührseligste Geschichte, die ich bisher von Stephen King lesen durfte. Das spürt man bei der Novelle und das spürt man auch beim Film, der sich zwar einige Freiheiten nimmt, im Grundsatz aber denselben Ton wie die Geschichte trifft.

Die zweite Geschichte, die den Sommer spiegeln soll und den Titel „Der Musterschüler“ trägt, behandelt eine Beziehung zwischen einem neugierigen, aufgeweckten Jungen namens Todd Bowden, der aber sozial völlig abgestumpft ist, und dem Kriegsverbrecher Athur Denker, der in Nazideutschland eines der berüchtigten KZ-Lager Palin geleitet und dort sein tödliches, unmenschliches Werk vollbracht hat, der seit Jahrzehnten auf der Flucht ist und in Amerika unter falschem Namen lebt. Der Junge erkennt den Mann und stellt sich ihm, terrorisiert diesen, bis er selber zu einem psychischen Wrack wird. Nach und nach rutschen beide in eine Art Abhängigkeit zueinander, dessen Ende zwar absehbar ist, aber nicht unbedingt gutes für Beide vorsieht.

Der Herbstabschnitt ist vier Jungen gewidmet, die sich auf die Suche nach einer Leiche machen. Durch Zufall erfahren sie, dass ein anderer Junge in ihrem Alter, der als vermisst gilt, von einem Zug erfasst tot im Gleisbett liegt. Von Neugier und Mutprobe getrieben, machen die Vier sich auf, um diesen Jungen zu finden und der Polizei zu melden. Dabei ist der Weg das Ziel und wird diese vier Jungen, die gerade an der Schwelle zum Mannwerden stehen, für immer verändern.

Für die ausleitende Geschichte steht der Winter Pate und da wird eine kleine Rahmenhandlung präsentiert, innerhalb derer eine Geschichte über eine Frau erzählt wird, die im Amerika der dreißiger Jahre zu einem Arzt kommt und dabei feststellt, dass sie schwanger ist. Da der Mann, der mit ihr dieses Kind gezeugt hat, vor der Verantwortung geflüchtet ist, kann sie sich nur diesem Arzt anvertrauen, der eine etwas modernere Sicht auf das Leben und die Geburt hat. So zeigt er ihr eine Technik des Atmens, die bei Einsetzen der Wehen sehr hilfreich ist, zu der damaligen Zeit nicht anerkannt war. Sie wird in einer sehr extremen Situation von großem Nutzen sein. Diese abschließende Geschichte ist auch die einzige, die andeutungsweise ein paar mysteriöse, anscheinend übernatürliche Einschübe beinhaltet und dadurch nicht ganz zu den anderen drei Geschichten passen will.

Der mit den dicken Wälzern kann auch kurz

Wie eingangs schon erwähnt, ist bei vielen Menschen in den Köpfen mit dem Namen Stephen King der Fakt verwoben, dass es von diesem Autor nur dicke Bücher geben kann. Das und der Umstand, dass er sich recht brutale Horrorgeschichten ausdenkt, schreckt viele Menschen davon ab, sich tiefergehend mit seinen Büchern zu befassen. Auch ich hatte anfangs mit dem langen Erzählstil meine Probleme und doch bin ich heute ein großer Fan davon. Doch auch seine Kurzgeschichten und Novellen haben es mir angetan, da ich diese Form, gerade wenn man ausschweifend schreibt, als die Königsdisziplin des Geschichtenerzählens sehe. Das schreibt King auch so ähnlich in seiner Biographie „Das Leben und das Schreiben“. Ich habe es zwar nicht wörtlich im Kopf, aber sinngemäß meint er dort, dass es ihm größere Schwierigkeiten bereitet, sich kurz zu fassen und doch eine gute, fesselnde Geschichte zu erzählen. Doch wie gut er das kann zeigt er in der vorliegenden Novelle, die insgesamt vier Geschichten vereint, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mich erschreckt dabei im positiven Sinn, wie gut er diese Geschichten erzählt. Mit Ausnahme von Atemtechnik zeigen sie alle keine mysteriösen Dinge, sondern vielmehr den Schrecken ganz anderer, irdischer Dinge. Dabei variiert der Erzählton ein ums andere Mal und zeigt die Vielfalt von Stephen King auf. Auf der einen Seite der lockere, etwas melancholische Ton, der Die Verurteilten und Die Leiche umweht, was wohl auch daher rühren mag, dass diese zwei Geschichten eine Art Rückblick des jeweiligen Erzählers darstellen und somit wie eine Art verträumter Schau auf vergangene Ereignisse darstellt. Auf der anderen steht vielmehr das Unbarmherzige, was die Geschichten Der Musterschüler und Atemtechnik auszeichnet. Hier wählt King vor allem bei Der Musterschüler die distanziertere Weise des Erzählens indem die Ereignisse nüchtern dargestellt werden, was dem ganzen noch einen viel größeren Schrecken verleiht, als es diese Geschichte schon von allein vorgibt. Einzig Atemtechnik fällt etwas aus dem Erzählrahmen heraus, da es zwar aus erster Person geschrieben ist, zumindest die Rahmenhandlung, aber die Geschichte in der Geschichte durch die Art des Erzählens wieder distanzierter wirkt. Dazu kommen beim Winter noch leicht mysteriöse Untertöne dazu, die die drei Geschichten vorher nicht hatten und sich dadurch von seinem Horroranzug abhoben. Wie er mit leicht ironischem Unterton im Nachwort zu verstehen gibt, war das auch volle Absicht.
Alles in allem zeigt King in dieser Novellensammlung sein ganzes Können und das völlig ohne große Splattermomente und Horror, der aus anderen Welten kommt. Es sind Ereignisse, die man sich so auch in der Wirklichkeit vorstellen könnte und sie somit sehr real wirken. Wer also Stephen King mal anders erleben möchte und sich von großen Büchern abgeschreckt fühlt, der ist gut beraten, sich diesen Novellen zuzuwenden. Sie sind gut geschrieben, unterhalten auf wirklich hohem Niveau und ich persönlich empfinde sogar die Geschichten „Die Verurteilten“, „Der Musterschüler“ und „Die Leiche“ als anspruchsvoll, was dieses Buch in meinem persönlichen Ranking aktuell ganz weit vorne aufschlagen lässt. Versucht euch von euren Vorurteilen Kings gegenüber zu lösen, lest dieses Buch und ihr werdet es nicht bereuen und überrascht sein, was Stephen King abseits seiner bekannten Horrorwerke noch alles geschrieben hat.

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10 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Gib deinen ab

  1. Ah sehr cool – das ist eins meiner Lieblingsbücher von King. Allerdings habe ich auch nicht viele seiner Kurzgeschichten oder Sammlungen gelesen. Wegen dem Spektrum des Könnens, das du oben erwähnst, hat es mich auch damals sehr gepackt. Mit Atemtechnik konnte ich nicht soviel anfangen, empfand aber den Bruch zu den anderen Geschichten ganz interessant. Der Musterschüler hat mich damals echt kalt erwischt und ich war sehr baff in den beiden anderen die populären, verfilmten Geschichten wiederzufinden.
    Leider habe ich den Band mal verliehen und nie wieder bekommen … sehr schade.

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    1. Ach schade, wenn an einem Buch Erinnerungen hängen und beim Verleih dieses nicht wieder zu einem zurück findet.

      Das mit den Filmen wusste ich schon, aber das die Geschichten dazu auch so gut sind, hat mich echt umgehauen. Vor allem fand ich beide auf einem guten literarischem Niveau, was viele Stephen King ja absprechen, hier aber sehr schön hervortritt, da es nicht durch den Horror überlagert ist.

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  2. Auch für mich war „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ eines der besten Bücher, das ich von King gelesen habe. Die vier Novellen sind mir heute immer noch gut in Erinnerung, obwohl ich es schon in meiner Jugend gelesen habe. Auch die Verfilmungen sind sehr gelungen (was man ja leider nicht über jede King-Verfilmung sagen kann).
    Ich mag aber beides – ich kann viel mit seinen Kurzgeschichten/Novellen anfangen, aber auch mit den ausschweifenden Büchern. Beide Arten haben ihre Besonderheiten, die ich gerne mag, wobei ich schon zugebe, dass ich manchmal die „Dicken“ vor mir herschieben, weil sie eben dick sind. Gut bzw. Sehr gut sind sie dann aber ja natürlich trotzdem. :-)

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    1. Das darf er gern auch weiterhin machen. Es ist trotz allem eine große Kunst, sich kurz zu fassen und dabei eine schlüssige Geschichte zu erzählen. Das er diesen Spagat in beide Richtungen beherrscht, macht ihn als Autor noch umso bemerkenswerter.

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  3. Hallo Marc,

    ich liebe ja Kings ausschweifende Bücher. Mit der Mehrheit seiner Kurzgeschichten oder auch kürzeren Romane wie „Das Mädchen“ kann ich wenig anfallen – irgendwie wirken die auf mich nie so rund, entwickeln auf mich selten eine Sogwirkung.

    Genau diese Anthologie habe ich aber noch nicht gelesen, obwohl sie wohl Kings bekannteste / erfolgreichste Kurzgeschichten enthält. Das werde ich also noch nachholen müssen.

    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Hallo Kathrin, das ist schade, dass dir da die Novellen nicht zusagen. Bei den Kurzgeschichten versteh ich dich, da dort so mancher Rohrkrepierer dabei ist. Ich würde dir wirklich dieses Buch ans Herz legen und dazu noch Zwischen Nacht und Dunkel, da diese Geschichten dort auch sehr gut geschrieben sind und in meinen Augen einen richtig guten Sog entfalten. Allen voran zu nennen Die Leiche, Eine gute Ehe, Die Verurteilten, 1922 und Big Driver (hier mit Triggerwarnung zwecks Vergewaltigung).

      Falls du ein paar dieser Geschichten mal probieren solltest, sag bitte Bescheid, wie sie dir gefallen haben. Vielleicht wird deine Sicht auf die Novellen noch ein bisschen verändert.

      Viele Grüße und bleib gesund.

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  4. Lieber Marc, super Rezension! Ich mag Kings Kurzgeschichten ebenso wie seine Wälzer. „Stand by me“ habe ich vor zwei Monaten wieder mal gesehen und fand die Verfilmung auch gelungen.
    Liebe Grüße, Susanne

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