[Notiz] [Bloggerpreis Bestes Debüt 2020]: Die Entscheidung

Der Bloggerpreis für das beste Debüt wird zum nunmehr fünften Mal vergeben. Rechnet man die letztjährige, kurzfristige Pause heraus, war ich an vier dieser fünf Vergaben dabei und habe in der Jury mit anderen Bloggerinnen und Bloggern darüber entschieden, welches der fünf Bücher als Gewinnertitel in Frage kommt. Ich gebe zu, als die diesjährige Shortlist veröffentlicht wurde, war ich ein klein wenig enttäuscht, hatte ich doch neben Deniz Ohde zum Beispiel mit Leander Fischer (Die Forelle), Olivia Wenzel (1000 Serpentinen Angst) oder Jasmin Schreiber (Marianengraben) eher gerechnet als mit diesen Titeln, die letztendlich auf der Shortlist landeten. Daher musste ich die Auswahl durch Bozena , Janine und Sarah , die den Blog Das Debüt betreiben und den Preis seit den Anfängen betreuen, erstmal sacken lassen und verarbeiten. Letztendlich muss ich zugeben, dass die diesjährige Auswahl erneut keine schlechte ist und wieder aufzeigt, auf welchem Niveau mittlerweile Debütromane angelegt sind. Es sind zwar in jedem Buch ganz sicher handwerkliche Unfeinheiten zu beobachten oder der Aufbau des Textes ist nicht ganz gelungen, aber insgesamt lässt sich den Autorinnen und Autoren attestieren, dass sie für ein Erstlingswerk richtig gute Texte abliefern. Dieses Jahr wurden wir zum Bergwandern eingeladen, drückten nochmal die Schulbank, erlebten Straßenschlachten und standen auf den Bretten, die die Welt bedeuten.
Eine Bewertung und vor allem Einordnung auf die fünf Platzierungen fällt mir in diesem Jahr besonders schwer, da alle Bücher ein insgesamt hohes Niveau aufgewiesen haben und ich selbst bei dem Buch von David Misch, das ich abbrach, Passagen fand, die ich als richtig gut geschrieben empfand. Jedes der fünf Bücher hätte einen Platz in der Top 3 und damit in den Punkterängen verdient. Leider sind die Vorgaben so, dass es zwei der fünf Bücher pro Jurymitglied punktemäßig leider leer ausgehen. Das soll aber nicht die Qualität dieser Texte mildern, die, wie gesagt, alle recht hoch waren. Für mich waren insgesamt über alle fünf Bücher hinweg nur Nuancen ausschlaggebend, selbst für das abgebrochene Buch und das wird in meiner Punktebewertung sicher überraschen. Und nun präsentiere ich meine Platzierungen für da beste Debüt 2020:

  • Platz 5

Lucia Leidenfrost – Wir verlassenen Kinder

Wenn ich alle fünf Bücher nebeneinander stellen müsste, dann ist „Wir verlassenen Kinder“ leider dasjenige, dem ich am wenigsten die Chance einräumen würde, es noch einmal in die Hand nehmen zu wollen. Das liegt aber nicht zwingend an der Qualität des Textes, die ich als genauso gut empfand wie bei anderen der diesjährigen Shortlist. Es ist gut geschrieben, der Inhalt hat auch Themen, die zum Nachdenken anregen, aber je länger ich über dieses Buch nachdenke, war es dasjenige mit den größten „Schwächen“ im Aufbau und den Auslassungen und der Charakterisierung der Figuren, bot manch unklares Bild, so dass ich es trotz allem schweren Herzens auf den fünften Platz setze.

  • Platz 4

Cihan Acar – Hawaii

Obwohl mir dieses Buch mit den besten Leseflow von allen fünf Büchern beschert hatte und die Hauptfigur richtig gut dargestellt war, geht auch dieser Roman bei mir leider leer aus. Denn obwohl es gut zu lesen war, passte das Gesamtpaket für eine Platzierung in den Punkterängen für mich nicht. Die Sprache war zu einfach und das letzte Drittel wollte nicht zum Rest passen, wirkte wie aus einem anderen Buch. Der Autor präsentiert trotzdem auch richtig gute Bilder, die etwas länger haften bleiben. Aber ähnlich wie bei Lucia Leidenfrost, ein Buch, das ich sicher kein zweites Mal zur Hand nehmen würde.

  • Platz 3 (1 Punkt)

David Misch – Schatten über den Brettern

Der macht das doch jetzt nicht wirklich? Doch macht er. Ich gebe einem abgebrochenem Buch den Bronzeplatz. Hatte ich erst den Gedanken, diesem Buch keine Punkte zu geben, hat sich das bei näherem Hinsehen für mich nicht richtig angefühlt, denn dieses Buch hat eigentlich alles, was einen guten Roman ausmacht und genau den Kriterien entspricht, die ich für die Juryarbeit zur Auszeichnung des besten Debüts ansetze (anspruchsvolle Sprache, eine anspruchsvolle Geschichte und guten, logischen Aufbau). Leider steht sich das Buch an gewissen Stellen mit der Sprache selbst etwas im Weg, ist zu sperrig geraten und hat mir damit beim Lesen den Zahn gezogen. Auch der Theaterpart wollte bei mir nicht recht zünden. Doch das sind alles persönliche Leseempfindlichkeiten, die ich bei der Bewertung nun außen vor gelassen habe. Denn das Buch kam bei mir einfach zur falschen Zeit und es ist eines, dem ich definitiv noch eine zweite Chance einräumen werde.

  • Platz 2 (3 Punkte)

Amanda Lasker-Berlin – Elijas Lied

Dieses Buch erzeugt eindeutig Reibung, da allein schon die Hintergrundgeschichten der drei Frauen, die in diesem Buch hauptsächlich eine Rolle spielen, sehr besonders sind. Eine ist in der rechtsextremen Szene verhaftet, die zweite ist Sexualbegleiterin für alte und kranke Menschen in einem ihrer zwei Berufe und die größte Schwester von den dreien hat Trisomie23, was das Verhältnis aller drei seit Kindesbeinen geprägt hat. Für das, was da zu Papier gebracht wurde hat Lasker-Berlin eine sehr bildhafte, in meinen Augen sogar melancholische Sprache gefunden. Es wird niemand zur Schau gestellt, was vor allem bei Figuren mit Behinderung schnell passieren kann. Für mich passt hier eigentlich fast alles zusammen.  Ein Leseerlebnis, das länger haften bleiben wird.

  • Platz 1 (5 Punkte)

Deniz Ohde – Streulicht

Dieses Buch war von Anfang an mein Favorit und ist es auch geblieben. Während mit Ausnahme von David Misch immer das Gefühl blieb, man liest einen Debütroman, war das hier gar nicht der Fall. Die Sprache war sehr reif, brachte das Thema das Buches wunderbar unaufgeregt zu Papier und erzeugte dadurch eine umso größere Wucht. Gerade wie unauffällig die namenlose Hauptfigur immer wieder durch die Maschen des Systems fällt und versucht sich wieder hochzukämpfen ist richtig gut geschrieben, dazu noch das seltsame Elternhaus und die Marotten des Vaters nur seinem Messidasein. Alles wirkt wie ein Kampf gegen Windmühlen und das man diesen nicht gewinnen kann. Dazu noch mein (leicht geändertes) Fazit aus dem  Beitrag vom Herbst:

„Dieses Buch ist wichtig und rüttelt gekonnt auf. […] Es ist ein Buch mit einem dringenden, zeitgenössischem Thema, denn gerade die Coronakrise und das damit verbundene Homeschooling haben erneut gezeigt, dass bei der Gleichheit der Bildungschancen in Deutschland noch immer ein weiter Weg vor uns liegt, auch wenn sich seit der ersten PISA-Studie viel getan hat. Doch es ist immer noch nicht genug.“

Das waren meine eigenen Bewertungen. Mit den Punkten und Begründungen der 16 anderen Jurymitglieder ergibt sich ein Gesamtbild für alle fünf Bücher und in der Summe ein Gewinnertitel, der in diesem Jahr an Deniz Ohde mit Streulicht geht. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle auch von mir und es freut mich, dass nach „Nichts, was uns passiert“ erneut das Buch gewonnen hat, das ich von vornherein als Favoritin hatte. Den Beitrag, in dem ihr alle Jury Begründungen nachlesen könnt, findet ihr hier: Das Debüt 2020 – And the Winner is…

Die Beiträge der anderen Jurymitglieder findet ihr hier:

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