[Rezension]: Michael Ende – Momo

Es brauchte ein paar Jahre

Bei diesem Werk kannte ich bisher weder das Buch, noch habe ich je den Film vollständig gesehen. Als Kind habe ich es irgendwie nicht lesen wollen und den Film muss ich irgendwann mal gesehen haben, kann mich aber nur noch an sehr vereinzelte Sequenzen dieses Werks erinnern (so sind mir vor allem die grauen Herren im Gedächtnis geblieben und dieser graue Dunst, der von ihnen ausgeht). So hat sich die Kindheit, die Jugend, das junge Erwachsenenalter hinterrücks angeschlichen und andere Bücher rückten in den Fokus. Erwachsenere, anspruchsvollere Bücher, die mir mehr abverlangten. Doch die Bücher Michael Endes waren immer im Hinterkopf, denn das innere Kind in mir hatte sie immer noch nicht abgeschrieben. Nachdem das Buch nun in seiner Jubiläumsausgabe seit drei Jahren darauf wartete endlich gelesen zu werden, habe ich es nun endlich vollständig. Eigentlich hatte ich es den Kindern vorlesen wollen, aber da sind wir auf halber Strecke steckengeblieben, da sie das Interesse an der Geschichte verloren haben. Statt zu warten, wollte ich nun selber unbedingt wissen, wie es weiter geht.

Eine zeitlose Geschichte

Diese Floskel zu bringen, bei einem Buch, in dem das Thema Zeit eine sehr wichtige Rolle spielt, ist fast schon ein bisschen kokett, doch sie passt so gut, denn die Geschichte ist wirklich zeitlos und kann von so vielen Generationen noch entdeckt und mit Spannung verfolgt werden. Michael Ende versteht es, einen enormen Zauber zu verbreiten und diesen über die komplette Länge des Buches zu halten. Zuerst wird mit Einführung von Momo das Kindliche vorgestellt, der Entdeckertrieb und die Freude am kindlichen Spiel, das selbst den Erwachsenen innewohnt. Das alles wirkt so fröhlich und so selbstvergessen, dass man sich beim Lesen an die eigene Kindheit erinnert, an diese speziellen Momente des Spielens und Tobens, draußen mit Freunden, der Phantasie freien Lauf lassend. Dem gegenüber werden die grauen Herren gestellt, die alles auf die Optimierung des Zeitmanagements auslegen und dieses an die Menschen verkaufen. Sie stellen sich als Mitarbeitet von der Zeitsparkasse vor und saugen den Erwachsenen nach und nach allen Lebensmut, alle Fröhlichkeit, alle Kreativität aus. Alles ist durchgetaktet, so dass keine Zeit mehr bleibt, sich um sich selbst zu kümmern, alle sind nur noch auf die optimale Ausnutzung der Zeit bedacht und vergessen dabei, was es wirklich ausmacht Mensch zu sein. Doch es gibt Hoffnung und die ruht allein auf Momos Schultern, denn alle anderen sind längst in die Fänge der grauen Herren und ihrer stinkenden Zigarren geraten.

Geistreich und mahnend zugleich

Das Michael Ende Klassier für die Ewigkeit geschrieben hat, war mir sogar bewusst, ohne seine Bücher zu kennen. Denn viele seiner Geschichten sind in den allgemeinen Kanon der (Jugend-)Literatur übergegangen und stehen dort wohl auf lange Zeit (ewig wäre zu vermessen). Es sind zwar Klassiker im Kinder- und Jugendbuchbereich, können aber auch jederzeit von Erwachsenen gerne in die Hand genommen werden. Ich habe nun so lange gebraucht, um mich der Geschichte rund um die grauen Herren und Momos Kampf gegen diese zu widmen und auf gewisse Art bereut es mein viel jüngeres Ich, dass es dieses Buch nicht früher gelesen hat und ich diese Erfahrungen nicht schon eher machen konnte. Doch so wären mir vielleicht Verknüpfungen nicht aufgefallen, die ich so nun aber sehen konnte. Vor allem das letzte Drittel hätte mich wohl als Kind/Jugendlicher heillos überfordert. Ich hätte mich sicher auf den Endkampf Momos gegen die grauen Herren gestürzt, aber das Zustandekommen dessen  und die ganzen Erklärungen von Meister Hora über die Zeit und wie Momo sie wahrnimmt sind überbordend und faszinierend zugleich geschrieben. Alleine die Beschreibung der Zeitblumen sind so fantasievoll und bildlich beschrieben, dass ein innerer Film abläuft und man alles zu verstehen glaubt, was man je über das Thema Zeit gelesen hat.
Doch auch der Beginn der Geschichte mit Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer, wie sie in dem Amphitheater die Zeit mit Spielen und Geschichten verbringen sind eine Ode an die Kindheit und die Unbeschwertheit, wie man sie wohl nur als Kind erlebt und was durch die grauen Herren immens bedroht wird. Insgesamt ist dieses Bild zu jeder Zeit treffend und kann auf die Gesellschaft angewandt werden. Zeit, Optimierungswahn, größer, schneller, weiter sind so die Dinge, die eine Wirtschaft am Laufen halten sollen und damit auch die Menschen auf Trab halten. Genau dieses Bild wird auf die grauen Herren übertragen, die versuchen über die Effizienz an die Zeit der Menschen zu gelangen, von der sie sich ernähren. Ein erschreckender Gedanke, der alles unter sich begräbt, was das Menschsein eigentlich noch ausmacht – Freude, Freunde, Geschichten und einfach mal selbst sein. All das wird durch die grauen Herren bekämpft und Momo muss versuchen diese niederzuringen. Michael Ende trifft dabei genau den richtigen Ton, um den mahnenden Zeigefinger zu erheben, aber nicht auf die Art, dass man davon genervt die Augen rollt. Vielmehr geht einem diese Mahnung sofort in Fleisch und Blut über und man überlegt nach diesem Buch dreimal, ob man sich jedem Optimierungswahn hingeben muss oder einfach gewisse Dinge auch sich selbst überlassen kann. Manche Situationen können warten und sind sehr geduldig.
Doch auch ein anderes Bild drängt sich mir immer wieder auf und bildete während dem Lesen eine Querverbindung zu Stephen King und seiner großen Geschichte – die Schildkröte Kassiopeia. Denn bei der Geschichte um den Dunklen Turm ist die Schildkröte ein ebenso essentieller Bestandteil der Geschichte, wie es bei Momo auch ist. Sie tragen die Last der Weltgeschichte auf ihrem Panzer und sind jede auf ihre Art Retter in der Not mit ihrer Weisheit und Voraussicht. Bei jeder Szene mit dieser Schildkröte stand sofort auch das Bild der Wächterschildkröte bei Stephen Kings Romanen vor Augen (die übrigens auch in ES der gute Gegenspieler zu Pennywise ist).

Für Kinder und Erwachsene gleichermaßen

Warum ich mit diesem Buch so lange gewartet habe, es zu lesen, kann ich noch nicht mal sagen. War es Bequemlichkeit? Faulheit? Ich weiß es nicht. So ist mir zumindest ein Klassiker der Weltliteratur in einem Alter in Hände gefallen, in dem ich vieles anders verarbeiten konnte, als ich als Kind je hätte tun können. Und trotzdem ist dieses Buch für jedes Alter (ab ca 10 Jahren) geeignet. Es regt die Fantasie an, es ist gut zu lesen, nicht zu kompliziert und dabei noch richtig spannend. Zusätzlich bietet es eine Moral an, die so zeitlos ist, dass dieses Buch von Generation zu Generation weitergereicht und nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Fiktion fetzt.

Ein Blog über (gute) Geschichten.

Im Buchwinkel

fiction · fantasy · feminismus

The Female Reader – Blogazine für Literatur, Feminismus und Netzkultur

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Lector in fabula

Blog für Literatur

Carolin M. Hafen

*it's the write thing to do

Linda liest

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Birgit Böllinger

Büro für Text und Literatur

Kulturbowle

KulturGenuss, Bücherlust und Lebensfreude

David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist - Romancier - bipolarer Bedenkenträger

books and phobia

- Mit Büchern gegen Depressionen & Phobien

Bücher

Bücherblog mit Leidenschaft

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

%d Bloggern gefällt das: