[Projekt Stephen King]: Christine

Die nächste inkonische Figur – Ein Auto

Mit Christine hat Stephen King den großen Kisten der 50er Jahre eine Horrorhommage geschrieben, bei der aus jeder Pore der geschriebenen Zeilen die Liebe zum  Automobil und die Liebe zum Rock’n’Roll heraustropft. Dabei geht es leider nicht immer stimmig, dafür aber gewohnt schaurig zu. Es ist ein Buch, welches man sehr schnell durch hat, trotz des Umfangs. Es ist spannend, es ist gruselig und es gibt einem das Gefühl wieder, wie man sich mit 17 bis 20 gefühlt haben muss. Denn so alt sind die drei Hauptfiguren, die in diesem Buch den größten Raum einnehmen. Gerade wenn es darum geht, Gefühle zwischen Teenagern auszudrücken, die Schwierigkeiten, sich zu verständigen, um das auszudrücken, was einem gerade wichtig ist, genau dann ist King in diesem Buch am stärksten. Das tröstet dann auch über kleinere Fehler im Aufbau der Geschichte hinweg, was das Buch für mich persönlich nicht schlecht werden, aber auch nicht in die Sphären seiner besten Bücher vordringen lässt. 

Das Auto als (Status)-Symbol

Für dieses Buch muss man sich ein wenig in die Achtziger zurück versetzen und die Lust der Amerikaner an ihren alten Schlitten ebenfalls verstehen. Erst dann fällt es einem leichter, sich auf dieses Buch und die Geschichte einzulassen. Am Anfang geht es um einen Autokauf und um Arnold Cunningham oder kurz Arnie. Dieser Junge hat nicht viele Freunde, um ehrlich zu sein nur einen. Dennis und Arnie sind wie Brüder und verstehen sich eigentlich blind. Doch dieser eine schicksalshafte Tag, als Arnie dieses Auto sieht, wird diese zwei nach und nach voneinander trennen.

Dennis spielt, wie es sich für einen guten amerikanischen Jungen gehört, in der örtlichen Footballmannschaft, scheint relativ beliebt und hat die ganze Zukunft noch vor sich. Arnie dagegen ist das, was man wohl einen Mülleimer für alle nennt. Durch sein Aussehen mit den vielen Pickeln und seine introvertierte Art wird er ständig zur Zielscheibe des Spotts und des Prügelns. Damit zieht er sich immer mehr zurück und bleibt, bis auf die Freundschaft zu Dennis, ein Einzelgänger. Eines Tages, als die beiden von ihrer Ferienarbeit vom Bau wieder nach Hause fahren, entdeckt Arnie einen 58er Plymouth, der am Straßenrand verrottet, und verliebt sich sofort in dieses Auto, sieht etwas darin, was kein anderer sehen will. Dennis sieht darin nur Schrott, Arnie mehr. Nach ewigen Diskussionen kauft Arnie dieses Auto von dem Besitzer namens Roland LeBay ab, der sich als alter, schmieriger Hund herausstellt, und von da an nimmt das Unglück seinen Lauf. Denn dieses Auto scheint eine unheimliche Aura auszustrahlen, die auf Arnie wirkt wie das Licht für die Motte und für andere eher abschreckend.
Am Anfang ist Christine, so hat LeBay das Auto getauft, richtiger Schrott. Doch in Windeseile scheint Arnie sie zu reparieren, hat quasi ein goldenes Händchen für dieses Auto. Was auf Dennis aber seltsam erscheint ist, dass sich auch von Tag zu Tag das Aussehen von Arnie zum Besseren ändert und leider sein Charakter zum Schlechteren. Arnie lernt in dieser Zeit mit Leigh sogar seine erste Freundin kennen. Dennis versucht in der Zeit immer mal, Arnie zur Vernunft zu bringen und versucht ihm einzureden, dass Auto habe einen schlechten Einfluss auf ihn und er muss es irgendwie loswerden beziehungsweise er versucht, ihm nachzuspionieren. Als Dennis jedoch bei einem Footballspiel so schwer verletzt wird, dass er mehrere Wochen ins Krankenhaus muss, und Christine in dieser Zeit von ein paar Rüpeln mutwillig zerstört wird, verliert Arnie komplett die Kontrolle über sich, sein Leben und das Auto, welches ein Eigenleben zu besitzen scheint. Und Dennis kann nur noch hilflos aus dem Krankenbett mit verfolgen, wie er seinen Freund endgültig an dieses Auto und das, was es im Inneren beherrscht, verliert. Er ist sich nur noch nicht sicher, auf welche Art und Weise das gerade geschieht. Als er die Wahrheit herausfindet, muss Dennis schneller handeln als ihm lieb ist. Und Leigh, die Freundin von Arnie, muss ihm dabei als einzige Mitwisserin helfen. Können die beiden Arnie noch retten?

Eine Hommage an den Rock’n’Roll und an die Autos der 50er

Was Stephen King mit diesem Buch zelebriert ist eine glasklare Hommage an die Autos der Fünfziger Jahre. Diese ausladenden Schlitten, mit ihrem sehr speziellen Charme. Und es ist auch eine Hommage an die Musik des Rock’n‘Roll der Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahre, denn er stellt jedem Kapitel noch einen Liedtext bekannter Interpreten dieser Zeit vor, die dann auch zu dem Thema des jeweiligen Kapitels passen und alle diese Songs haben etwas mit Autos zu tun, so dass dieses Buch diese Musik atmet und man unwillkürlich mit den Füßen bei den jeweiligen Texten mitwippt. Manches kannte sogar ich alter Technofan und hatte die Melodien der Lieder sofort im Ohr. Im Nachwort zu dem Buch beschreibt King auf kurze Weise, wie schwierig und auch motivierend es war, diese Lieder zu beschaffen und für das Buch zusammenzustellen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dieses Buch einen ganz besonderen Platz in seinem Autorendasein hat. Diese beiden Faktoren machen diesen Roman in meinen Augen schon zu etwas besonderem, ohne dass man auch nur ein Wort über den Inhalt verlieren müsste. Dabei spult Stephen King hier einen Roman ab, der nicht typischer für ihn sein könnte und leider auch an manchen Ecken etwas schwächelt. Doch trotz mancher Punkte, die nicht so gut ausgefallen sind, ist es insgesamt ein spannender Roman geworden. 

Christine, den titelgebenden Wagen, lernen wir gleich zu Beginn kennen und man merkt erst einmal nicht, was diesen Wagen so anders, so besonders macht. Nur auf Arnie scheint eine wahnsinnige Faszination für dieses Auto zu entwickeln und auf uns Mitlesende gleich mit. Obwohl die Geschichte aus der Sicht von Dennis geschrieben ist, spüren wir mit jeder Pore der Begeisterung Arnies nach, die er diesem Wagen entgegenbringt. Doch da haben wir schon das erste Problem an diesem Roman: Die Ich- Perspektive. Diese wird nicht leider konsequent verfolgt. Erst dachte ich ja, dass jeder der drei großen Abschnitte in verschiedene Sichtweisen eingeteilt ist – die Ich- Perspektive, neutraler Erzähler (so wirkt der zweite Abschnitt) und, was krass gewesen wäre, aus Sicht des Autos oder so ähnlich. Aber irgendwie wurde es dann doch eine Mixtur aus Ich-Perspektive und neutralem Erzähler, der uns aber vorgaukelt, er würde für Dennis erzählen. Doch gerade die Abschnitte, bei denen Dennis nicht dabei sein konnte und alles aus neutraler Sicht erzählt wird, wäre vielmehr eine Chance gewesen, dass aus einer etwas ungewöhnlichen Blickwinkeln zu erzählen. So jedoch wirkt es auf mich etwas unausgegoren und nicht zu 100% durchdacht.
Das soll aber nun kein schlechtes Licht auf den Roman werfen, denn er ist größtenteils sehr straff erzählt (was bei einer Seitenzahl von über 800 Seiten ein wenig seltsam anmuten mag), erzählt die unglaubliche Geschichte einer Freundschaft und wie diese anhand eines Wagens zugrunde geht, sie erzählt davon, wie die Tage der Jugend und der Kindheit gezählt sind, wie sich die Kinder vom Elternhaus lösen, über die erste große Liebe und wie diese Punkte alle durch die Umstände extrem beschleunigt werden. Dabei zieht King erneut gekonnt die Daumenschrauben an und wählt ein überschaubares Figurenensemble, mit dem man mitfiebern kann. Einzig die Auflösung zum Schluss war mir persönlich im Hinblick auf das Geschehene davor etwas zu banal und mutete seltsam unrund an, insbesondere was das Schicksal von Arnold Cunningham angeht, da gerade dieser Charakter über die gesamte Länge des Buches am meisten zu leiden hat.

Ikonisches Auto, Horror der im Gedächtnis bleibt

Trotz aller kritischer Punkte ist Christine eine sehr runde Horrorgeschichte geworden, bei der es King versteht, die Nerven beim Lesen zu strapazieren und ein paar Stellen, die etwas ekliger gehalten sind, dürfen auch wieder nicht fehlen. Doch bei allem Horror und Blut, was fließt, hält vor allem die Freundschaft um Dennis und Arnie das Buch zusammen und man sieht hilflos zu, wie Christine dieses Band zerstört. Wenn man so will, kann man das als Allegorie auf die pubertären Veränderungen im Geist übertragen. Denn wer kennt das nicht, dass einem die beste Freundschaft gerade im Anblick des nahenden Schulabschlusses und beim Blick in die Zukunft in die Brüche geht. Nur das hier ein Auto mit den gewissen Extras den Beschleuniger spielt und dabei seine qualmenden Reifen zwischen die beiden Jungs schiebt. Stephen King hat mit diesem Buch eine weitere ikonische Horrorfigur erschaffen, eine wunderbare Hommage an die Autos der 50er geschrieben und auch die Musik dieser Zeit lebt in diesem Buch über die Jahrzehnte weiter. Ein echter Klassiker.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr bei:

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