[Projekt Stephen King]: Richard Bachman – Menschenjagd

Ein Zukunftsszenario, gar nicht so weit weg von der Realität

Stephen King schreibt als Richard Bachmann anders. Direkter, brutaler, zynischer und erbarmungsloser. Mancher mag einwenden, ob Stephen King nicht auch zynisch, erbarmungslos und brutale Dinge schreibt? Das stimmt schon, aber nicht auf die Art, wie man es bei Richard Bachmann liest. Es wirkt ganz so, als wäre er in der Haut des Richard Bachmann ein völlig anderer Mensch mit einem veränderten Blick auf das Zwischenmenschliche. Das kommt ganz besonders bei „Menschenjagd“ zum Tragen und manifestiert sich in der Hauptfigur Ben Richards, dem das Leben bisher übel mitgespielt hat und der den letzten Rettungsanker darin sieht, bei einer völlig irrsinnigen und nicht gewinnbaren Spieleshow teilzunehmen.

Die Geschichte spielt in einer nicht allzu weit entfernten und doch vorstellbaren Zukunft. Die Schere zwischen Arm und Reich ist immer weiter auseinander gegangen. Die Armen werden durch staatlich gelenktes Fernsehen bei Laune gehalten, denn es gibt eine Art „Zwangsfernsehen“ für alle namens FreeVee, bei der vornehmlich allerlei Arten von zynischen Spielen dargeboten werden, bei denen der Mensch nichts zählt. Diese Art des Vergnügens dient der Ablenkung von den eigentlichen Schwierigkeiten, die im Land  vorherrschen. Ben Richards ist dabei einer, der im Leben immer weiter auf dem absteigenden Ast war. Ein eigentlich schlauer Kopf, der sich aber durch seine Art eine bessere Zukunft selbst verbaute. Da seine Tochter nun schwer krank im Bett liegt und das Geld für die notwendigen Medikamente fehlt, trifft er die folgenschwere Entscheidung, sich für eines der zynischen Spiele zu bewerben, um sich die Arzneien für seine Tochter leisten zu können. Der Bewerbungsprozess ist dabei an Menschenverachtung nicht zu überbieten und Ben Richards wird gleich für das lukrativste, aber auch schwerste Spiel ausgewählt – Menschenjagd.  Bei diesem von vielen geliebten Format werden Kandidaten zur Treibjagd freigegeben und alle Menschen können mitmachen. Der Kandidat muss 30 Tage auf der Flucht sein, bevor er den Hauptgewinn einer unvorstellbaren Geldsumme bekommt und seine Freiheit wieder erlangt. Innerhalb dieser Zeit wird er aber gnadenlos gejagt und das Einfangen ist gleichbedeutend mit dem Tod. Jede Stunde und jeden Tag, den die Kandidaten überleben, erspielen sie sich Geld. Allerdings sind die Bedingungen dafür hart, denn in festgelegten Abständen muss der Kandidat Videobotschaften von sich anfertigen und diese zum Sender schicken, was jederzeit die Gefahr birgt, seinen Standort zu verraten. Ben und ein zweiter Kandidat bekommen einen kleinen Vorsprung, bevor die Jagd auf diese beiden offiziell eröffnet wird. Doch was dann folgt hat sich Ben selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht ausdenken können.

Wer den Film kennt, dem ist das Buch fremd und umgekehrt

Welcher Stephen King – Fan und/oder Fan des Kinos der Achtziger Jahre kennt ihn nicht, den Film mit Arnold Schwarzenegger als Ben Richards, der in einer Show namens Running Man erzwungenermaßen teilnimmt und dort um sein Leben spielt. Natürlich geht es da sehr brachial zu, wie in so vielen Filmen dieser Zeit und in denen Schwarzenegger mitspielte. Ich habe den Film als nicht so schlecht in Erinnerung, allerdings hat er mit dem Buch außer dem Namen der Spieleshow und dem Namen des Hauptcharakters so gar nichts gemein. Im Buch meldet sich Ben Richards freiwillig zu den Spielen, allerdings nicht vorrangig für die Menschenjagd, sondern vielmehr allgemein, um an einem der vielen Spiele teilnehmen zu können, die vom staatlich gelenkten Fernsehen angeboten werden. Er lebt mit seiner Frau und Tochter in einem stark heruntergekommenen Viertel und will durch das Spiel nur seine Tochter retten, die durch eine banale Grippe im Sterben liegt. Das Ben Richards gleich für das Spiel der Spiele, Running Man oder Menschenjagd, ausgewählt wird, ist eher Zufall, ganz im Gegensatz zum Film, wo diese Tatsache bewusst geschaffen wird, um Ben Richards aus dem Weg zu schaffen, da dieser von Schwarzenegger gespielte Charakter zu viel gesehen hat, was den Oberen gefährlich werden kann.

