[Notiz]: Ein Blick in den Bücherfrühling 2021

Die großen Festtagsbraten sind längst verdaut und die Jahresanfangstristesse greift um sich, in diesem Jahr besonders verstärkt  durch Lockdown und erzwungenes zu Hause bleiben. Da bleiben nicht mehr viele Rückzugsmöglichkeiten. Viele verlieren sich im Fernsehen und streamen sich durch das gesamte Angebot von Netflix oder Disney+. Andere wiederum lesen entweder mehr als je zuvor oder entdecken das Buch gerade wieder für sich beziehungsweise ganz neu. Für all diejenigen, die eher das gedruckte Wort gegenüber den bewegten Bildern bevorzugen, habe ich nun ein paar Bücher zusammengesucht, die mit zwei Ausnahmen, allesamt im Frühjahr und in unabhängigen Verlagen erscheinen. Insgesamt 12 Bücher sind dabei zusammen gekommen und ich freue mich auf jedes Einzelne von ihnen.

Wie schon im Herbst von mir erwähnt, bin ich eigentlich nicht so der Typ gewesen, der sich die Vorschauen vornimmt, um gezielt nach Büchern zu suchen, die ich dann auch unbedingt lesen möchte. Doch das Herbstprogramm im zurückliegenden Jahr hat mir gezeigt, dass es sich doch irgendwie lohnt. Nie zuvor habe ich mich so intensiv mit den Verlagsprogrammen auseinandergesetzt wie im zurückliegenden halben Jahr. Dabei lag der Fokus vornehmlich auf den unabhängigen und kleinen Verlagen, was ich auch im Frühjahr wieder so handhaben werde. So denn, tauchen wir mal ein in die vielfältige Welt der Geschichten, die uns das Frühjahr bescheren wird. Und ich hoffe, es ist nicht zu viel versprochen: Es gibt auch sicher ein paar Titel, die bisher keiner auf dem Schirm hatte.

David Peace – Tokio Neue Stadt (Liebeskind Verlag)

Mit David Peace bin ich das erste und bisher einzige Mal in Kino in Berührung gekommen, als ich vor ca 10 Jahren bei den Fantasy Filmfest Nights den Film 1974 gesehen habe und sofort von diesem ganzen rauen Setting eingenommen war. Der Film (und auch die Nachfolger) hat sich extrem bei mir im Gedächtnis verewigt, so dass ich schon seit Ewigkeiten auch die Bücher dazu lesen wollte. Doch es sollte bisher nicht sein. Vielleicht mache ich das gleich im Zusammenhang mit seinem neuen Buch, das, wenn man der Zusammenfassung glauben darf gekonnt einen Kriminalfall mit geschichtlichen Zusammenhängen verknüpft. Diese zwei Elemente üben für mich seit jeher einen gewissen Reiz aus und ich freue mich schon auf die Lektüre.

David Peace
Tokio, Neue Stadt
Liebeskind Verlag
432 Seiten
24 Euro
ET: 26.04.2021

Joachim Zelter – Die Verabschiebung (Kröner Verlag)

Schon alleine diese Mischung im Titel aus Abschiebung und Verabschieden zog mich irgendwie an. Dazu noch die Tatsache, dass eine Frau über ihren Schatten springt, um ihren Freund vor der eben erwähnten Abschiebung zu retten, indem sie ihn heiratet und es trotzdem anscheinend nicht reicht. Es klingt nach Unrecht, was da geschieht und ich bin gespannt, wie und ob dieser Knoten zum Auflösen gebracht oder fester angezogen wird. Der Text, um das Buch zu bewerben, wo mit kafkaesk um sich geworfen wird und das Wort kalt auch vorkommt, hat mich fast abgeschreckt. Ich will mich jedoch eines besseren belehren lasen.

Joachim Zelter
Die Verabschiebung
Kröner Verlag
168 Seiten
18 Euro
ET: 01.03.2021

Isabela Figueiredo – Die Dicke (Weidle Verlag)

Der Werdegang der Hauptfigur scheint ein besonderer. Sind doch dicke Menschen auch heute noch mehr als stigmatisiert in unserer Gesellschaft. Auch Maria ergeht es nicht anders. Hier interessiert mich vor allem, wie der Blick auf diese junge Frau beschrieben wird, wie sie sich selbst empfindet und zu dem Entschluss kommt, ihr Innerstes operativ zu verändern und ob es ihr letztendlich geholfen hat, ein besseres, unabhängigeres Leben zu führen, das nicht von Abneigung und Zurückweisung geprägt ist.

Isabela Figueiredo
Die Dicke
Weidle Verlag
280 Seiten
24 Euro
ET: März 2021

J.J. Voskuil – Die Mutter von Nicolien (Wagenbach Verlag)

Das siebenbändige Mammutwerk von Voskuil „Das Büro“ wartet bei mir immer noch darauf, begonnen zu werden. Es ist wohl mehr der schiere Umfang, der mich davor zurückschrecken lässt. Vielleicht sollte ich es erst einmal mit diesem Buch probieren? Wobei es hier wahrscheinlich tragischer und emotionaler zugeht als bei den Beamten. Eine Frau verliert mit der Zeit ihr Gedächtnis, wahrscheinlich Alzheimer, und alle müssen es mit (er)-tragen. Sicher kein einfacher Stoff und zum wohlfühlen schon gar nicht, doch gerade deswegen zieht mich das Buch magisch an.

J.J. Voskuil
Die Mutter von Nicolien
Wagenbach Verlaghttps://www.wagenbach.de/buecher/demnaechst-erscheinen/titel/1269-die-mutter-von-nicolien.html
256 Seiten
23 Euro
ET: März 2021

Paavo Matsin – Gogols Disco (Homunculus Verlag)

Was hat mich der Homunculus Verlag nicht schon beglückt mit verrückten und kraftvollen Geschichten. Erst letztes Jahr waren erneut zwei Bücher aus diesem Verlag zwischen meine Fingern geraten, die zeigten, was für unkonventionelle Werke von diesem Verlag ans Tageslicht befördert werden. In dieser Reihe sehe ich auch Gogols Disco, bei dem sich allein die Beschreibung zum Buch so irre anhört, dass ich dieses sofort lesen möchte.

Paavo Matsin
Gogols Disco
Homunculus Verlag
176 Seiten
22 Euro
ET: 25.02.2021

Jovana Reisinger – Spitzenreiterinnen (Verbrecher Verlag)

Ihren ersten Roman habe ich damals im Rahmen des Debütpreises 2016 gelesen und nicht vollumfänglich verstanden. Ich denke, dass ich „Still Halten“ heute besser antizipieren würde. Nun erscheint das zweite Buch der Autorin und erneut stellt SIE weibliche Figuren in den Mittelpunkt. Diesmal nicht nur eine, sondern gleich fünf, mit Schwächen und Tiefen und Ängsten und Hoffnungen und Herausforderungen, die alle sehr alltäglich scheinen. Ich bin gespannt, was sie diesmal aus der Grundlage gezaubert hat, sprachlich und inhaltlich.

Jovana Reisinger
Spitzenreiterinnen
Verbrecher Verlag
264 Seiten
20 Euro
ET: 26.02.2021

Saskia Vogel – Permission (Secession Verlag)

Nachdem letztes Jahr Steven Uhly schon die (Un)-Tiefen einer Beziehung beleuchtet hat, die auf totale Dominanz und Unterwerfung ausgelegt war, kommt mit Saskia Vogels Roman die logische Fortführung dieser ganzen Thematik. Hat Steven Uhly seine Geschichte im BDSM- Bereich angelegt, so ist es auch bei Permission recht ähnlich gelagert. Ich bin gespannt, wie Saskia Vogel die Gefühlswelten darstellt, die bei ihrer Hauptfigur komplett aus dem Ruder gelaufen sind und wie sie diese wieder einzufangen gedenkt. Dass sie das wohl bei einer Domina schafft, ist ein sehr interessanter Grundansatz. Ich bin gespannt. 

Saskia Vogel
Permission
Secession Verlag
240 Seiten
22 Euro
ET: 28.02.2021

Die Grundlage für diesen Roman ist einfach. Er spielt in der nahen Zukunft und in dem namentlich nicht bekannten Land wird die freie Meinung unterdrückt. Betroffen sind davon auch die Romane, die in diesem Land verboten sind. Ein Häftling in einer Sammeleinrichtung „darf“ offiziell darüber schreiben, warum das Romanverbot Sinn macht. Doch er hat anderes vor und schreibt statt einen Essay über das Romanverbot einen Roman über dieses Verbot. Natürlich so, dass es den offiziellen Stellen nicht auffällt. Nach dem Erfolg des letztjährigen „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ wird das hier sicher ähnliche Wellen schlagen. Die Voraussetzungen scheinen dafür gegeben. Ich bin sehr gespannt darauf.

Seiko Ito
Das Romanverbot ist zu begrüßen
Cass Verlag
160 Seiten
22 Euro
ET: 25.05.2021

Louise Juhl Darlsgaard – Genug (Picus Verlag)

Im Gegensatz zum Buch „ Die Dicke“ geht es hier von Anfang ein den entgegengesetzten Weg. Eine Frau ist sich selbst nicht mehr genug und sie verfolgt obsessiv das Ziel weniger werden und nimmt dabei krankhaft ab. Die Tortour der Krankheit, wie es dazu kam und der Weg der Heilung werden hier anscheinend behandelt. Ich kann mir sehr schlecht vorstellen, wie es passiert, dass man in solche Krankheiten wie Bulimie sehr schnell abrutscht und da auch nicht rauskommt. Daher bin ich schon gespannt auf diesen Text.  

Louise Juhl Darlsgaard
Genug
Picus Verlag
192 Seiten
20 Euro (ET: Februar 2021)

Anna Baar – Nil (Wallstein Verlag)

Diese Geschichte klingt zu verrückt. Eine Journalistin (freie Reporterin?) soll für ein Frauenmagazin eine Fortsetzungsgeschichte zu einem Abschluss bringen. Allerdings hat die Autorin das Gefühl, dass sie keine Geschichte erfindet, sondern das die Dinge, die sie niederschreibt, dann auch tatsächlich passieren. Ich liebe ja solche Experimente, wo Realität und Fiktion aufeinanderprallen und sich gegenseitig verschränken. Kenn jemand den Film „Stranger than fiction“ mit Emma Thompson und Will Ferrell? Ich denke das Buch schlägt in eine ähnliche Richtung.

Anna Baar
Nil
Wallstein Verlag
148 Seiten
20 Euro
ET: 08.03.2021

Tessa Korber; Elmar Tannert – True Crime Franken (Ars Vivendi Verlag)

Den Ars Vivendi Verlag habe ich viel zu lange nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Dabei ist er, genau wie der Homunculus Verlag, quasi vor meiner Haustür gelegen und damit prädestiniert dafür, sich ständig mit dem Programm aus diesem Haus auseinanderzusetzen. Bis ich das letztes Jahr tat und gleich zwei interessante Bücher in mein Buchregal habe einziehen lassen. Und auch für das Frühjahr ist ein Buch dabei, welches sich mit der Geschichte Mittelfrankens auseinandersetzt und dabei wahre Verbrechen in den Mittelpunkt rückt, die seit dem Mittelalter in dieser wunderschönen Gegend verübt wurden. Man darf gespannt sein, welch spannenden Fälle da ausgegraben werden.


Tessa Korber; Elmar Tannert
True Crime Franken
Ars Vivendi Verlag
250 Seiten
16 Euro
ET: 30.05.2021

Dominik Eulberg – Mikroorgasmen überall (Eichborn Verlag)

Wer meine Kanäle auf Facebook und Instagram verfolgt, der wird sicher mitbekommen haben, dass ich sehr gerne Techno höre und dabei vor allem bei Dominik Eulberg sofort hellhörig werde, wenn etwas neues von ihm erscheint. Neben der Musik ist er auch im Naturschutz sehr aktiv (wobei ihm dieses Wort suspekt ist, denn vielmehr muss die Natur vor dem Menschen beschützt werden). Diese Lebensaufgabe, die Natur den Menschen näher zu bringen und sie dafür zu sensibilisieren, hat er nun zwischen zwei Buchdeckel gegossen und dabei heimische Naturwunder notiert, von denen wir garantiert noch nicht gehört haben. Dazu noch sein aktuelles Album „Mannigfaltig“ auf die Kopfhörer und einem entspannten Ausflug in die Natur steht nichts mehr im Weg.

Dominik Eulberg
Mikroorgasmen überall
Eichborn Verlag
20 Euro (ET: 30.04.2021)

Auch wenn das Projekt Stephen King bei mir aktuell ein wenig ruht (ab und zu braucht man da auch mal eine Pause vom Meister des Horror), erwarte ich mit Spannung den nächsten Roman von ihm. Dieses Buch ist ähnlich wie „Joyland“ kein richtiger Horrorroman im eigentlichen Sinne, sondern erscheint mir vielmehr wie ein übersinnlicher Kriminalroman. Wer sich jetzt natürlich fragt, warum denn nun schon wieder ein Buch von Stephen King erscheint, den verweise ich auf seine Biographie „Das Leben und das Schreiben“, wo er erklärt, wie er dieses immense Pensum schafft und warum er einfach nicht anders kann, als permanent Geschichten zu erfinden. Ich freu mich auf dieses Buch. Die vorherigen Bücher „The Outsider“ und „Blutige Nachrichten“ musste ich erstmal beiseite legen, da ich die Mr.Mercedes Trilogie noch nicht gelesen habe und die genannten darauf aufbauten. Aber hier werde ich definitiv wieder zulange, denn ab und zu muss man sich auch mal von der streng chronologischen Ordnung lösen.

Stephen King
Later (dt. Später)
Hard Case Crime (in Deutschland Heyne)
304 Seiten (deutsche Ausgabe)
22 Euro (deutsche Ausgabe)
ET: 02.03.2021 (Auf Deutsch 15.03.2021)

8 Kommentare zu „[Notiz]: Ein Blick in den Bücherfrühling 2021

Gib deinen ab

  1. Außer von dem King haben ich von keinem dieser Bücher gehört. Teile des King-Manus schickte mir meine Lektorin als Leseex. zu. Danke für deine Rezensionen, die ich gerne lese, da ich hier in England nur durch meine Verleger mitbekomme, was auf dem deutschen Buchmarkt aktuell ist. Wir sind mehr auf englische und skandinavische Literatur spezialisiert, was auch teilweise unsere Arbeit war.
    Alles Gute
    Klausbernd
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen =)
    Da hast du ja tief in den Programmkisten gefühlt! Und das ein oder andere Buch landet da auch direkt bei mir auf der Wunschliste, mal vom neuen King abgesehen, der ist schon längst vorgemerkt :D
    Besonders reizt mich zum einen „Nil“, das Buch mit der verschwimmenden Realität, weil ich ähnlich wie du solchen Experimenten gerne zusehe. Auch „Mikroorgasmen“ passt in mein Beuteschema.
    Und „Die Mutter von Nicolien“ klingt auch so super interessant. Danke dir für die vielen Vorstellungen!

    Alles Liebe!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Gabriela,

      na, das du den king schon auf der Liste hast, verwundert nicht. Ich gönne mir den jetzt auch mal wieder und durchbreche das chronologische lesen. Habe das in den zurückliegenden Jahren echt vernachlässigt, wobei einem sein Tempo bei den Veröffentlichungen echt erschlagen kann. Für den Herbst ist ja auch schon wieder ein Buch angekündigt.

      Wegen den anderen Büchern: Da freut es mich, dass du da auch fündig geworden bist und tief gewühlt habe ich tatsächlich. Da war so viel zu entdecken bei den Unabhängigen. Ich glaube, ich habe ca 30 Programme durchgeforstet und hätte sicher aus jedem was aussuchen können. Es ist wieder eine vielfältige Mischung zusammen gekommen.

      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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