[Rezension]: Dominik Eulberg – Mikroorgasmen überall

Die Besprechung für dieses Buch wird, ebenso wie der Titel, ein bisschen unkonventionell und auch persönlicher eingefärbt als bei meinen Buchbesprechungen üblich, da es sich zum einen nicht um ein Buch der Belletristik handelt, was hier eigentlich am häufigsten besprochen wird.  Nein, es wird auch unkonventionell weil dieses Buch von einem Autor geschrieben wurde, den ich seit fast 20 Jahren im Sektor der elektronischen Tanzmusik treu ergeben bin und jede seiner Veröffentlichungen in mich aufsauge, wie bei keinem anderen Künstler aus dieser Szene. Die Rede ist von Dominik Eulberg und seinem Buch „Mikroorgasmen überall“. Um euch dieses Buch und die Motivation, warum ich es euch vorstelle, ein wenig näher zu bringen, muss ich ein wenig ausholen, was am  Anfang mit dem Buch weniger zu tun hat. Aber bevor ich das tue, muss ich noch kurz ein Wort zum Titel des Buches verlieren, da es im Vorfeld schon hitzige Diskussionen gab, ob sich da das Lektorat vertan hätte. Ich kann euch hier sagen: Nein, hat es nicht und der Titel ist bewusst so gewählt. Im Buch wird das im Vorwort wunderbar von Dominik beschrieben und ich stimme ihm da zu 100% zu. Aber lest die Besprechung und ihr werdet es verstehen.

Es begann mit Beats und Tiergeräuschen

Seit ich Musik höre bin ich der elektronischen Musik in all ihren Spielarten verfallen (nun, es gibt Ausnahmen, denn alles oberhalb von ca 150bpm kommt mir nicht ins Haus). Insbesondere die Schiene Techno und ihre ganzen melodischen Unterarten haben es mir dabei besonders angetan. Für viele Ohren wird das sicher alles gleich klingen, aber ihr könnt mir glauben, da gibt es Unterschiede. Wer in diesem Metier seine Ohren offen hält, der wird seit 2003 den Namen Dominik Eulberg wahrgenommen haben und dieser ist seitdem aus der Szene nicht mehr wegzudenken. Mit für die damaligen Verhältnisse skurrilen Titeln („Brenzlich Brenzlich dachte der Feuersalamander“, „Die Rotbauchunken vom Tegernsee“ oder „Björn Borkenkäfer“) machte er von sich reden und wurde dazu noch mit Preisen überhäuft.
Ich bin durch meinen Musikgeschmack recht früh auf ihn aufmerksam geworden, um 2004 herum, und war von Anfang an begeistert von seinen Tracks und wie er Natur mit elektronischer Musik vereint hat, was in den Augen vieler ein völliger Gegensatz ist. Zu Beginn seiner Karriere hat er noch direkt Aufnahmen aus der Natur in seine Musik einfließen lassen, es quakte und piepte oftmals in seinen Tracks. Der Höhepunkt war dann die Sammlung „Heimische Gefilde“ 2005, was sein Schaffen bis dahin zusammenfasste (Höhepunkt ist der Track „Stelldichein des Westerwälder Vogelchores“, wo er verschiedene Vogelstimmen in einem Track vereint; unbedingt anhören – klick).
Doch dieses Vorgehen hat er seit vielen Jahren nicht mehr so direkt durchgeführt und bringt solche Klangeffekte eher verzerrt oder indirekt in seine Tracks hinein. Vielmehr stellt er den Bezug zur Natur nun vielfältiger und multimedialer her, was ihm insbesondere bei seinem letzten Album „Mannigfaltig“ besonders gut gelungen ist, wo er eine Symbiose aus Musik, Visualität (Video zu Eintagsfliege und Goldene Acht – die Videos sind über die Titel verlinkt) und vielem mehr erzeugte und so einen kraftvollen Bezug zur Natur herstellte. Allein das Stück Goldene Acht hat sich dadurch bei mir so eingeprägt, dass ich jedes Mal den Tränen nahe bin, weil unsere Natur so schön ist und wir Menschen sie durch unser Tun immens beschädigen.

Dominik bringt einem die Natur sehr vielfältig näher

Nun war die Natur schon immer das größere Anliegen von Dominik Eulberg, immerhin ist er studierter Ökologe und schreibt neben seiner Tätigkeit als DJ und Musikproduzent regelmäßig Artikel, ist im NaBu aktiv tätig und spricht auf Podiumsdiskussionen über Naturthemen. Die Musik kam dann eher durch Zufall hinzu. Durch die Coronapandemie ist nun dieses Standbein fast komplett weggebrochen, über welche er regelmäßig vor einem großen Publikum seine Anliegen überbringen konnte, immerhin hat er bei vielen seiner Auftritten Fledermaus- oder ornithologische Führungen angeboten. Doch andere Möglichkeiten taten nun sich auf. Vor allem Beiträge fürs Fernsehen wurden mit ihm und/oder über ihn produziert und er konnte die Natur und wie er sie wahrnimmt ins rechte Licht rücken. Sei es mittels dem Soundtrack zu einer Sendung oder indem er selbst zu Wort kommt (zum Beispiel ist aktuell ein Beitrag in der Mediathek von Arte zu sehen, in dem es um die Wälder Deutschlands geht; „Mythos Deutscher Wald – Erkundung einer Seelenlandschaft“, Klick [nicht mehr verfügbar] oder vor einigen Wochen ein Beitrag über den Königssee im Berchtesgadener Land, bei dem er die Musik beisteuerte). Außerdem hat er auch ein Vogelquartett entwickelt und ist vielseitig im Naturschutz unterwegs. Nun hat er mit „Mikroorgasmen überall“ sein erstes Buch geschrieben.

Staunen über Tausende heimatliche Naturwunder

Was zuerst auffällt ist das wunderbare Design des Buches. Das äußere ziert ein buntes Cover mit bekannten und unbekannten Tieren und Pflanzen unserer heimatlichen Flora und Fauna. Direkt im Einband sind diese alle benannt und man kann diese dem Cover zuordnen und versuchen diese beim nächsten Waldspaziergang zu identifizieren. Im Mittelpunkt steht der blau irrisierende Eisvogel, dessen ich selber bisher einmal in meinem Leben ansichtig wurde und dieses Blau ist in der Realität noch einen Tick intensiver, als man es je auf einem Bild darstellen könnte. Leider ist dieser kleine Geselle ein sehr scheuer Vogel, so dass für mich dieser Anblick nur Sekunden dauerte.
Doch auch das Innere des Buches kann begeistern. Zum einen ist der Einband, die Bindung und das Papier sehr hochwertig und das Buch selbst liegt gut in der Hand. Das Format würde ich mal als „ziegelig“ oder kantig beschreiben, was es in meinen Augen sehr wertig wirken lässt. Jedes Kapitel wird durch eine Tier- oder Pflanzenart bildlich eingeleitet (alle Illustrationen stammen von der Cramers Gallery of Nature), auf die der Autor innerhalb des jeweiligen Kapitels näher eingeht, doch nicht nur dieses eine Tier oder jene Pflanze. Vielmehr erstellt er in den Kapiteln Kausalitätsketten, dass einem der Kopf brummt vor lauter Wissen, was da auf einen einprasselt und was man beim Lesen erst einmal verdauen muss. Und mit jedem Kapitel wird das kindliche Staunen über diesen immensen Schatz der Natur vor der immer größer, den wir allein bei uns in Deutschland vor unserer eigen Haustür vorfinden. Ich selbst konnte keine drei Kapitel hintereinander lesen ohne erst einmal eine Pause einzulegen. Man fühlt sich auf positive Weise erschlagen von all dem Wissen und den Fakten, die man da zu lesen bekommt. Die Kapitel wirken untereinander ein wenig umstrukturiert, aber ich denke, dass das Absicht ist, damit man die Kapitel auch einzeln lesen kann. Und noch etwas ist mir beim Lesen aufgefallen beziehungsweise schwirrte mir der Gedanke ständig durch den Kopf. Während wir in den aktuellen Zeiten jeder technischen Neuerung hinterherhecheln und diese Bestaunen und für uns einnehmen, sind es doch die Erfahrungen in der Natur, die sich in unser Gedächtnis viel tiefgreifender einprägen. Oder wisst ihr noch, wann und wo ihr eurer vorletztes Smartphone gekauft habt oder welchen Film ihr vor einem Jahr in den Mediatheken dieser Welt gesehen habt? Oder ist euch noch bewusst, als ihr einen Spaziergang durch die heimischen Gefilde gemacht habt (ich hab gehört das soll aktuell richtig en vogue sein), welche Tiere oder Pflanzen euch da aufgefallen sind? Durch Corona ist mir das Bewusstsein für die Natur noch um einiges mehr geschärft worden (woran auch Dominiks Schaffen einen Teil dazu beigetragen hat). Zum Beispiel kann ich mich noch an obige Begegnung mit dem Eisvogel relativ detailliert erinnern. Und so erging es mir in den letzten Jahren oft bei Begegnungen mit Tieren oder bei der Sichtung einer Pflanze, die ich noch nicht kannte. Es war vieles sehr einprägsam.

Verrückte Phänomene

Durch einige Kapitelüberschriften wird für mich persönlich (und den Fans, die der Musik des Autors ebenfalls folgen) zusätzlich ein Bogen zu seiner Tracks geschlagen, denn einige dieser vorangestellten Titel sind (fast) 1:1 die Namen, die er für diese Musik gewählt hat (z.B. 3 Millionen Muskeltiere; Brenzlich, brenzlich dachte der Feuersalamander oder Täuschungs-Blume) und ich hatte beim Lesen dieser bestimmten Artikel sofort die Tracks im Ohr. Aber auch ohne diese Titel trat bei mir öfter die Musik der beschriebenen Tiere und Pflanzen vor die Ohren. Diese Symbiose beim Lesen fand ich sehr faszinierend und auch erstaunlich, wie das im Gehirn so vonstattengeht.
Zum eigentlichen Inhalt der einzelnen Kapitel möchte ich an dieser Stelle gar nicht so  viel verraten, denn es ist faszinierend, sich selbst in diesen Naturkosmos unserer heimatlichen Natur zu stürzen. Da sind bekannte und unbekannte Phänomene, Tier- und Pflanzenarten vertreten, dass einem öfter vor Staunen der Mund offen stehen bleib, was es so alles gibt. Einiges kennt man aus den eigenen Beobachtungen, vieles dagegen war mir nicht bekannt beziehungsweise konnte ich das so noch nicht selber in der Natur begutachten und freue mich schon jetzt, wenn ich dem einen oder anderen, was im Buch beschrieben wird, in der Realität begegne. Am interessantesten und verrücktesten sind für mich die Bärtierchen (heißen wirklich so), die schon im Album Diorama als Track „Teddy Tausendtod“ Eingang gefunden haben. Diese haben die Eigenschaft, dass sie selbst trockenste Phasen überstehen. Sie wirken dabei wie tot, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet. Gibt man diese Tierchen in ein feuchtes Klima, erwachen sie sofort wieder zu neuem Leben. Neben diesem Phänomen werden noch viele andere verrückte Fakten in diesem Buch aufgegriffen, die einem so nie bewusst vor die Augen getreten sind.

Ein schönes Buch als Wanderbegleiter

Dominik versteht es, in diesem Buch Faktenwissen mit seinem eigenen Erfahrungsschatz zu verbinden und somit etwas gänzlich anderes aber nicht unbedingt Neues zu schaffen. Man darf hier kein reines Wissenschaftsbuch erwarten, aber auch keines, in dem der Autor im lockeren Plauderton über seine Naturerlebnisse spricht. Es ist irgendwo dazwischen angesiedelt. Es soll in Staunen versetzen und einen motivieren, manche Dinge, die da beschrieben werden, selber in der Natur zu beobachten. Mir persönlich ist es zumindest Anreiz genug, selbst in unserer dicht besiedelten Nürnberger Metropolregion nach der Flora und Fauna Ausschau zu halten, die man eher selten zu Gesicht bekommt (siehe das Beispiel mit dem Eisvogel, auch wenn das eher Zufall war). Durch Corona und das sich daraus Ergebende draußen sein eröffnen sich viele Möglichkeiten, genau das zu tun. So können wir vielleicht auch mal dem Buntspecht so nahe kommen wie noch nie und dabei ebenjene, von Dominik im Buch beschriebenene Natur aus nächster Nähe beobachten, was ebenfalls letztes Jahr bei einem Waldspaziergang geschehen, als ein Buntspecht direkt am Baum vor uns landete und auch gleich zirka auf Gesichtshöhe und damit wunderbar zum Beobachten loshämmerte. Genau solche Situationen wünsche ich mir mehr und das es wieder mehr ins Bewusstsein der Allgemeinheit rückt. Dazu kann dieses Buch ein kleiner Beitrag sein. Es ist kein trockenes Wissenschaftsbuch und durch die Person Dominik Eulberg, den man als Brückenbauer zwischen Technik und Natur in Verbindung bringt, genau das Richtige, um möglichst viele Leute für die durch das Buch eingeschriebene Botschaft zu übermitteln. Dazu ist das Buch noch ein perfekter Begleiter, um beim Wandern die eine oder andere Sichtung nachzuschlagen und noch einmal zu wiederholen, was Dominik dazu zu sagen hat. Denn wie sagte er so schön in einigen Interview? Man schützt nur das, was man schätzt. Besser kann man das nicht ausdrücken.

Das Buch könnt ihr bei Mojoreads käuflich erwerben. Mehr Informationen zu Mojoreads findet ihr hier – Klick. Einfach dem Link folgen: Dominik Eulberg – Mikroorgasmen Überall

 

2 Kommentare zu „[Rezension]: Dominik Eulberg – Mikroorgasmen überall

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