Was den Film aber zu Beginn und das Buch insgesamt ausmachen sind zwei Dinge. Zum einen die Kritik an einer heruntergekommenen, verwahrlosten Gesellschaft, die sich durch einfache Mittel wie billige Fernsehshows ablenken lässt. Der zweite Punkt ist der Zynismus, der allerorten vorherrscht. Egal ob Ben Richards, der damit seine Verachtung dem System gegenüber zum Ausdruck bringen will und damit einen Kampf gegen Windmühlen kämpft oder der Zynismus des politischen Systems seinen Untergebenen gegenüber. Ich persönlich empfand dieses Szenario als erschreckend, da gerade heutzutage sich die Menschen durch Fernsehen sehr stark ablenken und beeinflussen lassen. Dabei sei dahingestellt, ob das Nachrichten, Spieleshows oder einfach nur schnell produzierte Serien/Filme sind, die gesendet werden und vielmals nur der leeren Unterhaltung dienen. Das, was wir aktuell haben, ist auch eine Art drogenähnliche Abhängigkeit vom Medium Fernsehen und all seinen Ablegern. Es ist sicher ganz weit von dem Szenario entfernt, welches Stephen King, äh sorry, Richard Bachmann hier entwirft, aber mich persönlich macht es nervös, auch in solch schwierigen Zeiten wie die aktuellen, wie leicht sich die Menschen vom Fernsehen, dem Internet und anderen Medien beeinflussen und ablenken lassen.

Lesen wie im Rausch

Und doch liest sich dieses Buch trotz allem Zynismus in einem Tempo, wie ich es selten erlebt habe. Wie in einem Rausch bin ich durch die Seiten gerast und wollte wissen, wie Ben Richards den großen Bossen im Hintergrund das Handwerk legen will und dabei gleichzeitig nicht geschnappt wird. Zum einen liegt das an den kurzen Abschnitten, in die das Buch unterteilt ist, an der Charakterisierung Ben Richards, der trotz seines hartem Äußeren ein recht angenehmer Mensch zu sein scheint, den nur die Umstände so rau haben werden lassen und natürlich an der Sprache Kings, der es wie kein Zweiter versteht, ein Szenario und die darin befindlichen Charaktere glaubhaft aufzubauen und den Plot dabei voran zu treiben. Gerade als Richard Bachmann gelingt ihm das auch in einer sehr kurzweiligen Form, vollauf auf das Wesentliche konzentriert und ohne sich groß in Nebenplots zu verlieren.  Gerade diese Art macht seine Bücher als Richard Bachmann aus (mit Ausnahme von Sprengstoff) und sind deshalb interessant zu lesen.
Im Speziellen auf Menschenjagd bezogen ist es bis dato sogar sein bestes Buch unter seinem Pseudonym und es wird schwer zu toppen sein, gerade hinsichtlich der Spannung, die aufgebaut wird. Auch, wie er das Ende gestaltet hat, worauf ich an dieser Stelle mal nicht eingehen möchte, da es sonst die Wirkung nimmt, ist fast nicht vorhersehbar und erzeugt eine unglaubliche Wucht, da das Buch genau da endet, ohne zu wissen, was die Auswirkungen der Handlungen sind (hier ist die Fantasie des Lesers gefragt). Insgesamt gesehen würde ich das Buch aber eher im oberen Mittelfeld seines Gesamtkanons einordnen. Das liegt vor allem daran, dass dieses Buch bei näherer Betrachtung sehr simpel gestrickt ist und sich nur auf das Wesentliche konzentriert. Das ist, wie oben ausgeführt nichts schlechtes, aber im Vergleich zu manch anderen seiner Werke dann doch zu simpel ausgeführt. Da reicht ein bisschen zynische Gesellschaftskritik doch nicht aus, um in meiner persönlichen Top 10 zu landen (bisher jedenfalls nicht).

Fazit: Spannend geschriebenes Buch mit der großen Prise Gesellschaftskritik, die einen erschrecken lässt. Doch bei näherer Betrachtung ist das Buch dann doch ein wenig zu einfach in seiner Erzählweise geraten. Es bleibt definitv im Gedächtnis haften, aber, und das habe ich beim Erneuten lesen wieder festgestellt, nicht wegen dem ganzen Kram am Anfang und zwischendrin, sondern wegen dem, was am Ende passiert. Nicht mehr und nicht weniger.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei:

2 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Richard Bachman – Menschenjagd

Gib deinen ab

  1. Huhu Marc!
    Tatsächlich kenne ich den Film nur vom Hörensagen und dem Titel nach, habe ihn aber nie gesehen. Könnte auch daran liegen, dass ich Arnie-Filmen im Grunde noch nie groß etwas abgewinnen konnte :D Ich fand Menschenjagd ebenfalls ziemlich ziemlich gut, einfach weil Richards so ein klasse Charakter ist – im Gegensatz zum Sprengstoff-Vorgänger. Allerdings würde ich Todesmarsch, was ja mit ähnlichen Gegebenheiten spielt, immer noch bevorzugen.

    Ich verlinke dich gleich mal, meine Besprechung folgt dann am Montag. =)

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

books and phobia

- Mit Büchern gegen Depressionen & Phobien

Bücher

Bücherblog mit Leidenschaft

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

mscaulfield

gib mir kaffee und bücher und ich bin friedlich.

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

%d Bloggern gefällt das: