[Rezension]: René Frauchiger – Riesen sind nur große Menschen

Die Riesen wurden zu Erde und die Erde wurde bewohnt

Was für ein Trip ist dieses Buch denn bitte? Da leben Menschen in Runzlingen und auf der Stirnebene, da werden Verfolgungsjagden in einer Speiseröhre veranstaltet, da gibt es Menschen, die lassen Gegenstände abprallen, bevor sie ihre eigentliche Wirkung entfalten dürfen und da bekommen die Figuren mit, dass sie erzählt werden. Man könnte hier noch einige andere Dinge nennen, die in Rene Fauchingers Roman „Riesen sind nur große Menschen“ vorkommen. Eine wilde Geschichte um eine Verschwörung, um eine Liebesbeziehung und um ganz große, besser riesige Geographiekenntnisse.


Aber von vorn. Als ich den Klappentext von dem Buch las, der im wunderbaren homunculus Verlag erschienen ist, dachte ich, dass es genau mein Ding ist. Allein diese Beschreibung klang so irre und durchgeknallt, dass ich sofort Feuer und Flamme war, dieses Buch lesen zu wollen. Ein bisschen Respekt hatte ich auch davor, weil so etwas auch eine riesige Wundertüte sein kann. Es hängt von vielen Faktoren ab, solch eine verrückte Geschichte auf die Beine zu stellen. Schafft es der Autor, das Ganze sprachlich zu übermitteln? Verhaspelt er sich auch nicht bei allem, was er da so dichtet? Wirken die Figuren in dem gewählten Setting auch authentisch? Das und vieles mehr muss bei einem Szenario wie diesen zusammen kommen und das macht es hier auf alle Fälle, so dass die Lektüre zu einem Riesenspaß wird und ich sogar in manchen Momenten mehr als einmal  über die kuriosen Einfälle des Autors schmunzeln musste, einmal sogar herzhaft lachen (auch wenn die Szene brutal gestaltet war).

Ene Mene Meck, Verwirrung komm ums Eck

Um was geht es denn nun überhaupt? Beginnen wir mit Achilles, der, bevor alles an seinem angestammten Platz kommt, irgendwo abprallen lassen muss. Zum Beispiel in der Pizzeria, in der er arbeitet, muss er die Zutaten für die Pizza erst gegen die Wand werfen, damit diese präzise auf dem Teig landet und so weiter. Diesen Achilles begleiten wir zu Beginn des Romans und er führt uns auch in dieses ganze kuriose Szenario ein, denn alles spielt sich in Ortschaften ab, die Anspielungen auf Stellen sind, die körperliche Regionen zumindest andeuten. Dieser Achilles lernt Lulu kennen und verliebt sich in sie. Sie wollen sich zu einem Date treffen, welches aber nicht zustande kommt, da Lulu  von der Grenzwacht entführt wird, die immer „Bleichharige“ für ihre Jagdspiele suchen. Dieser Anlass zwingt Achilles dazu, aus der Geschichte zeitweise zu verschwinden, weil er das vom Erzähler so verlangt! Marja deckt derweil noch eine riesige Verschwörung der Grenzwacht gegen die Stirnstädter und Bleichhaarigen auf und lernt so den Lehrer Paul kennen, der in Runzlingen an einer Schule unterrichtet. Die Geschichten nehmen weiteren Verlauf immer absurdere Züge an, wenn die Figuren auf ihren Charakter beziehungsweise den Fortgang der Geschichte Einfluss nehmen, indem sie sich direkt an den Erzähler wenden, was in dieser Welt sowieso häufig vorkommt. Wird die Verschwörung aufgedeckt? Und kann Lulu ihren Jägern entfliehen? Und was spielt Achilles noch für eine Rolle, wenn er doch nicht mehr erzählt werden möchte?[…]

Eine Welt, nicht wie die unsrige

Hand hoch: Wer versteht jetzt nur noch Bahnhof? Alle? Dann bin ich beruhigt, denn es ist gar nicht so einfach diese Geschichte vernünftig zusammenzufassen. Doch wer aber jetzt meint, dass es keinen roten Faden gibt, der täuscht sich gewaltig. Den gibt es und wird durch die weiblichen Figuren Lulu und Marja besonders geprägt. Einmal durch die Jagd innerhalb der Speiseröhre, die Lulu an ihre körperlichen Grenzen bringt, und zum anderen durch Marja, die eine große Verschwörung durch die Runzlinger und der Grenzwacht aufdeckt und damit in Lebensgefahr steckt. Dabei agieren alle in einer Welt, die zwar durch kurze Einsprengsel aus Kunst und Kultur aus der unsrigen Welt ähnlich scheint, aber in seiner mythologischen Beschreibung doch ganz anders ist. Wie schon mehrfach angedeutet, hören/merken die Figuren den Erzähler, können ihn beeinflussen oder andersherum der Erzähler ignoriert die Figur, was zum Beispiel auf eigenem Wunsch Achilles passiert. Oder die Eigenschaft von Achilles, Dinge an Wänden abprallen zu lassen, um es seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen, was zum Ende der Geschichte zu einer zwar relativ brutalen, aber trotz allem lustigen Szene führt. Ebenso die Ortsnamen, die sich allesamt aus Körperregionen eines Riesen ableiten und so auch für absurde Begebenheiten sorgen, stecken voller Geheimnisse.
Das alles hält der Autor mit einer Sprache fest, die ich so beschreiben würde, dass beim Schreiben alles mit einem riesengroßen Augenzwinkern zu Papier gebracht wurde. Ich jedenfalls hätte garantiert jede Menge Spaß beim Schreiben dieses Buch gehabt. Dabei wirkt alles sattelfest zusammengezurrt, alles an seinem Platz, nichts läuft in irgendeiner Form aus dem Ruder. Man muss sich zwar immer wieder auf Situationen einstellen, die einem riesengroße Fragezeichen auf den Kopf zaubern. Jedoch wirken diese Stellen im Nachhinein sehr organisch und passend zu der ganzen Welt, die Rene Fauchinger hier erschafft. Dabei artet der Text an keiner Stelle zu Klamauk aus, sondern ist vielmehr eine recht vielschichtig lustig-ernste Angelegenheit, die sogar ein wenig politisches mit sich bringt und eine Welt gerade einmal ein bisschen andeutet, anstatt sie vollends zu präsentieren.

Wer also auf Texte steht, die ein wenig skurril sind, abseitig von einer gewohnten Erzählstruktur geschrieben und dabei noch so gewitzt vorgehen, dass man das dem Autor sofort abkauft, der wird hier genau richtig bedient. Aber Vorsicht, könnte Spuren von Freude und Witz enthalten und das färbt definitiv ab. Wer also weiter wie ein Miesepeter durch die Welt gehen möchte, der greife bitte nicht zu diesem Buch. Allen anderen kann ich es wärmstens empfehlen. Mich persönlich würde es freuen, noch mehr aus Stirnstadt, Runzlingen, den Friedlis, den Bleichhaarigen, speiseröhrenähnlichen Tunneln und vielem mehr zu lesen.

René Frauchiger
Riesen sind nur große Menschen
Homunculus Verlag
257 Seiten
22 Euro

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

morehotlist

Magazin der unabhängigen Bücher & Buchmenschen

Fiktion fetzt.

Ein Blog über (gute) Geschichten.

Im Buchwinkel

fiction · fantasy · feminismus

The Female Reader – Blogazine für Literatur, Feminismus und Netzkultur

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Lector in fabula

Blog für Literatur

Carolin M. Hafen

*it's the write thing to do

Linda liest

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Birgit Böllinger

Büro für Text und Literatur

Kulturbowle

KulturGenuss, Bücherlust und Lebensfreude

David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist - Romancier - bipolarer Bedenkenträger

books and phobia

- Mit Büchern gegen Depressionen & Phobien

Bücher

Bücherblog mit Leidenschaft

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: