[Projekt Stephen King]: Friedhof der Kuscheltiere

Tod, Trauer, Wiederauferstehung

Wenn es heißt, dass Stephen King doch nur Horror schreibe und dies sehr exzessiv und das deswegen die meisten Menschen sich nicht an seine Bücher herantrauen, widerspreche ich immer vehement. Es stimmt zwar schon, dass Horrorliteratur sein Hauptmetier ist, aber er kann auch anders, wie ich unlängst bei seiner Novellensammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ feststellen konnte. Es geht zwar auch bei diesen Geschichten grausam oder auch blutrünstig zu, aber sie sind so geschrieben, dass sie auch in jeder Nachrichtenspalte hätten auftauchen können, da die übernatürliche Komponente fehlte. Jedoch ist Stephen King in seinem Schaffen der Siebziger und Achtziger nicht mit diesen ganz realen Horrorstoffen berühmt geworden, sondern es wurden gerade seine übernatürlichen Geschichten verfilmt. Es ging los mit Carrie, über Christine und Brennen muss Salem. Doch eine dieser Schauergeschichten aus den Achtzigern sticht noch mehr aus diesem Meer an gruseligen Geschichten heraus, erfreut sich größter Beliebtheit, dass sie sogar eine zweite Verfilmung vor zwei Jahren erhielt und auch die alte Verfilmung wird immer wieder genannt, wenn es um eine gute Verfilmung von Stephen King- Stoffen geht. Die Rede ist von Friedhof der Kuscheltiere oder Pet Sematary, wie das Buch im Original heißt. Nun bin ich bei meiner chronologischen Lesereise bei diesem Buch gelandet und hatte, obwohl ich das Buch mittlerweile schon zum dritten Mal in meinem Leben las, wieder Gänsehautmomente und wohligen Schauer bei vielen Szenen. Ich würde dieses Buch mit den wenigen Schwächen, die diesem innewohnen, zu seinen besten Werken zählen, die Stephen King je geschrieben hat. Insbesondere was die Grundstimmung in dieser Geschichte angeht, die auch wunderbar in diese herbstliche Jahreszeit passt, und weil er mit dieser Geschichte ein Thema mehr als solide anpackt, welches uns allen irgendwann blühen wird – der Tod – und wie man ihn austricksen kann. Doch die Folgen, wenn man den Tod überlisten will, sind grausamer Natur.

Es geht um Leben und Tod

Der Stoff ist eigentlich bekannt und doch waren bei mir viele Leerstellen vorhanden, was speziell diesen Roman angeht. Viele nennen ihn als erstes, wenn es darum geht, ein richtig gruseliges Buch von Stephen King zu nennen, dass sich in ihre Gedanken genistet hat und da auch geblieben ist. Mein letztes Mal, als ich dieses Buch gelesen habe, liegt nun auch schon über 10 Jahre her und ich hatte nur noch verschwommene Erinnerungen an den Großteil der Handlung. Ich weiß nur noch, dass es vor allem zum Schluss in gewohnter Kingmanier sehr schaurig zugeht und auch einige blutige Szenen haben sich eingebrannt (auch durch die erste Verfilmung). Doch wie alles beginnt und sich entwickelt war mir nicht mehr so bekannt. Dann frischen wir die Erinnerungen mal auf.

Die Familie Creed, das sind Louis, der eine Stelle als Arzt in der Krankenstation der örtlichen Universität antritt, seine Frau Rachel und die Kinder Cage und Ellie. Sie ziehen in das beschauliche Ludlow und lernen dort Jud und seine Frau Norma kennen, die auf der anderen Straßenseite wohnen. Sie nehmen die Familie herzlich in Empfang und trotz des Wegzugs aus ihrem vertrauten Umfeld Chigago scheint die Familie Creed recht schnell in der neuen Umgebung anzukommen. Die Eingewöhnung im neuen Job läuft für Louis hervorragend, Ellie nimmt die Vorschule mit links und Cage ist mit Rachel zu Hause und versuchen, Leben in das Haus zu bringen. Das auf dieser Idylle schon da ein Schatten liegt, ist kaum zu spüren. Doch auch ohne dieses Wissen liegt auf allem eine ungute Vorahnung. Ein Gefühl, dass etwas im Hintergrund lauert, was diesem ganzen schönen, positiven Lebenswandel ein Ende bereiten möchte. Das Unglück nimmt durch zwei Ereignisse Fahrt auf. Zum einen nimmt Jud die Familie mit auf eine Art Tierfriedhof, wo die Kinder des Ortes ihre überfahrenen oder gestorbenen Haustiere vergraben, um ihnen ein letztes Ruheplätzchen zu geben. Diesen Tierfriedhof scheint es schon eine ganze Weile zu geben und Jud erzählt ihnen die Geschichte dazu. Doch dieser Friedhof strahlt eine unheimliche Kraft aus, die alle spüren, aber nicht recht fassen können. Das andere Ereignis spielt sich am ersten Arbeitstag von Louis ab, als er vormittags in der Praxis ein Unfallopfer eingeliefert bekommt, welches bei einem Unfall schrecklich zugerichtet wurde. Dieser Junge namens Victor Pascow liegt im Sterben, doch bevor er verstirbt gibt er Louis noch die wichtige Nachricht mit auf den Weg, sich vom Tierfriedhof fernzuhalten und die Barriere aus Totholz nie, unter gar keinen Umständen zu überschreiten, denn sonst können schlimme Dinge in Gang kommen. Selbst in seine Träume verfolgt ihn dieser Pascow. Doch anstatt diese Warnungen ernst zu nehmen, weckt das latent bei Louis das Interesse an diesem Ort und als die Katze der Familie – Church – überfahren wird und Jud ihn zu dem Friedhof führt, vor dem Pascow gewarnt hat, kommen die Dinge richtig ins Rollen und die Macht, die dieser Begräbnisplatz auf alle Beteiligten ausübt, wird immer stärker.

Kein Licht, nirgends

Laut eigenen Aussagen hat Stephen King seine eigenen Erfahrungen in diesen Roman eingebracht. Laut der Seite „King Wiki“ hat er ein Jahr an der University of Maine als Lehrer unterrichtet, quasi als Freundschaftsdienst. Und die Erfahrungen, die King mit seiner Familie in dem Haus gemacht hat, in denen sie zu dieser Zeit wohnten, flossen in dieses Buch mit ein (vor allem die Straße und Fastunfälle, die hätten tödlich enden können). Doch was King aus diesen Vorgaben macht ist einfach nur grausam, aber auf eine gute Art. Vom Blickpunkt des Schreibens her mag es nicht sein stärkster Roman sein, da gibt es sicher tiefgreifendere Werke von ihm. Doch das Inhaltliche sticht wie ein helles Licht aus seinem Schaffen heraus. Das essentielle Thema in diesem Buch ist das Sterben und der Umgang mit dem Tod von Haustieren, Verwandten und Bekannten. Dabei schraubt King immer mehr an der Spannungsschraube, doch der Tod klopft von Beginn an die Türe und zerstört die Idylle damit gleich ein bisschen, die sich auf den ersten Seiten noch auftat. Nach dieser Spannungsexposition fällt der Bogen erst einmal wieder ab und wir verfolgen mit wachsendem Grauen das Geschehen um die Familie Creed und ihren Nachbarn Jud. Und was Stephen King da alles einbringt zum Thema Tod und der Umgang damit ist große Schreibkunst. Er führt uns alle Facetten vor, wie man mit dem Sterben und dem Tod umgehen sollte. Von Ablehnung über Angst bis hin zu Neugier ist alles vertreten. Erst im letzten Drittel wird eigentlich deutlich, dass der Begräbnisplatz selbst eine gewisse Anziehungskraft beziehungsweise Macht ausübt und sich so immer wieder willige Opfer heranholt, um sich an deren Schwäche zu laben. Doch bis diese Erkenntnis durchsickert, sind die Nägel der Finger vor lauter Anspannung schon abgekaut und da sind die schrecklichsten Ereignisse noch nicht einmal erzählt.
Stephen King lässt in diesem Buch keine Hoffnung aufkommen, kein Licht erscheint, nirgends. Dadurch wirkt dieses Buch richtig erdrückend und lässt einen mit einem unguten Gefühl zurück. Es ist keine zimperliche Geschichte und sie hat und wird auch weiterhin Albträume bescheren. Selbst mir war es in vielen Momenten mulmig zumute und doch konnte ich dieses Buch nicht beiseitelegen. Definitiv eines der besten, spannendsten und auch traurigsten Bücher von Stephen King, die ich bisher gelesen habe – im chronologischen Lesemarathon und überhaupt. Wenn ich ein Ranking erstellen müsste, wäre dieses Buch mindestens in der Top 5 der bisher gelesenen Bücher zu finden. Ich verrate nicht zu viel, dass ich damit nicht alleine stehe (siehe Verlinkungen unten), aber auch gegenteilige Meinungen sind zu lesen.

Weitere Besprechungen findet ihr bei:

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